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Kategorie
Buch 
Titel
WIR WOLLEN IMMER ARTIG SEIN - Punk, New Wave, HipHop, Indepe 
Note

„Sie verurteilten wissentlich Unschuldige wie Sid und Major, die sie ins Gefängnis sperrten, mit gnadenloser Härte der Urteile, die ihr ganzes Leben ruinierten: Beide bekamen um die fünf Jahre Berlin-Verbot, Meldepflicht, Arbeitsplatzbindung und nur einen provisorischen Personalausweis, der jeden Bullen zur Willkür ermächtigte. Bei Verstoß gegen diese Auflagen ging man erneut in den Knast, so daß Sid wegen ein und derselben Sache fünfmal im Gefängnis war... Viele Punks trugen 1981 dicke fette Judensterne. In der gesamten Gesellschaft geächtet, verfolgt, verhaftet, vorgeführt und endgelöst, fühlten sich die Punks als Juden von heute.”
Auch das war die DDR: ein Staat, der Teile seiner Jugend abschaffen, wegschließen wollte. Und es wurde höchste Zeit, daß ein Buch wie dieses erscheint. „Wir wollen immer artig sein“ ist ein schwerer, hervorragend recherchierter Wälzer, der sich schwerpunktmäßig mit Ost-Punk beschäftigt. Punks in der DDR galten als Aussätzige, Staatsfeinde, Konterrevolutionäre. Die Punks in Leipzig, Dresden, Berlin oder Erfurt waren eine tatsächliche Gegenbewegung zum Stalinismus, dem diktatorischen Staatsapparat und dem Konformismus in der deutsch-demokratischen Musikszene. Die Stasi und die Volkspolizei hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Punkbewegung komplett auszurotten – durch Gewalt, Einschüchterungen, Verbote und Freiheitsentzug. Gelungen ist es Stasiboß Mielke nicht.
Das von dem Radiomoderator Roland Galenza und dem Kunstwissenschaftler Heinz Havemeister herausgegebene und von verschiedenen ostdeutschen Autoren geschriebene Buch berichtet über Schicksale und Dramen, über Abenteuer und illegale Punkkonzerte, über die wichtigsten und von der Staatsmacht verfolgten Punkmusiker des ostdeutschen Undergrounds und Künstler, die sich mit dem System arrangierten. Es geht um Opfer und um Musiker, die nach der Wende als Stasispitzel enttarnt wurden. Es geht um mutige Christen, die ihre Kirche für die Punks öffneten, und um Angst, die allgegenwärtig war. Vor allem aber geht es um Musiker, die in Bands wie Feeling B (mit Rammstein-Mitgliedern), Schleim-Keim, L’Attentat oder Wutanfall lärmten. Ferner beleuchten die Autoren die Wave- und Independent-Szene, in der sich Acts wie Die Art, Messer Banzani oder The Legendary Tishvaisings (später Think About Mutation) tummelten. Und auch dem HipHop als Antikultur wird auf seine ostdeutschen Wurzeln geschaut.
Not macht erfinderisch – diese DDR-typische Bauernregel hält in allen Kapiteln des Buches Einzug. Seien es selbstgebastelte Verstärker und Drumkits, mit denen Punkbands ihre ersten Lieder schrubbten, oder eine von der DDR-Opposition produzierte Radiosendung, die unter dem Namen ”Radio Glasnost” in Westberlin ausgestrahlt wurde – ständig wurde versucht, Verbote zu unterlaufen und Unmögliches möglich zu machen.
„Wir wollen immer artig sein“ erfüllt mehrere Funktionen. Das Buch bietet unterhaltsamen, meist locker und flockig geschriebenen Lesestoff über ”die andere Musik”. Zudem ist der Wälzer eine gelungene Aufarbeitung eines Stücks deutscher Geschichte. Es zeigt auf, welche Bürden junge Menschen auf sich nehmen, nur um ihre Vorstellungen vom Leben in die Tat umsetzen zu können, und daß die DDR auch deshalb untergegangen ist, weil die Jugend einfach nicht mehr mitmachen wollte.
Im Handel erhältlich für 39,80 Mark (ISBN 3-89602-306-3, 416 Seiten, Großformat, zahlreiche Abbildungen).


Wolf-Rüdiger Mühlmann

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