RH #365Vorwort

Weitermachen!

Boris Kaiser

Als ich mir vor 30 Jahren (!), ich bin jetzt 43, auf irgendeinem Flohmarkt im Raum Aachen meine erste Black-Sabbath-LP gekauft habe (es war der 1975er Compilation-Doppeldecker „We Sold Our Soul For Rock´n´Roll“; das Ding steht natürlich noch heute in meiner Sammlung), waren die Birminghamer, ähnlich wie die zeitgleich von mir entdeckten Led Zeppelin und Uriah Heep, mit damals gerade mal 38, 39 Jahren gesetztere Herren für mich, ihre erste Hochphase mit den großen Hits, also die ganz frühen Siebziger, lag für einen 13-Jährigen, der gerade begann, sich das Leben zu eigen zu machen, unfassbar weit weg, selbst bei Iron Maiden, Judas Priest und Saxon hatte man ja ein wenig den Eindruck, es hätte sie schon immer gegeben.

Drei Dekaden später ziert Sabbath-Front-Original Ozzy Osbourne, mittlerweile (ähem...) stramm auf die 70 zugehend, mit einem Foto aus der klassischen Band-Phase das neue Rock Hard - und es fühlt sich (für mich) ganz natürlich an. Klar, ein paar Internet-Helden, die eh aus Prinzip ALLES scheiße finden (meistens vor allem sich selbst), gibt´s immer, und NATÜRLICH ist es legitim, zu fragen, ob man nicht lieber „junge“ oder zumindest „jüngere“ Musiker auf ein Heft-Cover packt - aber ist es wirklich so einfach? Mal ganz davon abgesehen, dass ich - ohne uns selbst auf die Schulter zu klopfen - nicht finde, dass wir uns in dieser Hinsicht was vorzuwerfen haben (in jüngerer Vergangenheit hatten u.a. Airbourne, Volbeat, Gojira, Behemoth, Amon Amarth und die Blues Pills Titelstorys bei uns), ist die an und für sich ja durchaus gesunde „Szene“, wie immer man sie auch definieren mag, heutzutage so zersplittert, dass man es eh nie allen recht machen wird. Die einen klauen dann nur (Airbourne), die nächsten knödeln (Volbeat), sie sind generell zu cheesy (Amon Amarth), mittlerweile zu cheesy (Behemoth) oder zu prätentiös (Gojira) - oder am schlimmsten: haben nix mit Hardrock oder gar Heavy Metal zu tun (Blues Pills).
Sind „Titel-Helden“ wie Kiss, Lemmy oder Black Sabbath dementsprechend vor allem also der Weg des geringsten Widerstands für ein Magazin, tradierte „Muster“, mit denen man in der Vergangenheit ganz gut gefahren ist? Dagegen kann man tatsächlich nur schwer argumentieren, wenn das Gegenüber dies unbedingt so sehen will. Ich kann an dieser Stelle allerdings nur von mir selbst sprechen: Solange die Inhalte erhellend und erheiternd sind, solange man Relevantes neu erfahren kann, wie bei Lemmy letzten Monat oder Bill Ward in dieser Ausgabe, macht nichts mehr Spaß als Storys über und Interviews mit den Granden der Szene, die all das bereits erlebt haben (und davon berichten können), was andere gerade erst erleben oder erst noch erleben werden - oder (vor allem!) in einer immer glatter gebügelten (Musik-)Welt niemals erleben werden. Man braucht Rockmusik nicht zum typischen „Kulturgut“ hochzustilisieren (obwohl sie genau das mittlerweile ist), aber man darf feststellen: Rockmusik hat heute, anders als in den Siebzigern, Achtzigern oder selbst noch in den Neunzigern, eine relevante, nennenswerte Vergangenheit. Davon darf und muss man erst mal erzählen, natürlich ohne jeden Geschichtsrevisionismus, am besten sogar ohne allzu aufdringlichen Erinnerungsoptimismus. Und dann guckt man: Was machen Enslaved und Kadavar damit, Grave Pleasures, Myrkur und Wucan? Wie sehen das The New Roses, Wolves In The Throne Room, Air Raid oder The Black Dahlia Murder? Alles Bands dieser Ausgabe.
Vielleicht wird eine dieser Truppen tatsächlich mal so „groß“ und „konsensfähig“, vor allem: so beliebt, dass wir gar nicht daran vorbeikommen, sie demnächst auf den Titel zu packen. Aber das liegt nicht nur an uns. Das liegt auch an Euch - an Euren offenen Ohren und neugierigen Herzen.

Auf in den Herbst!