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REVIEW 9.0 27.06.2018

(Dynamit, RH 374, 2018)

URFAUST - The Constellatory Practice

Bei URFAUST gibt es keine monatelangen Promo-Beiträge, keine Ankündigungen und auch sonst nichts dergleichen - URFAUST schließen sich einfach mit ihrem Deportator im Bunker ein, nehmen ein neues Album auf, kommen damit erst kurz vor Release an die Öffentlichkeit - und im Gepäck ist eine grandiose fünfte Full-length-Platte. Das erste Stück, ´Doctrine Of Spirit Obsession´, ist wohl der URFAUST-typischste und gleichzeitig auch einer der besten Songs auf der Scheibe. Pulsierende Trommelschläge, eine herausragend gefühlvolle, mitreißende Stimme, die leichten, zauberhaften Höhen der Becken, die dissonanten, tragischen und atmosphärischen Gitarren - all das ist nur der Anfang eines Stücks, das sich mit fieberwahngleichen Lauten kontrastierend zum fast stumm walzenden, schleppenden Grundtempo zu einem verträumten, hoch emotionalen Gesamtkunstwerk entwickelt. Jeder Trommelschlag erschüttert das Mark, jeder Schrei reißt einen zurück, wenn man sich im Wahnsinn dieses sphärischen Sounds zu verlieren droht. Die folgenden drei Lieder gehen fast unbemerkt ineinander über und kennzeichnen sich durch repetitiv-meditative, rituelle Passagen auf der einen und düstere, abgespacete, teils schon noisy Parts auf der anderen Seite. Auf einen illusionistischen Ausklang folgt der zweite, beste Song der Platte: ´Trail Of The Conscience Of The Dead´. Ein schleppendes Grundgerüst trägt die nun wieder vordergründigen, verzerrten Gitarren, und der Gesang ist wieder präsenter und geht hier besonders an den zweistimmigen Stellen direkt ins Herz. Atemberaubender ist nur die Hauptmelodie des Stücks, die im Laufe noch durch den Einsatz von Streichern erweitert wird, aber zu keinem Zeitpunkt cheesy wirkt, sondern einfach nur wunderschön und abgründig, ja auch irgendwie tragisch zugleich klingt, ehe alles in totale Verzerrung abdriftet und von einem wirren, finsteren und spacigen Outro beschlossen wird. Wahnsinn! („Das ist Wahnsinn!“ *träller* „Warum schickst du uns in die Hölle? Hölle, Hölle, Hölle!“ - Red.)

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REVIEW 9.0 23.05.2018

(Dynamit, RH 373, 2018)

ZEAL & ARDOR - Stranger Fruit

Dem schweizerisch-amerikanischen Doppelbürger Manuel Gagneux ist mit ZEAL & ARDOR eines der originellsten Projekte der Metalszene gelungen, die sich größtenteils leider arg innovationsscheu zeigt. Das Debüt „Devil Is Fine“ ließ bereits mit einem spannenden Crossover aus afroamerikanischen Sklavengesängen und norwegischem Black Metal aufhorchen, enttäuschte allerdings mit einer Low-Budget-Produktion, bei der weder die Black-Metal-Rasereien noch die Gospelchöre richtig zur Geltung kamen. Erst bei den Konzerten konnten die clever arrangierten Stücke ihr volles Potenzial entfalten und ließen die Erwartungen ans Zweitwerk in die Höhe schnellen. Manuel hat auf „Stranger Fruit“ nun fast alles richtig gemacht: Die Produktion wurde professionell angegangen und durch den angenehm rauen Mix von Kurt Ballou ins richtige Licht gerückt. Das Songwriting präsentiert sich breit gefächert und führt immer wieder auf neue, originelle Weise die beiden musikalischen Welten zusammen. Glücklicherweise verfügt Manuel über eine Chamäleon-Stimme, mit der er sowohl die warmen Gospelgesänge als auch das klirrend kalte Black-Metal-Gekreische adäquat umsetzen kann. ´Don´t You Dare´, ´Row Row´ und ´Servants´ besitzen die größten Hitqualitäten, aber auch die meisten anderen Songs brauchen sich nicht dahinter zu verstecken. Nur beim handzahmen ´Gravedigger´s Chant´ scheint der ZEAL & ARDOR-Mastermind der Versuchung erlegen zu sein, ein Lied fürs Radio zu schreiben. Das (sowie einige verzichtbare Interludes) trübt ein wenig den fabelhaften Eindruck eines visionären Werks, von denen die Szene einige weitere nötig hätte, wenn sie ihre kreative Relevanz im Kulturbetrieb weiterhin behaupten will.

REVIEW 8.5 23.05.2018

(Dynamit, RH 373, 2018)

AT THE GATES - To Drink From The Night Itself

Mit „At War With Reality“ knallten die Göteborger Death-Metal-Pioniere AT THE GATES vor vier Jahren ein grandioses Comebackalbum auf den Tisch. 2018 schieben Tompa Lindberg & Co. nun mit „To Drink From The Night Itself“ einen ähnlich starken Longplayer nach. Zunächst mal fällt auf, dass die Grundatmosphäre düsterer und bedrohlicher ist als noch auf dem Vorgängerwerk. Ob´s am erneuten Line-up-Wechsel liegt (für Anders Björler kam Jonas Stalhåmmar), sei mal dahingestellt. Fakt ist allerdings, dass die Kompositionen einen Ticken komplexer und atmosphärischer arrangiert wurden, wenngleich es noch immer von „Slaughter Of The Soul“-Schablonen-Riffs nur so wimmelt. Oft zitiert sich das Quintett selbst, wie beispielsweise im Titelsong oder in ´Palace Of Lepers´, aber das dürfen die Herrschaften auch. Tompas Stimme hat nichts von ihrer Fiesheit verloren und geht perfekt einher mit den verwegenen Melodien, die in Songs wie ´In Nameless Sleep´ an die Oberfläche strömen. Das fast schon als doomig zu bezeichnende ´The Colors Of The Beast´ oder das thrashige ´A Stare Bound In Stone´ bringen Abwechslung auf die von Russ Russell (The Haunted, Napalm Death) herrlich organisch produzierte Scheibe. AT THE GATES dürstet es nach Fortschritt und dem musikalischen Blick nach allen Seiten, dafür steht „To Drink From The Night Itself“, und das ist verdammt noch mal gut so. Stark!

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REVIEW 8.5 23.05.2018

(Dynamit, RH 373, 2018)

NECROS CHRISTOS - Domedon Doxomedon

„Endtyme Death Metal shall unfold. Forevermore. Amen.“ Auf der Suche nach „orthodoxen“ Genre-Beiträgen wird man heutzutage, trotz des Existierens so einiger karnevalistischer Pervertierungen (unangefochtener Tiefpunkt: Debauchery), ja fündiger denn je (Venenum, Degial, Dead Congregation, Grave Miasma, Sulphur Aeon, Vorum, Drowned, Sonne Adam, ca. 840 Dark-Descent-Bands), da können die Hauptstädter NECROS CHRISTOS (Story weiter vorne im Heft) ruhig noch einen draufsetzen: Ihrer „Altars Of Madness“-Huldigung mit angezogener Handbremse und weniger Hektik, die auch über lange Zeit keine Abnutzungserscheinungen erkennen lässt (bei einer Gesamtspielzeit von fast zwei Stunden!), stellen sie nachhaltiger denn je zahlreiche „Temples“ und „Gates“ an die Seite, die man zwar ignorieren kann (es schadet den „richtigen“ Songs nicht), die zusammengenommen aber nicht weniger interessant sind, denn sie zeugen von Frontmann Mors Dalos Ras großer Verbundenheit zur Berliner Schule und ergeben das vielleicht beste Album von Tangerine Dream, Klaus Schulze, Agitation Free oder vor allem Ash Ra Tempel, das die Vorreiter, fast alle noch aktiv, seit den großen Zeiten (1973/´74 war das meiste bereits gesagt) nicht aufgenommen haben. In beiden Bereichen, Death Metal und Ambient, lässt sich der Sänger und Gitarrist zusammen mit seiner Band, obwohl hier alles in gewisser Weise vollkommen „durchdacht“ ist, in erster Linie von der Intuition leiten, was die wirklich Großen von den Mitläufern unterscheidet, denn dafür muss man tatsächlich „verstanden“ haben, was man selbst macht, sich eine Art DNA angeeignet haben. Wenn es an „Domedon Doxomedon“, zudem angenehm durchdringend, dabei unaufdringlich produziert, überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann die immer noch relativ zurückhaltende Streuung wirklich eingängiger, klar zu durchschauender Harmonien - aber das ist wahrscheinlich auch der permanenten, nötigen Ernsthaftigkeit dieses Brockens geschuldet. Ja, „Domedon Doxomedon“ stellt das letzte Album NECROS CHRISTOS´ dar. Aber, Gott sei Dank, es ist ein Paukenschlag!

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REVIEW 8.0 23.05.2018

(Dynamit, RH 373, 2018)

GRAVEYARD - Peace

Manchmal kann ein Konflikt ja ganz hilfreich sein, um die Leidenschaft am geliebt-gehassten Beruf neu zu entfachen. Auf dem letzten GRAVEYARD-Konzert, dem ich beiwohnte, hatte die Band mit einer matten Blues-Nummer ihren Set als Festival-Headliner (!) zur Prime Time eröffnet. Kann man ja mal „versehentlich“ machen, dennoch schleppte sich das Quartett mehr schlecht als recht durch das Konzert, um sich kurz danach aufzulösen. Die Attitüde ist jetzt zum Glück eine ganz andere. ´It Ain´t Over Yet´ (der Name ist Programm) tritt gleich zu Beginn des Albums ziemlich kurzweilig die Tür ein, um vom pfiffigen Rocker ´Cold Love´ abgelöst zu werden. In dem hitverdächtigen Titel singt Joakim von der Liebe wie einem Wesen, das ihn verfolgt und mitunter auch gehörig auf den Wecker geht. Cooler Vergleich. Man merkt, dass die Band willens ist, in der neuen Besetzung gleich eine kreative Höchstleistung zu vollbringen. ´See The Day´ ist allerdings nur ein nettes, ruhiges Zwischenspiel, und auch die erste Single ´Please Don´t´ wird wohl kein großer Ohrwurm werden. ´Walk On´ (mit flottem Jam) und die (fast schon obligatorische) Blues-Ballade ´Del Manic´ mit tiefer Johnny-Cash-Grabesstimme sind aber starke Albumtracks, genauso wie die letzten drei Songs, die munter drauflosrocken und kein Stück wie die allerorts übliche Auffüll-Ware erscheinen. Das dynamische wie mutige „Innocence & Decadence“-Album kann man am Ende nicht toppen. Dafür fehlt den GRAVEYARD-Boys nach dem ganzen Trouble wahrscheinlich auch die Leichtigkeit. Ein richtig gutes Comeback mit zahlreichen guten Songs ist das hier trotzdem. GRAVEYARD haben Gott sei Dank ihren Frieden gefunden.

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REVIEW 8.5 23.05.2018

(Dynamit, RH 373, 2018)

SOLSTICE - White Horse Hill

Streitbare Köpfe, die was zu sagen haben, heißt man immer willkommen, im Falle des Grantlers Rich Walker (g.) war das Problem jedoch stets, dass großen und markigen Worten 20 Jahre lang (!) keine (bzw. nur ein paar wenige sehr kleine) Taten gefolgt sind, also nicht so wie bei Alan Averill oder meinetwegen Pat Walker, da hat der Einfluss, den SOLSTICE im Underground zweifellos ausgeübt haben, auch nicht wirklich geholfen. Dennoch: Ohne SOLSTICE z.B. kein Atlantean Kodex, diese Aussage ist sicherlich nicht falsch, zumindest würden die Bajuwaren, die mit Manuel Trummer ja ebenfalls ´ne echte Type im Line-up haben, garantiert anders klingen, SOLSTICEs letztes Album, „New Dark Age“ von 1998, vor kurzem erst auf unserer „Verdammt lang´ her“-Seite besprochen, war schließlich so was wie die Blaupause für „The Golden Bough“, das Kodex-Debüt von 2010. Nun also „White Horse Hill“, und - immerhin! - die Briten liefern: Zwar ist Full-length-Dreher Nummer drei nicht das geniale Überwerk, zu dem es der eine oder andere hochjubelt, aber zweifellos doch ein toller Grenzgänger zwischen Doom- und Epic Metal (dass mehr als die Hälfte des Materials in anderen Versionen bereits von diversen limitierten Vorab-EPs bekannt ist, lassen wir einfach mal unter den Tisch fallen), dem am Ende vielleicht ein wenig die alles einnehmenden majestätischen Melodien abgehen, wie man sie auf „The White Goddess“ oder Sorcerers „The Crowning Of The Fire King“ findet, der andererseits mit großer, nachhaltiger Atmosphäre aber immer die Kurve kriegt. Die vielen ruhigen Momente des Albums stellen durchaus mehr als Beiwerk dar, am besten tönt allerdings in der Tat der pure Heavy Metal, ´To Sol A Thane´ und vor allem das wunderbare 13-Minuten-Epos ´Under Waves Lie Our Dead´. Was tatsächlich zu beweisen war.

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