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REVIEW 8.5 16.12.2020

(Album des Monats, RH 403, 2020)

ACCEPT - Too Mean To Die

In unserer ausführlichen Titelstory hat Matthias ja bereits jedes Album-Detail mit der Lupe untersucht, fehlt eigentlich nur noch ein Resümee eines anderen Autoren, um den Gesamteindruck abzurunden. Mein erster Gedanke zum Album war Anerkennung und Kritik zugleich: Es ist typisch ACCEPT. Persönlich würde ich mir insgeheim etwas mehr Innovationskraft wünschen, gerne auch mal ein stilistisches Abschweifen dieser gestandenen Riege von Profi-Musikern (die jede Note mithilfe ihres Produzenten traumwandlerisch an die richtige Stelle platzieren) - wohl wissend, dass die meisten Fans das kaum goutieren würden. Auch Wolf Hoffmann hat seine Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht, und selbst ACCEPT haben Alben im Giftschrank, die heute keinen mehr interessieren. Und so ist „Too Mean To Die“ in erster Linie eine weitere Variante der Alben seit „Blood Of The Nations“ (2010): perfekt gespielter, messerscharf riffender Heavy Metal mit Tornillos röhrender Reibeisenstimme, die von Platte zu Platte selbstsicherer und besser wird. Hoffmanns präzises, schön nach vorne gespieltes Gitarrenwerk (Titeltrack!) ist zwar der spürbare Antrieb der Songs, die Aha-Momente finden aber eher im Hintergrund statt. Eine witzige Text-Formulierung (die ´Zombie Apocalypse´ sind die Handy-Mutanten der Jetztzeit), die „Heys“ und „Hos“ als verhöhnende Social-Media-Emojis in ´Overnight Sensation´. Natürlich wirken diese Einfälle nur, weil die Musik so makellos gut ist. Sie sorgen auch dafür, dass man gar nicht darüber nachdenkt, dass ein flotter ACCEPT-Rocker wie ´Overnight Sensation´ im Grunde schon fünfmal geschrieben wurde. Natürlich gibt es darüber hinaus etliche Passagen, die aufhorchen lassen. Die Beethoven-Adaptionen in ´Symphony Of Pain´ sind irre lässig integriert, das abschließende, Klassik-inspirierte Instrumental ´Samson And Delilah´ fungiert als mehrstimmiger Ohrenschmaus. Und mit ´The Best Is Yet To Come´ liefert Mark Tornillo inmitten einer grässlichen Pandemie den schönsten Text seiner Karriere. Es gehört eine Menge Mut dazu, gerade jetzt an Optimismus, Zuversicht und Selbstbewusstsein zu appellieren. Aber noch besser ist die zurückhaltende Art, wie er die Botschaft vermittelt. Das Highlight des Albums ist diesmal also eine Ballade! Es ist nicht alles Gold, was glänzt, die Spur des Gewöhnlichen und bereits Gehörten windet sich ebenfalls durch die Platte. Vielleicht am Ende sogar etwas zu viel für eine Top-Band. Aber selbst wenn es mal nicht ganz so rund läuft, stehen da immer noch waschechte Metal-Kracher mit starken Slogans, die jeder Kuttenträger vor der Bühne mitsingen kann (´The Undertaker´, ´Not My Problem´, ´Sucks To Be You´). Nein, das muss man selbst als eisenharter Kritiker akzeptieren können. Irgendjemand muss die Fahne des klassischen Heavy Metal hochhalten.

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REVIEW 8,5 18.11.2020

(Album des Monats, RH 402, 2020)

SODOM - Genesis XIX

Seit ihrer massiven Umbesetzung polarisieren SODOM plötzlich bei diversen Zeitgenossen, die die Band zuvor eigentlich gemocht haben. Zu Old School, zu viel dies, zu wenig jenes. Die Lösung für diesen Unfug findet man in einigen alten Rock-Hard-Reviews, wo besonders Weiterentwicklungen der Band gelobt wurden. Doch wer zum Deibel braucht von SODOM seit Ende der Achtziger irgendwelche Neuerungen? Lassen wir SODOM die AC/DC oder Motörhead des Thrash Metal sein. Man weiß, was man bekommt, vieles erinnert an Klassiker aus dem eigenen Katalog, und ein paar kleine Nachjustierungen reichen völlig. Daher sollte man bei „Genesis XIX“ auch nicht die gelegentlichen minimalen stilistischen Ausreißer hervorheben (manches erinnert an Slayer, was dann eh automatisch geil ist, und es gibt etwas mehr Blastbeats), sondern gucken, wie es der Kernkompetenz der Ruhrpott-Institution 2020 geht. Und da gibt´s nach wie vor ruppigen Proletarier-Thrash mit Riffs zum Niederknien (´Sodom And Gomorrah´, ´Genesis XIX´, das NICHT von Tom Angelrippers Hunden handelnde ´Waldo & Pigpen´), ein paar punkige Schlenker (´Indoctrination´ bedient sich sehr geschmackvoll beim ´Sonic Reducer´-Riff) und ein deutsches Stück, bei dem Tom mal wieder (auch das ist nix Neues) zeigt, dass er in der Muttersprache viele seiner besten Momente hat. Die überwiegend von der Band selbst verzapfte grandiose Produktion balanciert auf dem perfekten Grat aus Live-Rotz und transparenter Detailfreude (wunderbar „warm“ holzende Drums, zwei perfekt abgestimmte Gitarristen, und Angelrippers Bass rattert wie ein MG aus dem Vietnamkrieg). Das Spektakuläre an „Genesis XIX“ ist somit nicht irgendwelches Über-den-Tellerrand-Gegucke, sondern der schier unerschöpfliche Fundus an SODOM-typischen brillanten Ideen und die frische und unüberhörbar herzblutige Umsetzung.

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REVIEW 8,5 21.10.2020

(Album des Monats, RH 401, 2020)

ARMORED SAINT - Punching The Sky

ARMORED SAINT haben einen Lauf. Das letzte Album „Win Hands Down“ erreichte mit Platz 33 in Deutschland eine beachtliche Chart-Platzierung und wurde im Rock Hard wie selbstverständlich zum „Album des Monats“ gekürt, nachdem „La Raza“ 2010 bereits wichtige Vorarbeit geleistet hatte. Mit „Punching The Sky“ ist das Triple nun perfekt, denn das Album enthält nach wie vor die bekannten Trademarks der nettesten und besten (echten) Metal-Band im Großraum Los Angeles: ausgefeilte Riffideen motivierter Profis, exzellenten Gesang ohne Anbiederung ans breite Publikum und professionelle, abwechslungsreiche Rhythmen. Darüber hinaus schauen die nicht mehr ganz so jungen Musiker schon lange gerne über den Tellerrand der Szene, ob nun Richtung Progressive Rock, Post-Punk oder Lateinamerika. Am Ende sind jedoch alle Stücke klar erkennbare ARMORED SAINT-Songs. Der Album-Einstieg mit dem treibenden, hymnenhaften Epos 'Standing On The Shoulders Of Giants' ist so perfekt, dass man es gerne mal Iron Maiden & Co. unter die Nase reiben würde. Der imposante Riff-Metaller 'End Of The Attention Span' mit seinen Gangshouts schließt sich nahtlos an. Im Folgenden variieren die Heiligen das Tempo, bauen immer wieder mehrstimmige Gitarrenbrücken ein, beginnen mit Drum-Intros oder bauen verschachtelte Arrangements auf, die man erst nach mehreren Durchläufen komplett durchschaut. Und exzellente, ruhige Momente ('Unfair') gibt es natürlich auch. Eines ist klar: Mit den teilweise etwas umständlich formulierten Refrains und kopflastigen Strukturen werden ARMORED SAINT das durchschnittliche Radiopublikum auch in hundert Jahren nicht erreichen, aber das ist hier auch gar nicht das Ziel. Vielmehr ist „Punching The Sky“ erneut ein hochwertiges Angebot an ein hörerfahrenes Metal-Publikum, das sich nur allzu gerne von nicht alltäglichen Gedankenwelten und mit Sorgfalt konstruierten Songs davontragen lässt. Well done!

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REVIEW 9 19.08.2020

(Album des Monats, RH 399, 2020)

DEAD LORD - Surrender

The headless children (respektive men): Das Magritte-artige Artwork hätte besser zum tendenziell unkonzentrierten Vorgänger „In Ignorance We Trust“ von 2017 gepasst, denn „Surrender“ klingt beileibe nicht nach (erzwungener) Kapitulation oder Implosion, sondern platziert DEAD LORD - ich hätte wirklich nicht damit gerechnet - wieder an der absoluten Classic-Rock-Spitze, vielleicht weil man blödsinniges „Freischwimmen“ unterlässt, sondern stattdessen selbst akzeptiert, schlicht und einfach als die Lizzy des „neuen“ Jahrtausends zu fungieren (als wäre das nicht Aufgabe genug!). Ohne Schmarren: Die nahezu perfekte A-Seite vom Opener 'Distance Over Time' (der auch im Lynott'schen Schaffen ein Highlight wäre) über das wunderbar akzentuierte 'Letter From Allen St.' bis zum poppigen 'Waiting For An Alibi'/'Dancing In The Moonlight'-Generikum 'Messin' Up' knüpft (mindestens!) nahtlos am '15er „Heads Held High“, nein: eigentlich sogar am '13er Fabel-Debüt „Goodbye Repentance“ an und evoziert damit auch noch mal die damalige Blüte einer neuen, jungen Hardrock- und Metal-Szene, deren Protagonisten, außer Ghost und vielleicht Blues Pills, leider nie der verdiente große Erfolg zuteilgeworden ist. Kongenial und warm produziert wurde „Surrender“ von Kollege und Super-Gitarrist Robert Pehrsson, dessen selbstbetiteltes Robert-Pehrsson's-Humbucker-Album, auch von '13, eine weitere im Mainstream unentdeckte Perle darstellt - kein Zufall, sondern eine maximal sinnvolle Kombination. Oder eine Art Kreis, der sich schließt.

REVIEW 9.0 01.07.2020

(Album des Monats, RH 398, 2020)

LONG DISTANCE CALLING - How Do We Want To Live?

„Geile Scheibe!“, meint Eisenfavst, in meinem Büro stehend. „Bis auf einen Track.“ Ich habe ihn nicht gefragt, welchen. Eisenfavst ist Instrumental-Fan. Die Elektronik auf dem Album meinte er ausdrücklich nicht, denn „die ist okay“. Dann machte er auf dem Absatz kehrt. Seitdem habe ich mir das Album bestimmt zehnmal angehört, um herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen des neuen LDC-Longplayers liegen. Keine leichte Aufgabe. Das Songwriting von Deutschlands bester und erfolgreichster Instrumental-Band lässt sich längst nicht mehr nach normalen Maßstäben messen. Stumpfe Wiederholungen sind verpönt. In bester Pink-Floyd-Manier schwingt sich das Quartett kompetent von Part zu Part, mäandern die Stimmungen, um immer wieder ein großes Finale einzuläuten, bei dem (diesmal ganz akzentuiert, aber umso wirkungsvoller) auch mal die Metal-Keule herausgeholt wird. Die erste Hälfte ist einfach überragend gut gelungen, ´Curiosity´ wie gemacht für die Live-Situation. Die Spannung wird bis zum Bersten aufgebaut, ehe Janosch Rathmer mit einem satten Groove nach vorne marschiert. Überhaupt gibt der Rhythmus überraschend oft die Richtung vor. Ganz gleich, ob programmierte oder handgespielte Led-Zep-Beats - man hält es angenehm simpel, was eine Kunst für sich ist. Auf dieser Vorlage toben sich die Gitarren unermüdlich aus, spielen Keyboards sphärische Klänge. ´Hazard´ ist ein melodisches Progrock-Feuerwerk, ´Voices´ trotz acht Minuten Länge eine starke Video-Single mit einer gesungenen Melodie, die Aufmerksamkeit erzeugt. Die Cello-Unterbrechung ´Fall/Opportunity´ leitet das sich steigernde ´Immunity´ ein. Perfekt. Mit ´Beyond Your Limits´ gibt es den erwähnten Vocal-Track auf dem Album, der wie die zwischenzeitlichen Sprach-Samples wahrscheinlich nötig war, um den konzeptionellen Rahmen zu gestalten. Geht für mich in Ordnung. Auch die futuristische Ästhetik, mitunter im Sound sehr präsent, ist absolut angemessen. Lediglich das Album-Ende hätte noch einen draufsetzen können, aber ´Ashes´ bleibt vergleichsweise blass. Trotzdem eine enorm reife Leistung, auch im internationalen Vergleich. LONG DISTANCE CALLING haben am Veröffentlichungstermin festgehalten. Die Band findet es sogar geil, dass „How Do We Want To Live?“ mitten im Krisengeschehen erscheint. Auf dem Album geht es um das Verhältnis von Mensch und Maschine bzw. künstlicher Intelligenz, und in letzter Minute hat sich auch noch die thematisch artverwandte Virus-Problematik reingemogelt. Wie auch immer - die Platte erscheint definitiv zum richtigen Zeitpunkt. Allein schon der Titel ist essenzielles Nachdenkfutter.

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REVIEW 10 27.05.2020

(Album des Monats, RH 397, 2020)

SORCERER - Lamenting Of The Innocent

Der Schock saß. Laut Waschzettel der Plattenfirma werden dem dritten Album von SORCERER Vocal-Growls zugeschrieben und Post-Metal-Einflüsse attestiert. Einmal tief durchatmen. Zum Glück bleibt der Krümelmonster-Gesang bei Anders Engberg bis auf ein paar kurze Ausfälle in der Mottenkiste, und auch die Post-Metal-Einflüsse kann man getrost mit der Lupe suchen. Womöglich sahen sich die Schweden nach den famosen Vorgängern „In The Shadow Of The Inverted Cross“ und „The Crowning Of The Fire King“ auch ein wenig unter Zugzwang, sich „weiterentwickeln“ zu müssen. Doch wozu die ganze Aufregung? „Lamenting Of The Innocent“ macht grundsätzlich exakt dort weiter, wo SORCERER im Jahre 2017 mit „The Crowning Of The Fire King“ aufgehört haben. Wenn überhaupt, dann ist lediglich das übergeordnete Klangbild ein wenig breiter geworden, SORCERER arbeiten diesmal (noch mehr) mit atmosphärischen Intros und anderen Soundeffekten (wenn das die Post-Metal-Einflüsse sein sollen, dann gerne mehr davon!). Das Songwriting an sich ist im direkten Vergleich sogar noch etwas stärker geworden und reicht von flotten Metal-Nummern ('The Hammer Of Witches' ist mit seinem Dio/Tony-Martin-Ära-Sabbath-Duktus absolut unwiderstehlich!) über tiefschwarze Doom-Banger (göttliche 8:47 Minuten 'Lamenting Of The Innocent') bis hin zu einer unfassbar empathischen Ballade wie 'Deliverance' (komplett mit Cello und Johan Lanqquist von Candlemass als Gastsänger), die sich auf einer Qualitätsstufe mit Jahrhundertwerken wie 'Melissa' oder 'Beyond The Realms Of Death' bewegt. Der Erfolg kam ganz sicher nicht über Nacht, aber mit ihrem neuen Album ist SORCERER endlich das gelungen, wovon die Konkurrenz nicht mal zu träumen wagt: „Lamenting Of The Innocent“ löst „Nightfall“ von Candlemass als DAS Referenzalbum im Bereich des Epic Doom Metal ab. Man wirft dem Heavy-Metal-Genre (was natürlich gleichermaßen für den Doom Metal gilt) aktuell gerne immer wieder vor, nicht (mehr) innovativ und entwicklungsfähig zu sein. SORCERER strafen mit „Lamenting Of The Innocent“ die Kritiker eindrucksvoll Lügen, denn ihr Material ist im selbstgesteckten stilistischen Bezugssystem nicht weniger fortschrittlich, als es beispielsweise die großen Judas Priest mit „Stained Class“ im Jahre 1978 waren (oder musikalisch passender: Black Sabbath anno 1980 mit „Heaven And Hell“). Vollkommen geschenkt übrigens, dass ein Konzeptalbum über die Hexenverfolgung im Jahre 2020 weder intellektuell noch narrativ eine besondere Herausforderung oder gar Weltsensation ist.

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