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REVIEW 9.0 01.07.2020

(Album des Monats, RH 398, 2020)

LONG DISTANCE CALLING - How Do We Want To Live?

„Geile Scheibe!“, meint Eisenfavst, in meinem Büro stehend. „Bis auf einen Track.“ Ich habe ihn nicht gefragt, welchen. Eisenfavst ist Instrumental-Fan. Die Elektronik auf dem Album meinte er ausdrücklich nicht, denn „die ist okay“. Dann machte er auf dem Absatz kehrt. Seitdem habe ich mir das Album bestimmt zehnmal angehört, um herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen des neuen LDC-Longplayers liegen. Keine leichte Aufgabe. Das Songwriting von Deutschlands bester und erfolgreichster Instrumental-Band lässt sich längst nicht mehr nach normalen Maßstäben messen. Stumpfe Wiederholungen sind verpönt. In bester Pink-Floyd-Manier schwingt sich das Quartett kompetent von Part zu Part, mäandern die Stimmungen, um immer wieder ein großes Finale einzuläuten, bei dem (diesmal ganz akzentuiert, aber umso wirkungsvoller) auch mal die Metal-Keule herausgeholt wird. Die erste Hälfte ist einfach überragend gut gelungen, ´Curiosity´ wie gemacht für die Live-Situation. Die Spannung wird bis zum Bersten aufgebaut, ehe Janosch Rathmer mit einem satten Groove nach vorne marschiert. Überhaupt gibt der Rhythmus überraschend oft die Richtung vor. Ganz gleich, ob programmierte oder handgespielte Led-Zep-Beats - man hält es angenehm simpel, was eine Kunst für sich ist. Auf dieser Vorlage toben sich die Gitarren unermüdlich aus, spielen Keyboards sphärische Klänge. ´Hazard´ ist ein melodisches Progrock-Feuerwerk, ´Voices´ trotz acht Minuten Länge eine starke Video-Single mit einer gesungenen Melodie, die Aufmerksamkeit erzeugt. Die Cello-Unterbrechung ´Fall/Opportunity´ leitet das sich steigernde ´Immunity´ ein. Perfekt. Mit ´Beyond Your Limits´ gibt es den erwähnten Vocal-Track auf dem Album, der wie die zwischenzeitlichen Sprach-Samples wahrscheinlich nötig war, um den konzeptionellen Rahmen zu gestalten. Geht für mich in Ordnung. Auch die futuristische Ästhetik, mitunter im Sound sehr präsent, ist absolut angemessen. Lediglich das Album-Ende hätte noch einen draufsetzen können, aber ´Ashes´ bleibt vergleichsweise blass. Trotzdem eine enorm reife Leistung, auch im internationalen Vergleich. LONG DISTANCE CALLING haben am Veröffentlichungstermin festgehalten. Die Band findet es sogar geil, dass „How Do We Want To Live?“ mitten im Krisengeschehen erscheint. Auf dem Album geht es um das Verhältnis von Mensch und Maschine bzw. künstlicher Intelligenz, und in letzter Minute hat sich auch noch die thematisch artverwandte Virus-Problematik reingemogelt. Wie auch immer - die Platte erscheint definitiv zum richtigen Zeitpunkt. Allein schon der Titel ist essenzielles Nachdenkfutter.

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REVIEW 8.5 01.07.2020

(Dynamit, RH 398, 2020)

DEEP PURPLE - Whoosh!

Aller guten Dinge sind drei: Nach „Now What?!“ und „Infinite“ ist mit „Whoosh!“ auch das dritte DEEP PURPLE-Album unter der Regie von Song-Zurechtrücker Bob Ezrin ein Volltreffer geworden. Schon nach den ersten beiden Songs, dem wunderbar groovenden Überhit ´Throw My Bones´ und dem formvollendeten, mit extrem wirkungsvollen Rhythmuswechseln durch die Gehörgänge cruisenden Heavy-Rocker ´Drop The Weapon´, schwebt der geneigte Hörer im siebten Purpurhimmel. Und abgesehen von ein paar „nur“ guten Nummern geht es auf ähnlich hohem Niveau weiter. Variantenreich, druckvoll und taufrisch rocken die Hardrock-Granden durch Songs, die nur selten vorhersehbar und niemals bieder oder arthritisch klingen. Auch straighte Feger wie der Shuffle-Kracher ´No Need To Shout´, der sonnige Rock´n´Roller ´What The What´ oder das funkige ´Dancing In My Sleep´ haben immer das gewisse Etwas, das sich nur eine Weltklassekapelle mal eben so nebenbei aus dem Ärmel schüttelt. Noch eine Spur spannender sind allerdings fast schon proggige Mini-Epen wie der warmherzige, klassisch lasierte Tea-&-Biscuits-Rocker ´Nothing At All´ (zum Niederknien: Don Airey) oder das spooky-sphärisch verwehte, mit sakralen Orgelklängen alle Neune abräumende ´Step By Step´. Und wer auch vor Steve Morse niederknien möchte: Einfach dem Gitarrensolo in ´The Long Way Round´ lauschen. „Whoosh!“ heißt nicht nur das Album, „Whoosh!“ macht es auch nach spätestens zwei, drei Durchläufen im Großhirn. Ein sehr, sehr feines Alterswerk. Chapeau, die Herren!

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REVIEW 8.0 01.07.2020

(Dynamit, RH 398, 2020)

MAGGOT HEART - Mercy Machine

Daraus, dass MAGGOT HEART auch ein Produkt ihrer Wahlheimat Berlin sind, macht die Schwedin Linnéa Olsson (ex-Sonic-Ritual/The-Oath/Beastmilk/Grave-Pleasures) kein großes Geheimnis, ihre als Trio eingespielte Musik evoziert tatsächlich sofort den urbanen Raum, Beton, Graffiti und verkommene Hinterhöfe, die Bilder, die sie hervorruft, entstammen am Ende aber eher dem „Cinema of Transgression“ von Richard Kern oder Nick Zedd, also dem New York der achtziger Jahre, sicherlich auch deswegen, weil die noisigen Spitzen an andere damalige ProtagonistInnen wie Lydia Lunch oder Sonic Youth gemahnen. Zum vorherrschenden Indie Rock, Post-Punk und Ur-Wave gesellt sich nun - die gemeinsame Amerika-Tour ist nicht ohne Folge geblieben - eine weitere Sound-Facette vor allem in den Gitarren, die man von rockigeren Voivod kennt, von den ganz aktuellen („The Wake“), aber auch der genialen Endachtziger/Frühneunziger-Inkarnation mit „Nothingface“ und „Angel Rat“. Natürlich ist das in seinem Gestus und Habitus tendenziell alles ziemlich prätentiös, in der aktuellen Situation mit Cocooning als Gesellschaftsauftrag wirkt´s sogar wie aus der Zeit gefallen, aber wer weiß schon, was kommt und welches Wasteland musikalisch untermalt werden muss, es kann nicht schaden, für alle Gegebenheiten den passenden Soundtrack zu haben. Und ja, meinetwegen funktioniert „Mercy Machine“ am Ende auch einfach nur als Song-Album, in erster Linie hinten raus, wenn die Melodien Oberhand gewinnen, bei ´Lost Boys´ oder vor allem ´Senseless´, das in seiner Zerbrechlichkeit das Zeug zum Hit hat, beim Roadburn nachts um drei, wenn die Küsse noch nach Bier und Dope schmecken, aber ein kleines bisschen auch nach Abschied.

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REVIEW 9 01.07.2020

(Dynamit, RH 398, 2020)

CRO-MAGS - In The Beginning

»Ich denke, dass „In The Beginning“ das bislang beste CRO-MAGS-Album ist«, erzählt uns Bandgründer Harley Flanagan (b./v.) und klingt dabei null Komma null nach Promo-Gelaber. Auf dem ersten CRO-MAGS-Longplayer seit 20 Jahren, nach ewigen Streitereien mit Ex-Kollegen inklusive Knastaufenthalt im berüchtigten Rikers Island und einem kosten- und nervenzehrenden Gerichtsverfahren, verbreitet der Typ, der den Hardcore miterfunden hat, ihn aber schon seit Dekaden völlig uninteressant findet, eine Aufbruchsstimmung, die man bei der Generation 50 plus sonst mit der Lupe suchen muss. „In The Beginning“ ist - nomen est omen - Neustart, aber zugleich ein Anknüpfen an die besten Bandphasen. Das Album ist eine brillante Kombination aus dem „Power-Metal-Hardcore“ der „Best Wishes“-Phase, der „Age Of Quarrel“-Urgewalt und dem bei Harley schon seit langem sehr tief liegenden Genre-Tellerrand, der inzwischen sogar Platz für relaxten Soundtrack-Eskapismus lässt. Der Großteil der Platte ist aber ganz klar zwischen schnellen Nackenbrechern und düster riffendem Midtempo-Metal-Mosh positioniert. Harley brüllt aggro as fuck seine „Gib niemals auf“-Attitüde durch die Speaker, und Gitarrist Rocky George (ja, genau - der olle Suicidal-Tendencies-Held) fiedelgniedelt etwaige Soundlöcher geschmackvoll zu. Der beste Hardcore-Metal-Hybrid seit - jetzt bitte nicht durcheinanderkommen - Harleys Solo-Prachtwerk „Cro-Mags“ und somit motherfucking weit vorn. Er kann's halt wie kein anderer.

REVIEW 8,5 01.07.2020

(Dynamit, RH 398, 2020)

THUNDERMOTHER - Heat Wave

Filipa Nässil hat ein beeindruckendes Durchhaltevermögen bewiesen: Nachdem das alte THUNDERMOTHER-Line-up nach zwei Alben zerbrochen war, wagte die Gitarristin 2017 mit frischer Besetzung einen Neustart. Das 2008 veröffentlichte Album „Thundermother“ ließ besonders durch die prägnante Stimme von Sängerin Guernica Mancini aufhorchen. Auf „Heat Wave“ erreichen die Schwedinnen nun den Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens. Produzent Søren Andersen (Electric Guitars) hat dem Quartett nicht nur einen Top-Sound auf den Leib geschneidert, sondern auch beim Songwriting unter die Arme gegriffen, welches variabler als je zuvor ausfällt. Die Basis bilden nach wie vor Riffs der AC/DC-Schule, die aber durch den soulig-bluesigen Gesang von Guernica eine frische und eigenständige Note verliehen bekommen. Schon das eröffnende Doppelpack 'Loud And Alive' und 'Dog From Hell' lässt die einstige Rock'n'Roll-Hoffnung Airbourne ganz schön alt aussehen. Im weiteren Verlauf lässt die Band eine Hit-Rakete nach der anderen aufsteigen. Besonders 'Into The Mud', 'Mexico', 'Heat Wave' und 'Driving In Style' erweisen sich als Himmelsstürmer mit langanhaltender Strahlkraft. Lediglich das etwas platte 'Back In '76' will nicht so richtig abheben, während die Power-Ballade 'Sleep' mit ihrem gewöhnungsbedürftigen Streicher-Plüsch eher zum Feuerzeug-Schwenk taugt. Dass die Band aber auch ruhigere Töne anschlagen kann, ohne ins Kitschige abzudriften, beweist sie mit dem gelungenen 'Purple Sky', das durch seinen Hammond-Orgel-Einsatz in die Nähe von Blues Pills rückt. Mit diesem starken Album im Gepäck sind THUNDERMOTHER ihrem erklärten Ziel der „Rock'n'Roll World Domination“ einen großen Schritt näher gerückt. Weiter so!

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