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REVIEW 9.0 27.07.2022

(Album des Monats, RH 422, 2022)

SOILWORK - Övergivenheten

Bekanntlich sind Gitarrist David Andersson und Sänger Björn Strid nicht nur die Köpfe von SOILWORK, sondern auch von The Night Flight Orchestra. Bislang wurden diese unterschiedlichen Betätigungsfelder sauber getrennt, bei „Övergivenheten“ laufen sie nun erstmals ineinander. Besonders deutlich fällt dies bei ´Nous Sommes La Guerre´ und ´Valleys Of Gloam´ auf, die auf Rock-Riffs basieren, vergleichsweise ruhig daherkommen und ausschließlich auf Klargesang setzen - mit anderer Produktion (erneut von Thomas Johansson und schön organisch) könnten das auch TNFO-Nummern sein. Das kann man als Fan des alten SOILWORK-Sounds natürlich erst mal blöd finden, aber zum einen ändert es nichts an der Klasse der Kompositionen, zum anderen gilt diese Entwicklung nicht fürs ganze Album. Vielmehr ballert „Övergivenheten“ an vielen Stellen immer noch ordentlich, beispielsweise beim fast schon schwarzmetallischem ´Electric Again´, dem rasenden ´Is It In Your Darkness´ oder dem mit Geige verfeinerten Brecher ´This Godless Universe´. Allerdings folgen auch hier nach Doublebass-Gewitter und garstigen Shouts stets stimmige Klargesang-Refrains. Die lupenreine Death-Metal-Schule gibt´s also nicht mehr, aber von ihr ist die Band ja schon eine ganze Weile abgerückt. SOILWORK haben sich auf diesem Werk noch deutlicher als zuletzt geöffnet und erschaffen packende Musik über zahlreiche Genre-Grenzen hinweg - im besten Sinne progressiv! Besonders das tolle Titelstück veranschaulicht den ganzen Klangkosmos der Band anno 2022: Verhalten mit Akustikgitarre beginnend, wird eine intensive Soundtrack-Atmosphäre erschaffen, die in hypermelodischen Death Metal übergeht, der wiederum von einem cleanen Chorus gekrönt wird. Ab dem Break in der Mitte geht die Achterbahn wieder von vorne los. Angesichts der vielen Stil-Elemente ist es besonders bemerkenswert, wie homogen die Arrangements wirken und die unterschiedlichen Passagen wie selbstverständlich ineinanderfließen lassen. Ebenfalls ganz großes Kino ist das abschließende, siebeneinhalbminütige ´On The Wings Of A Goddess/Through Flaming Shees Of Rain´, das nach einem Spoken-Word-Intro zwischen typischem Schweden-Death und hochklassigem Bombast der Savatage-Referenzklasse sowie mächtigen Doom-Riffs pendelt. Abwechslung garantiert!

REVIEW 10.0 27.07.2022

(Dynamit, RH 422, 2022)

SATYRICON & MUNCH - Satyricon & Munch

„Ist das noch Black Metal oder schon Special Interest?“ Lauscht man den Ausführungen von Mastermind Sigurd „Satyr“ Wongraven in unserer letzten Ausgabe, darf Black Metal absolut alles und sollte sich niemals durch irgendwelche Limitierungen bremsen lassen. Schafft man sich einen Überblick über die Black-Metal-Welt Norwegens, ist Satyr damit gewiss nicht alleine. Man denke an Alben von Ulver, Soloprojekte von Fenriz (Neptune Towers) oder ´Blessed From Below´ von SATYRICON selbst. Was hier produziert wurde, ist nicht nur eine Komposition, die in der Kunstausstellung in Oslos Munch-Museum perfekt funktioniert, für die sie eigens komponiert wurde, sondern vielmehr eine Melange aus dem, was Black Metal für Norwegen ausmacht: ein Gefühl. So balanciert der einzige 54-minütige Instrumental-Track zwischen Romantik, Trauer, Einsamkeit, Erhabenheit, latenter Wut und einer einzigartigen Stimmung, die nicht nur in Verbindung mit den Kunstwerken von Edvard Munch funktioniert, sondern viel mehr zur inneren Einkehr und gleichzeitigem Abschweifen animiert. Synthesizer à la Klaus Schulze bzw. Tangerine Dream treffen Gänsehaut-Orchester-Arrangements, die durch Riffs aus längst vergessenen Neunziger-Jahre-Zeiten angereichert werden, in denen Darkthrone noch Tracks wie ´Snø og granskog (Utferd)´ aufnahmen. „Satyricon & Munch“ ist wahrscheinlich das Mutigste und Spannendste, das Satyricon seit „Rebel Extravaganza“ aufgenommen haben. Und: „Satyricon & Munch“ ist eine Black-Metal-Platte!

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REVIEW 8.0 27.07.2022

(Dynamit, RH 422, 2022)

ARCH ENEMY - Deceivers

In einer Zeit, in der extremer Metal von so vielen Menschen wie noch nie zuvor wahrgenommen und weitreichend geschätzt wird, sind ARCH ENEMY so etwas wie der Marvel-Blockbuster im überwucherten Underground-Arthouse-Dschungel. Im Szenekontext massenkompatibel und doch kompromisslos todesmetallisch, hat sich die seit 1995 aktive Melodic-Death-Institution längst an die Spitze der zukünftigen Headliner-Generation gespielt. Wer sich den elften Langspieler „Deceivers“ anhört, der versteht auch, warum. Die Stimmgewalt der als Nachfolgerin von Angela Gossow zur Band gestoßenen Kanadierin Alissa White-Gluz verhalf ARCH ENEMY schon 2014 zu einem raketenartigen Popularitätsschub und offenbart seither auf jedem Album neue Facetten. Zudem verleiht das göttliche Zusammenspiel des Gitarrenduos Michael Amott/Jeff Loomis den Songs eine virtuose Klasse, die ihresgleichen sucht. Von den Brutalo-Anfängen mit Kult-Shouter Johan Liiva hat sich das schwedisch-kanadisch-amerikanische Kollektiv mittlerweile zwar recht weit entfernt, die Qualitäten sind dafür aber an anderen Stellen zu finden: Das flott nach vorne rockende ´Handshake With Hell´ entpuppt sich gleich zu Beginn als perfekte Stadion-Hymne, bei der Alissa ihre stimmliche Bandbreite zur Schau stellen und nach ´Reason To Believe´ erneut mit Klargesang glänzen kann. ´Deceiver, Deceiver´ besinnt sich hingegen auf die wutschnaubenden Punk/Hardcore-Wurzeln der Combo, während der hochmelodische Thrash-Bolzen ´The Watcher´ einen Ausflug in die Bay Area unternimmt (Death Angel lassen grüßen). Das apokalyptisch-donnernde ´Sunset Over The Empire´ und ´Spreading Black Wings´ zeigen ARCH ENEMY wiederum von ihrer epischsten Seite. Im direkten Vergleich fehlen „Deceivers“ zwar mancherorts die großen Refrains und zwingenden Melodien (´In The Eye Of The Storm´, ´Poisoned Arrow´, ´One Last Time´), um in die Sphären von „War Eternal“ und „Will To Power“ vorzustoßen, der gigantischen Erfolgswelle der Band sollte das aber keinen Abbruch tun.

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REVIEW 3.0 27.07.2022

(Arschbombe, RH 422, 2022)

HOLLYWOOD - Hotel Kalifornia

Der Albumtitel schreibt den sonnigen Westküstenstaat mit „K“. Kennt noch jemand den gleichnamigen frühen Film mit Brad Pitt, in dem er den exzentrischen und unberechenbaren Mörder Early spielt? Dieser charismatische, kantige, gefährliche Streifen ist die Antithese zu diesem Album. HOLLYWOOD UNDEAD wollen heiß und gefährlich sein, aber sie brauchen allen Ernstes nur eine Minute und fünf Sekunden, um den ersten Oh-ho-ho-ho-Chorus im Kompositionsprinzip des berüchtigten Millennial Whoop ertönen zu lassen. Naturgemäß sind die Deep Cuts des Albums besser als der besagte Opener ´Chaos´, die erste Single, die von echtem Chaos nicht weiter entfernt sein könnte. Doch selbst die Songs in der Fläche sind durchweg aus kalkulierten Baukastenteilen zusammengesetzt, was kein Wunder ist bei einer Formation, die aus MCs mit den Namen Charlie Scene, J-Dog, Johnny 3 Tears, Funny Man und Danny besteht und die - so der offizielle Pressetext - „den jüngsten Trend zu Playlist-Hopping und genrefreien Ansätzen“ früh mitgemacht hat. Das Ergebnis ist rein sachlich betrachtet in der Tat ein „scheuklappenfreier Mix aus Rap, Rock und elektronischen Sounds“... oder mit anderen Worten: eine seelenlose Produktion von Content, der möglichst viele Zielgruppen mitnehmen soll. Den 40-Jährigen mit Basecap und Geldbörsenkette, der „Hybrid Theory“ für das beste Album aller Zeiten hält, ebenso wie den 14-Jährigen, dem man sich mit einem ´Trap God´ anbiedert, dessen entsprechender Sound im Refrain allerdings auch wieder in einen Pop-Nu-Metal-Refrain samt Rap-Rock-Aufbäumung mündet. Stumpfen Moshcore oder kitschigen Symphonic Metal hätte Early damals als tödlicher Anhalter im Radio des ihn mitnehmenden Pärchens wahrscheinlich noch akzeptiert. Für diese Musik gewordenen Social-Media-Clips hätte er beide augenblicklich erschossen.

REVIEW 8.5 29.06.2022

(Album des Monats, RH 421, 2022)

PORCUPINE TREE - Closure/Continuation

Nach drei, ähem, sagen wir mal gewöhnungsbedürftigen Soloalben klangzaubert Steven Wilson wieder in Sphären, in denen ihn die Progger unter seinen Fans am liebsten sehen dürften. Das über mehrere Jahre entstandene elfte PORCUPINE TREE-Album „Closure/Continuation“ setzt da an, wo PT 2009 mit „The Incident“ aufhörten und wo Wilson 2013 mit „The Raven That Refused To Sing“ den bisherigen Höhepunkt seiner cinematografischen Schaffenskraft erreichte. Die Opener ´Harridan´ und ´Of The New Day´ gefallen mit detailfreudig entworfenen, originellen Klanglandschaften, die trotz eher unauffälliger Hooklines eine intensive Atmosphäre durchweht. Wilsons magische musikalische Bildsprache, seine unkonventionellen und dennoch schlüssigen Songstrukturen, die bei aller technischen Exzellenz berührenden, oft melancholischen Emotionen - alles noch da und im 2022er Gewand nie fahler Retro-Chic, sondern immer vorwärts gerichtet. In ´Herd Culling´ lassen Wilson, Gavin Harrison (dr.) und Richard Barbieri (keys) garstigen Tool-Drive auf elektronische, hypnotische Ambient-Trance-Elemente treffen, im überwiegend ruhigen, elegisch-harmonischen ´Dignity´ kommen PT sogar an die großen Ohrwürmer von Alben wie „Lightbulb Sun“ heran. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass geniale Melodien auf „Closure/Continuation“ ansonsten recht rar gesät sind. Nach hinten raus mäandert das Album durch etwas ziellose Nummern, und das rhythmisch großartige Schachtelriff-Stück ´Rats Return´ bleibt letztlich vor allem Rechenschieber-Rock. Dennoch: unterm Strich besser als alles, was uns Wilson seit „Hand. Cannot. Erase.“ in die Abspielgeräte geschoben hat.

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