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REVIEW 8.5 29.06.2022

(Album des Monats, RH 421, 2022)

PORCUPINE TREE - Closure/Continuation

Nach drei, ähem, sagen wir mal gewöhnungsbedürftigen Soloalben klangzaubert Steven Wilson wieder in Sphären, in denen ihn die Progger unter seinen Fans am liebsten sehen dürften. Das über mehrere Jahre entstandene elfte PORCUPINE TREE-Album „Closure/Continuation“ setzt da an, wo PT 2009 mit „The Incident“ aufhörten und wo Wilson 2013 mit „The Raven That Refused To Sing“ den bisherigen Höhepunkt seiner cinematografischen Schaffenskraft erreichte. Die Opener ´Harridan´ und ´Of The New Day´ gefallen mit detailfreudig entworfenen, originellen Klanglandschaften, die trotz eher unauffälliger Hooklines eine intensive Atmosphäre durchweht. Wilsons magische musikalische Bildsprache, seine unkonventionellen und dennoch schlüssigen Songstrukturen, die bei aller technischen Exzellenz berührenden, oft melancholischen Emotionen - alles noch da und im 2022er Gewand nie fahler Retro-Chic, sondern immer vorwärts gerichtet. In ´Herd Culling´ lassen Wilson, Gavin Harrison (dr.) und Richard Barbieri (keys) garstigen Tool-Drive auf elektronische, hypnotische Ambient-Trance-Elemente treffen, im überwiegend ruhigen, elegisch-harmonischen ´Dignity´ kommen PT sogar an die großen Ohrwürmer von Alben wie „Lightbulb Sun“ heran. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass geniale Melodien auf „Closure/Continuation“ ansonsten recht rar gesät sind. Nach hinten raus mäandert das Album durch etwas ziellose Nummern, und das rhythmisch großartige Schachtelriff-Stück ´Rats Return´ bleibt letztlich vor allem Rechenschieber-Rock. Dennoch: unterm Strich besser als alles, was uns Wilson seit „Hand. Cannot. Erase.“ in die Abspielgeräte geschoben hat.

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REVIEW 8.5 29.06.2022

(Dynamit, RH 421, 2022)

MANTAR - Pain Is Forever and This Is the End

Mit ihrer vierten Langspielplatte entziehen sich MANTAR endgültig jeglichem Schubladendenken. Das in Bremen verwurzelte und mittlerweile von Nuclear Blast zu Metal Blade gewechselte Zwei-Mann-Abrisskommando lediglich als extreme Krachcombo abzustempeln, greift auf „Pain Is Forever And This Is The End“ jedenfalls eindeutig zu kurz. Frontmann Hanno und Drummer Erinç scheren sich einen Dreck um mögliche Erwartungshaltungen und jonglieren derart geschickt mit Punk, Hardcore, (Black) Metal, Sludge und Classic-Rock-Einflüssen (´Grim Reaping´, ´New Age Pagan´), dass einem schwindelig werden könnte. Angesichts Hannos spürbarer Weiterentwicklung als Songwriter ist dieses kreative Selbstbewusstsein aber auch gerechtfertigt, denn die zehn neuen Songs wurden in durchweg nachvollziehbare, in sich schlüssige Formen gegossen. So hält „Pain Is Forever...“ gekonnt die Waage zwischen brachialer Zerstörungswut (´Egoisto´!) und dichter Atmosphäre im Breitwandformat (´Odysseus´!) und hat oftmals echtes Underground-Hitpotenzial zu bieten (´Hang ´Em Low (So The Rats Can Get ´Em)´). Für inhaltlichen Tiefgang sorgt hingegen eine stets präsente emotionale Dringlichkeit, die die schmerzhafte Entstehungsgeschichte der Scheibe in all ihrer destruktiven Direktheit einfängt und dabei auch noch mit den Konsequenzen von scheinheiliger Pseudo-Spiritualität abrechnet. Feuersturm war gestern!

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REVIEW 9.0 29.06.2022

(Dynamit, RH 421, 2022)

COHEED AND CAMBRIA - Vaxis II: A Window Of The Waking Mind

COHEED AND CAMBRIA-Bandleader Claudio Sanchez (v./g.) ist ein echter Musicaholic. Oder kennt ihr einen anderen ernstzunehmenden Künstler, der in 20 Jahren zehn 40- bis knapp 80-minütige Studioalben veröffentlicht hat? Hinzu kommt, dass es sich bei den Kompositionen der New Yorker nicht um massenkompatible 08/15-Mucke von der Stange, sondern um anspruchsvollen, opulenten Progressive Rock mit Pop-, Emo- und Alternative/Classic-Rock-Einflüssen handelt. Zudem versucht sich die Combo auf jedem Opus ein Stück weit neu zu erfinden, ohne ihre Basics zu vernachlässigen. So ist „Vaxis II...“, auf dem die Band die ambitionierte Science-Fiction-Saga um das Ehepaar Coheed und Cambria Kilgannon weiterspinnt, das vielleicht poppigste und zugleich progressivste Album in der Vita der Band, auch wenn die klassischen Hardrock-Wurzeln von Sanchez & Co. von Led Zeppelin über Rush bis Thin Lizzy an vielen Stellen durchschimmern. Dass man dabei erneut eine famose Kunst/Kommerz-Balance an den Tag legt, ist genauso beeindruckend wie die „Heliumstimme“ von Claudio, die mir wohlige Schauer über den Rücken jagt, wie es sonst nur bei Rush-Ikone Geddy Lee, Candlebox-Frontmann Kevin Martin und Myles Kennedy (Alter Bridge) der Fall ist. Anders gesagt: COHEED AND CAMBRIA sind die „greatest and most underrated band on the planet“, um einen Fan zu zitieren. Anspieltipps: ´Beautiful Losers´, ´Comatose´, ´Shoulders´ und ´The Liars Club´.

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