ReviewAlbum des Monats

Band
NEVERMORE 
Kategorie
Album des Monats 
Heft
RH #219 
Titel
This Godless Endeavor 
Erscheinungsjahr
2005 
Note
10.0 

(57:16)
Mein lieber Herr Gesangsverein! Eins vorweg: „This Godless Endeavor“ ist - trotz „Dead Heart In A Dead World“ - nicht nur die stärkste NEVERMORE-Platte überhaupt, sondern auch das bisher beste und intensivste Metalalbum des nicht mehr gerade jungen Jahrzehnts.
Warum? Weil es Warrel Dane & Co. schaffen, den Hörer so tief und ohne Umweg in der Seele zu berühren, dass es fast schon schmerzt. Immer zwischen unbändiger Wut, tiefer Verzweiflung und schulterzuckendem Fatalismus balancierend, stellen die von Dane einmal mehr brillant verfassten Texte stets die richtigen Fragen und bewegen sich zwischen den Polen Identitätsverlust, Systemkritik, Sinnsuche und Gottesanklage, was im am Schluss platzierten Titeltrack seinen Höhepunkt findet. Man merkt, dass sich vor allem Warrel als Mensch neu finden musste - zu einer positiven Grundausrichtung konnte sich der Zyniker aber nicht durchringen. Warum auch? „Did you ever realize that nothing changes, everything stays the same?“ Das ist bitter, aber andererseits auch eine befreiende Feststellung. Dinge passieren, sie passieren nicht, Ereignisse und Menschen beeinflussen das Leben, das Denken, auch das Handeln - aber sie verändern niemals wirklich dein eigenes Ich. Es ist legitim, Fragen zu stellen, aber es ist illusorisch, Antworten zu erwarten. Nur der Weg kann - oft zitiert - das Ziel sein: „It´s a one way ride and there´s nothing you can do.“
Musikalisch umgesetzt wurde „This Godless Endeavor“ auf fantastischste Weise mit allen typischen NEVERMORE-Trademarks, wobei man sich wieder deutlich eingängiger als auf dem (superben!) Vorgänger „Enemies Of Reality“ zeigt. Die beiden extrem melodischen ´Sentient 6´ und ´Sell My Heart For Stones´ haben beide das Niveau von ´The Heart Collector´, das sich zwischen hammerhartem Thrash, famosem Power Metal und Prog bewegende Opener-Pack ´Born´/´Final Product´/´My Acid Words´ ist so dermaßen großartig, dass man es kaum glauben möchte, die etwas sperrigeren ´Bittersweet Feast´, ´Medicated Nation´ und ´The Psalm Of Lydia´ erschließen sich erst nach mehrmaligem Hören, arbeiten sogar mit ganz alten Psychotic-Waltz-Versatzstücken und zeigen dabei jeglichem Cheese-Gedudel und -Gefrickel, wie man mit Sinn und Verstand durch die Gegend breakt - und das von Steve Smyth verfasste, mit einem Jahrhundert-Refrain ausgestattete ´A Future Uncertain´ leitet den bereits erwähnten, fast neunminütigen Titelsong ein, der in Sachen Intensität auf einer Stufe mit Fates Warnings ´Exodus´ steht (auch wenn man beide Bands stilistisch natürlich kaum vergleichen kann).
Und um ein paar weitere „Kleinigkeiten“ nicht zu verschweigen: Dane singt so gut wie noch nie, ein besseres Klampfengespann als Jeff Loomis/Steve Smyth gibt´s in diesem Genre nicht, die Produktion von Andy Sneap ist schlicht und einfach perfekt, und das extrem atmosphärische Hugh-Syme-Artwork rundet das Album mit einem Paukenschlag ab.
Falls man es bis hierhin noch nicht gemerkt haben sollte: Ich bin begeistert.

LINE-UP
Warrel Dane (v.)
Jeff Loomis (g.)
Steve Smyth (g.)
Jim Sheppard (b.)
Van Williams (dr.)

DISCOGRAFIE
Nevermore (1995)
In Memory (EP, 1996)
The Politics Of Ecstasy (1996)
Dreaming Neon Black (1999)
Dead Heart In A Dead World (2000)
Enemies Of Reality (2003)
Enemies Of Reality (neue Version, 2005)
This Godless Endeavor (2005)

DIE PATEN
Wer „This Godless Endeavor“ mag, dürfte auch an den folgenden Bands Gefallen finden: Communic, Into Eternity, Lanfear, Megadeth, Morgana Lefay, Opeth, Psychotic Waltz, Sanctuary, Testament, Watchtower

Das sagt Jeff Loomis zum aktuellen Album:
»Ich bin sehr glücklich, dass wir mit „This Godless Endeavor“ die Pole Position im Rock Hard erreicht haben. Wir hatten das Glück, endlich wieder mit Andy Sneap arbeiten zu können. Wir sind mit einer bestimmten Vorstellung, wie die Platte klingen soll, ins Studio gegangen, und Andy hat die ganze Chose perfekt umgesetzt. Er hat das richtige Ohr für unsere Musik. Wenn die Chemie derart stimmt, ist es eigentlich kein Wunder, dass das Ergebnis überzeugt!«


Boris Kaiser 10.0

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