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REVIEW 9.0 31.08.2022

(Album des Monats, RH 423, 2022)

BLIND GUARDIAN - The God Machine

Dass die blinden Gardinen nach „Beyond The Red Mirror” und der 23 Jahre lang im bandeigenen Zauberkessel brodelnden Twilight-Orchestra-Schwerstgeburt „Legacy Of The Dark Lands“ erst mal genug von allzu opulentem Orchester-Bombast haben, verwundert nicht. Als fester Bestandteil der Guardian-Identität sind zwar auch auf „The God Machine“ epische Elemente in Hülle und Fülle zu finden - am prominentesten bei den ausschweifenden Fantasy-Glanzstücken ´Secrets Of The American Gods´ und ´Life Beyond The Spheres´ -, allerdings wurden diese stärker in den Hintergrund gerückt, um zu jeder Zeit die Band selbst im Zentrum des Geschehens hervorzuheben. „The God Machine“ entpuppt sich pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum von „Somewhere Far Beyond“ als lupenreine Rückbesinnung auf alte Großtaten und brettert derart organisch, energiegeladen und kompakt durch die Botanik, dass man sich direkt in die vom Speed Metal dominierte Spätachtziger/Neunziger-Ära der Krefelder zurückversetzt fühlt. Wem die letzten Alben zu symphonisch und überladen tönten, dürfte bei hymnisch-thrashigen Brechern wie ´Violent Shadows´, ´Architects Of Doom´, ´Damnation´ und ´Blood Of The Elves´ sein Glück finden, zumal Frontbarde Hansi Kürsch hier so fies shoutet wie selten zuvor. Einen Moment zum Durchatmen bietet das getragene ´Let It Be No More´, das als klassische Power-Ballade jedoch deutlich aus dem Folk-Muster vorhergegangener Seelenstreichler wie ´Curse My Name´, ´Skalds And Shadows´ oder dem ´Bard´s Song´ ausbricht. Mit „The God Machine“ erfinden sich BLIND GUARDIAN also ein Stück weit neu, ziehen die Inspiration dafür aber aus ihrer eigenen Geschichte und knüpfen so geradewegs an den 1998er Meilenstein „Nightfall In Middle-Earth“ an. Willkommen in der Vergangenheit!

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REVIEW 9.5 31.08.2022

(Dynamit, RH 423, 2022)

KING'S X - Three Sides Of One

Jahrelang haben KING´S X mit Soloalben und Pausen rumgeeiert, mit ganz wenigen Tourneen die Band gerade mal am Leben erhalten. Erst war Drummer Jerry Gaskill ernsthaft erkrankt, nun muss Gitarrist Ty Tabor kürzer treten. Die Zeit wird knapp. Sänger Doug Pinnick, trotz seiner 71 Jahre auf mysteriöse Weise „alterslos“, thematisiert das in ´Give It Up´. Der Geradeaus-Rocker mit funky Hendrix-Flair pustet mit guter Laune alle Todesängste weg. Scheiß drauf, zieh es bis zum Ende durch! Trotzdem schwebt der Gedanke, es könnte das letzte Album dieser Band sein, spürbar über allem. Denn so konzentriert und leidenschaftlich war das Trio zuletzt auf den Klassiker-Alben bis einschließlich „Dogman“ unterwegs. Eine Platte von 1994. Die erste Single ´Let It Rain´ mit ihrem makellos-souligen Refrain, dem stoischen Beat und den perfekt arrangierten Gitarren ist auch gleich eine mitreißende Ansage. Danach wird es ruppig-lieblich, ehe Pinnick in ´Nothing But The Truth´ den seligen Blues Brother gibt. Das Stück erinnert nicht umsonst an die „Dogman“-Ballade ´Cigarettes´. Das apokalyptisch anmutende ´All God´s Children´ mit den wunderschönen dreistimmigen Chören und das nachdenklich-folkige ´Take The Time´ beschließen eine erste Hälfte, die zweifellos zu den besten der Bandkarriere gehört. Das ironisch-fröhliche ´Festival´ im Foo-Fighters-Stil ist in dem Zusammenhang eine wohltuende Überraschung, während das verstörende ´Swipe Up´ wie eine Sludge-Prügelei klingt. Es geht rauf und runter. Die Beatles-Fans lassen mit dem swingenden ´Holiday´ aber nicht locker und schieben mit ´Watcher´ einen typischen KING'S X-Melodic-Rocker nach. Auf den meisten Alben wäre die Luft längst raus, aber auch die letzten beiden Nummern besitzen Qualität. Musikalisch hochwertig und abwechslungsreich: „Three Sides Of One“ erfüllt tatsächlich fast alle Fan-Wünsche!

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REVIEW 7.5 31.08.2022

(Dynamit, RH 423, 2022)

MEGADETH - The Sick, The Dying... And The Dead!

MEGADETH sind wohl diejenige Band unter den Big Four des amerikanischen Thrash Metal, bei der die Meinungen über ein neues Album so weit wie bei keiner anderen auseinandergehen. „Dystopia“ wurde 2016 zwar vielerorts als Rückbesinnung auf die alten Tugenden gefeiert, demgegenüber standen aber auch Stimmen, die meinten, dass Dave Mustaine schon wesentlich schlüssigere Songs und geilere Riffs komponiert hätte. Letztere Fraktion könnte mit „The Sick, The Dying... And The Dead!“ etwas glücklicher werden, zeichnet sich das Album doch durch etwas zugänglichere und thrashigere Kompositionen aus (höre ´Life In Hell´, ´Night Stalkers´, ´We´ll Be Back´, ´Soldier On!´). Allerdings stehen daneben auch einige unspektakuläre Nummern, die an die in Teilen arg uninspirierte „Super Collider“-Scheibe erinnern (´Sacrifice´, ´Killing Time´, ´Junkie´). Auf dem gleichen Level wie auf dem Vorgänger verblieben sind hingegen die Vocals von Dave Mustaine, der seit „Dystopia“ wesentlich tiefer und unmelodischer singt als in der Vergangenheit. Natürlich waren Mustaines Vocals eh immer Geschmackssache, aber eigentlich kann man mittlerweile gar nicht mehr von „Gesang“ im eigentlichen Sinne reden. Vielmehr legt Dave die Lyrics mit einem monotonen Sprechgesang über die Songs, wodurch er natürlich nicht die gleichen Emotionen wie früher vermitteln kann und den Liedern einiges an Esprit raubt. Trotz all der Qualität, die „The Sick, The Dying... And The Dead!“ über Strecken innewohnt, muss man in der Summe attestieren, dass Truppen aus der zweiten Reihe wie Exodus und Testament der Band mittlerweile in kreativer Hinsicht den Rang abgelaufen haben.

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REVIEW 8.5 31.08.2022

(Dynamit, RH 423, 2022)

BEHEMOTH - Opvs Contra Natvram

Ob man BEHEMOTH mag oder nicht: Man muss den Polen um Frontmann Adam „Nergal“ Darski zugestehen, dass sie eine Klasse für sich sind, und entgegen diversen Redaktionsmeinungen beweisen sie das meiner Ansicht nach auch auf ihrem neuesten Werk „Opvs Contra Natvram“ auf mehreren Ebenen. Dreht man das Intro ´Post-God Nirvana´ auf, macht sich spätestens beim Einsatz von Nergals Schlachtrufen Gänsehaut breit. Die Band weiß, wie man Spannung und Atmosphäre erzeugt, und zieht damit sofort in den Bann, ehe ´Malaria Vvlgata´ das klassische Black-Death-Feuer BEHEMOTHs entfacht. An dieser Stelle zeigt sich auch, dass sich eine fette und eine organische Produktion nicht zwingend ausschließen müssen - und dass man kein plastisch klingendes Schlagzeug braucht, wenn man einen guten Drummer hat. Musikalische Highlights finden sich auf der erneut äußert detailreich komponierten Platte einige: ´The Deathless Sun´ repräsentiert eine typisch majestätische BEHEMOTH-Hymne, die vor dem inneren Auge dunkle Wolken aufziehen lässt und live unfassbar mitreißend werden wird, während darauffolgend ´Ov My Herculean Exile´ einen großartigen kompositorischen Gänsehaut-Moment bietet, indem aus einem Solo heraus unter stetigem Crescendo alles in einer völlig überragenden Blastbeat-Explosion endet. Wow! Darüber hinaus zeigt das Trio auch andere Facetten und legt beispielsweise in ´Off To War!´ einen geilen Metal-Punk-Moment hin, der in der Gitarre an eine schnellere Version des End-Riffs von Beherits ´The Gate Of Nanna´ erinnert. Insgesamt bleibt „Opvs Contra Natvram“ als klassisches BEHEMOTH-Epos hängen, auf dem es noch deutlich mehr zu entdecken gibt, als diese Rezension abdecken kann.

REVIEW 8.5 31.08.2022

(Dynamit, RH 423, 2022)

LONG DISTANCE CALLING - Eraser

Wir erinnern uns: Alle Bands ziehen ihre Alben zurück, nur LONG DISTANCE CALLING veröffentlichen im Corona-Lockdown „How Do We Want To Live?“ und landen damit einen Riesenerfolg für Neo-Instrumental-Musik in Deutschland. Auch wenn das Album eher die Beziehung zwischen Mensch und Maschine thematisierte, wird diese Platte für mich ewig mit dieser schwierigen Zeit verbunden sein. Zwei Jahre später schlägt die Truppe aus Münster nun das nächste Kapitel auf und widmet „Eraser“ aussterbenden Tierarten (jeder Song ist von einer solchen „inspiriert“). Die zart eingesetzte Elektronik des Vorgängers musste komplett weichen, das Thema „Natur“ wird wie beim 2018er Alben „Boundless“ handgemacht im Studio umgesetzt. Ein Terrain, auf dem die Band von Album zu Album bekanntlich sicherer agiert. Die Songs sind noch dichter, abwechslungsreicher und natürlich stets mit klaren Melodien versehen. Es wäre beinahe sensationell, wenn die Band nicht schon so viel gute Musik veröffentlicht hätte. Man kann aber festhalten, dass insbesondere Schlagzeuger Janosch Rathmer mittlerweile wie der Teufel höchstpersönlich wirbelt und stets im richtigen Moment das Tempo anzieht. Die Metal-Momente auf diesem Album sind überragend, der analog klingende Sound und das knackige Zusammenspiel reißen einfach mit. ´Blades´, ´Kamilah´ und ´500 Years´ legen die Messlatte spielerisch hoch, da ist es gut, dass es mit dem Saxofon in ´Sloth´, einem ansonsten merklich von Pink Floyd beeinflussten Titel, eine Verschnaufpause gibt. Die Konzentration auf nur acht Titel (plus Intro) tut dem Album zusätzlich gut. Alles in allem eine sehr reife Leistung mit dem Makel, dass man das eine oder andere Thema in ähnlicher Form schon mal gehört hat. In dieser Hinsicht war „How Do We Want To Live?“ wohl einzigartiger. Aber soll man kritisieren, dass der Nachfolger eines ikonischen Albums fast gleich gut ist?

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