ReviewBuch

Band
PAUL STANLEY 
Kategorie
Buch 
Heft
RH #326 
Titel
Face The Music – A Life Exposed 
Erscheinungsjahr
2014 
Note

(Harper One)
Nach den Büchern der Kollegen Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss und diversen gelungenen, aber nicht immer schmeichelhaften Werken aus der Band-Peripherie möchte KISS-Chef Paul Stanley jetzt die Deutungshoheit über sein Leben zurück. Das macht er auf den knapp 500 Seiten des bislang nur auf Englisch erhältlichen „Face The Music...“ ziemlich geschickt. Der als Stanley Bert Eisen geborene 63-Jährige gibt sich offen und ehrlich, spendiert diverse Fremdschämfotos aus seiner Jugend, berichtet über seine Behinderung (er wurde mit einem verstümmelten Ohr geboren und ist auf einer Seite taub), seine miese Kindheit (irre Schwester, ignorante Eltern, gemeine Mitschüler) und seine lebenslange Psychotherapie; denn nur als Starchild strotzt der Musiker vor Selbstbewusstsein, der Mann hinter der Maske hingegen war lange Zeit ein gehemmter Einzelgänger. Diese Zugänglichkeit macht Stanley sympathisch. Dafür will er im Gegenzug aber das letzte Wort in der ewig neu interpretierten KISStory haben. Dass Paul der Kreativkopf der Band ist, weiß man. Dass Peter und Ace Antisemiten sind, ist neu. Einen wirklichen Nachweis bleibt Stanley allerdings schuldig. Fotos von Ace in einer SS-Uniform zählen nicht. So lief auch der Jude Stanley bereits herum. Gene kriegt wegen seiner Selbstherrlichkeit und seines phasenweisen Desinteresses an KISS auf den Deckel. Dass der frühere Bandmanager Bill Aucoin pädophil war, findet Stan hingegen zwar ebenfalls schlimm, er hat den Kerl im Gegensatz zu Criss und Frehley, die er immer wieder mit immenser Leidenschaft in Grund und Boden rammt, aber weiterhin ganz doll lieb.
Die erste Hälfte des Buchs leidet an einer leichten Oberflächlichkeit. Manchmal streikt zudem Pauls Langzeitgedächtnis (es stimmt nicht, dass Mark St. John keinen einzigen Auftritt als KISS-Gitarrist absolvierte), oder er lässt durchaus relevante Themen außen vor (seine seit Jahren unüberhörbaren Stimmprobleme und sein – durchaus tolles – Soloalbum „Live To Win“). Wenn er jedoch das Reunion-Desaster mit den unberechenbaren Criss und Frehley oder seine Begeisterung für die aktuelle KISS-Besetzung beschreibt, läuft Stanley zu Topform auf. Ebenfalls beeindruckend ist der Seelenstriptease über das Kaputtgehen seiner ersten Ehe und die Beziehung zu seiner jetzigen Frau und seinen vier Kindern. Lesenswert!


Jan Jaedike

AMAZONEMPFEHLUNG