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REVIEW 9 18.11.2020

(Album, RH 402, 2020)

AC/DC - Power Up

Beginnen wir mit einer Binsenweisheit (es wird nicht die einzige bleiben): Lobhudeleien sind schwieriger zu schreiben als Verrisse. Besonders, wenn es um eine sogenannte Leib- und Magen-Band geht. Der geneigte Leser möge mir die Fan-Brille verzeihen. In den letzten 40 Jahren hat sich eines nämlich nicht verändert: das feurige Erwarten, wenn ein neues AC/DC-Album erscheint, zumal die Veröffentlichungen seit „Back In Black“ nicht nur Höhen hatten, um es vorsichtig auszudrücken. Und da wären wir auch schon bei Parallelen zum schwarzen Meisterwerk: „Power Up“ ist ebenso ein Tribut, eine Verneigung vor dem Bandgründer Malcolm Young. Noch einmal mit Glocken zu beginnen, wäre so banal wie anbiedernd gewesen. Stattdessen hat der wiedervereinigte Vierer (plus Stevie Young) das Beste aus der Situation gemacht - ein AC/DC-Album, das seine Vorgänger bis vielleicht sogar zu „The Razors Edge“ (1990) in Bezug auf die Komprimierung der Bandessenzen in den Schatten stellt. Warum ist das so? Wer die Vorab-Single 'Shot In The Dark' gehört hat, wird sich denken: „AC/DC, wie immer, na und?“ Stimmt einerseits, ist andererseits zu kurz gegriffen. Es sind nämlich die kleinen, feinen Unterschiede zu früher, die dieses Werk zu einem besonderen machen. „Power Up“ lebt von Leichtigkeit und einem Positivismus, der lange nicht mehr da war. Dieses körperliche Hören, dieses Mitzucken bei jedem vorhersehbaren, aber perfekt sitzenden Beckenschlag - man hat es vermisst. Wer diese Platte ohne Bewegung der Extremitäten laufen lassen kann, muss taub sein. Schon der Einstieg mit der Uptempo-Nummer 'Realize' macht Lust auf mehr, weil die Rhythmussektion schon mit dem ersten Takt klarstellt, wie es geht. Auch wer Brian Johnson stimmlich abgeschrieben hat, wird eines Besseren belehrt. Spätestens beim vierten Vers des mitreißenden Midtempo-Krachers 'Rejection' („I come for you...“) möchte man spontanen Applaus spenden; auch für den herrlich politisch nicht korrekten Text mit Zeilen wie „if you disrespect me, you'll get burnt“. Dass 'Shot In The Dark' als Single gewählt wurde, liegt auf der Hand, denn der Refrain bleibt genauso wie die Melodie des fast schon poppigen 'Through The Mists Of Time' hängen. Wer die Scheibe bis jetzt noch nicht gehört hat, sollte mit 'Kick You When You're Down' beginnen, einem modernen Wiedergänger von 'Dog Eat Dog' mit fiesem Ohrwurm, so simpel wie genial. „Is this the way it's meant to be?“, fragt Johnson. Ich denke schon! Bei 'Witch's Spell' ist der Titel Programm - ein verzaubernder, eindringlicher Song, bei dem Cliff Williams durch seinen hinter der Snare hängenden Bass ein weiteres Ausrufezeichen als echter Könner setzt. Das setzt sich mit 'Demon Fire' nahtlos fort, dem nächsten flotteren Stück. Es ähnelt 'Safe In New York City', hat aber einen besseren Flow und ein cooles Break („like a devil on a deadline“). Spätestens hier zeigt sich in dreieinhalb Minuten, wie sehr AC/DC auch jenseits des Rentenalters noch immer in der Lage sind, aus wenig viel zu machen. Bei Phil Rudd etwa kommt es nicht darauf an, was er spielt, sondern was er NICHT spielt. 'Wild Reputation'beginnt mit dem Bass und steigert sich zu einer Art Stadion-Blues; Brians Sprechgesang sorgt für eine weitere Gänsehaut. Auch beim simplen Bluesrock von 'No Man's Land' sitzen jede Note und jeder Schlag, während 'System Down' mit seinem großartigen Pre-Chorus „we got a chain reaction“ einen weiteren lang vermissten Melodiebogen spannt. Das Solo von 'Money Shot' klingt ähnlich dreckig wie zu „Let There Be Rock“-Zeiten. Das abschließende 'Code Red' besitzt eine unglaublich packende Melodie in der Strophe, das „station to station“ vorm Refrain kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Es bleibt dabei: AC/DC sind immer dann am besten, wenn man es nicht erwartet. Und das ist jetzt die letzte Binsenweisheit - versprochen.

REVIEW 8,5 21.10.2020

(Album des Monats, RH 401, 2020)

ARMORED SAINT - Punching The Sky

ARMORED SAINT haben einen Lauf. Das letzte Album „Win Hands Down“ erreichte mit Platz 33 in Deutschland eine beachtliche Chart-Platzierung und wurde im Rock Hard wie selbstverständlich zum „Album des Monats“ gekürt, nachdem „La Raza“ 2010 bereits wichtige Vorarbeit geleistet hatte. Mit „Punching The Sky“ ist das Triple nun perfekt, denn das Album enthält nach wie vor die bekannten Trademarks der nettesten und besten (echten) Metal-Band im Großraum Los Angeles: ausgefeilte Riffideen motivierter Profis, exzellenten Gesang ohne Anbiederung ans breite Publikum und professionelle, abwechslungsreiche Rhythmen. Darüber hinaus schauen die nicht mehr ganz so jungen Musiker schon lange gerne über den Tellerrand der Szene, ob nun Richtung Progressive Rock, Post-Punk oder Lateinamerika. Am Ende sind jedoch alle Stücke klar erkennbare ARMORED SAINT-Songs. Der Album-Einstieg mit dem treibenden, hymnenhaften Epos 'Standing On The Shoulders Of Giants' ist so perfekt, dass man es gerne mal Iron Maiden & Co. unter die Nase reiben würde. Der imposante Riff-Metaller 'End Of The Attention Span' mit seinen Gangshouts schließt sich nahtlos an. Im Folgenden variieren die Heiligen das Tempo, bauen immer wieder mehrstimmige Gitarrenbrücken ein, beginnen mit Drum-Intros oder bauen verschachtelte Arrangements auf, die man erst nach mehreren Durchläufen komplett durchschaut. Und exzellente, ruhige Momente ('Unfair') gibt es natürlich auch. Eines ist klar: Mit den teilweise etwas umständlich formulierten Refrains und kopflastigen Strukturen werden ARMORED SAINT das durchschnittliche Radiopublikum auch in hundert Jahren nicht erreichen, aber das ist hier auch gar nicht das Ziel. Vielmehr ist „Punching The Sky“ erneut ein hochwertiges Angebot an ein hörerfahrenes Metal-Publikum, das sich nur allzu gerne von nicht alltäglichen Gedankenwelten und mit Sorgfalt konstruierten Songs davontragen lässt. Well done!

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REVIEW 8.5 21.10.2020

(Dynamit, RH 401, 2020)

DAVID JUDSON CLEMMONS - Tribe & Throne

Ein überragender Musiker: Der mittlerweile in Berlin lebende Amerikaner DAVID JUDSON CLEMMONS (g./v.) schreibt seit den späten Achtzigern Underground-Geschichte, bereits seine frühen Bands Ministers Of Anger und Murdercar waren Bombe, und das erste und einzige Damn-The-Machine-Album (von 1993) gehört zum Besten, was in Sachen Progressive Metal (wenn man den luftigen, fast jazzigen Sound denn als Metal bezeichnen möchte...) jemals (!) aufgenommen wurde. Seine späteren Betätigungsfelder The Fullbliss und Jud lieferten dagegen extrem fokussierten Alternative, dem die unerträgliche Bräsigkeit der meisten Acts dieses Sektors immer abging - ebenfalls sehr hörenswert! An diesen Sound, den von Jud allemal, knüpft nun in gewisser Weise „Tribe & Throne“ an, ein neues Sechs-Song-Full-length-Wunder, von Beatsteaks-Drummer Thomas Götz nicht nur großartig mit eingespielt, sondern auch produziert, das mal harten Stoner der Noisolution-Schule (Jud halt...) evoziert, oft aber auch die unvergessenen The God Machine zu Zeiten ihres Debüts (´Servants´) oder sogar Bullet Lavolta in ihrer „Swandive“-Phase - und das zudem hier und da in Sachen Beat und Atmosphäre in Richtung Old-School-Goth/Post-Punk schielt, diesen Einflüssen aber mit einer fast „deutschen“ Exaktheit (Neu!, anyone?) die störende Schnoddrigkeit nimmt (´My Trust´, ´It Or The Dome´). Beeindruckend, einmal mehr! „Tribe & Throne“ ist erhältlich über die üblichen digitalen Plattformen oder „physisch“ als LP und CD via $(LEhttp://www.djclemmons.com:www.djclemmons.com|_blank)$.

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REVIEW 8.0 21.10.2020

(Dynamit, RH 401, 2020)

FATES WARNING - Long Day Good Night

Kollege Blums Interview-Frage nach dem (Studio-)Ende FATES WARNINGs erscheint mir beim Albumtitel „Long Day Good Night“ und dem melancholischen Akustik-Abschluss ´The Last Song´ zumindest legitim. Wäre der 13. Dreher der vielleicht besten Band der Welt der tatsächlich letzte, man würde sich allerdings nicht in absoluter Hochform verabschieden (aber wer macht das schon...). Exemplarisch für „Long Day Good Night“ steht ein wenig der Longtrack ´The Longest Shadow Of The Day´, dessen erste Hälfte aus einer instrumentalen Mischung aus jazzigem Gedudel und harten Ausbrüchen besteht, die von einer recht ruhigen zweiten mit Vocals abgelöst wird, die mit Teil eins quasi nichts zu tun hat und zudem ebenfalls nicht wirklich aufhorchen lässt, nur um nach insgesamt elfeinhalb Minuten in einem unmotivierten Fade-out (!) zu versanden. Seltsames Ding, und ich glaube ganz generell, die Band stand irgendwann unter Zeitdruck, und statt am Ende zu sieben und aus gut 72 Minuten kompakte 50 zu machen, hat man halt alles durchgewunken, schon den dritten Track der Platte, ´Alone We Walk´, würde man nicht vermissen. Demgegenüber stehen aber natürlich nach wie vor die generellen Qualitäten einer Band, die Maßstäbe gesetzt hat, deren Signature-Sound man bereits nach wenigen Sekunden erkennt, die auch in mittelprächtigen Momenten mehr Relevanz vermittelt als neun von zehn „Konkurrenten“ auch aus dem eigenen Genre - und ja, die auch hier ein paar Stücke geschrieben hat, die dem unmenschlichen eigenen Katalog gerecht werden, neben dem Opener und achtminütigen Mini-Best-of ´The Destination Onward´ vor allem das luftige ´Now Comes The Rain´ (das auch eine Ray-Alder-Solonummer sein könnte) sowie der Album-Hit ´Shuttered World´, der die Genialität „aktuellerer“ Elf-von-zehn-Hämmer wie ´Another Perfect Day´ oder ´From The Rooftops´ zumindest streift. Zu kritisch? Vielleicht. Aber starke Schultern müssen nun mal mehr tragen.

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