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REVIEW 8 24.10.2018

(Dynamit, RH 378, 2018)

SICK OF IT ALL - Wake The Sleeping Dragon!

Das Fünfziger-Jahre-Monsterfilm-Cover mit dem Drachen, der das Empire State Buildung umschlingt, gehört zum unterhaltsamsten, was die Hardcore-Legende seit ihrem Start Ende der Achtziger um ihre Tonträger geschlungen hat. Niedergerissen wird in ihren 17 kurzen neuen Brettern aber nicht nur das Empire, sondern auch andere Ärgernisse wie etwa die systematische Tierquälerei oder der Egowahn moderner Selbstdarsteller. Für Letztere nehmen sich die zornigen Männer auf 'Self Important Shithead' gerade mal 58 Sekunden Zeit. Mehr haben die Selfie-Trottel nicht verdient. An anderen Stellen der Platte wird es überraschend langsam und melodisch, wenn man unter Melodie Kneipengesang und Fußballchöre versteht. Chuck Ragan von Hot Water Music und Tim McIlrath von Rise Against sind zu Gast, selbst Letzterer trotz des Breitwanderfolges seiner Band von Natur aus ebenfalls mit dem groben Schleifpapier gesegnet. Doch nicht nur zwischen den Stücken, sondern auch innerhalb von ihnen stimmt die Varianz. Mag ja sein, dass SICK OF IT ALL „still pissed“ sind, doch das Timing und die Konstruktion von Qualitäts-Hardcore beherrschen sie so rational wie perfekt. Wann immer es genug ist mit der Galopping Drum, starten sie den Groove-Teil eines Songs. Wann immer das Publikum von Lou Kollers Gebell ermüdet sein könnte, öffnet sich der Song zum Group Shout und Chorus. Klanglich hat Jerry Farley das Ding so produziert, dass Drums und Stimme die Gitarren zum bloßen Straßenbelag degradieren, während die Felle und die Stimmbänder die Go-Karts immerfort gegen die Banden bumpern lassen. Ein Album frei von zukünftigen Klassikern, aber durchweg kurzweilig.

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REVIEW 8 24.10.2018

(Dynamit, RH 378, 2018)

WARREL DANE - Shadow Work

Das posthum veröffentlichte WARREL DANE-Album „Shadow Work“ stellt in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung dar. Erst mal war nicht damit zu rechnen, dass dieser Longplayer überhaupt veröffentlicht wird. Schließlich ist der Nevermore- und Sanctuary-Sänger während der Aufnahmen verstorben, weshalb nur die Hälfte des vorgesehenen Materials fertiggestellt werden konnte. Größtenteils wurde dafür auf Warrels Gesänge aus der Vorproduktion zurückgegriffen, was qualitativ - und das ist die nächste Überraschung - nicht groß auffällt. Die dritte Überraschung stellt die stilistische Ausrichtung dar: Während Warrel mit seinem ersten Soloalbum „Praises To The War Machine“ 2008 versucht hatte, sich vom komplexen Nevermore-Sound freizuschwimmen, bewegt sich „Shadow Work“ genau in dem Fahrwasser der Seattle-Combo. Das ist auch Warrels brasilianischer Band geschuldet, die ursprünglich engagiert wurde, um das „Dead Heart In A Dead World“-Album auf die Bühne zu bringen. Und so bietet „Shadow Work“ fast alle Elemente, die Nevermore ausgezeichnet haben. Das überlange 'Mother Is The Word For God' wandelt gar auf den Spuren des „This Godless Endeavour“-Titelstücks, während das The-Cure-Cover 'The Hanging Garden' in bester Nevermore-Tradition mit einer Metall-Legierung überzogen wurde. Der berührende Gesang und die tiefgründigen Lyrics zeigen erneut, welch großer Künstler von uns gegangen ist. R.I.P., Warrel!

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REVIEW 9.0 26.09.2018

(Dynamit, RH 377, 2018)

VOIVOD - The Wake

Century Media/Sony (56:02) Klappern gehört zum Handwerk, und manchmal muss man ja auch einfach mal einen raushauen, aber ich meine die folgende Aussage genauso ernst wie die letztmonatige, dass „Rainier Fog“ die vielleicht beste Alice-In-Chains-Platte ever darstellt: „The Wake“ ist VOIVODs stärkster Release seit „The Outer Limits“, also seit ziemlich genau 25 Jahren - herzlichen Glückwunsch nach Kanada! Herzlichen Glückwunsch aber auch an uns, denn dass Away, Snake & Co. nach dem Tod von Piggy tatsächlich noch mal so locker aufspielen, quasi von allen Fesseln befreit, grenzt an ein Wunder, wer das durchaus starke „Comeback“ von 2013, „Target Earth“, als auch kommenden Status quo abgehakt hat, muss umdenken, schließlich hätte „The Wake“ tatsächlich direkt nach eben „The Outer Limits“ erscheinen können, es besitzt in den „ruhigeren“, offeneren Parts eine formidable „Angel Rat“-Rockigkeit, sogar beim Opener ´Obsolete Beings´, wartet andererseits aber mit so vielen progressiven, extrem durchdachten Spielereien auf, dass man sich stellenweise in E-Musik-Dimensionen wähnt, und das liegt sicherlich nicht nur am formidablen Streichquartett, das seinen Haupteinsatz am Ende des knapp 13-minütigen Rauswerfers ´Sonic Mycelium´ hat, einem Prachtwerk, das man unter der Hand auch gerne als ´Jack Luminous 2´ bezeichnen darf. Das Krasse dabei: VOIVOD geben sich bei aller Vertracktheit so eingängig wie vielleicht noch nie (´The End Of Dormancy´, ´Spherical Perspective´, ´Event Horizon´), wofür die einmal mehr verbesserten Vocals sorgen, aber auch Gitarrist Chewy, der - mittlerweile seit einer Dekade Teil des Band-Kosmos - das Erbe Piggys mit Bedacht aufnimmt und es zu einem eigenen Signature-Sound entwickelt hat, den man nicht (mehr) kopieren kann. Begriffe wie „Prog“, „Thrash“ und „Punk“ führen bei VOIVOD endgültig ins Leere: „The Wake“ steht als „Red“ der zehner Jahre höchstens in der Tradition einer Band wie King Crimson und damit letzten Endes auch in der Metalszene komplett für sich. Vielleicht ist das sogar ein Stück weit prätentiös, ich finde es in seiner Unaufgeregtheit allerdings vor allem sympathisch. Leaders - not followers.

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REVIEW 8.0 26.09.2018

(Dynamit, RH 377, 2018)

URIAH HEEP - Living The Dream

Frontiers/Soulfood (52:31) War klar, dass Peters die von Jeff Scott Soto (!) verfassten Lyrics des „Living The Dream“-Openers ´Grazed By Heaven´ („The song is clearly about sexual tension and desire, very much in the form of ´Fifty Shades Of Grey´“) dermaßen „goutiert“, dass er sich den halben Beate-Uhse-Katalog zulegt, allerdings erinnert er mit seiner, nun ja, Henkersmaske, die er momentan bereits zum Frühstück trägt, fatalerweise eher an El Duce von den Mentors als an Desperate-Housewife-Traum Christian Grey, schließlich muss unser Bochumer Lausbub, einmal „on fire“, ja immer übertreiben... Wirklich wichtig ist, wenn wir über die neue URIAH HEEP reden, eh was anderes, die letzten Alben der Band, also so ca. alles nach „Fallen Angel“ (kleiner Spaß...), waren nämlich okay, manchmal überraschend gut, einen späten Klassiker findet man aber nicht, auch nicht mit rosaroter Fanbrille (Felix hat sich letztens eine bei Fielmann zugelegt...). Auch „Living The Dream“, erster Langdreher seit „Outsider“ von 2014 und Studioplatte Nummer drei für Frontiers, stellt die Welt nicht auf den Kopf, darf in seiner Entspanntheit, wegen seines „echten“, organischen Sounds und vor allem mit seiner formidablen A-Seite (´Take Away My Soul´, der mehr nach Purple als nach Heep klingende Titelsong) aber durchaus als nachhaltiger Ausreißer nach oben bezeichnet werden, hier gibt es für den Hardrock- und Classic-Rock-Gourmet weit mehr Futter, als er erwarten durfte, die ollen Haudegen, Gitarrist Mick Box und Keyboarder Phil Lanzon genauso wie Frontmann Bernie Shaw (in absoluter Hochform!), lassen diesmal echt wenig Raum für nachfolgende Generationen, die sich, um nur bei URIAH HEEP zu bleiben, an Alben wie „Salisbury“, „Look At Yourself“ oder „Demons And Wizards“ bekanntlich sowieso nach wie vor die Zähne ausbeißen. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, muss letzten Endes jeder selbst entscheiden...

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