Review

Reviews 8.5

BÖHSE ONKELZ

Böhse Onkelz (Schwarz & Weiß)

Ausgabe: RH 79

Ein schlichtes weißes Cover und ein pechschwarzes, beide versehen mit Blindenschrift und Zeichensprache sowie blassen, kaum sichtbaren ONKELZ-Logos verdeutlichen das interessante Konzept dieser beiden Scheiben: Es geht um die Dualität des Lebens, um Gut & Böse und um Schwarzweißmalerei allgemein. Letzteres durchaus auch bezogen auf das Verhältnis der ONKELZ zu weiten Teilen der deutschen Presse, zu den "Blinden und den Tauben", die immer noch nicht begriffen haben, welche Wandlung diese Band durchgemacht hat und wie aussagefähig sie damit gerade auch in politischer Hinsicht geworden ist. Eben diesen "Blinden und Tauben" (die ja durch die originelle Covergestaltung endlich auch Zugang zu den ONKELZ haben...) knallt man innerhalb von rund 100 Minuten ein paar Statements vor den Latz, die unmißverständlich sein dürften: den Anti-Nazi-Song 'Deutschland im Herbst' beispielsweise oder 'Worte der Freiheit', eine Nummer, die sich mit den Problemen in Ostdeutschland beschäftigt und mir als "Wessi" gleichermaßen unter die Haut geht. An dieser Stelle sämtliche Inhalte zu erklären, würde den Rahmen einer Plattenkritik sprengen (ausführliches Interview im nächsten Heft), aber eines sei zumindest gesagt: Diese beiden neuen ONKELZ-Alben gehören gerade in textlicher Hinsicht zum Besten, was derzeit auf dem deutschsprachigen Markt zu finden ist. Kommen wir zur Musik. Die Frage ist: Mußten es unbedingt zwei Alben sein, hätte nicht auch eins genügt? Antwort: Wenn es lediglich darum gegangen wäre, eine typische ONKELZ-Scheibe mit durchgehend dreckigen Rock'n'Roll-Nummern zu produzieren, hätte man die Highlights unter den insgesamt 23 Songs sicher auf ein längeres Album packen können - aber dann hätte man auf ein paar musikalische Experimente verzichten müssen, die durchaus ihren Reiz haben, wie z.B. die ONKELZ-untypischen Instrumentalnummern 'Tribute To Stevie' und 'Baja'. Somit hat die Veröffentlichung von zwei einzelnen Scheiben ihre Berechtigung. Was das Zusammenspiel der Band betrifft, so sind die ONKELZ im Vergleich zu früheren Scheiben wesentlich tighter und musikalischer geworden. Vor allem Gitarrist Gonzo überrascht mit seinen simplen, aber ausnahmslos treffsicheren Soli, die in keinem einzigen Stück überflüssig wirken. Kevin dagegen sorgt mit seiner unvergleichlichen Whisky-Röhre immer für den nötigen Dreck und klingt auch in ruhigeren Momenten überzeugender als früher. Trotz des größeren Abwechslungsreichtums sind die ONKELZ aber immer dann am besten, wenn sie richtig zur Sache gehen - wie in 'Lieber stehend sterben', 'Fahrt zur Hölle', 'Deutschland im Herbst', 'Schöne neue Welt', 'So geht's dir', 'Das Messer und die Wunde' oder 'Worte der Freiheit' (absoluter Höhepunkt). Unterm Strich bleiben nur wenige Ausfälle, die den ansonsten überzeugenden Eindruck aber nicht schmälern können. Beeindruckende Leistung.

Autor:
Götz Kühnemund

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