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Titel
AMNION-ZYKLUS (Heyne) 
Note

Es beginnt alles beängstigend unscheinbar: Gerade mal knapp über 200 Seiten dick ist „Die wahre Geschichte“, der erste Band von Donaldsons seit kurzem endlich auch auf deutsch erhältlichem Science Fiction-Fünfteiler - im Vergleich zu seinen Mammut-Epen über Thomas Covenant oder seinem „Mordant´s Need“-Doppeldecker kaum mehr als eine Kurzgeschichte. Und auch inhaltlich macht sich anfangs eher leise Enttäuschung als Begeisterung breit, denn der Erschaffer faszinierender Welten und rasanter, komplexer Handlungsabläufe begnügt sich mit lediglich drei, noch dazu recht stereotypen Charakteren: dem skrupellosen Raumpiraten Angus Thermopyle, seinem Widersacher, dem schillernden Sternenkapitän Nick Succorso, und Morn Hyland, einer schwächlichen Polizistin, die sich in Angus´ Gewalt befindet. Doch schon nach wenigen Kapiteln entwickelt sich aus der scheinbar ultraplatten, Hollywood-kompatiblen Ausgangssituation eine mitreißende, ungemein tiefsinnige und weitverzweigte Story, die Donaldsons frühere Meisterwerke locker in den Schatten stellt. Bei jedem Charakter offenbaren sich seelische Abgründe, wie sie Shakespeare nicht lebensnaher und packender hätte schildern können, die Rollenverteilung weicht immer mehr auf, und spätestens im zweiten Band „Verbotenes Wissen“ steht der Leser klopfenden Herzens einem intergalaktischen, genial eingefädelten Ränkespiel gegenüber, in dem sich zwei Dutzend perfekt ausgearbeitete Figuren einen gnadenlosen, heimtückisch geführten Machtkampf liefern. Bis zum Ende des finalen „Heute sterben alle Götter“ wird man von immer neuen, atemberaubenden Finten überrascht und weiß streckenweise überhaupt nicht, auf wessen Seite man sich eigentlich schlagen soll. Seit Frank Herberts „Dune“-Zyklus ist mir kein so spannendes, intelligentes und visionäres Science Fiction-Meisterwerk mehr auf den Nachttisch geflattert.
Puristen sei - wie immer - geraten, sich die englische Originalversion zuzulegen, da sie der (recht ordentlichen) deutschen Übersetzung natürlich meilenweit überlegen ist.


Michael Rensen

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