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Stell dir vor, du bist von der Gothic-Szene fasziniert. Du glaubst, dass diese Szene engagiert, tiefgründig, voller Spirit und Ideale sei, politisch gar, und intellektuell wichtig sowieso. Du bildest dir ein, diese Szene sei anders als die anderen, etwas total Besonderes und habe jede Menge kluger Köpfe hervorgebracht. Also möchtest du ein Buch über diese Szene herausbringen – und dafür scheinbar schillernde Aushängeschilder gewinnen, die über sich, über ihr Denken und Handeln Beiträge schreiben.
Eigentlich ist ”Gothic!” eine hervorragende Idee. Aber eben nur eigentlich... Denn leider entpuppt sich fast die Hälfte der Autoren als oberflächlich, engstirnig, kleingeistig und frei von jeder ernstzunehmenden Message. So jammert Dreadful Shadows-Sänger Sven Friedrich darüber, wie er als Zuschauer fluchtartig sein erstes Christian Death-Konzert verließ, weil sie zu ”metalig” geworden seien. Aber die Vorband Love Like Blood fand der Berliner dafür ganz toll. Hach, wie süß... Oder besser: total bekloppt - und gehört deshalb in den Papierkorb und nicht in ein Buch.
Überhaupt spielen Leute wie der Dreadful Shadows-Sänger in der Gothic-Szene keine großartige Rolle, denn es waren doch vor allem die von Friedrich gemiedenen Metal-Protagonisten, die Gothic zu einem kommerziell erfolgreichen und musikalisch anspruchsvollen Marktsegment gemacht haben. Leider sind Bands wie Type O Negative, Paradise Lost, Samael, Cradle Of Filth, Anathema oder Moonspell in ”Gothic!” nicht vertreten. Sicher, das Buch soll die Szene in Deutschland unter die Lupe nehmen, aber alt gewordene und mittlerweile irrelevante Szene-Großmütter wie Gitane Demone (USA) oder schwedische Sektenspinner wie Therions Christofer Johnsson (der ähnlich wie Friedrich seitenlang nichtssagende Worthülsen schwadroniert) dürfen ihren Senf ablassen. Warum also kein Peter Steele oder Nick Holmes?
Das nächste Problem: Hat man mit Leuten wie Bruno Kramm (Das Ich), Dirk Hoffmann (Zillo Magazin) oder Andrea Meyer-Haugen (Hagalaz Runedance) tatsächlich mal interessante Gesprächspartner gefunden, so stehen deren Anliegen streng isoliert zum gotischen Einheitsblabla (Musik, Klamotten, Rotweinsaufen, Kerzenschein...). Meyer-Haugen bekennt sich zum heidnischen Leben und erklärt, was sie unter dieser Philosophie versteht. Hoffmann geht näher auf die Neofolk-Szene und damit verbundenes Kokettieren mit konservativer, manchmal faschistischer Ästhetik einiger Bands ein. Und Bruno Kramm widmet sich ebenfalls politischen Inhalten und kritisiert das Auftreten von indifferenten Bands wie Death In June.
Als Quasi-Gegenpol schimpft und krittelt sich Josef Maria Klumb mal wieder in eine fragwürdige Sonderrolle. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Einer Szene, die so gefährlich und politisch wie Benjamin Blümchen ist, will dieses Buch in halbherziger Manier Politik und politisches Denken als festen Szene-Bestandteil unterjubeln. Das kann aber nicht funktionieren, denn Bands wie Death In June, Fortcoming Fire oder Blood Axis sind die Ausnahme, genauso wie die „Grufties gegen Rechts“. Aber das Gros der Fans ist inaktiv und hört einfach nur Musik.
Und so ist ”Gothic!” einerseits sagenhaft schlecht, andererseits in seiner Oberflächlichkeit aber der ideale Spiegel einer Szene, in der es sowieso mehr um Schein als um Sein geht. Die inflationäre Anzahl an – zugegeben: hochklassigen – Fotos verstärkt diesen Eindruck noch, genauso wie die einschlägig bekannte Gothic-Presse: viel Spieglein, Spieglein an der Wand, wenig Inhalte...
”Gothic!”, 240 Seiten, 128 Fotografien; Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 39.80 Mark (ISBN 3-89602-332-2).


Wolf-Rüdiger Mühlmann

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