RH #376Titelstory

TAD

Das große Missverständnis

Tad

Die Sichtweise, dass Grunge einst den Heavy Metal gekillt hat, hält sich in der Metal-Szene erstaunlich hartnäckig. Es mag sein, dass Bands wie Iced Earth in den USA keine Tourneen oder Plattenverträge ergattern konnten und deshalb den Umweg über Szene-Labels in Europa nehmen mussten. Das war es dann aber auch schon.

Denn „Schuld“ am vermeintlichen Niedergang der Hardrock- und Metal-Musik hatten die „großkopferten“ Arena-Bands jener Zeit selber. Mit MTV hatte sich ein Medium etabliert, das mit seinen Playlists über Nacht Helden generieren konnte und weltweit locker ein Milliarden-Publikum erreichte. Damit begann ein Wettlauf der Selbstinszenierung, der ins Lächerliche abdriftete. Selbst Newcomer-Bands, die sich privat nicht mal einen Hamburger pro Tag leisten konnten, hüpften mit toupierten Haaren auf großen, stets explodierenden Bühnen herum und wurden von knapp bekleideten Models umschwärmt. Mötley Crüe, Guns N´ Roses, den demaskierten Kiss oder Heiratsschwindlern wie David Lee Roth nahm man die eitle Gockelhaftigkeit vielleicht noch unter Entertainment-Aspekten ab, aber von Iron Maiden, Saxon, Accept, den Scorpions oder Judas Priest sind aus dieser Zeit (fast) nur die schlechten Frisuren in Erinnerung geblieben. Die schwindenden Auflagenzahlen der „Weltmeister“ im boomenden Musikbusiness der Neunziger waren Ausdruck einer Überheblichkeit und Hilflosigkeit, wie sie ansonsten höchstens noch die deutsche Nationalmannschaft 2018 in Russland demonstrierte. Es ist mir ein Rätsel, wie man sich ein Debakel wie „Turbo“ (Judas Priest, 1986, ja, ja, zwei gute Songs, regt euch ab...) als Nachfolger von acht (!) Göttergaben in Folge heute noch schönreden kann. Die Platte ist im Vergleich zu den Großtaten der genannten Bands genauso mäßig wie „Eat The Heat“ (Accept, 1989), die AC/DC- und Saxon-Platten der späten Achtziger oder die Blaze-Bayley-Phase bei Iron Maiden. Es hatte etwas Symbolisches, dass ich Priest-Gitarrist Glenn Tipton nach der Show der „Turbo“-Tour im Backstage im allerfeinsten Zwirn antraf. Die Musiker waren nicht mehr die Rebellen in Leder, die man als Fan mit Haut und Haaren verehrte, sondern Geschäftsmänner mit langen Haaren, die den Draht zur Basis längst verloren hatten. Und es ging ja auch um viel Geld. Die Dukatenesel wurden von Managern und Plattenfirmen bedrängt, gemästet und „beraten“. Dazu gesellte sich eine handfeste Midlife-Crisis, die sich in Soloprojekten mit deutlich jüngeren Musikern (Halford, Dickinson) und Zerwürfnissen in den Hauptbands äußerte. Aber war es nun wirklich so schlimm, dass sich Bruce Dickinson von Roy Z, Mitglied der swingenden Latin-Rocker Tribe Of Gypsies, produzieren und Halford von der Energie seiner Vorband Pantera beeindrucken ließ? Eigentlich nicht. Die dicken Budgets und das „Anything goes“ der Neunziger waren für die Bands, die in ihren Frühphasen schon längst mit Psychedelia, bluesigem Hardrock oder Punk experimentiert hatten, eigentlich eine große Chance, befreit und kreativ aufzuspielen. Aber stattdessen: Pomadigkeit und kommerzielle Anbiederung. Das kommt dabei heraus, wenn die Vorschusssummen so schwindelerregend hoch sind, dass es sich kaum noch lohnt, an einem verkaterten Vormittag die Gitarre in die Hand zu nehmen. Nicht wenige Musiker mussten am Ende zugeben, diese Periode vorwiegend im Koks-Nebel verbracht zu haben. ...

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