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REVIEW 10 27.05.2020

(Album des Monats, RH 397, 2020)

SORCERER - Lamenting Of The Innocent

Der Schock saß. Laut Waschzettel der Plattenfirma werden dem dritten Album von SORCERER Vocal-Growls zugeschrieben und Post-Metal-Einflüsse attestiert. Einmal tief durchatmen. Zum Glück bleibt der Krümelmonster-Gesang bei Anders Engberg bis auf ein paar kurze Ausfälle in der Mottenkiste, und auch die Post-Metal-Einflüsse kann man getrost mit der Lupe suchen. Womöglich sahen sich die Schweden nach den famosen Vorgängern „In The Shadow Of The Inverted Cross“ und „The Crowning Of The Fire King“ auch ein wenig unter Zugzwang, sich „weiterentwickeln“ zu müssen. Doch wozu die ganze Aufregung? „Lamenting Of The Innocent“ macht grundsätzlich exakt dort weiter, wo SORCERER im Jahre 2017 mit „The Crowning Of The Fire King“ aufgehört haben. Wenn überhaupt, dann ist lediglich das übergeordnete Klangbild ein wenig breiter geworden, SORCERER arbeiten diesmal (noch mehr) mit atmosphärischen Intros und anderen Soundeffekten (wenn das die Post-Metal-Einflüsse sein sollen, dann gerne mehr davon!). Das Songwriting an sich ist im direkten Vergleich sogar noch etwas stärker geworden und reicht von flotten Metal-Nummern ('The Hammer Of Witches' ist mit seinem Dio/Tony-Martin-Ära-Sabbath-Duktus absolut unwiderstehlich!) über tiefschwarze Doom-Banger (göttliche 8:47 Minuten 'Lamenting Of The Innocent') bis hin zu einer unfassbar empathischen Ballade wie 'Deliverance' (komplett mit Cello und Johan Lanqquist von Candlemass als Gastsänger), die sich auf einer Qualitätsstufe mit Jahrhundertwerken wie 'Melissa' oder 'Beyond The Realms Of Death' bewegt. Der Erfolg kam ganz sicher nicht über Nacht, aber mit ihrem neuen Album ist SORCERER endlich das gelungen, wovon die Konkurrenz nicht mal zu träumen wagt: „Lamenting Of The Innocent“ löst „Nightfall“ von Candlemass als DAS Referenzalbum im Bereich des Epic Doom Metal ab. Man wirft dem Heavy-Metal-Genre (was natürlich gleichermaßen für den Doom Metal gilt) aktuell gerne immer wieder vor, nicht (mehr) innovativ und entwicklungsfähig zu sein. SORCERER strafen mit „Lamenting Of The Innocent“ die Kritiker eindrucksvoll Lügen, denn ihr Material ist im selbstgesteckten stilistischen Bezugssystem nicht weniger fortschrittlich, als es beispielsweise die großen Judas Priest mit „Stained Class“ im Jahre 1978 waren (oder musikalisch passender: Black Sabbath anno 1980 mit „Heaven And Hell“). Vollkommen geschenkt übrigens, dass ein Konzeptalbum über die Hexenverfolgung im Jahre 2020 weder intellektuell noch narrativ eine besondere Herausforderung oder gar Weltsensation ist.

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REVIEW 10 18.03.2020

(Album des Monats, RH 395, 2020)

DOOL - Summerland

Ich habe mich bislang nicht zum Tod von Neil Peart geäußert, und ich wollte es eigentlich auch nicht tun, das Ganze war mir - obwohl ich Peart nicht persönlich kannte; er hat ja so gut wie nie Interviews gegeben - einen Moment lang zu „privat“ und die Gefahr, ins Pathetische abzudriften, zu groß. Mit ernsthafter „Trauer“ um ihn hatte das ohne direkten menschlichen Bezug natürlich nichts zu tun, sondern lediglich mit mir selbst, mit mehr als drei Dekaden des intensiven Musikhörens, in denen Rush für mich eben immer der Fixstern waren, das alles Überschattende, eine Konstante selbst in Zeiten, in denen ich die Band noch nicht mal besonders oft gehört habe. Ich habe (spätabends) von Pearts Tod erfahren, und die einschneidenden Erlebnisse der letzten 30 Jahre in MEINEM Leben liefen danach an mir vorbei, eben weil Rush mich gerade in Extremsituationen immer begleitet haben, weil ich irgendwie alles Existenzielle mit ihnen verbinde, es war zumindest kurz so, als hätte sich ganz plötzlich ein Kreis geschlossen und Musik ihren Sinn für mich verloren, nachdem sie mit „Hold Your Fire“ und „A Show Of Hands“ einst einen ernsthaften bekommen hatte. Warum das hier hingehört? Weil es neue Platten danach tatsächlich nicht leichter hatten in meinen Ohren - und weil mich trotzdem schon lange kein Album mehr so angefasst hat wie die zweite DOOL. „Summerland“ stellt das Einlösen des Versprechens dar, das das Debüt „Here Now, There Then“ 2017 gegeben hat, vom Rohdiamant zum Juwel, dringlich, aber nicht aufdringlich, emotional, aber nicht übergriffig, Schwächen zulassend, aber nicht jämmerlich, traurig wie euphorisch zugleich, am Abgrund marschierend und doch mit absoluter Sicherheit die Balance haltend. Das Fiebrige der Anfangszeit ist dementsprechend einem nachhaltigeren Selbstbewusstsein gewichen, die Sounds sind offener geworden, von mir aus „post-punkiger“ und „waviger“, und wenn man noch mal hören möchte, wie „Postrock“ Relevanz verliehen wird, verliert man sich einfach im Ausklang 'Dust & Shadow', kongenialer Counterpart des ebenfalls am Limit komponierten Openers 'Sulphur & Starlight'. Keines der überdies hervorragend klingenden neun Lieder ist zu viel, jede Verschnaufpause gewollt, das Rotterdam-Kollektiv setzt die Reize perfekt - Heavy Rock 2.0. „Can you relate to me?“, fragt Ryanne van Dorst in 'God Particle'. Ist natürlich rhetorisch gemeint.

REVIEW 9 19.02.2020

(Album des Monats, RH 394, 2020)

PSYCHOTIC WALTZ - The God-Shaped Void

„So geil wie früher!“ oder „Braucht kein Mensch mehr!“? Nun, man muss und kann „The God-Shaped Void“, das erste Studiowerk der Progressive-Metal-Großmeister PSYCHOTIC WALTZ seit 24 Jahren, nicht auf eine Stufe mit den Maßstäbe setzenden (und sicherlich nur im zeitlichen Kontext in voller Gänze funktionierenden) „A Social Grace“ von 1990 und „Into The Everflow“ von 1992 stellen, es wäre auch kontraproduktiv, aber diese Platte hier hat nach mindestens zwei Dutzend (zum Teil sehr konzentrierten) Hördurchläufen nichts von einem müden Alterswerk, sie ist kein schlechterer Abklatsch vergangener Großtaten, kein typischer „Höre ich es mir eben schön“-Anwärter, kein unterproduziertes, uninspiriertes „Machen wir halt noch mal ein Album“-Produkt, keine Fortführung irgendeines Sideprojects oder Band-Nachfolgers (wie Deadsoul Tribe) unter anderem Namen und auch kein kläglicher Versuch, „moderne Zeiten“ zu antizipieren, um neue, eh nicht affine Fans zu erreichen, die verunsicherten Midlife-Crisis-Männern am Ende sowieso nur mit einem Achselzucken begegnen. „The God-Shaped Void“ stellt schlicht und einfach eine Ansammlung von hervorragenden, zeitlosen Songs dar, die mindestens (!) das Niveau der Errungenschaften der Alben drei und vier, „Mosquito“ von 1994 und „Bleeding“ von 1996, erreichen, dabei wie aus einem Guss wirken, emotional packen und letzten Endes auch die erhofften Ingredienzien (die Flöte, die überirdisch schönen gedoppelten Gitarren...) enthalten - ohne sich darauf auszuruhen. Dass sich die Höhepunkte auf „A God-Shaped Void“ abwechseln, ist zudem keiner schwammigen Masse an Tracks, bei denen dann ja oft doch der letzte Kick fehlt, geschuldet, sondern dem Transportieren ganz unterschiedlicher Stimmungen, die bewundernswerterweise alle gleich gut eingefangen wurden. Meine Faves zumindest beim Schreiben dieser Rezension: der sofort packende Opener 'Devils And Angels', das partiell balladeske 'The Fallen' sowie das (auch) mit mordsguten Strophen versehene 'While The Spiders Spin'.

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REVIEW 8,5 19.02.2020

(Album des Monats, RH 394, 2020)

THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - Aeromantic

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen und eine eigentlich superpositive Kritik mit Gemäkel zu beginnen: Es ist mir - wie schon in der Vergangenheit - ein Rätsel, warum THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA, gerade mit ihrem sehr songorientierten Stil, ihre Alben derart aufblähen, dass sie an der Stunden-Grenze kratzen, denn erstens hält heutzutage (leider!) kaum noch jemand so lange durch, und zweitens finden sich so auch immer ein paar verzichtbare Geht-so-Schoten unter den (diesmal: 13) Kompositionen; im Falle von „Aeromantic“ hätte man vor allem hinten raus kürzen können, von der letzten Handvoll Tracks gehört nur das abschließende 'City Lights And Moonbeams' zu den Highlights des Albums. Nichtsdestotrotz düst auch der fünfte Longplayer des Schweden-Quintetts (plus Peters' Top-Selling-Point, den beiden Backing-„Stewardessen“ Anna und Anna; die Lust am Genuss lässt sich unser Schmecklecker, für den sich „gender“ selbst 2020 noch auf „tender“ reimt, nämlich nicht nehmen...) nachhaltig genug durch die Lüfte, um sowohl alteingesessene AOR- und Melodic-Rock-Aficionados als auch stilbewusste Szene-Hipster abzuholen, die Single 'Divinyls' gibt einen ersten Eindruck, wird vom unwiderstehlichen Ohrwurm 'This Boy's Last Summer', der Toto-Verneigung 'Curves' oder dem ruhigen 'Golden Swansdown' aber noch überholt, und die besten Momente sind dann nach wie vor nicht erwähnt: Der zuerst durchaus zähe (und überlange) Opener 'Servants Of The Air' gewinnt immer mehr dazu, das zwischen Yacht Rock und Synthwave pendelnde, später mit 'ner so amüsanten wie ernsthaft geilen Kansas-Geige gepimpte 'Transmissions' darf gerne als Ausblick auf die Zukunft gelten, und 'If Tonight Is Our Only Chance' schließlich schreit nicht nur sofort nach einem exponierten Mixtape-Platz, sondern wurde als authentische Abba-Anlehnung konzipiert, ein Experiment, das neben Ghost tatsächlich nur Björn Strid & Co. unfallfrei wagen können. Send 'em my love again!

REVIEW 9 22.01.2020

(Album des Monats, RH 393, 2020)

MAGNUM - The Serpent Rings

Ich bin ja ohnehin der Überzeugung, dass MAGNUM gar kein schlechtes Album abliefern können. „The Serpent Rings“ ist aber ein besonders starker Vertreter der Gattung Melodic Hardrock, und es scheint, als würden die Herren immer besser, je mehr sie sich ihrem 50. Bandjubiläum nähern. Ob es am runderneuerten Line-up liegt, zu dem seit Neuestem auch Dennis Ward (b.) zählt, an Bob Catleys im wahrsten Sinne des Wortes märchenhafter Stimme oder an den scheinbar unermüdlichen Songwriting-Qualitäten des Gitarristen Tony Clarkin - geschenkt. Diese Platte spielt die Stärken der Band aus, klingt melodisch-verspielt, bombastisch und episch, weiß aber trotzdem zu überraschen - etwa mit James-Bond-Vibes beim Opener 'Where Are You Eden?', dem leicht jazzigen 'House Of Kings' oder dem Groover 'Madman Or Messiah'. Also warum weiter rumschwafeln, wenn ich in der Zeit genauso gut noch mal das Album hören könnte? DISKOGRAFIE (nur Studioalben) Kingdom Of Madness (1978) Magnum II (1979) Marauder (1980) Chase The Dragon (1982) The Eleventh Hour (1983) On A Storyteller´s Night (1985) Vigilante (1986) Wings Of Heaven (1988) Goodnight L.A. (1990) Sleepwalking (1992) Rock Art (1994) Breath Of Life (2002) Brand New Morning (2004) Princess Alice And The Broken Arrow (2007) Into The Valley Of The Moonking (2009) The Visitation (2011) On The 13th Day (2012) Escape From The Shadow Garden (2014) Sacred Blood Divine Lies (2016) Lost On The Road To Eternity (2018) The Serpent Rings (2020) LINE-UP Bob Catley (v.) Tony Clarkin (g.) Rick Benton (keys) Dennis Ward (b.) Lee Morris (dr.) DIE PATEN Wer mit den folgenden Bands etwas anfangen kann, dürfte auch an „The Serpent Rings“ Gefallen finden: FM * Bonfire * House Of Lords * Triumph * Asia * Thunder * Dare * Avantasia * Pink Cream 69 * Gotthard * Pretty Maids * Treat * Eclipse * W.E.T. * Hardline * Bad English * Europe * H.E.A.T * UFO * Saga

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REVIEW 8.0 20.11.2019

(Album des Monats, RH 391, 2019)

AVATARIUM - The Fire I Long For

Der von manchen prognostizierte Durchbruch auf großer Ebene dürfte den SchwedInnen verwehrt bleiben - was nicht negativ sein muss, wenn man das kometenhafte Verglühen von Bands wie Blues Pills betrachtet. AVATARIUM hingegen lodern beständig und glühen mit fortschreitendem Karriereverlauf zunehmend heller. „The Fire I Long For“ verbreitet im Dunkel ihres Band-Kosmos wohlige Wärme und leuchtet dabei zwei Tendenzen aus: Bandgründer Leif Edling hat seinem Werk nicht mehr viel hinzuzufügen und bewegt sich innerhalb seiner Komfortzone keinen Zentimeter mehr. Weitaus mutiger sind hingegen Gitarrist und Produzent Marcus Jidell und Sängerin Jennie-Ann Smith: Ihre Songs brechen die gewohnten Schemata bewusst auf, sind tiefschürfender, emotionaler und schlichtweg besser. Vor allem ´Lay Me Down´ geht weit über das hinaus, was man gemeinhin unter „Doom Metal“ versteht (insbesondere dem Doom Metal der Candlemass-Prägung) und taucht stattdessen in eine unterschwellige Americana-Finsternis hinab. Nein, dieses Feuer ist offensichtlich noch nicht verglimmt. DISKOGRAFIE Moonhorse (EP, 2013) Avatarium (2013) All I Want (EP, 2014) The Girl With The Raven Mask (2015) Hurricanes And Halos (2017) The Fire I Long For (2019) LINE-UP Jennie-Ann Smith (v.) Marcus Jidell (g.) Mats Rydström (b.) Rickard Nilsson (keys) Lars Sköld (dr.) Wer auf folgende Bands steht, wird auch an „The Fire I Long For“ seine Freude haben: Candlemass * Black Sabbath * Tiamat * Amorphis * Ghost * Year Of The Goat * Opeth * Enslaved * Sólstafir * Jex Thoth * Uncle Acid & The Deadbeats * Universe217 * The Doomsday Kingdom * Krux * Uriah Heep * Evergrey * Lake Of Tears * Mount Salem * A Pale Horse Named Death * The Devil´s Blood

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REVIEW 8.5 23.10.2019

(Album des Monats, RH 390, 2019)

RAY ALDER - What The Water Wants

Mit Livegitarrist Mike Abdow ist an RAY ALDERs erstem „richtigen“ Soloalbum (sein Ende der Neunziger und in den frühen Nullern aktives - und tolles! - Engine-Projekt sieht er eher als Band an) neben dem Sänger selbst nur eine weitere Fates-Warning-Nase beteiligt, aber der Sound legt tatsächlich anderes nahe: Die partielle „Kühle“ evoziert (auch) Jim Matheos' aktuellen Ton (inklusive der OSI-Platten), der Bass ist so weit vorne wie sonst fast nur bei Joey Vera, und die Melodiebögen hätten auf „Darkness In A Different Light“ oder „Theories Of Flight“, sogar auf „A Pleasant Shade Of Gray“ ebenfalls keine unpassende Figur abgegeben. Ob man „What The Water Wants“, an dem des Weiteren Lords-Of-Black-Klampfer Tony Hernando und Ignite-Drummer Craig Anderson beteiligt waren, nun (modernen) Prog nennen muss, weiß ich nicht, aber die sich damit angesprochene Klientel dürfte hier sicherlich eher fündig werden als Fans der Engine-Vorbilder Deftones oder der im Interview auf diesen Seiten kommunizierten Faith No More zu „The Real Thing“-Zeiten, die Alder selbst in den Ring wirft. Neben den sowieso immer herausragenden Vocals besonders beeindruckend ist dabei das dynamische Songwriting, das Knackiges wie 'Shine' oder 'Wait' genauso offeriert wie Neunziger-Anspruchs-Kommerz (der Quasi-Titelsong 'What The Water Wanted' als unbeabsichtigtes 'Eye To Eye 2.0') oder gar nicht mal so wenig Balladeskes ('The Road', 'Some Days'), das nie ins Platte, allzu Gefühlige abdriftet, sondern sich im Gegenteil immer auf die genau richtige Art nähert. Ein starkes, unaufgeregtes Album, das im Veröffentlichungs-Trubel hoffentlich nicht untergehen wird! DISKOGRAFIE What The Water Wants (2019) LINE-UP Ray Alder (v.) Mike Abdow (g./b.) Tony Hernando (g./b.) Craig Anderson (dr.) DIE PATEN Wer mit den folgenden Bands etwas anfangen kann, dürfte auch an „What The Water Wants“ Gefallen finden: Fates Warning * OSI * Tool * Engine * Redemption * A Perfect Circle * Storm Corrosion * Steven Wilson * Porcupine Tree * The Gathering * Arch/Matheos * Riverside * Blackfield * Katatonia * Haken * Leprous * Marillion * Oceansize * Karnivool * Muse

REVIEW 8.5 25.09.2019

(Album des Monats, RH 389, 2019)

OPETH - In Cauda Venenum

Wo es doch schon im aktuellen Plattenfimen-Info steht: Mikael Åkerfeldt hat eine neue Beziehung, trägt selbstbewusst das T-Shirt der Band seiner neuen Flamme und hat beim Songwriting offensichtlich eine Euphorie erlebt, die das Album über eine Stunde lang ansteckt. So was gibt´s. Auf „Sorceress“ hatte er ja (schön versteckt) bereits seine Scheidung verarbeitet. Ist „In Cauda Venenum“ deshalb das bessere Album? So läuft das nicht. Die Platte ist anders. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis der Zehn-Tracker aus dem Quark kommt und man das überhaupt alles halbwegs verstanden hat. „In Cauda Venenum“ ist eine Mischung aus durchaus bissiger Sozialkritik, überkandideltem Musikantentum und Rätseln, die Hörer und Musikjournalisten in naher Zukunft noch entschlüsseln werden (einige davon findet ihr bereits in unserer Titelstory). Aber genau das macht das Album ja besonders. Es ist eben kein Wegwerfprodukt wie so vieles, es fordert eine künstlerische Auseinandersetzung ein. Der erste Song ´Dignity´ ist schon ein Wellental der Emotionen, sehr abwechslungsreich, aber nicht so geradeheraus wie ´Heart In Hand´, der härteste und zugänglichste Song des Albums. Die lebendige Produktion und das dynamische Schlagzeugspiel von Martin Axenrot kommen hier zum ersten Mal richtig zur Geltung. Die „kranken“ Streicher in ´Next Of Kin´ wirken wie der verstörende Soundtrack eines Claude-Chabrol-Films, dem süßlich-folkige Melodien gegenübergestellt werden. Meines Erachtens ein Experiment mittlerer Qualität. Auch die düstere Bassorgie ´Charlatan´, mit einer nervigen Keyboard-Melodie garniert, ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Solche Songs kann Steven Wilson besser. Das dazwischen platzierte ´Lovelorn Crime´ ist hingegen eine balladeske Wohltat auf höchstem Åkerfeldt-Niveau. Und das gilt auch für den halbstündigen Rest des Albums. ´Universal Truth´, ´The Garroter´, ´Continuum´ und ´All Things Will Pass´ sind die vielleicht homogenste Abschlussrutsche der an Höhepunkten nicht gerade armen Bandgeschichte. Unter dem Kopfhörer ein Genuss. Es macht sich bezahlt, dass mit Stefan Boman ein Mixer hinter dem Pult saß, der das Album leidenschaftlich mit Effekten, Fades und höchst verschiedenen Klängen versehen hat. Das allein sollte aufgrund des hohen musikalischen Levels ein Grund für Fans sein, hier erneut zuzuschlagen. DISKOGRAFIE (Studioalben) Orchid (1995) Morningrise (1996) My Arms, Your Hearse (1998) Still Life (1999) Blackwater Park (2001) Deliverance (2002) Damnation (2003) Ghost Reveries (2005) Watershed (2008) Heritage (2011) Pale Communion (2014) Sorceress (2016) In Cauda Venenum (2019) LINE-UP Mikael Åkerfeldt (v./g.) Fredrik Åkesson (g.) Martin Mendez (b.) Joakim Svalberg (keys) Martin Axenrot (dr.) DIE PATEN Wer mit den folgenden Bands etwas anfangen kann, dürfte auch an „In Cauda Venenum“ Gefallen finden: Storm Corrosion * Katatonia * King Crimson * Steven Wilson * Porcupine Tree * Jethro Tull * Pink Floyd * Anathema * Mahavishnu Orchestra * Weather Report * Genesis * The Soft Machine * Gong * Caravan * Yes * November * Kaipa * Culpeper´s Orchard * Bo Hansson * Kebnekaise

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