ReviewDVD - Film

Band
NIRVANA 
Kategorie
DVD - Film 
Heft
RH #337 
Titel
COBAIN: MONTAGE OF HECK 
Erscheinungsjahr
2015 
Note

(Universal Pictures)
Das Thema NIRVANA erregt und spaltet immer wieder die Gemüter. Dementsprechend gibt es unzählige Veröffentlichungen, (in-)offizielle Biografien, Filme – sogar Verschwörungstheorien. Jenseits des Mythos NIRVANA und der Glorifizierung des Club 27 zeigt die Dokumentation „Cobain: Montage Of Heck“ den Menschen Kurt Cobain, ohne sich des Stereotyps des gequälten Künstlers zu bedienen. Der Film von Regisseur Brett Morgen verfällt nicht der Sensationsgier, die  im NIRVANA/Cobain/Love-Kontext schnell aufkommt. Nach einem Mixtape Cobains benannt, macht „Montage Of Heck“ es sich zur Aufgabe, im Zusammenschnitt verschiedenster Dokumente und Medienformen eine Version der Wahrheit abzubilden, die keinen Sündenbock braucht.
Niemals wirken die Interviews mit Cobains Bezugspersonen anklagend, die reuigen, resignierten und ehrlichen Aussagen von Freunden, Familien- und Bandmitgliedern sprechen für sich. Jeder der Befragten hat im Laufe der Zeit seinen eigenen Bewältigungsmechanismus entwickelt. Wir erfahren, dass Cobain bereits im Kindesalter wegen einer psychischen Störung behandelt wurde und seine Familie Schwierigkeiten hatte, mit dieser umzugehen. Als Teenager begann er, sich mit Drogen selbst zu medikamentieren, und entwickelte eine Sucht, die ihn bis zu seinem Selbstmord begleiten sollte.
Um einen kleinen Einblick in Cobains Gedankenwelt zu gewähren, visualisiert Morgen mithilfe animierter Szenen Tagebucheinträge und Audioaufnahmen, die von persönlichen Tapes und aus Interviews stammen. Zwischen diesen ruhigen, erzählenden Passagen und tatsächlichen Videoaufnahmen gibt es Montagen, in denen Cobains Zeichnungen, Zitate und Songtexte lebendig werden, so dass der Zuschauer sich inmitten einer verstörenden Bilderflut wiederfindet.
Doch immer wieder bietet „Montage“ auch Möglichkeiten, Distanz zum Mythos aufzubauen und das Gesehene selbst (neu) zu bewerten. Dass Morgen das ikonische ´Smells Like Teen Spirit´-Video beispielsweise mit der Version des belgischen Chors Scala unterlegt, bewahrt den Zuschauer davor, dem inneren rebellierenden Teenager nachzugeben, und schafft mit den zwiespältigen Impressionen eine bedrückende Atmosphäre.
Unbehagen bereiten auch die privaten Videoaufnahmen der Familie Cobain-Love, die in ihrer Skurrilität Dogma-Atmosphäre verströmen. Tochter Frances Bean Cobain fungierte bei „Montage“ als Co-Produzentin und ermöglichte Morgen u.a. den Zugang zu diesen Video-Dokumenten. Der Zuschauer wird Zeuge intimer Familienmomente, die mal herzerwärmend, jedoch meistens wahrhaft erschreckend sind. Doch auch hier wird weder verherrlicht noch klar verurteilt – anhand der Bilder darf sich jeder Zuschauer ein eigenes Urteil bilden.
Letztlich vereint „Cobain: Montage Of Heck” eine Masse an Material zu einem erfrischend objektiven Film, der den Zuschauer ebenso perplex wie bestürzt zurücklässt. Klar wird, dass es in der Tradition der reißerischen Umsetzungen natürlich weitaus einfacher ist, einen Schuldigen zu suchen oder Cobain als tragischen Antihelden darzustellen, als sich mit der psychischen Erkrankung eines jungen Mannes zu befassen – der richtige Weg ist das jedoch nicht. Brett Morgens Dokumentation hingegen macht thematisch und filmisch alles richtig und ist deshalb nicht nur für NIRVANA-Fans ein Muss.


Nina Hammelstein

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