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RH #188 
Note

Dass KISS-Fans oft nicht ganz dicht in der Birne sind, weiß man ja (wir haben schließlich selbst einige in der Redaktion). Aber das Teil hier toppt so einiges. Jedes der über 1.800 Konzerte der Band wurde von den Autoren mit Datum, Ort und Namen der Halle gelistet. Megapenibel haben sie sogar jede verschobene oder gänzlich gecancelte Show aufgeführt. Dazu kommen meist noch die jeweilige Setlist und die Zuschauerzahl. Das klingt jetzt natürlich mächtig dröge. Wer will schließlich lesen, dass KISS ungefähr sieben Milliarden Mal 'Rock'n'Roll All Nite' und 'Detroit Rock City' gespielt haben? Aber, oder besser gesagt ABER: Von dieser Basis ausgehend haben die Verfasser ein Quasi-Tagebuch der Bandgeschichte abgeliefert, das nicht nur durch Wühlerei in vielen Archiven zusammengetragen wurde, sondern anhand von 100 (!) Interviews mit Roadcrews, Support-Bands, Managements und Ex-KISS-Mitgliedern eine sehr interessante Sichtweise ermöglicht, die das bandeigene "KISStory"-Buch noch toppt. Jedes Tourkapitel wird durch Einleitungen über die KISS-Aktivitäten während des jeweiligen Karriere-Abschnitts ergänzt. Dabei schreibt man angenehm locker und steckt inhaltlich keineswegs devot im Hintern von Simmons & Co. Hinzu kommen unzählige lesenswerte Anekdoten zu den einzelnen Gigs. Da ist die Rede von Übergriffen durch Nazi-Bullen in Louisiana, einem Crew-Mitglied, das statt des 'Beth'-Halbplaybacks ein Beatles-Tape abspielt, Genes erster und einziger Drogenerfahrung (er futterte einen Haufen Hasch-Brownies, ohne von den Extra-Zutaten zu wissen), dem wie eine Herde Lamas die Band vollrotzenden irischen Publikum, einem Molotov-Cocktail, der in Italien auf die Bühne fliegt, der Rache einer schlecht behandelten Garderobiere, die Gene Gewichte in die Schuhe packt und Pauls Kostüm zu heiß wäscht, damit es einläuft und der eitle Stanley Panik bekommt, er habe zugenommen etc., etc., etc.
Es gibt jede Menge großartige Fotos und Flyerabbildungen, und hintendran hängen noch diverse Statistiken. Das ganze Ding sieht zudem bombig aus. Großformat, Hochglanz, knapp 300 Seiten. Und das für rund 30 Dollar. Simmons hätte dafür das Dreifache genommen und bestimmt so manches pikante Detail herausgefiltert.
Für Sammler ist die Schwarte darüber hinaus Basis für das Suchen nach exquisiten Bootlegs. Denn welcher KISSologe hat kein Interesse an Gigs, bei denen rare Songs wie 'Rock And Roll Hell', 'Kissin' Time' oder 'Sweet Pain' gespielt wurden oder Gene die Stimme verlor und Paul seine Parts übernahm?


Jan Jaedike

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