ReviewDVD - Musik

Band
MINISTRY 
Kategorie
DVD - Musik 
Heft
RH #302 
Titel
Fix – The Movie 
Erscheinungsjahr
2012 
Note

(Gigantic Pictures)
Bereits im Vorfeld gab es Knatsch: Al Jourgensen, der im Vorspann als “executive producer” aufgeführt wird, hatte im Interview mit der Los Angeles Times angekündigt, er wolle die Filmemacher verklagen – und zwar nicht, weil der MINISTRY-Kopf in dem Streifen als komplett abgedrehter Junkie dargestellt werde (dies sei ihm nach eigenem Bekunden weitgehend egal), sondern weil der Film generell nicht seinen Vorstellungen entspreche – und weil Al nicht bezahlt worden sei.
Wie auch immer: Die treibende Kraft hinter “Fix” ist Ex-Bassist Paul Barker, einst kongenialer Partner sowie Gegen- und vor allem Ruhepol zum verrückten Animal Jourgensen und heute vom Ex-Chef nicht mal mehr namentlich erwähnte Hassfigur, die den Bandleader in all den vernebelten Drogenjahren angeblich übers Ohr gehauen haben soll. Sagen zumindest Insider.
Und so befindet sich in dem DVD-Package das komplette neue Barker-Album “Fix This!!!” als Bonus-CD. Jener Longplayer, der phasenweise wie eine imaginäre fehlende Hälfte der vergangenen drei MINISTRY-Alben klingt, sowie der Film machen zwei elementare Dinge deutlich:
1. Zwischen den Jahren 1989 und 1996 waren MINISTRY die mit Abstand innovativste, verrückteste, gefährlichste, ja ganz plakativ: BESTE extreme Band der Welt. Punkt. “Filth Pig” war und ist das erschütterndste und schwärzeste Rockalbum aller Zeiten. “The Mind Is A Terrible Thing To Taste” und “Psalm 69” sind die zwei wichtigsten Industrial-(Metal)-Klassiker aller Zeiten. Alle drei genannten Platten thronen auch deshalb so überirdisch über allem, weil Bassist, Mitkomponist und Mitproduzent Paul Barker in der Lage war, Als Wut und Wahnsinn zu kanalisieren und dessen Ausbrüche in innovative Sounds einzubetten.
2. Al Jourgensen ist als Alleinkämpfer seit Jahren überfordert; die schwachen Remixe, die fast schon dämlichen Coverversionen sowie vor allem das völlig indiskutable Comeback-Desaster “Relapse” machen das deutlich.
Der Film ist gut, weil Wegbegleiter, Kumpels und MINISTRY-Fans wie Lemmy, Jello Biafra, Nivek Ogre von Skinny Puppy, Dave Navarro von Jane’s Addiction, Trent Reznor und Tool-Stimme Maynard James Keenan viele kluge, dumme, lustige und nachdenkliche Dinge sagen. Der Film ist gleichzeitig mies, weil sich der Großteil der 100 Minuten auf den Drogenwahnsinn von Jourgensen bezieht, weil der Zuschauer mehrmals dabei zugucken muss, wie der Bandchef seine Heroin-Injektion vorbereitet, sich den Oberarm abschnürt und sich danach die Nadel in die Hand oder in den Unterarm jagt, und weil Al Jourgensen in seiner Sucht, auf seinem Weg vom Irren zum Wrack, regelrecht vorgeführt wird.
Herzlich lachen und mir auf die Schenkel klopfen musste ich genau einmal: Der komplett zugedröhnte Bandleader lässt sich erbost über das lahme Publikum beim With Full Force aus und bellt im Dressing Room: »Lame and shitty Saxonian metalheads! This is like Cleveland!«
Anmerkung in eigener Sache: Kurz nach Jourgensens Wutausbruch betrat ein schüchterner MINISTRY-Fan namens Mühlmann den Bandcontainer und äußerte ängstlich den Wunsch, Barker und Jourgensen mögen doch bitte mit einem schwarzen Edding das Cover eines Vinyl-Live-Bootlegs (!) signieren. Während Bassist und Bootleghasser Barker völlig angepisst das komplette Backcover der LP einschwärzte, pinselte Jourgensen auf die Vorderseite: “Keep this for autograph: This show was shit, really! Al Jourgensen.” Danach ließ der Sänger seine Hose bis in die Kniekehlen fallen, legte seinen Pimmel auf die Plattenhülle und lachte den erschütterten Fan freundlich an...


Wolf-Rüdiger Mühlmann

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