RH #359Interview

Der Geist des verstorbenen Bolt-Thrower-Drummers Martin Kearns schwebt über allem, was Sänger Karl Willets´ neue Band MEMORIAM tut. „For The Fallen” ist deshalb kein gewöhnliches Debütalbum, sondern im Bereich Death Metal ein auf beispiellose Weise von unterschwelliger Tragik durchzogenes Werk. Dass solche Überraschungen bei aller Traditionspflege möglich sind, verdankt die Szene dem Frontmann und seinem Gitarristen Scott Fairfax, die wir uns in der Labelzentrale der Band vorknöpften.

Jungs, auf welchen Sound wart ihr im Vorfeld aus? Die Demos klangen ja noch sehr roh.

Karl: »Das Album wurde aber wie sie in den Hellfire Studios produziert, größtenteils von Scott mithilfe des Tontechnikers Ajeet Gill.«

Scott: »Mir schwebte ein klassischer Sound vor – fett und heavy, um den Groove zu betonen. Das war das Wichtigste, weil wir als Gruppe mit Musikern von Benediction und Bolt Thrower in große Fußstapfen treten. Man hört bei uns Elemente beider Bands, aber auch mehr, worauf gerade ich Wert legte. Ich bin ja der Einzige, der sich nicht auf Lorbeeren von früher ausruhen darf (lacht).«

Nach dem kurzen ´Memoriam´ gebt ihr mit dem Single-Track ´War Rages On´ die thematische wie stilistische Richtung vor.

Scott: »Der Opener war das erste Stück, das wir überhaupt zusammen geschrieben haben, dann folgte das Intro. Es ging zu keiner Zeit darum, jemandem etwas zu beweisen, sondern um Musik, an der wir selbst Freude haben. Kleine Fehler wurden so belassen, und wir haben beim Einspielen auf Klick verzichtet. Dabei ist mir auch aufgefallen, was für ein toller Schlagzeuger Andy Whale ist. Rhythmisch wird es bei uns in Zukunft sicherlich noch interessanter zugehen.«

Dass sich der Krieg in deinen Songs jetzt auf zweierlei Weise interpretieren lässt, war ein kluger Schachzug, um euch vom martialischen Gros der Szene abzusetzen, Karl.

Karl: »Heute bedeutet Krieg für mich mehr denn je ein Krieg im Privaten um unser eigenes Leben, unseren Existenzkampf im Alltag. So stark wie in diesen Songs habe ich noch nie betont, dass man es sich wert sein muss, niemals aufzugeben, damit es weitergeht. Niemand darf sich feige aus der Affäre ziehen.«

In ´Reduced To Zero´ heißt es passenderweise, man solle die Vergangenheit hinter sich lassen und nach vorn schauen.

Karl: »Gerade dieses Stück bezieht sich auf die gegenwärtige Stimmung auf internationaler Ebene. Ich als starker Befürworter eines vereinten Europas halte den Brexit persönlich für verheerend. Der Gefahren und Schwierigkeiten, die damit einhergehen, sind wir uns alle bewusst, auch innerhalb der Musikbranche. Das Reisen wird wieder schwieriger, vor allem nach Amerika, und der massive Rechtsruck, die Fremdenfeindlichkeit und all die Hassverbrechen beunruhigen mich. Speziell der Metal-Szene haben offene Grenzen immer geholfen, und ich hoffe, dass sie davon nicht zu stark betroffen sein wird. Der Songtitel zielt darauf ab, dass wir auf die niedrigste Stufe unserer Entwicklung zurückfallen, falls wir so weitermachen. Davon abgesehen, spielen wir so auch Terroristen in die Hände.«

´Corrupted System´ stellt dann wohl eine Kritik an den Verantwortlichen dar.

Karl: »Interessanterweise wurde es von meinem PC beeinflusst, der während der Arbeiten an „For The Fallen” mehrmals abstürzte (lacht).«

Scott: »Tatsächlich handelt es sich um ein direktes Bildschirmzitat der Aufnahmesoftware Cubase, die die beiden Worte immer wieder anzeigte, weil sie irgendwie nicht mit unserer Windows-Version kompatibel war.«

Karl: »Das ließ sich prima auf die momentane Weltlage und einen kurzen Punk-Song münzen. Ich wuchs im Kalten Krieg mit der ständigen Angst vor einem Atomkrieg auf. Mittlerweile scheint sich niemand mehr vor so etwas zu fürchten, weil die Menschheit weitgehend abgestumpft ist und eben von korrupten Regierungen bzw. Medien an der Nase herumgeführt wird.«

Das Stück schlägt leise Industrial-Töne an.

Karl: »Was ganz Neues für jemanden wie mich und das Schöne an dieser Band. Wir brauchen uns nicht an Formeln zu halten, denen ich möglicherweise früher folgte. Das Album wurde zudem klassisch aufs Vinyl-Format zugeschnitten, und dieser Track markiert das Ende der A-Seite.«

Scott: »Wir schränken uns nicht auf ein Genre ein, sondern können alles von Death Metal über Crust bis zu Grindcore machen. Die Geräusche und Samples verleihen der Musik einen anderen Dreh, zumal ich ja der einzige Gitarrist in der Band bin. Kein Mitglied darf sich live ausruhen, sondern muss jederzeit alles geben.«

Karl: »Man muss auch sagen, dass wir uns erst noch selbst finden müssen und gern experimentieren. Nur eine Mischung aus den Stilen unserer anderen Bands zu bieten, wäre zu einfach gewesen.«

´Flatline´ ist für mich der Höhepunkt der Scheibe.

Scott: »Da stimme ich zu, wir schließen Konzerte immer damit ab, ein mordsmäßig geiles Stück. Wir drosseln es zum Ende hin immer weiter, bis es wie ein Doom-Song ausklingt. Spielerisch ist es für mich sehr anspruchsvoll. Als wir mit der Grundidee jonglierten, wurde mir schnell klar, dass die Gitarre im Mittelpunkt stehen und viel Platz für ausgefeilte Riffs sein würde.«

Das kürzeste Stück ´Surrounded By Death´ wird ebenfalls zum zweiten Mal verwurstet.

Scott: »Mein zweiter allein komponierter Track und ehrlich gesagt absichtlich total auf Benediction und Bolt Thrower gebürstet. Deshalb war er auch schon nach zwei Proben fix und fertig.«

Karl: »Der Text funktioniert wieder auf zwei Ebenen. Du stehst umgeben von Leichen auf einem Schlachtfeld oder stehst morgens auf und wirst von allen Seiten mit Hiobsbotschaften bedrängt. Genau genommen waren die Tode von Lemmy und David Bowie der Auslöser dafür, mich mit der Thematik zu beschäftigen. Presse und Fernsehen versteifen sich auf schlimme oder traurige Ereignisse, was vielleicht auch daran liegt, dass der Mensch verlernt hat, mit dem Sterben als unvermeidlicher Tatsache klarzukommen. Das Ende ist allgegenwärtig, und wir verbannen es oft schnöde in die Nachrichten, wie um es zu verdrängen. Je älter man wird, desto häufiger wird man jedoch im eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis damit konfrontiert.«

Du hast die Samples erwähnt, Scott. Wie arbeitet ihr live damit, etwa bei ´Resistance´?

Scott: »Wir möchten keine Abstriche auf der Bühne machen, weshalb Frank (Healy, b. - as) ganz schön ins Schwitzen geraten wird, denn er muss ein Pedal bedienen, um diese Sounds abzurufen. Dadurch bleiben wir flexibel. Bei unseren bisherigen Shows im Ausland hat das bloß noch niemand mitbekommen, weil ständig ein Teil unseres Equipments irgendwo verschollen war. Die Fluggesellschaften hatten es verschlampt, aber zum Glück tauchte es wieder auf.«

Karl: »Inhaltlich ist der Song kein großer Firlefanz: Steht für eure Meinung ein und wehrt euch. Werdet dem Anspruch gerecht, zivilisiert zu sein, und beweist Rückgrat. Ironischerweise verfasste ich gerade den Text, als über den EU-Ausstieg entschieden wurde. In einer Zeile heißt es, man könne diesen Kampf gar nicht gewinnen, aber es kommt darauf an, den richtigen Zeitpunkt zum Aufbegehren zu finden.«

´Last Words´ zum Abschluss ist ein erstaunlich gefühlvolles Stück.

Scott: »Karl brachte das Textkonzept zur Sprache, und die Hauptfigur ist wirklich zu bedauern. Anhand der bereits geschriebenen Musik einigten wir uns darauf, dass der Song eine kleine musikalische Reise sein sollte. Keiner der anderen Tracks ist so melodisch, und da ich kein zweiter Dimebag Darrell bin, musste ich die beiden Haupt-Leads lange üben, bis ich sie so umsetzen konnte, wie ich es mir vorstellte.«

Karl: »Das Stück klang schon ohne Lyrics so episch, dass wir es ans Ende der Scheibe stellen mussten. Ich hatte bis dahin noch nie aus der Sicht eines Soldaten im Grabenkrieg geschrieben, und keine unserer anderen Bands ist stilistisch so gelagert, wie sich dieser Track anhört. Ich ließ eine Menge Privatkram einfließen, etwa indem ich Kinder erwähnte, was ich vor 15 Jahren wohl noch nicht getan hätte. Das Schreiben war sehr emotional, und beim Einsingen des Mittelteils weinte ich sogar. Ich bin stolz auf meine Leistung hier – und weil wir Tam einspannen konnten, die Sängerin von Sacrilege, die am Ende zu hören ist. Sie war schon immer eines meiner größten Vorbilder.«

Zu etwas anderem: Ich bin auf ein Buch mit einem Foto von dir auf dem Cover gestoßen, das sich mit Nationalmythen im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg befasst.

Karl: »Ich wurde von einem Professor der Universität London interviewt und äußerte mich zu den Hintergründen meiner Texte. Sie in einem akademischen Rahmen zu diskutieren, war klasse, und dieser Band ist sogar Kurslektüre für Studenten im Bereich Friedensforschung. Vielleicht kommen Außenstehende endlich auf den Trichter, dass das alles nie etwas mit Kriegsverherrlichung zu tun hatte, sondern dass es vor allem um die Auswirkungen von Gewalt auf die Psyche ging. Death Metal ist nicht mit Negativität gleichzusetzen. Zu Bolt Throwers Fans gehören viele Soldaten, die im Ausland stationiert sind und sich stark mit meinen Texten identifizieren. Mir wurde schon oft gesagt, dass ich manchem über schwere Zeiten hinweggeholfen habe. ´For Victory´ in Sarajewo zu spielen, wobei gestandene Männer in Tränen ausbrachen… Ich muss irgendetwas richtig gemacht haben.«

Ist euch eigentlich irgendwo Kritik daran zu Ohren gekommen, dass ihr bei Nuclear Blast untergekommen und demnach „Mainstream” seid?

Karl: »Wir versuchen, so viele Menschen wie möglich mit unserer Musik zu erreichen. MEMORIAM sind eine neue Band, die sich nicht an Regeln halten muss. Wir treten sogar in Wacken auf, einfach weil wir Lust dazu haben. Mag sein, dass es scheiße wird, aber egal: Wir haben´s probiert. Bolt Thrower und Benediction sind zwei Bands, wir wiederum eine dritte. Das Leben ist zu kurz, wie ich mittlerweile erkannt habe, also sollte man es vollends ausschöpfen. Wir verbringen einfach nur eine angenehme Zeit miteinander – als Freunde und Musiker, die an einem Strang ziehen. Ginge es uns ums große Geld, würden wir etwas anderes tun.«

Was treiben die anderen Ex-Mitglieder von Bolt Thrower?

Scott: »Kein Kommentar.«

Karl: »Ich habe ewig nichts mehr von ihnen gehört, der Kontakt wurde von ihrer Seite aus vollständig abgebrochen. Das ist schade, aber was will man machen?«

www.memoriam.uk.com
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Diskografie

The Hellfire Demos (Single, 2016)
The Hellfire Demos II (Single, 2017)
For The Fallen (2017)

Pic: Gobinder Jhitta