ReviewAlbum des Monats

Band
BLIND GUARDIAN 
Kategorie
Album des Monats 
Heft
RH #178 
Titel
A Night At The Opera 
Erscheinungsjahr
2002 
Note
9.0 

Nach dem ersten Durchlauf der neuen BLIND GUARDIAN-CD sitzt man geplättet im Sessel, reibt sich die Ohren und fragt sich mit völlig geleertem Hirn, was zur Hölle man da eigentlich gerade gehört hat. Ultrafetter, vielstimmiger Bombast, rasend schnelle Drum-Patterns und unzählige, ineinander verschachtelte Gitarrenmelodien in immer neuen, sich nur selten wiederholenden Abfolgen sind in dieser Dichte und Intensität einfach zu viel, um beim ersten Mal auch nur halbwegs verarbeitet werden zu können. Aber clever, wie die Guardians sind, haben sie den zehn komplexen Tracks, die die Vorgängerscheibe?Nightfall In Middle-Earth? in puncto musikalischer Anspruch mit links aus der Kurve drücken, extrem eingängige Refrains verpasst. Die wuchtigen Epen ´Precious Jerusalem´ und ´Sadly Sings Destiny´, die etwas arg dick mit Pathos bestrichene Halbballade ´The Maiden And The Minstrel Knight´ und ganz besonders die beiden Überhits ´Battlefield´ und ´The Soulforged´ haben sich nach zwei- bis dreimaligem Hören zentimetertief in die Hirnrinde gefräst. Und dann beginnt erst das eigentliche Abenteuer: Mit den Refrains als Fixpunkten durchwandert man eine Klangwelt, deren Detailreichtum im Metal seinesgleichen sucht. Nahezu jeder Song enthält Highspeed-Attacken, ruhige Intermezzi, groovige Riff-Passagen, unfassbar mächtige Chöre, aggressive Metal-Vocals, vertrackte Breaks, einprägsame Gitarrenleads und variables High-Tech-Drumming von einem anderen Planeten.
Die Experimentierfreude von ?Nightfall...? trifft auf die Hitdichte von ?Imaginations...? und erschafft ein metallisches Wunderland, durch das man immer und immer wieder streifen kann, ohne sich auch nur einen einzigen Takt zu langweilen. Eine derart lange Halbwertzeit dürfte ansonsten nur schwerst radioaktives Material haben.
BLIND GUARDIAN ist tatsächlich das gelungen, was ihnen nach den letzten Meisterwerken kaum noch jemand zugetraut hatte: ihre Mischung aus Melodiösität, vielschichtigen Songstrukturen und dezenter Innovation noch weiter zu perfektionieren und zu beweisen, dass traditioneller Metal auch anno 2002 nicht zwangsläufig altbacken und nichtssagend klingen muss. Wenn euch mal wieder jemand mit der alten Leier von wegen ?Der Metal ist tot? kommt, spielt ihm diese CD vor, und sofort herrscht andächtiges Schweigen in der Hütte. Wetten?


Michael Rensen 9.0

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