RH #308Interview

TWISTED SISTER

Still Hungry!

TWISTED SISTER

Anfang 2013 erscheint auf Deutsch die Autobiografie von TWISTED SISTER-Sänger Dee Snider. Doch diese beschreibt im Gegensatz zu vielen typischen Rock-Büchern nicht das ausschweifende Leben eines Party Animal, sondern reflektiert die schwierigen Anfänge einer Band, die großen Erfolge, die Eheprobleme, aber auch den existenziellen Untergang des charismatischen Sängers. Wir sprachen mit dem 57-Jährigen über „I Still Wanna Rock. Mein Leben als Twisted Sister“ und drucken exklusiv Auszüge aus dem Buch ab.

Dee, warum hast du dich dazu entschlossen, ein Buch zu schreiben?

»Ich wurde von einem Verlag angesprochen, ob ich Lust dazu hätte. Von selbst wäre ich nicht auf diese Idee gekommen, allerdings sind hier in Amerika solche Bücher aus der Rock´n´Roll-Ära gerade ziemlich angesagt und verkaufen sich dementsprechend gut. Der Verlag war der Meinung, dass ich auch eine interessante Geschichte zu erzählen hätte, deshalb musste ich gleich klarstellen, dass meine Geschichte nicht wie die üblichen Erzählungen ausfallen wird: Es wird kein Sex, Drugs & Rock´n´Roll geben. Ich wollte mehr erzählen als ein typischer Rockstar. Mir ging es darum, meine ehrlichen und persönlichen Erfahrungen mit den Menschen zu teilen. Das ist weit mehr, als es bei den meisten Rockmusikern der Fall ist.«

Im Gegensatz zu vielen dieser Bücher hast du deins wirklich selbst geschrieben, ohne Ghostwriter oder Co-Autor.

»Ja, das war meine Bedingung. Der Verlag hatte Bedenken, weil ich noch nie ein Buch geschrieben hatte. Das ist erstens nicht korrekt (Dee hat schon in den Achtzigern einen „Teenage Survival Guide“, einen Ratgeber für Pubertierende, geschrieben, allerdings mit Hilfe eines weiteren Autoren - jr), und zweitens habe ich auch Drehbücher und TV-Scripts geschrieben. Ich hatte das Gefühl, dass ich dieses Buch selbst verfassen konnte. Mein Verleger meinte daraufhin, dass mein Gefühl, dass ich es kann, noch lange nicht beweist, dass ich es kann, haha! Er meinte, ein Rockstar, der denkt, dass er ein Buch schreiben kann, ist wie ein Autor, der glaubt, er kann auf die Bühne gehen und eine Performance hinlegen. Ich verstand seinen Einwand und bat darum, versuchsweise wenigstens ein paar Kapitel schreiben zu dürfen. Falls das in die Hose gehen sollte, würde ich mir einen Co-Autoren suchen, aber zum Glück waren sie begeistert, nachdem sie die ersten drei Kapitel erhalten hatten. Lediglich das Redigieren habe ich dem Verlag überlassen, denn statt der gewünschten 70.000 Wörter habe ich 230.000 abgeliefert. Es war für mich unmöglich, objektiv zu bleiben und zu beurteilen, was für den Leser interessant sein könnte.«

Du schreibst in deinem Buch, dass du dich deshalb an alles, was dir in den letzten fünf Jahrzehnten passiert ist, so gut erinnern kannst, weil du nie Alkohol getrunken und keine Drogen genommen hast.

»Ja, das hilft, haha! Es war sicher nützlich, dass ich nicht die ganze Zeit dicht war. Es gibt Leute, die von sich sagen, dass sie die ganzen Jahre Heroin konsumiert haben. Und die wollen sich allen Ernstes an alles erinnern?! Ich kenne Heroinsüchtige. Die erinnern sich einen Scheiß! Die erinnern sich nicht einmal daran, dass sie Heroin genommen haben, haha! Ich habe mit einem Heroinsüchtigen - er war mein bester Freund - zusammengelebt. Ich habe jedenfalls zu Beginn meiner Arbeiten am Buch eine Timeline erstellt, um die Ereignisse zeitlich zu ordnen. Anschließend habe ich Leute befragt, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Jay Jay French (TWISTED SISTER-Gitarrist - jr) war eine große Hilfe, weil er all die Jahre eine Art Tagebuch geführt hat. Es enthält zwar nicht alle Details, aber er hat immerhin notiert, wann wir wo aufgetreten sind, ob die Show gut oder schlecht lief und ob etwas Besonderes passiert war. Lustig ist, dass er manche dieser besonderen Dinge nicht notiert hat. Zum Beispiel habe ich mich bei einer Show schwer am Bein verletzt, davon war bei ihm aber nichts zu lesen. Er hat nur das aufgeschrieben, was ihn betraf, haha!«

Du hast über Jay Jay, aber auch über die anderen Mitglieder von TWISTED SISTER nicht nur nette Dinge geschrieben. Wie haben die Jungs auf dein Buch reagiert?

»Bis jetzt hat sich niemand dazu geäußert. Ich weiß nicht, ob sie es gelesen haben. Im Sommer haben wir zumindest Shows gespielt und hatten Spaß. Ich möchte einfach davon ausgehen, dass sie, falls sie es gelesen haben, mitbekommen haben, dass ich eindeutig darauf hinweise, dass in dem Buch nur meine persönliche Version der Geschichte steht. Das erwähne ich schon im Vorwort, denn natürlich habe ich meine eigene Sichtweise der Dinge. Außerdem geht es in dem Buch um Sachen, die 25 bis 30 Jahre zurückliegen, damals waren wir alle jünger und dümmer. Ich spreche keine aktuellen Probleme an, sondern vergangene Sachen. Und drittens hoffe ich, dass sie bemerkt haben, dass ich auch zu mir selbst sehr hart bin. Meiner Meinung nach wird in dem Buch deutlich, dass die Person, mit der ich am härtesten ins Gericht gehe, ich selbst bin. Klar, ich klopfe mir auch oft auf die Schulter, aber ich verschone mich auch nicht mit Kritik.«

Du beschreibst sehr anschaulich die Einsamkeit, die du als Sänger erlebt hast, und die Qualen, die dir das Tourleben bereitet hat.

»Ich stelle mir das bei Olympiateilnehmern ähnlich vor: Wenn sie sich auf das Rennen vorbereiten und das Rennen dann unter Druck absolvieren, kann das nicht angenehm sein, denn der ganze Körper schmerzt von der Belastung. Aber wenn sie dann die Ziellinie überschritten und es geschafft haben, setzt dieses Hochgefühl ein. Und das ist alles, worum es letztendlich geht. Ich beschreibe zwar ausführlich, dass ich keinen Spaß an Auftritten habe, aber sobald ich den Erfolg spüre und weiß, dass ich eine geile Show abgeliefert habe, kommt das Vergnügen an der ganzen Sache dazu.«

Denkst du, dass deine Bandkollegen dieses Gefühl teilen?

»Ich glaube nicht, dass jemand anderes so hart arbeitet, so hingebungsvoll bei der Sache ist und so sehr leidet wie ich. Viele Sänger leiden unter Problemen mit ihrer Stimme, gerade wenn sie sich so intensiv verausgaben wie ich. Ich gehöre zu den Sängern, die viele Opfer bringen müssen, um ihre Stimme in Form zu halten und zu schützen. Ich habe zehn Jahre lang Halsschmerzen gehabt. Das macht einen nicht gerade glücklich, und man wird dadurch auch nicht unbedingt zu einem Menschen, der angenehm im Umgang ist. Meine Frau würde dir das sofort bestätigen. Ich war Anfang 20 und kroch trotzdem jeden Abend mit Schmerzen ins Bett, weil ich auf der Bühne so sehr Gas gegeben hatte. Ich habe noch nie von jemandem aus der Band mitbekommen, dass er ähnliche Probleme hat, haha!«

Hattest du immer das Gefühl, dass dein Job respektiert wird? Oder hast du eher eine Reduzierung auf Spaß und Party gespürt?

»Die Leute haben ja keine Ahnung. Das sind die üblichen Rock´n´Roll-Fantasien, die sie kennen. Da draußen kursieren jede Menge Bücher von Leuten, die erzählen, dass das Leben eine einzige Party ist. Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. Das ist aber auch von Band zu Band verschieden. Es gibt Sänger, die meistern das alles locker und haben keine Probleme mit der Stimme. Für mich ist es schon zum Teil deshalb schwer, jetzt weiter mit TWISTED SISTER aufzutreten, weil ich selbst einen so hohen Standard für meine Performance gesetzt habe. Ich möchte auf keinen Fall weniger als das abliefern, weil das dann nicht mehr Dee Snider ist. Und außerdem möchte ich nicht die Leute enttäuschen. Ich habe zwar dank meines Lebensstils eine gute physische Konstitution, die es mir erlaubt, Auftritte hinzulegen, die zumindest sehr nah an dem Level von damals dran sind, aber auch ich werde älter. Und eines weiß ich ganz sicher: Die Schwerkraft gewinnt immer. Erst zieht sie dich zu Boden, dann unter die Erde, haha!«

Du schilderst in deiner Biografie eine lustige Episode, in der TWISTED SISTER von Hanoi Rocks und Manowar beleidigt werden, bis es zum Showdown kommen soll (siehe Auszüge in dieser Ausgabe). Ihr seid euch seitdem doch sicher oft begegnet.

»Bei Hanoi Rocks hat es mich damals hauptsächlich geärgert, dass sie ähnlich wie wir die Erfahrung machen mussten, deshalb Scheiße zu fressen, weil beide Bands die Glam-Elemente in die Achtziger rüberretteten. Wir hätten uns zusammentun müssen, statt schlecht übereinander zu reden. Rückblickend muss ich aber sagen, dass ich nicht mehr nachvollziehen kann, dass ich mich so sehr über ihre Sprüche aufgeregt habe. Mit Hanoi Rocks waren wir seitdem auf Tour, und Michael Monroe und die Jungs sind coole Typen. Ich spiele auch ihre Musik in meiner Radioshow, um sie zu unterstützen. Tja, und Manowar? Sie sind ja wie wir aus New York, und Ross The Boss war mit unserem Bassisten Mark Mendoza zusammen in einer Band, daher war das eine andere Art der Wut und Verletzung, als wir hörten, was sie über uns sagten. Wir hatten Ross als Freund betrachtet. Joey und den Rest der Band kannte ich damals gar nicht, aber ich habe Joey vor ungefähr einem Jahr auf einem Festival getroffen. Er sprach mich recht vorsichtig an, schließlich haben sich die Zeiten geändert: Wir sind eine große Band und weltweit angesagt. Außerdem ist Dee Snider in Manowars Heimat ein Promi. In Europa bin ich ein Rockstar, in Amerika ein Prominenter.«

Über Brian Johnson von AC/DC erzählst du, wie bodenständig und freundlich er war, auch zu euch schon, als ihr noch eine junge Band wart. Gab es Zeiten, in denen du vergessen hast, wo du herkommst? Du hast immerhin auch irgendwann das typische Rockstar-Leben angefangen, wenn es um ein großes Haus, viele Autos und weitere Luxus-Anschaffungen ging.

»Ja, ohne Zweifel, aber das war ja auch genau das, was ich die ganze Zeit versucht hatte zu erreichen. Ich wollte ein reicher, berühmter Rock´n´Roll-Star sein. Und so Sachen machten solche Leute eben. Ich verhielt mich im Grunde genommen also so, wie es von mir erwartet wurde. Dank meiner Frau, die mich am Boden hielt, und dank der Niederlagen, die ich einstecken musste, lernte ich die Dinge aber zu schätzen und zu begreifen, dass vieles davon total dumm war.«

Du spielst auf deine Insolvenzen an, die du in dem Buch schonungslos beschreibst. Vor allem die zweite Pleite, aus der du sehr schwer rauskamst, hat viele Opfer von dir und deiner Familie gefordert. Fiel es dir schwer, darüber zu schreiben?

»Es ist leichter, über Sachen zu sprechen, nachdem du sie bereits hinter dir gelassen hast und es dir wieder besser geht. Ich habe mich so geschämt, und es war mir furchtbar peinlich, als wir alles verloren hatten. Aber da ich nun wieder erfolgreich bin, bin ich einfach nur froh und dankbar. Ich wollte diese Erfahrung auch deshalb mit den Lesern teilen, weil es dabei nicht darum geht, dass ein Rockstar seinen Untergang erlebt hat, sondern ein Mensch. In der heutigen Welt mit den ganzen finanziellen Schwierigkeiten erleben viele Menschen solche Situationen. Es gibt Leute, die sich mit meiner Geschichte identifizieren - nicht weil sie ein Rockstar sind, sondern weil sie auch diesen Absturz erlebt haben. Ich hoffe, dass ich damit Leute inspirieren kann, nicht aufzugeben.«

Was denkt deine Frau Suzette über dein Buch?

»Nachdem sie anfing, das Buch zu lesen, wurde sie täglich wütender auf mich. Sie war aber nicht wegen dem sauer, was ich schrieb, sondern es brachte bei ihr verschiedene Erinnerungen hoch. Es war schwer für sie, das noch einmal durchzustehen. Sie ist froh, dass ich mich verändert habe, denn damals war ich ein unglücklicher Mensch, mit dem es schwer war, zusammen zu sein.«

Was für Pläne hast du für deine Zukunft?

»Ich habe ein Musical geschrieben, das „A Very Twisted Christmas” heißt und auf unserer Weihnachtsplatte basiert. Es besteht Interesse von einem großen Broadway-Produzenten; wir arbeiten gerade an der Entwicklung.«

Und mit TWISTED SISTER?

»Ich möchte Spaß haben, also nicht wieder an den Punkt von früher und zu diesen Schmerzen zurückkehren. Für mich ist es in Ordnung, diesen ganzen Prozess, der mit einer Show verbunden ist, an ein oder zwei Tagen durchzuziehen, damit fühle ich mich wohl. Aber ich möchte nicht wieder fünf Shows pro Woche spielen, so dass ich wieder Angst um meine Stimme haben muss, deshalb nicht mit den Leuten sprechen und nicht mit der Band rumhängen kann. Wir teilen uns das jetzt so ein, dass es Spaß macht. Das ist das Wichtigste für mich, denn das habe ich die ganzen Jahre vermisst. Und ich meine damit nicht, Party zu machen, sondern Spaß zu haben: Ich komme zur Show, muss mir nicht schon Gedanken über die nächste Show machen, kann mich unterhalten und lachen, dann spielen wir die Show, und anschließend gehen wir nach Hause. Ich weiß nicht, was ich in Zukunft noch alles machen werde, aber ganz sicher wird es keine volle Tour geben. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich das einfach für mich entscheiden kann. Ich mache so viele andere Dinge, dass ich den Luxus habe, zu sagen: Ich möchte nicht touren. Das kann sich kaum jemand leisten. Wir werden also Festivals spielen und Spaß haben.«

 

www.twistedsister.com
www.myspace.com/twistedsister
www.deesnider.com
www.myspace.com/deesnider

 

DISKOGRAFIE

mit TWISTED SISTER (nur Studioalben):

Under The Blade (1982)
You Can´t Stop Rock ´N´ Roll (1983)
Stay Hungry (1984)
Come Out And Play (1985)
Love Is For Suckers (1987)
Still Hungry (Neuaufnahme von „Stay Hungry“, 2004)
Under The Blade (Neuaufnahme, 2005)
A Twisted Christmas (Weihnachtsalbum, 2006)
25th Anniversary Of Stay Hungry (2009)

mit DESPERADO:

Bloodied But Unbowed (1996)
Ace (reguläre Veröffentlichung des Debütmaterials, 2006)

mit WIDOWMAKER:

Blood And Bullets (1992)
Stand By For Pain (1994)

als DEE SNIDER:

Never Let The Bastards Wear You Down (2000)
Dee Does Broadway (2012)

mit VAN HELSING´S CURSE:

Oculus Infernum: A Halloween Tale (2003)

 

„I Still Wanna Rock. Mein Leben als Twisted Sister“

Ein exklusiver Vorabdruck

Kapitel 6 (Auszüge)

Mein Vorsingen bei Twisted Sister verlief nicht typisch. Die Band war für Shows an einem verlängerten Wochenende in einem Club in einem entlegenen New Yorker Skigebiet namens Hunter Mountain gebucht. Jay Jay hatte mit dem Turtleneck Inn ausgemacht, dass wir dort die ganze Woche verbringen konnten. Geplant war, dass ich mit der Band zu dem Club fuhr, vorsang und, wenn alles gutging, mit ihnen die ganze Woche für die Clubshows am Wochenende probte. Ich weiß nicht, ob sie so zuversichtlich waren, dass ich den Anforderungen genügen würde, oder es einfach nur hofften, aber ich stimmte dem Plan ohne Weiteres zu. Ich habe niemals in meinem Leben ein Vorsingen verpatzt, aber dennoch nahm ich genügend Geld für ein Busticket nach Hause mit. Das Letzte, was ich wollte, war, bei einer Band festzusitzen, die mich nicht wollte, und dann auch noch den langen Rückweg mit ihnen antreten zu müssen. Außerdem spielten Queen (als sie noch Metal waren), während ich weg war, und da ich bisher keine der vorhergehenden Touren verpasst hatte (das war, bevor sie ihren großen Durchbruch hatten – ich bin ein Fan der ersten Stunde! „Queen II“ ist das beste Album), wollte ich nicht ein Vorsingen „und“ die Chance auf ein Konzert meiner damaligen Lieblingsband vermasseln. Ich hatte das Gefühl, alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht hatte, hatte zu diesem Vorsingen geführt. Ich war bereit. (...)

Am 2. Februar 1976, dem Tag meiner Audition, spielten wir eine Menge Songs durch, die wir alle kannten, aber ich weiß, dass meine Versionen von ´Communication Breakdown´ und ´Good Times Bad Times´ den Sack zumachten. Ich konnte Led Zeppelin gut singen, und das war (für den geschäftstüchtigen Jay Jay French) ein Sechser im Lotto. Kurz nach meinem Vorsingen bat mich Jay Jay, mit ihm raus in die kalte Winternacht zu kommen. Er lobte mein Vorsingen, aber dann zählte er die Regeln auf:

Er besaß den Namen Twisted Sister (nachdem er vor 24 Stunden noch geplant hatte, ihn abzuschaffen).

Ihm gehörte das P.A.-System.

Charlie Barreca, der Soundmann der Band, war ein Mitglied der Band.

Anscheinend lautete der große Plan, dass Jay Jay Gitarre spielen, die Band managen und die Songs schreiben und Charlie der Soundmann, der Tourmanager und der Produzent der Platten sein würde. Klingt beeindruckend, oder? Jay und Charlie kamen auf diesen geistigen Dünnpfiff, als sie am Strand auf den Bermudas einen Joint rauchten. Muss richtig guter Stoff gewesen sein. Jay Jay plante, Twisted Sister zum dritten Mal zu reformieren, und er wusste, dass sein alter Freund Charlie (wörtlich gemeint – Charlie war zehn Jahre älter als Jay) den Sound einer Dokumentation über Grateful Dead gemacht hatte, die niemals erschienen war. (Klingt kompetent für mich, um Live-Sound und Studioaufnahmen zu machen.) Da habt ihr es. Ein eindeutiger Beweis, dass einen Marihuana dümmer macht. Nachdem er mir die Vorschriften aufgezählt hatte – denen ich schnell zustimmte –, sagte Jay Jay: „Alles klar … wir werden sehen, wie es läuft.” Was? Was sollte das bedeuten? War ich jetzt in der Band oder nicht? Dabei blieb es. Mit dieser Ungewissheit stieg ich mehr oder weniger in die Band ein, die mich an die Spitze bringen würde. Dieser Mangel an Sicherheit, was meine Position in der Band anging, ist ein weiteres Puzzleteil in der gestörten Beziehung, die sich schlussendlich zwischen ihnen und mir entwickelte. Nachdem ich in der Band „so etwas Ähnliches” wie begrüßt worden war, ging ich wieder zu meinen “so etwas wie” Bandkumpels. Ich schlängelte mich an die Bar zu Kevin John Grace durch, um meine „ziemlich guten” Neuigkeiten mitzuteilen und etwas mehr Kontakt zu meinem neuen Schlagzeuger herzustellen. Als ich ein Gespräch mit Kevin über unser neues Verhältnis und wie wir zusammen rocken würden begann, kam Jay Jay auf meine andere Seite und flüsterte in mein Ohr: „Freunde dich nicht zu sehr mit ihm an, er fliegt raus.” Huch! Ich versuchte mir vor Kevin nichts anmerken zu lassen, als wir unser Gespräch fortsetzten, aber ich machte mir Gedanken über die „Sicherheit des Arbeitsplatzes” in dieser Band. Offensichtlich waren wir alle ersetzbar.

Da dies die Gelegenheit für meinen Start in ein neues Leben war, bat ich Jay Jay French um ein paar kluge Ratschläge. Ich sah jetzt schon zu diesem Typen auf. „Ich möchte, dass dies ein Neustart für mich wird”, erzählte ich Jay. „Ich will einen neuen Vornamen. Was meinst du, wie ich mich nennen könnte?” Er sah mich ernst an und sagte: „Lass mich darüber nachdenken.” Am nächsten Tag begegneten wir uns auf der Treppe, die zu unseren Zimmern führte, und Jay Jay sagte zu mir: „Wie wäre es mit Dee, wie in Dee Dee Ramone, aber nur Dee?” Ich dachte genau eine Sekunde darüber nach und sagte: „Das gefällt mir. Sag allen, dass mich niemand mehr Danny nennen soll.” Und das war´s. Dee Snider war geboren. Gott hilft jedem.

 

Kapitel 9 (Auszug)

Als ich neu in die Band kam, schaute ich sehr zu Jay Jay French auf. Er war fast drei Jahre älter als ich, erfahrener, cooler und schien grundsätzlich alles im Griff zu haben. Ich brauchte und wollte seine Anerkennung. Eines Tages zeigte Jay Jay der Band eine Akkordfolge und Melodie, an denen er für einen eigenen Song arbeitete. Es war großartig, und genau das war der Grund gewesen, warum wir zusammengezogen waren - um ein geschlossenes, kreatives Umfeld zu schaffen, in dem wir musikalische Ideen austauschen und diese in Songs umsetzen konnten, die uns schließlich als Band ausmachten. Fantastisch! Nun hatte ich buchstäblich keinerlei Songwriting-Erfahrung (außer was diese kleinen Lieder angeht, die wir alle in unseren Köpfen erfinden und von denen wir denken, sie seien unglaublich), aber ich schrieb den Text zu Jay Jays Song. Ich war sehr nervös, wie der Text bei den anderen ankommen würde. Als die Band endlich Zeit fand, sich wieder zusammenzusetzen und zu proben, sprach ich Jay vorsichtig an. „Ich habe einen Text zu deinem Song.” Jay Jay starrte durch seine dicke Krankenkassenbrille zu mir runter (wir hatten dieselbe Größe), wie es nur ein Mensch mit Hornhautverkrümmung tun kann, und sagte: „Was hast du geschrieben?” Während die Band zuguckte, spielte Jay Jay seinen Song, und ich sang dazu, wobei ich den Text von einem Zettel ablas. Mein Gesicht brannte, ich schwitzte, und ich weiß, dass mein Textzettel gezittert haben muss. (Bis heute und nach all den Songs, die ich geschrieben und den Millionen von Platten, die ich verkauft habe, fühle ich mich sehr unwohl, wenn ich irgendjemandem eine neue Songidee zeige. Nicht so schlecht wie an dem Tag mit Jay Jay, aber ich fühle mich bei so etwas immer noch sehr verwundbar.) Als ich den Song beendet hatte, sagte Jay Jay zunächst nichts. Er nahm mir den Text ab, warf einen Blick darauf und sagte herablassend: „Der Text handelt von dir und Suzette. Das ist niedlich.” Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um. Niedlich?! Ich war am Boden zerstört. Ich hatte mich vor Jay Jay erniedrigt, meine Seele entblößt, und er hatte die Dreistigkeit, respektlos mit mir umzugehen? Verlegenheit verwandelte sich in Kränkung und Kränkung in Wut. In diesem Moment veränderte sich unser Verhältnis für immer. Mein ehemaliger Mentor Jay Jay French wurde der wachsenden Liste von Leute hinzugefügt, denen ich mich beweisen musste. Zusammen mit meinen Eltern, Lehrern, Ex-Chefs, Ex-Freundinnen, Freunden, Mitarbeitern und jedem anderen Arschloch, das über mich gespottet, mich abgewiesen oder meine Träume niedergemacht hatte – und jetzt war auch mein Bandkollege, ein Junge aus meinem eigenen Team, offiziell ein Staatsfeind. Als ich Jay Jay Jahre später von diesem Schlüsselmoment unserer Beziehung erzählte, konnte er sich nicht einmal daran erinnern. So läuft es immer. Der „Unterdrückte” wird unterdrückt, und der “Unterdrücker” weiß nicht einmal von der Bedeutsamkeit dessen, was er oder sie getan hat. Es ist so, als ob ein Panzer über ein Hybridauto rollt. Dies bedeutete das Ende meiner Versuche, jemals mit Jay Jay French Songs zu schreiben. (...)

 

Kapitel 25 (Auszug)

Im November 1982 erschienen im „Sounds“ und dem führenden englischen Heavy-Metal-Magazin „Kerrang!“ einige merkwürdige Artikel. Einer war ein Interview mit der finnischen Band Hanoi Rocks, ein anderer mit den amerikanischen Gefährten, der Metalband Manowar. Hanoi Rocks – eine weitere Band, die Make-up trug – hatten einen Witz auf Kosten von Twisted Sister gemacht, indem sie uns „Cinderellas hässliche Stiefschwestern” nannten. Manowar bezeichneten Twisted Sister als Witz und sagten: „Zu Hause in den Staaten treten Twisted Sister bei Wet-T-Shirt-Wettbewerben und Sauf-Partys auf.” Beides stimmte nicht.

Während Hanoi Rocks Kommentare nur eine Beleidigung waren (rückblickend aber eine großartige Bezeichnung), waren die Kommentare von Manowar besonders ärgerlich. Ihr Gitarrist „Ross The Boss“ war ein ehemaliges Mitglied von den Dictators und auf Tour Zimmergenosse von Mark Mendoza gewesen, er hatte Twisted-Sister-Shows besucht und sogar mit der Band gejammt. Wir hatten ihn als Freund angesehen.

So trivial, wie die Kommentare beider Bands auch klingen (und heute für mich sind), kamen sie in der düsteren Stimmung, in der ich damals war, wie Kampfansagen rüber. Das einzige Problem war, dass ich in Amerika war und sie in Europa, ich also nichts dagegen tun konnte. Oder doch?

Man sagt, der Stift ist mächtiger als das Schwert, also schrieb ich mit einem rasiermesserscharfen Stift (eigentlich war es eine Schreibmaschine) einen Brief an die Redaktionen von „Sounds“ und „Kerrang!“. Darin klärte ich über die Lügen, Demütigungen und Verleumdungen auf, die von Hanoi Rocks und Manowar über mich und meine Band in die Welt gesetzt worden waren, und forderte eine öffentliche Entschuldigung. Entweder das, oder Twisted Sister und ich würden sie zur Rede stellen.

Einige Wochen später erschien – zu meiner Erleichterung – mein Brief in den Heften und konnte von der ganzen englischen Metal-Community gelesen werden. Sowohl Hanoi Rocks als auch Manowar wurden wegen meiner Forderung angesprochen. Hanoi Rocks lachten sich über meinen Brief kaputt – was mich weiter aufregte –, und Manowar verstanden meine Forderung als einen Kampf zwischen Bands. Meine Antwort – dieses Mal per Telefon in einem Interview – folgte prompt. Meine Herausforderung war nicht auf musikalischer Ebene gemeint, sondern auf körperlicher. „Meine Faust, dein Gesicht”, waren meine exakten Worte, glaube ich. Wenn Twisted Sister von beiden Bands keine Entschuldigung zu hören bekamen, würde es das nächste Mal einen nicht-musikalischen, körperlichen Showdown geben, wenn wir in England waren … wann immer das sein würde. Wir hatten noch keinen Schimmer, was zur Hölle wir als Nächstes machen würden.

Heute sehe ich den ganzen Schwachsinn hinter der Sache. Ein Psychiater hat mir mal erklärt, dass wir, wenn wir über größere, bedeutendere Sachen in unserem Leben die Kontrolle verlieren, dazu neigen, bei kleineren Dingern durchzudrehen, bei denen wir das Gefühl haben, dass wir darüber die Kontrolle haben müssten. Der Ehemann, der sich den ganzen Tag mit seinen anspruchsvollen Chefs und Kunden abfinden und sich nach der Laune von allen richten muss, flippt aus, wenn er nach Hause kommt und das Essen noch nicht auf dem Tisch steht. Warum? Weil es seiner Meinung nach logisch erscheint, dass er in der Lage sein sollte, wenigstens das zu kontrollieren. Da die ganze Welt um mich herum zu bröckeln begann, war dieser Mist von den Bands etwas, gegen das ich etwas tun konnte. Und ich war stinksauer!

Als wir im Dezember endlich die Gelegenheit bekamen, zurück nach England zu reisen (mehr dazu in Kürze), machte ich mein Versprechen wahr. Ich teilte der Rockpresse mit, dass wir Hanoi Rocks offiziell am Sonntag, den 19. Dezember um 12.00 Uhr mittags zu einem Kampf in Londons Covent Garden herausfordern würden. Sehr dramatisch. Als der Tag schließlich kam, stürmten wir – mit der Presse im Schlepptau – zum Covent Garden, um unseren Anklägern ins Gesicht zu sehen und Rache zu nehmen. Es war keine Überraschung, dass viele Fans diese Konfrontation erleben wollten. Wir trieben uns im Covent Garden herum und suchten nach Hanoi Rocks und Manowar (beide Bands hatten vorher klargestellt, dass sie nicht die Absicht hatten, dort aufzutauchen und mit uns zu kämpfen) an jedem möglichen Ort, angefangen bei den Mülltonnen bis zu den Frauentoiletten. Mit meinen Rufen in ein Megafon gab ich meine beste Vorstellung von David Patrick Kelly aus „The Warriors“ (was auf einem zukünftigen Album nützlich war). „Hanoi Rocks … kommt raus zum Spiiiielen! Manowar … kommt raus zum Spiiiielen!” („Come out to plaaaaay!” – Anm. d. Übers.) Jeder hatte Spaß auf Kosten von Hanoi und Manowar. Nach der gründlichen Suche wurde (von der Presse) offiziell festgestellt, dass sich Hanoi Rocks und Manowar gedrückt hatten.

Während Hanoi Rocks nicht zu den harten Typen gehörten, wenn man sich ihr Image anguckte, war diese Aktion für Manowar, deren ganze Masche auf diesem Männlichkeitsding aufgebaut war, etwas abträglich. Sie traten im Lendenschurz und mit geölten Körpern auf, ließen sich so fotografieren und brüsteten sich als Heavy-Metal-Krieger (trotzdem waren sie im West Village von New York sehr beliebt gewesen), die bereit waren, für die Sache zu kämpfen. Ich schätze, sie waren nur nicht bereit, für ihre eigene Sache zu kämpfen.

Die Presse betitelte sie als „Man-o-Wimp” und machte ein Foto von den Siegern (Twisted Sister) und all ihren Unterstützern. In einem Interview nach der nicht stattgefundenen Konfrontation ließ ich durchblicken, dass die Angelegenheit noch nicht erledigt war. Wenn sie nicht Manns genug waren, uns gegenüberzutreten, würden wir zu ihnen kommen - es sei denn, sie würden sich entschuldigen. Mein Plan war, auf einem ihrer Konzerte aufzutauchen, auf die Bühne zu klettern und ihnen einen Kampf vor ihrem Publikum anzubieten. Ich bin nur pflichtbewusst. Kurz nachdem der Artikel über den Showdown rauskam, schickten Hanoi Rocks einen Brief an die Rockpresse, in dem sie sich für das, was sie gesagt hatten, entschuldigten und sich als „neue Blumenkinder” bezeichneten. In Ordnung.

Man-o-Wimp – ähm, ich meine „-war“ – wählten einen anderen Weg. Ross The Boss schrieb einen Brief an seinen alten Freund Mark „The Animal” Mendoza. Ich kann zwar nicht verraten, was darin stand, aber es gab keine weiteren Probleme zwischen Manowar und Twisted Sister. Aber wenn sie wieder das Maul aufreißen sollten, wird Ross´ Bit.. – ähm, ich meine Anschreiben – öffentlich gemacht. (...)

 

Kapitel 36 (Auszug)

Nachdem unsere Platte und unsere Karriere richtig abgingen, tourten wir die nächsten zehn Monate unermüdlich. Und damit beginnt der Part aller Rock´n´Roll-Memoiren, in denen Achtziger-Rockstars ihre Geschichten von Sex, Drogen und alkoholgeschwängerten Rock´n´Roll-Ausschweifungen erzählen. Immerhin war das zu Zeiten der „Dekade der Dekadenz”. Ich kann solche Geschichten nicht erzählen. Mein Rock´n´Roll-Leben sah aus einer Vielzahl von Gründen anders aus als das meiner Kollegen. Zum einen war ich verheiratet, hatte ein Kind und führte zu Hause ein traditionelles Leben. Mir bedeutete dieses Leben etwas, und ich wollte es nicht versauen. Das tat ich nicht. Wenn ich mir nach über 35 Jahren das Leben meiner Kollegen angucke, bin ich sehr glücklich mit den Entscheidungen, die ich damals getroffen habe. Ich habe eine großartige Frau, eine großartige Familie und ein großartiges Leben. Und dann gab es da ja noch meine Einstellung, was die Shows angeht. Ich habe es schon früher gesagt, sage es aber gerne noch einmal: Wenn man nach einem Auftritt noch Kraft für irgendetwas anderes hat, hat man sein Publikum betrogen. Basta.

Wenn ich von der Bühne kam, brach ich in der Umkleide zusammen und trank flaschenweise Gatorade gegen die Dehydrierung. Danach zog ich mich um und ging schnurstracks in die Backlounge unseres Tourbusses – für mich gab es keine nette Runde, in der man Party machte. Meine Stimme war jede Nacht so angeschossen, weil ich mir die Lunge rausbrüllte, dass ich es mir nicht leisten konnte, sie damit zu belasten, dass ich mich in rauchigen Räumen und bei lauter Musik mit Leuten unterhielt. Ich musste mich ausruhen. Ich achtete darauf, dass ich jede Nacht acht Stunden Schlaf bekam, um mich zu erholen (auf keinen Fall wollte ich Drogen nehmen, um die Energie aufzubringen, die ich für den Auftritt brauchte), und wachte jeden Morgen mit Schmerzen auf; mein Körper schmerzte von meiner heftigen Bühnenperformance am Abend zuvor. Ich schüttete ein paar Tassen heißen Kaffee runter, um meine strapazierte und angespannte Stimme zu lockern, dann stieg ich in die heiß dampfende Badewanne. Ich musste meine Muskeln und Gelenke einweichen, um sie aufzulockern, und der Dampf von der Badewanne öffnete meine Stimmbänder zusätzlich. Dieses Ritual passierte jede Nacht und jeden Tag … und ich war erst knapp 20 Jahre alt! Sobald ich mich bewegen und sprechen konnte, begann der Tag für mich. Ein Tag mit Interviews, Reisen, Soundcheck und geistiger und körperlicher Vorbereitung für die nächste Show. Klingt nach Party, oder?

Meine Laune war furchtbar. Die Leute fragen Suzette immer, ob sie mich damals auf Tour begleitet hat. „Bloß nicht!”, sagt sie dann. „Er war der unerträglichste Bastard, den man um sich haben konnte. Ich hasste es, ihn auf Tour zu besuchen.” Ich war unerträglich. Es war fast so, als ob ich mich für etwas bestrafen würde. Ich weiß nicht, für was. Innerlich sah ich mich selbst als „Auftragskiller” und benahm mich auch so. Ich zog es vor, mitten in der Nacht in den Städten anzukommen und unbemerkt in ein abgelegenes Hotel zu schlüpfen. Ich wollte nicht von Fans belästigt werden, die vor dem Hotel rumhingen und Party machten, in die Lobby und die Flure schlichen und an meine Tür klopften oder mich in meinem Zimmer anriefen (denn das kam vor). Für mich war es ganz wichtig, ungestört zu sein, damit ich mich auf den nächsten „Auftrag” vorbereiten konnte. Ich saß den ganzen Tag in meinem Zimmer … und wartete. Ich wartete darauf, dass der Zeitpunkt kam, an dem ich mein Ziel anvisieren konnte, ganz egal für welche Rock-Fans Twisted Sister an diesem Abend auch spielten. Wenn die Zeit zum Töten kam, legte ich – wie der Auftragskiller, der seine Waffe langsam und mit Methode zusammensetzt – mein Make-up und Kostüm an, wärmte meine Stimme auf, dehnte meine Muskeln … und dann schlugen die Band und ich zu. Jeden Abend. Danach kehrte ich in den Bus zurück und fuhr durch die Nacht zur nächsten Stadt; der ganze Ablauf wiederholte sich monoton, während ich die Tage bis zur nächsten Tourpause zählte, in der ich nach Hause fahren und meine Familie sehen konnte. Dafür lebte ich.

Die Leute sagen, dass es immer so wirkt, als ob ich viel Spaß habe, wenn ich auf der Bühne stehe. Das habe ich … und habe ich doch nicht. Ich bin da völlig hin und her gerissen. Ich will und muss es tun … aber ich hasse es auch. Wie ich schon vorher gesagt habe, brauche ich das Gefühl des Rausches, das ich direkt nach meinem Auftritt und in der Zeit danach habe, aber dieses Hochgefühl stellt sich bei mir nur durch Auftritte ein. Das Lied hätte ´I Have To Rock´ heißen sollen. Es ist eine Krankheit.

 

Kapitel 49 (Auszüge)

Widowmaker tourten Ende 1992, und langsam steigerte sich die Aufmerksamkeit für mein neues Projekt und auch für die Albumverkäufe. Wir hatten das Indie-Plattenfirmen-Level von 50.000 verkauften CDs überschritten und begannen, wieder Lebenszeichen zu geben, als der allerletzte Nagel in den Sarg meiner kreativen Karriere und finanziellen Stabilität gehauen wurde. Esquire Records machten dicht. Eigentlich machten sie nicht dicht, sondern die kanadische Regierung beschlagnahmte den ganzen Besitz und verschloss ihre Türen. Die kanadischen Geldgeber von Esquire Records hatten ihr Geld auf fragwürdige Weise gemacht, worüber die kanadischen Oberen nicht glücklich waren. Mit dem Tod des Labels von Widowmaker war auch die Platte nicht mehr verfügbar. Es folgte das Ende der Tour und das Ende der Band. Einfach so war ich am Ende und hatte keine Wahl. Keine Vorschüsse von Plattenfirmen oder Verlagen (ich steckte tief in den roten Zahlen) mehr, keine Bar-Vorschüsse oder Verrechnung durch Kreditkartenfirmen mehr (die Karten waren alle komplett ausgeschöpft), keine Kreditlimits oder Darlehen mehr (ich war kreditunwürdig). Ich war hundert Prozent, absolut, ohne Zweifel, völlig pleite. Schach und fucking matt. Ich kehrte für die Feiertage zu meiner wundervollen Familie – meiner Oase – zurück und begann 1993 verzweifelt zu versuchen, meine nächsten Schritte zu überlegen … von denen mir keine einfielen. Ich befasste mich weiter mit dem Schreiben von Drehbüchern (womit ich nach meinen Erfahrungen beim Drehen von Rockvideos angefangen hatte) und arbeitete an meinem dritten Drehbuch, „The Junk Squad“ - ein Familienfilm, der auf meinen Kids und ihren Freunden aus der Nachbarschaft von Coral Springs basierte und den ich irgendwann verkaufte (ein paar Mal und an verschiedene Studios, aber er wurde nie produziert), doch das passierte erst nach Jahren. Der Rest unseres Geldes vom Hausverkauf war verbraucht, und ich begann mit verzweifelten Finanz-Aktionen, bei denen ich unsere Besitztümer verkaufte, mir Geld, das für die Rente geplant war, auszahlen ließ und die wertvollen Disney-Aktien, die mir mein Vater für die Kinder gegeben hatte, verkaufte. (...)

Das Geld, das Suzette durch ihren Halbtagsjob im Salon mitbrachte, half natürlich, aber es war nicht genug, um alle Rechnungen zu bezahlen, und ich war ganz sicher nicht so drauf, dass das ganze Gewicht des Familienwohlergehens alleine auf ihren Schultern lasten sollte. Aber wenn ich keine Musik aufnehmen oder auftreten konnte, wofür war ich dann geeignet? Während ich im Kopf all die furchtbaren und wenigen Jobmöglichkeiten durchging, die ein ehemaliger Rockstar mit keinem anderen Talent und ohne Ausbildung oder Fähigkeiten machen konnte, tat sich eine Möglichkeit auf. Wenn auch eine demütigende. Mein Bruder Matt und seine Frau Joyce hatten einige Geschäfte und brauchten einen Büroassistenten, der ans Telefon ging, ein bisschen Buchhaltung machte und Anrufe übernahm. Diese Hilfsarbeit wurde nur mit fünf Dollar die Stunde bezahlt. Matt wusste, dass ich nach Arbeit suchte, aber er zögerte, diesen Job vor mir zu erwähnen, aus Angst, er könnte seinen älteren Rockstar-Bruder damit vielleicht beleidigen. Als er es erwähnte, ergriff ich die Chance. Obwohl der Job schlecht bezahlt wurde, hatte er zwei gute Aspekte: Das Büro meines Bruders lag nicht in einem öffentlichen Bereich, und weil das die frühen Neunziger waren und Computer nicht so omnipräsent wie heute waren, sagte Matt, dass ich den Leute erzählen könnte, dass ich nur da war, um seinen Bürocomputer zu benutzen und an meinem neuen Drehbuch zu arbeiten. Ich war ein Undercover-Angestellter! Ich verfolgte mein Drehbuchschreiben ernsthaft weiter und erlebte kleine Anzeichen von Erfolg. Auch wenn ich keins meiner Drehbücher verkaufte, weckte meine Arbeit doch richtiges Interesse. Dass ich mal mit dem Schreiben Geld verdienen würde, zeichnete sich bereits ab. (...)

Mit den paar hundert Dollar, die ich jede Woche verdiente, und dem Geld, das Suzette nach Hause brachte, kamen wir gerade so durch – und wir hatten noch Schulden. Ich sah unserer zweiten Insolvenz in weniger als fünf Jahren entgegen (das erste Mal war nur ich bankrott gegangen, jetzt mussten wir Suzette für insolvent erklären) und wollte alles tun, um die Sache zu klären, bevor wir nicht bei denen Wort halten konnten, bei denen wir Schulden hatten, und alles zerstörten, was von unserem Ansehen übrig geblieben war. Ich wandte mich an das „Better Business Büro“ für Schuldenkonsolidierung, um mit ihnen zu besprechen, wie sie mir dabei helfen konnten, unsere Gläubiger irgendwie zu bremsen. Die einzige Möglichkeit, damit BBB einen Blick auf meine Situation werfen konnten, war, meine „Bücher” in ihre Büroräume nach Manhattan zu bringen und sie von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Dies war mein schlimmster Albtraum! Ich konnte mir keine peinlichere Situation vorstellen, aber ich musste es tun. Ich hatte niemand anderen als mich, den ich für die finanziellen Probleme an den Pranger stellen konnte. Ich wünschte fast, dass ich trank oder high war, weil ich dann wenigstens mein Versagen auf den Alkohol oder die Drogen hätte schieben können.

 

Pic: Hakon Grav

 
 

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