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Kategorie
Buch 
Titel
Chaostage (Zap-Verlag) 
Note

Berufs- und Vorzeigepunk Moses Arndt, ansonsten treibende Kraft hinterm "Zap"-Fanzine, macht sich mit "Chaostage" daran, "neue Maßstäbe im Bereich der Schundliteratur" (sic!) zu setzen.
Auch wenn er mit dem Buchtitel nicht das alljährliche Irokesen-Treffen, sondern die Chaotik einiger wahllos herausgepickter Tage seiner ProtagonistInnen meint, bleibt "Chaostage" natürlich durch und durch pUNk.
Allerdings spielt die Schwarte in einer Zeit, in der die Frage, ob du mit acht Millionen verkauften Platten noch Szene-kompatibel bist, längst nicht aktuell war und Sellout bereits bei Eintrittspreisen von mehr als fünf Mark begann. Moses gräbt in der Hochzeit der Stachelfrisuren Anfang der Achtziger, als nicht Gleichgültigkeit und Schnorrermentalität den Punk definierten (deformierten?), sondern der tägliche Kampf ums Anderssein, gegen Bullen, Glatzen und den Normalspießer von nebenan.
Beim Vermischen von wahren Begebenheiten, 'ner anständigen Dosis Übertreibung und spätpubertären Phantasien sind Moses einige der schillerndsten Figuren aus der Feder geflossen, die die deutsche Underground-Schreibkunst in der letzten Zeit hervorbrachte.
Da ist z.B. die Schwellkörper-fixierte Spanierin, die auf Oral- bzw. Pinkel-Sex mit Naziskins und russischen Einwanderer-Mädels steht. Oder der Brutal-Fascho, der sich seine Kohle als Stricher für verdeckte Yuppie-Homos verdient. Oder aber die "Rosaroten Panther", eine schwule Selbstverteidigungstruppe, die nach dem Motto "der Zweck heiligt die Mittel" mit megaderben Methoden gegen die Glatzenattacken vorgeht.
Unterm Strich bleibt ein Suff-, Blut-, Drogen- und Sperma-geschwängertes Werk, das aber auch einen guten Einblick in die Attitüde der frühen Punk-Bewegung gewährt und das sich unbedingt ein ambitionierter Underground-Regisseur greifen sollte, um es in ein Leinwand-Inferno zu verwandeln, von dem sich der deutsche Film nicht so schnell erholen dürfte.
Moses hat die gut 200 Seiten innerhalb von drei Wochen runtergeschrieben. Dadurch haben sich natürlich einige Holprigkeiten eingeschlichen, die diversen Feuilletonisten einen erstklassigen Herzkasper bescheren dürften, dem Buch aber kaum etwas von seiner amüsanten Giftigkeit und Lesbarkeit nehmen.
"Chaostage" gibt´s für 29.90 DM inkl. Porto beim Zap-Verlag, Untere Allee 3, 66424 Homburg.


Jan Jaedike

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