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REVIEW 9 19.02.2020

(Album des Monats, RH 394, 2020)

PSYCHOTIC WALTZ - The God-Shaped Void

„So geil wie früher!“ oder „Braucht kein Mensch mehr!“? Nun, man muss und kann „The God-Shaped Void“, das erste Studiowerk der Progressive-Metal-Großmeister PSYCHOTIC WALTZ seit 24 Jahren, nicht auf eine Stufe mit den Maßstäbe setzenden (und sicherlich nur im zeitlichen Kontext in voller Gänze funktionierenden) „A Social Grace“ von 1990 und „Into The Everflow“ von 1992 stellen, es wäre auch kontraproduktiv, aber diese Platte hier hat nach mindestens zwei Dutzend (zum Teil sehr konzentrierten) Hördurchläufen nichts von einem müden Alterswerk, sie ist kein schlechterer Abklatsch vergangener Großtaten, kein typischer „Höre ich es mir eben schön“-Anwärter, kein unterproduziertes, uninspiriertes „Machen wir halt noch mal ein Album“-Produkt, keine Fortführung irgendeines Sideprojects oder Band-Nachfolgers (wie Deadsoul Tribe) unter anderem Namen und auch kein kläglicher Versuch, „moderne Zeiten“ zu antizipieren, um neue, eh nicht affine Fans zu erreichen, die verunsicherten Midlife-Crisis-Männern am Ende sowieso nur mit einem Achselzucken begegnen. „The God-Shaped Void“ stellt schlicht und einfach eine Ansammlung von hervorragenden, zeitlosen Songs dar, die mindestens (!) das Niveau der Errungenschaften der Alben drei und vier, „Mosquito“ von 1994 und „Bleeding“ von 1996, erreichen, dabei wie aus einem Guss wirken, emotional packen und letzten Endes auch die erhofften Ingredienzien (die Flöte, die überirdisch schönen gedoppelten Gitarren...) enthalten - ohne sich darauf auszuruhen. Dass sich die Höhepunkte auf „A God-Shaped Void“ abwechseln, ist zudem keiner schwammigen Masse an Tracks, bei denen dann ja oft doch der letzte Kick fehlt, geschuldet, sondern dem Transportieren ganz unterschiedlicher Stimmungen, die bewundernswerterweise alle gleich gut eingefangen wurden. Meine Faves zumindest beim Schreiben dieser Rezension: der sofort packende Opener 'Devils And Angels', das partiell balladeske 'The Fallen' sowie das (auch) mit mordsguten Strophen versehene 'While The Spiders Spin'.

REVIEW 8,5 19.02.2020

(Album des Monats, RH 394, 2020)

THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - Aeromantic

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen und eine eigentlich superpositive Kritik mit Gemäkel zu beginnen: Es ist mir - wie schon in der Vergangenheit - ein Rätsel, warum THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA, gerade mit ihrem sehr songorientierten Stil, ihre Alben derart aufblähen, dass sie an der Stunden-Grenze kratzen, denn erstens hält heutzutage (leider!) kaum noch jemand so lange durch, und zweitens finden sich so auch immer ein paar verzichtbare Geht-so-Schoten unter den (diesmal: 13) Kompositionen; im Falle von „Aeromantic“ hätte man vor allem hinten raus kürzen können, von der letzten Handvoll Tracks gehört nur das abschließende 'City Lights And Moonbeams' zu den Highlights des Albums. Nichtsdestotrotz düst auch der fünfte Longplayer des Schweden-Quintetts (plus Peters' Top-Selling-Point, den beiden Backing-„Stewardessen“ Anna und Anna; die Lust am Genuss lässt sich unser Schmecklecker, für den sich „gender“ selbst 2020 noch auf „tender“ reimt, nämlich nicht nehmen...) nachhaltig genug durch die Lüfte, um sowohl alteingesessene AOR- und Melodic-Rock-Aficionados als auch stilbewusste Szene-Hipster abzuholen, die Single 'Divinyls' gibt einen ersten Eindruck, wird vom unwiderstehlichen Ohrwurm 'This Boy's Last Summer', der Toto-Verneigung 'Curves' oder dem ruhigen 'Golden Swansdown' aber noch überholt, und die besten Momente sind dann nach wie vor nicht erwähnt: Der zuerst durchaus zähe (und überlange) Opener 'Servants Of The Air' gewinnt immer mehr dazu, das zwischen Yacht Rock und Synthwave pendelnde, später mit 'ner so amüsanten wie ernsthaft geilen Kansas-Geige gepimpte 'Transmissions' darf gerne als Ausblick auf die Zukunft gelten, und 'If Tonight Is Our Only Chance' schließlich schreit nicht nur sofort nach einem exponierten Mixtape-Platz, sondern wurde als authentische Abba-Anlehnung konzipiert, ein Experiment, das neben Ghost tatsächlich nur Björn Strid & Co. unfallfrei wagen können. Send 'em my love again!

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REVIEW 8.0 19.02.2020

(Dynamit, RH 394, 2020)

DEMONS & WIZARDS - III

Geschlagene 15 Jahre sind seit dem letzten DEMONS & WIZARDS-Output ins Land gezogen. 15 Jahre, in denen Sänger Hansi Kürsch mit Blind Guardian vier Studioalben veröffentlicht hat, während Gitarrist Jon Schaffer es in dieser Zeit sogar auf fünf Iced-Earth-Scheiben brachte. Genau wie ihre Hauptbands klanglich neue Wege beschritten haben, wird auch auf dem dritten DEMONS & WIZARDS-Album deutlich, dass das Duo sich kompositorisch weiterentwickelt hat, ohne die Vergangenheit auszuklammern. Besonders gut gelingt dieser Spagat beim Opener ´Diabolic´, der mit seiner düsteren Atmosphäre, epischen Gesängen und mannigfaltigen Arrangements an das unterschätzte Iced-Earth-Album „Burnt Offerings“ anknüpft. Auch im weiteren Verlauf der Scheibe zeigt die Band sich vertrackter, findet in Form von Classic-Rock- und Hardrock-Einflüssen aber auch neue Ausdrucksformen, die in den AC/DC-Vibes von ´Midas Disease´ und dem Led-Zeppelin-Gedächtnis-Part in ´Final Warning´ besonders deutlich werden. Was diesmal hingegen auf der Strecke bleibt, sind speedlastige Passagen, die auf dem Vorgängerwerk „Touched By The Crimson King“ für Adrenalin-Kicks gesorgt haben. Womit aber nicht gesagt ist, dass DEMONS & WIZARDS ihre Heaviness an den Nagel gehangen haben. Allen voran ´Wolves In Winter´ und ´Split´ stürmen mit bärbeißigen Riffs und eingängigen Refrains durch die Gehörgänge. Einige andere Songs benötigen hingegen mehrere Durchläufe, um ihre Qualitäten zu offenbaren. Somit ist „III“ keine Platte für zwischendurch, sondern ein Werk, das die volle Aufmerksamkeit des Hörers fordert, bevor die von Hansi versprochene „vergnügliche Achterbahnfahrt“ ihre Wirkung zeigt.

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REVIEW 9.5 19.02.2020

(Dynamit, RH 394, 2020)

OZZY OSBOURNE - Ordinary Man

„I´ll make you scream, I´ll make you defecate“, schreit uns Ozzy gleich im Eröffnungssong (´Straight To Hell´) seines neuen Albums entgegen. Okay, ob man sich beim Anhören von „Ordinary Man” jetzt gleich vor Freude in die Hosen scheißen muss, sei jedem selbst überlassen (gell, Jens?), aber ein lautes „Yeeeaaaaahhhhhhh, you fuckers!“ ist in jedem Fall angebracht. Denn zehn Jahre nach seinem letzten überaus belanglosen, weil Hit-freien Solo-Output „Scream“, dem auch noch die zwei Stinker „Black Rain“ und „Down To Earth“ vorausgingen, knallt uns der Madman mit mittlerweile 71 Jahren seine beste Songsammlung seit einem Vierteljahrhundert vor den Latz. Besagter Opener shufflet wie eine aufgepumpte Version der frühen QOTSA den Highway zur Hölle hinunter. Der folgende dynamische Midtempo-Rocker ´All My Live´ wäre dank blubberiger Gitarren-Power und catchy Refrain auch auf einem Referenzwerk wie „No More Tears“ nicht negativ aufgefallen. Mit dem schleppend sägenden ´Goodbye´ kannst du Grabsteine zerteilen. Der Titeltrack mit Gesangsunterstützung von Elton John ist eine klassische Ozzy-Ballade plus ´November Rain´-Gitarrensolo. Für das Eingangs-Riff von ´Eat Me´ würde selbst Tony Iommi glatt ´ne Fingerkuppe geben. Bei ´It´s A Raid´ tritt Ozzy gar das Gaspedal durch wie selten in seiner Karriere (Alvin und die Chipmunks auf Crack mit ´Sweet Leaf´-Zwischenteil - goil!). Die pompöse Halbballade ´Holy For Tonight´ sprüht nahezu vor Queen-haftem Ahaha-Pathos. Und auch die übrigen der elf Nummern fallen kaum ab. Einzig die contemporary R&B-Nummer ´Take What You Want´ ist in ihrer elektronischen Schwülstigkeit verzichtbar, geht als Experiment aber in Ordnung. Als wäre all das nicht schon erstaunlich genug, schafft es Ozzy an diesem Punkt seiner Karriere auch noch, sich mit ´Under The Graveyard´ das ´Seven Nation Army´ der kommenden Live-Saison aus den Rippen zu leiern (ich höre die Festival-Crowds schon „Oh-oh-oh, oh-oh-oh, oh-oh“ brüllen). Offenbar haben es Duff McKagan (b.) und Chad Smith (dr.) - beide selbst keine Frühlingsküken mehr - im Verein mit Andrew Watt, der hier als Gitarrenheld (was der Typ zusammenfiedelt - Wahnsinn!) und Produzent in Personalunion fungiert, geschafft, dem Prince of Darkness noch mal so richtig die Hölle heiß zu machen. Alright now!

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REVIEW 8,5 19.02.2020

(Dynamit, RH 394, 2020)

KVELERTAK - Splid

Der eine oder andere wird KVELERTAK abgeschrieben haben, nachdem Sänger und Aushängeschild Erlend Hjelvik 2018 von Bord gegangen ist. Doch die Norweger konnten mit Ivar Nikolaisen einen neuen Frontmann gewinnen, der sich ganz hervorragend in Bühnenshow und Bandsound einfügt. An Letzterem hat auf „Splid“ wieder Kurt Ballou mitgewirkt, womit die Musiker davon abgelassen haben, sich - wie auf „Nattesferd“ - selbst zu produzieren. Die Rückkehr zu Ballou hat sich gelohnt: Der Mann sorgt dafür, dass „Splid“ eine ganze Ecke frischer und runder als das 2016er Werk klingt. Zudem sind die Kompositionen wieder zwingender ausgefallen und werden in den Refrains gern mit einer Extraportion Melodie ausgeschmückt. Dass die Band sich dabei mehr und mehr von ihren Black-Metal-Wurzeln verabschiedet, stört kaum, denn an die Stelle der teuflischen Rasereien sind Classic-Rock-Harmonien und Heavy-Metal-Riffs gerückt, denen das Sextett mit seiner Punkrock-Herangehensweise ordentlich Feuer unterm Hintern macht. Zudem wagen KVELERTAK in der zweiten Albumhälfte einige Experimente, mit denen sie ihr stilistisches Terrain neu abstecken: Während sich die Truppe in 'Uglas Hegemoni' so deutlich wie nie vor Turbonegro verneigt, flirtet man zu Beginn von 'Tevling' mit '(Don't Fear) The Reaper'-Referenzen, bevor sich der Song zu einer der dynamischsten Nummern im KVELERTAK-Kosmos wandelt. Das achtminütige 'Delirium Tremens' geht noch weiter und zieht von einem balladesken Beginn bis zu einem Blastbeat-Höhepunkt alle Register. Lediglich das dröge 'Fanden Ta Dette Hull!' kann auch durch den Metallica-artigen Thrash-Part in der Mitte nicht gerettet werden. In der Summe ist es dem Sextett gelungen, die beste und spannendste Platte seit dem 2011er Debüt abzuliefern. Willkommen zurück!

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