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KEINE MACHT FÜR NIEMAND - Die Geschichte der Ton Steine Sche 
Note

Für manche haben sie den Punk erfunden, für andere waren sie ein Haufen stinkiger Anarcho-Hippies, doch die wenigsten haben TONE STEINE SCHERBEN als ernstzunehmende Rock-Band akzeptiert. Der Titel dieses auf den Erinnerungen des SCHERBEN-Bassers Kai Sichtermann basierenden Buchs ist daher durchaus zweideutig zu verstehen. Nachdem die Gruppe mit eben jenem Lied oder dem 'Rauchhaus-Song' linke Hymnen geschrieben hatte, wurde sie für den Rest ihrer Tage von der alternativen Szene vereinnahmt. Die Basis schrie schon "Ausverkauf!", wenn sich die Berliner neue Verstärker leisteten oder kostendeckenden Eintritt für die Konzerte verlangten. Die hinzukommenden Bullen-Schikanen der RAF-paranoiden BRD der Siebziger führten schließlich zur SCHERBEN-Flucht nach Nordfriesland ("Kuhfladen statt Kommunismus"). Doch der PC-Maulkorb der Linken reichte auch bis in die Einöde, woran die Band 1985 hoch verschuldet zerbrach.
"Keine Macht für niemand" ist eine lesenswerte Zusammenstellung von History, Interviews, Fotos und vielen Anekdoten. So zerhackten die SCHERBEN schon 30 Jahre vor Slipknot bei einer TV-Diskussion einen Tisch, absolvierten ihren ersten Auftritt auf einem von Beate Uhse gesponserten Festival, und Band-Chef Rio Reiser war trotz Szene-verordnetem Atheismus gläubiger Christ. Auch der strikte Verzicht auf Privatsphäre, der selbst vor dem Aushängen von Klotüren nicht haltmachte, ist im Nachhinein äußerst skurril. Außerdem liest man Wörter, die sich im Laufe der Jahrzehnte aus dem gängigen Vokabular fast völlig verabschiedet haben (z.B. Smoke-In, Agit-Prop, Klassenkampf und Mao-Bibel), wodurch die mit vielen Bildern und Interviews der Beteiligten angereicherten 320 Seiten eine reizvolle Zeitreise ergeben, die sowohl mit einigen Legenden um die SCHERBEN aufräumt als auch die damalige Aufbruchstimmung im deutschen Rock widerspiegelt.


Jan Jaedike

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