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REVIEW 9.0 27.09.2017

(Dynamit, RH 365, 2017)

PROPHETS OF RAGE - Prophets Of Rage

Caroline/Universal (39:35) Man mag die Aktivitäten der ehemaligen Rage-Against-The-Machine-Mitglieder mitunter allzu plakativ finden, trotzdem sind Tom Morello & Co. der Versuchung widerstanden, allzu schnell mit einem neuen Album die legendären R.A.T.M. zu beerben. Man hat also aus dem Audioslave-Desaster gelernt und ist mit der HipHop-Fraktion Chuck D (Public Enemy) und B-Real (Cypress Hill), die gleich im Doppelpack Zack de la Rocha ersetzt, erst mal auf Tour gegangen. Nach all den Jahren geht es Tom Morello und seinen Freunden wohl immer noch um die Botschaft, weniger ums schnelle Geld. Das Publikum erwartet hingegen nicht weniger als einen Welthit, und den hat man mit ´Unfuck The World´ (und einem Video von Michael Moore) tatsächlich geliefert. Die nicht zu unterschätzende Rolle, wieder die Stimme der Unterdrückten zu sein und ein bisschen musikalischen Trost zu spenden, nimmt man bereitwillig an und hat dafür ohne Zweifel das richtige Album geschrieben. Der Beginn fällt mit ´Radical Eyes´ fast schon zurückhaltend aus, das Morello-Solo ist allerdings gleich vom Allerfeinsten. Überhaupt spricht einen als Erstes die bärenstarke, sehr natürliche Produktion von Brendan O´Brien an, der das Glück hatte, die beste Groove-Sektion der Szene, Brad Wilk und Tim Commerford, perfekt in Szene zu setzen. Das Anhören der Stereo-Gitarren-Kniffe und gewaltigen Riff-Salven eines Morello unter Kopfhörer fällt allerdings nicht weniger aufregend aus. Eher überraschend ist der feine Seventies-Rocker ´Legalize Me´, dem mit ´Living On The 110´ ein typischer geschmackvoller R.A.T.M.-Groover folgt. Das kurze Zwischenspiel ´Counter Offensive´ leitet ´Hail To The Chief´ ein, bei dem DJ Lord auch mal ein bisschen scratchen darf, ansonsten halten sich die Rap-Stilmittel in starken Grenzen. Die PROPHETS OF RAGE gehen eigentlich als 90-prozentige Rockband mit (sehr gutem) Sprechgesang durch. ´Take Me Higher´ ist eine knackige Funkrock-Nummer mit einem Led-Zep-Riff im Refrain, wie sie die Chili Peppers schon lange nicht mehr schreiben können. Das kraftvolle ´Strength In Numbers´ zeigt den Meister des Gitarren-Effektgeräts erneut in Höchstform. ´Who Owns Who´ präsentiert einen Hit-Refrain wie für einen Action-Thriller. ´Hands Up´ ist ein schöner kleiner Mitmach-Live-Titel, während sich ´Smash It´ fast wie ein politisches Manifest liest. Überhaupt muss man sagen, dass die Botschaften ziemlich clever formuliert sind. Die Band hätte hier in zahlreiche Fettnäpfchen treten können, zieht sich aber bestens aus der Affäre. Ob das hier ein Klassiker wird, kann man in ein paar Jahren endgültig beurteilen. Ein wichtiges, längst überfälliges Album ist es auf jeden Fall.

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REVIEW 8.5 27.09.2017

(Dynamit, RH 365, 2017)

LIVING COLOUR - Shade

Megaforce/H´Art (48:32) Wenn man eine ehemalige Top-Band in alternativen Kulturzentren oder Jazz-Clubs erleben wollte, lag man bei LIVING COLOUR stets richtig. Nur auf Album-Aufnahmen hatte man, bis auf die passable, aber letztlich mittelmäßige „The Chair In The Doorway“-Scheibe von 2009, offenbar keine rechte Lust mehr. Auch der aktuelle Longplayer „Shade“ war wohl eine Zangengeburt erster Güte. Fünf Jahre werkelte man in sieben Studios an „Shade“, das Resultat ist, wie durch ein Wunder, allerdings ein ganz anderes. Mit vereinten Kräften, Songwritern, Produzenten, Gästen und Freunden hat man wieder ein Album erschaffen, das an die Glanztaten der Frühphase anknüpft. Jeder der 13 Songs hat diesmal seine Berechtigung, Jam-Sessions oder Demotracks, deren Genialität sich nur den Musikern erschließen, landeten im Papierkorb. Ein bisschen verworren ist „Shade“ natürlich immer noch, aber die irren Jazz-Läufe von Vernon Reid und die stellenweise wuselige Verknüpfung mit elektronischen Effekten und Samples waren immer schon Teil der Colour-DNA. Musik für Entdecker auf höchstem Niveau. Die will man als Fan hören und natürlich auch die bissigen Kommentare zu den sozialen Missständen in den USA, die im Trump-Amerika bekanntlich nicht kleiner geworden sind. Sänger Corey Glover präsentiert sich in Höchstform und sorgt mit starken Slogans und Refrains (´Come On´, ´Program´, ´Who Shot ´Ya´) für Eingängigkeit, während Reid den New Yorker Untergrund-Spirit der späten Achtziger reanimiert (´Freedom Of Expression´, ´Pattern In Time´, ´Glass Teeth´). „Shade“ klingt trotzdem nie altbacken und altersmilde sowieso nicht. Das größte Kompliment, das man dem Quartett machen kann, ist die Tatsache, dass die Punk- und Thrash-Wurzeln der Mittfünfziger neben den Blues- und Black-Music-Referenzen immer noch sehr präsent sind. Qualitativ unterscheidet sich „Shade“ vom verheißungsvollen Debüt der Prophets Of Rage nur durchs Produktionsbudget. In puncto Refrains und Einfallsreichtum agieren die New Yorker Urgesteine auf Augenhöhe.

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REVIEW 9.0 30.08.2017

(Dynamit, RH 364, 2017)

ATTIC - Sanctimonious

Ván/Soulfood (64:04) Was soll´s, hauen wir direkt mal einen raus: „Sanctimonious“ ist das beste, nun ja, King-Diamond-Album seit „The Eye“! Keine Ahnung, ob Katte & Co. das jetzt doof finden, weil: immer diese blöden Vergleiche mit Kim Bendix Petersen und/oder Mercyful Fate. Sie sollten es so oder so aber einfach als riesengroßes Kompliment verstehen, denn das zweite ATTIC-Album nach der durchaus beeindruckenden Visitenkarte „The Invocation“ von - ist das echt schon so lange her? - 2012 stellt einen weiteren großen Schritt nach vorne dar, die Ruhrpottler klingen nicht mehr wie ´ne typische ambitionierte Underground-Band (wogegen per se natürlich überhaupt nichts zu sagen ist), sondern spielen nun auch international in der ersten Liga. Bereits der Anfang mit dem dramatisch-sakralen Intro ´Iudicium Dei´ und dem Titeltrack, der nach wenigen Sekunden mit einem genialen Gemisch aus Blastbeats (!) und hochmelodischen Gitarren überrascht, um dann in den Gesang überzugehen, setzt in diesem Bereich zumindest aktuell Maßstäbe, das in der nächsten guten Stunde Folgende, der Midtempo-Knaller ´A Serpent In The Pulpit´, die kleinen Hits ´Sinless´ (mit diversen Maiden-Harmonien) und ´The Hound Of Heaven´ oder das in moderner Black-Metal-Art verwirrend arrangierte ´Penalized´ (inklusive Running-Wild-Riff), hält dieses Niveau über weite Strecken bewundernswert. Besonders toll ist zudem die in dieser Ausprägung noch nicht gekannte Judas-Priest-Schlagseite der Band vor allem im Sinne von „Sad Wings Of Destiny“ bis „Killing Machine“ (oder halt „Unleashed In The East“), die schon im Refrain des knapp achtminütigen ´Die Engelmacherin´ auffällig ist und im zurückhaltenden, diabolischen ´Dark Hosanna´ letztlich in voller Blüte steht. Eine Diskussion über den Titel des ausführlichen Abschlusses ´There Is No God´ wäre bestimmt hochinteressant. Eine Diskussion über die generelle Güte von „Sanctimonious“ erübrigt sich dagegen: Der neue ATTIC-Dreher ist schließlich das beste, nun ja, King-Diamond-Album seit „The Eye“!

REVIEW 8.0 30.08.2017

(Dynamit, RH 364, 2017)

TRAVELIN JACK - Commencing Countdown

Steamhammer/SPV (42:22) Der Elin-Larsson-Gedächtnisschrei direkt am Anfang des „Commencing Countdown“-Openers ´Land Of The River´, der indes vor allem von seinen tollen, erst später folgenden Gitarrenharmonien lebt, ist nicht zwingend zielführend, denn die 2013 gegründeten TRAVELIN JACK finden klassischen Bluesrock wahrscheinlich viel zu spröde, ihr Metier ist der No-bollocks-Hardrock der Siebziger, nach wie vor temporär versetzt mit glammigem Approach (´Journey To The Moon´!), jener ihrer Heimat Berlin entsprechend wiederum eher dem großen David Bowie als Slade, Sweet und Mud verpflichtet. Ähnlich wie schon auf „New World“ (von 2015) präsentiert sich das Hauptstadt-Quartett als Gesamtkunstwerk mit deutlichem Anspruch auch an die optische Präsentation (was sich NICHT auf Frontfrau Alia Spaceface beschränkt!), kann sich das aber auch problemlos leisten, denn das völlig unprätentiöse (zehn Stücke in 42 Minuten), trotzdem niemals generische, weil liebevolle Songwriting behält stets die Oberhand, vor allem die erste Hälfte von „Commencing Countdown“ läuft mit u.a. ´Metropolis´, ´Keep On Running´ und ´Cold Blood´ als allerfeinste Unterhaltung durch und gönnt einem nicht die kleinste Atempause. Ob ich Gitarrist Flo The Flys (!) Aussage „Unsere Songs sind absolut kein Retro, wir bevorzugen lediglich den Sound einer Ära, in der diese Musik am geilsten klang!“ unterschreiben würde, weiß ich nicht, aber es ist ja auch egal: TRAVELIN JACK gehören tatsächlich nicht nur zwischen Wucan und WolveSpirit zu den stärksten deutschen Newcomern seit langem, sie dürften auch noch von sich reden machen, wenn sich der dichte Rauch der Vergangenheit wieder verzogen hat.

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