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RH #202 
Note

Wie hat die Rockmusikszene den Mauerfall erlebt? Was ist "danach" anders geworden? Diesen Fragen geht der Berliner Musikjournalist Jörg Schulz in seinem 300-Seiten-Buch nach. Systematisch, Kapitel für Kapitel, lässt er Underground-Kult, kleine und große Macher, ostdeutsche und westdeutsche Phänomene sowie gesamtdeutsche Koryphäen zu Wort kommen. Herausgekommen sind dabei zum Teil ergiebige, nachdenkliche, spannende Beiträge - eine Art Schriftstück der "Bunten Republik Deutschland", wie sie sich (der ebenfalls in diesem Buch vorkommende) Udo Lindenberg stets erträumt hatte.
Am interessantesten wird es immer dann, wenn sich der jeweilige Gastautor von der tristen Theorie, die am Schreibtisch entsteht und endet, abwendet und lebendig über eigene Erfahrungen berichtet. So zum Beispiel die wahrlich abenteuerliche Odyssee der Mittelaltermusiker Corvus Corax, die nach dem Mauerfall durch Europa reisten und mit Hilfe von Straßenmusik von der Hand in den Mund lebten und überlebten - Freiheit wiegt mehr als staatliche Kontrolle, Festgehalt hin oder her. Oder Pothead: Amerikaner und Deutsche finden ihr Paradies in Berlin: "Coole Bars, coole Leute. Du kannst trinken und kiffen." Oder Pluto: Der Fan extremster Metal-Sounds, bekannt durch seinen jahrelangen Klamauk als Comicfigur Mike Lehmann (Radio Fritz), schildert mit typisch Berliner Schnauze, wie er nach der Wende seine kleine Plattenfirma Poserslaughter gründete. Absolut lesenswert, diese drei Beiträge. Es muss nicht immer die hohe Pseudopolitik sein, die ebenfalls in diesem Buch vorkommt - siehe Die Toten Hosen oder BAP.
Weitere Kapitel wurden u.a. von City, Silly, Puhdys, Keimzeit, K.D.A., Udo Dirkschneider, Doro und Thomas Jensen (Wacken Open Air) verfasst.
Die Schwarte kann bei www.akadras.de für 19,80 Euro bestellt werden.


Wolf-Rüdiger Mühlmann

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