ReviewAlbum des Monats

Band
BRUCE DICKINSON 
Kategorie
Album des Monats 
Heft
RH #217 
Titel
Tyranny Of Souls 
Erscheinungsjahr
2005 
Note
9.5 

(43:36)
„Professer Quatermass, where are you?“, fragt Science-Fiction-Fan Dickinson im Intro des neuen Hammeralbums „Tyranny Of Souls“ - und muss feststellen, dass der schrullige Professor, der in seinen Filmen alle fünf Minuten die Welt rettet, diesmal nicht zur Stelle ist. Die Menschheit ist dazu verdammt, ihre Zukunft irgendwo in den Weiten des Universums zu finden - mit Hilfe neuer Technologien, die Bruce Dickinson schon mal musikalisch verpackt hat. Dass er dabei eher traditionell zu Werke geht und futuristische Sounds glücklicherweise hipperen Kollegen überlässt, war zu erwarten. Stilistisch liegt „Tyranny Of Souls“ ziemlich genau zwischen den beiden Monumentalwerken „Accident Of Birth“ und „Chemical Wedding“, wobei auch alle früheren Dickinson-Alben anklingen. Harte Banger wie ´Abduction´ oder ´Soul Intruders´ wechseln sich mit atmosphärischem Stoff à la ´Kill Devil Hill´ oder ´Believil´ ab, groß angelegte Heavy-Rocker wie ´River Of No Return´ oder ´Tyranny Of Souls´ stehen leichter Kost wie ´Devil On A Hog´ oder der überragenden Halbballade ´Navigate The Seas Of The Sun´ gegenüber - und alle Songs sind Weltklasse! Was sich Gitarrist/Produzent Roy Z hier aus den Fingern schraubt (hört euch nur das Solo in ´Navigate...´ an!), ist ebenso begnadet wie Bruce´ atemberaubende Gesangsleistung, die den etwas uninspirierten Eindruck, den das letzte Maiden-Album „Dance Of Death“ hinterließ, schnell ausmerzt. Wenn man dann noch weiß, unter welchen Umständen „Tyranny Of Souls“ eingesungen wurde (s. Kommentar von Roy), kann man sich nur noch vor Bruce verneigen.
An dieser Scheibe stimmt alles: Sie ist abwechslungsreich, ohne zerfahren zu wirken; sie klingt spontan und trotzdem nicht „unfertig“, und die Produktion - auch wenn ausschließlich mit Pro-Tools-Equipment gearbeitet wurde - passt perfekt zur Stimmung der einzelnen Songs. Mal klingt Bruce, als ob er dem Hörer direkt ins Ohr singt, mal muss er gegen bombastische Arrangements „ankämpfen“ - aber nie klingt er auch nur ansatzweise unsouverän oder gar seelenlos. Davon abgesehen, dass er es nach „Accident Of Birth“ und „Chemical Wedding“ ein drittes Mal geschafft hat, seine Maiden-Kollegen zu überflügeln, ist Bruce Dickinson mit „Tyranny Of Souls“ das bisherige Highlight des Jahres gelungen!

Das sagt Roy Z zu „Tyranny Of Souls“:
»Dies ist das stärkste Album, an dem ich bis jetzt mitgewirkt habe. Es gab ein paar Momente, da konnte ich nicht fassen, was ich da zu hören und zu sehen bekam. Es war einfach nicht mehr normal. Ich liebe jeden einzelnen Song dieses Albums, was in meiner Karriere noch nie der Fall war. Ich versuche mal zu erklären, warum diese Scheibe so etwas Besonderes für mich ist:
Ich habe ursprünglich 20 Demos für Bruce im November 2003 aufgenommen - geschrieben und produziert innerhalb von zwei Wochen. Ich nahm Soli, Overdubs, Effekte und ein paar Keyboards für jede Nummer auf. Nachdem ich Bruce die Tapes geschickt hatte, rief er mich kurz nach Weihnachten 2003 an und sagte, er wolle die ersten acht Nummern für das neue Album aufnehmen. Witzigerweise haben wir die Reihenfolge dieser acht Tracks danach nicht mehr verändert. Zusätzlich benutzten wir noch zwei Songs aus älteren Sessions, ´Believil´ und ´Tyranny Of Souls´, das ursprünglich für The Three Tremors geschrieben worden war und eigentlich ´Trinity Of Souls´ hieß.
Wir begannen mit den Drum-Sessions im Januar 2004. Wir splitteten die Aufnahmen in zwei separate 4-Tage-Sessions, mit einer zweiwöchigen Pause dazwischen. Dave Moreno, unser Drummer, ist ein alter Freund von mir, mit dem ich auch bei Tribe Of Gypsies zusammenspiele. Ich war mehr als glücklich mit den Sessions, denn Dave lieferte einen überragenden Job ab und spielte perfekt zu meinen Demos. Das bedeutete, dass ich meine gesamte Gitarrenarbeit inklusive aller Soli und Overdubs für die endgültige CD übernehmen konnte. Oft ist es ja so, dass man als Musiker vergebens versucht, die „Magie“ der ersten Demos wiederherzustellen, aber diesmal musste gar nichts doppelt eingespielt werden, was ich so noch nie erlebt habe.
Im Februar 2004 spielten Maiden zwei Shows im Universal Amphitheatre in Los Angeles, und ich sah mir die erste an. Direkt im Anschluss an den zweiten Abend wollten wir an den Gesangsaufnahmen arbeiten, weil Bruce drei Tage frei hatte. Er rutschte auf der Bühne auf Jannicks Geburtstagstorte aus und fiel mehrere Meter tief in den Fotograben, was Augenzeugen zufolge mehr als übel aussah. Die Fans konnten kaum glauben, dass Bruce die Show zu Ende singen wollte. Ich hörte von diesem Unfall, bereitete mich aber trotzdem auf die Gesangsaufnahmen mit Bruce vor. Am nächsten Tag rief er mich an und meinte, dass er zwar höllische Schmerzen habe, aber dennoch singen wolle. Was dann passierte, hat mich schlicht und einfach umgehauen: Er sang vier Takes für drei Songs vom ersten bis zum letzten Ton! Er hatte höllische Schmerzen und musste sich zwischen den einzelnen Takes auf ein Futon-Bett legen, das ich in den Aufnahmeraum gestellt hatte, aber seine Stimme klang großartig, und er erweckte jedes einzelne Wort zum Leben! An den folgenden beiden Tagen sang er den Rest der Songs ein und lieferte die kompletten Leadvocals ab, was ich bis heute nicht glauben kann. In der Vergangenheit benötigten wir immer mindestens zehn Tage für die Gesangsarbeit - OHNE irgendwelche Behinderungen!«

LINE-UP
Bruce Dickinson (v.)
Roy Z (g./b.)
David Moreno (dr.)
Maestro Mistheria (k.) 

DISCOGRAFIE
Tattooed Millionaire (1990)
Balls To Picasso (1994)
Alive In Studio A (DCD, 1995)
Skunkworks (1996)
Accident Of Birth (1997)
Chemical Wedding (1998)
Scream For Me Brazil (1999)
The Best Of Bruce Dickinson (DCD, 2001)
Tyranny Of Souls (2005)


Götz Kühnemund 9.5

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