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REVIEW 10 18.03.2020

(Album des Monats, RH 395, 2020)

DOOL - Summerland

Ich habe mich bislang nicht zum Tod von Neil Peart geäußert, und ich wollte es eigentlich auch nicht tun, das Ganze war mir - obwohl ich Peart nicht persönlich kannte; er hat ja so gut wie nie Interviews gegeben - einen Moment lang zu „privat“ und die Gefahr, ins Pathetische abzudriften, zu groß. Mit ernsthafter „Trauer“ um ihn hatte das ohne direkten menschlichen Bezug natürlich nichts zu tun, sondern lediglich mit mir selbst, mit mehr als drei Dekaden des intensiven Musikhörens, in denen Rush für mich eben immer der Fixstern waren, das alles Überschattende, eine Konstante selbst in Zeiten, in denen ich die Band noch nicht mal besonders oft gehört habe. Ich habe (spätabends) von Pearts Tod erfahren, und die einschneidenden Erlebnisse der letzten 30 Jahre in MEINEM Leben liefen danach an mir vorbei, eben weil Rush mich gerade in Extremsituationen immer begleitet haben, weil ich irgendwie alles Existenzielle mit ihnen verbinde, es war zumindest kurz so, als hätte sich ganz plötzlich ein Kreis geschlossen und Musik ihren Sinn für mich verloren, nachdem sie mit „Hold Your Fire“ und „A Show Of Hands“ einst einen ernsthaften bekommen hatte. Warum das hier hingehört? Weil es neue Platten danach tatsächlich nicht leichter hatten in meinen Ohren - und weil mich trotzdem schon lange kein Album mehr so angefasst hat wie die zweite DOOL. „Summerland“ stellt das Einlösen des Versprechens dar, das das Debüt „Here Now, There Then“ 2017 gegeben hat, vom Rohdiamant zum Juwel, dringlich, aber nicht aufdringlich, emotional, aber nicht übergriffig, Schwächen zulassend, aber nicht jämmerlich, traurig wie euphorisch zugleich, am Abgrund marschierend und doch mit absoluter Sicherheit die Balance haltend. Das Fiebrige der Anfangszeit ist dementsprechend einem nachhaltigeren Selbstbewusstsein gewichen, die Sounds sind offener geworden, von mir aus „post-punkiger“ und „waviger“, und wenn man noch mal hören möchte, wie „Postrock“ Relevanz verliehen wird, verliert man sich einfach im Ausklang 'Dust & Shadow', kongenialer Counterpart des ebenfalls am Limit komponierten Openers 'Sulphur & Starlight'. Keines der überdies hervorragend klingenden neun Lieder ist zu viel, jede Verschnaufpause gewollt, das Rotterdam-Kollektiv setzt die Reize perfekt - Heavy Rock 2.0. „Can you relate to me?“, fragt Ryanne van Dorst in 'God Particle'. Ist natürlich rhetorisch gemeint.

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REVIEW 8,5 18.03.2020

(Dynamit, RH 395, 2020)

TESTAMENT - Titans Of Creation

Die Freude über ein neues TESTAMENT-Album ist immer groß, aber die Band hat ein Problem: Jedes aktuelle Werk wird am Backkatalog gemessen, der an Highlights nicht arm ist. Im direkten Vergleich zum Vorgänger „Brotherhood Of The Snake“ hat „Titans Of Creation“ schon mal die Nase vorn. Während die 2016er Scheibe recht schnell zusammengeschustert wirkte, tönt „Titans Of Creation“ wesentlich durchdachter und abwechslungsreicher. Schon in der ersten Hälfte kann das Album mit drei Highlights punkten: Das mitreißende 'WW III' klingt ein bisschen, als würde Metallicas 'Battery' auf Machine Heads 'Davidian' treffen, während 'Night Of The Witch' mit Black-Metal-Einflüssen für frische Impulse sorgt. 'Dream Deceiver' spielt hingegen mit klassischen Heavy-Metal-Klängen (vor allem mit Scorpions' 'He's A Woman...' - bk) und entpuppt sich als enorm eingängige Nummer, die beweist, dass TESTAMENT auch ohne komplexe Songstrukturen hervorragend funktionieren. An anderen Stellen denkt das Quintett etwas zu sehr um die Ecke bzw. stellt den musikalischen Anspruch über den Zweck, einen eingängigen Song zu kreieren, wofür der sperrige Opener 'Children Of The Next Level' als Paradebeispiel steht. Mit 'City Of Angels' und 'Ishtar's Gate' wagt die Band sich mal wieder in langsamere und ruhigere Gefilde, in denen die Saitenfraktion noch besser ihr Können unter Beweis stellen kann, wobei die Songs aber nicht richtig auf den Punkt kommen. Glücklicherweise kriegt die Scheibe in der zweiten Hälfte wieder die Kurve: Die Alex-Skolnick-Nummer 'Symptoms' fällt musikalisch zwar ambitioniert aus, schafft es mit fernöstlicher Melodieführung und einem mitgrölkompatiblen Refrain aber, nicht nur Hirn, sondern auch Herz anzusprechen. Nach dem soliden 'False Prophet' zeigen 'The Healers' und 'The Code Of Hammurabi' noch mal eindrucksvoll, wie gut TESTAMENT den Wechsel zwischen Thrash- und Death Metal beherrschen, ohne dabei an Eingängigkeit einzubüßen. Das knüppelharte 'Curse Of Osiris' ist ein würdiger Abschluss, dessen instrumentales Outro 'Catacombs' eher wie ein Intro anmutet (muss man nicht verstehen). Fazit: Das durchgehend hohe Niveau des 1999er Meisterwerks „The Gathering“ wird zwar wieder nicht erreicht, doch von den jüngeren Veröffentlichungen geht „Titans Of Creation“ knapp hinter „Dark Roots Of Earth“ über die Ziellinie.

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REVIEW 9.0 18.03.2020

(Dynamit, RH 395, 2020)

HEAVEN SHALL BURN - Of Truth And Sacrifice

Dieses prall gefüllte Doppelalbum als „Grower“ zu bezeichnen, wäre weit untertrieben. Vielmehr haben HEAVEN SHALL BURN ein ganzes Feld bestellt, von dem man noch Jahre wird ernten können. Ein fruchtbarer Boden, so überreich von musikalischen wie inhaltlichen Nährstoffen, dass schon eine einzelne Rübe mehr Kalorien und Nährstoffe bietet als anderswo Berge von Industrienahrung. Zwei gigantische Höhepunkte hat die Band mit gutem Gespür vorab als Doppelsingle ausgekoppelt und eindrucksvoll verfilmt. ´Protector´ ist nicht mehr und nicht weniger als eine Sternstunde der gesamten Metal-Geschichte, in Sachen Aufbau, Arrangement und Qualität der emotionalen Aufwiegelung eine Blaupause für kommende Generationen. „I am your shield and sword!“ wird sich zur geflügelten Zeile entwickeln! Das Trauer-Epos ´Weakness Leaving My Heart´ beschließt über 98 Minuten durchdachter Dramaturgie mit den intensivsten und aufrichtigsten Tönen, die man der Trauer widmen kann. Selten zuvor wurden die Dienste eines Orchesters dermaßen sinnvoll eingesetzt. Zwischen technisch brillantem Metalcore und Death Metal leuchten mehr denn je elektronische Welten auf wie Neonlichter im nächtlichen Tokio oder auch das bläuliche Licht eines Röhrenfernsehers, an den noch alte Konsolen angeschlossen sind. ´Expatriate´ pluckert zu Beginn seiner knapp neun Minuten so atmosphärisch wie früher die Videospielmusik des kompositorischen Nerd-Genies Chris Hülsbeck. Durchlauf für Durchlauf wird man diesem Erlebnis nicht müde, erwischt sich aber mit der Zeit doch dabei, ein paar wenige der Tracks zu skippen, welche die dichte Stimmung zugunsten pflichtbewusst brutalen Dauerknüppelns etwas zurücknehmen. Dies jedoch ist Jammern auf Deutschlands derzeit allerhöchstem Niveau.

REVIEW 10 18.03.2020

(Dynamit, RH 395, 2020)

ME AND THAT MAN - New Man, New Songs, Same Shit Vol. I

Man kann von Behemoths Adam „Nergal“ Darski halten, was man will, und auch seine Idee, namhafte Metal-Stars einzuladen, um ein Album aufzunehmen, das alles andere als Heavy Metal ist, kann einen gerne unbeeindruckt lassen; wichtig ist, dass man sich „New Man, New Songs...“ ganz einfach und unvoreingenommen anhört, vielleicht bei einem Glas Whisk(e)y oder während man einen einsamen Highway runterdampft. (Wir stehen hier nur auf der Scheiß-B1 im Stau... - Red.) Denn: Auch wenn nicht Nergal, sondern ein unbekannter polnischer Straßenmusiker die Songs eingespielt hätte und die Vielzahl an SängerInnen auf dieser Scheibe unbeschriebene Blätter wären, bleibt die Musik unschlagbar gut und voller Hit- und Ohrwurmpotenzial. Der dreckige, verruchte Rotzrock-Opener 'Run With The Devil' (feat. Jørgen Munkeby von Shining NO), das urromantische, tief melancholische und Nick-Cave-ige 'Coming Home' mit Madrugadas (!) Sivert Høyem oder das verspielte Country-Duett des Liebespaars Nicke Andersson (The Hellacopters) und Johanna Sadonis (Lucifer) können genauso überzeugen wie Matt Heafy (Trivium) und Rob Caggiano (Volbeat) als „lonely cowboys“ in 'You Will Be Mine' bzw. 'Surrender' oder die abgründigen Düster-Nummern mit Romes Jerome Reuter ('Man Of The Cross') oder Shinings Niklas Kvarforth ('Confession'). Besonders ergreifend ist Ihsahns gesangliche Leistung in 'By The River': Die Rauheit und Emotion in seiner Stimme wirken unglaublich ehrlich, mit- wie auch zerreißend, sodass - im Zusammenspiel mit dem Solo - eine Gänsehaut die nächste jagt und man anschließend nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Diese ganze Dark-Folk/Bluesrock/Country-Platte lebt einfach von Emotionen, von unterschiedlichen Stimmungen und Vibes zwischen Verzerrung und Akustik, von frischen Kontrasten, von grandiosen künstlerischen Leistungen mit Herz, sodass es kurzum einfach großen Spaß macht, zuzuhören - immer und immer wieder. Um es mit den Worten eines guten Freundes abzuschließen: Geil, aber tiefsinnig, weißte?

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REVIEW 9.0 18.03.2020

(Dynamit, RH 395, 2020)

DISBELIEF - The Ground Collapses

Das Gefühl, von einem Panzer überrollt zu werden, können nicht viele Extrem-Metal-Bands beim Hören hervorrufen. Bolt Thrower selbstverständlich, Marduk höchstwahrscheinlich auch - und natürlich DISBELIEF. Die Südhessen feiern dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen und liefern mit „The Ground Collapses“ eines ihrer besten Alben überhaupt ab. Beim Gitarrensound hat man nochmals ein paar Briketts nachgelegt, fetter haben die Klampfen bei DISBELIEF nie gebraten, und in puncto Härte orientiert sich der elfte Longplayer wieder deutlicher an den Roots der Band. In puncto Intensität nimmt es „The Ground Collapses“ somit locker mit „Worst Enemy“ (2001) auf, das in Sachen Räudigkeit immer als das Nonplusultra der Diskografie galt. Der Fünfer um Ausnahmevokalist Karsten „Jagger“ Jäger schreibt mittlerweile aber durchgehend starke Songs, die - angetrieben vom typischen DISBELIEF-Groove - eine gewaltige Sogwirkung entfalten. Der überragende Titelsong, das verwegene, mit spannenden Harmonien versehene ´Killing To The Last´, das überraschend schnelle, aus der Feder von Neu-Gitarrist Marius Pack stammende ´Soul Destructor´ oder die megabrutale Hass-Projektionshymne ´Hologram For The Scum´ - es gibt einfach keinen schwachen Song auf diesem Meisterwerk. Diese Band ist und bleibt ein unwiderstehlicher Psycho-Trip, auf dem man gerne hängen bleibt und wo man nach Verklingen der letzten Töne erst mal tief Luft holen muss, weil einen die Kombination aus Musik und unglaublich tief gehenden Texten das Letzte abverlangt hat. Unfassbar gut, unfassbar intensiv!

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