RH #292Interview

DREAM THEATER, MIKE MANGINI

Den Bullen bei den Hörnern packen

Kurz vor seiner ersten Deutschlandshow mit DREAM THEATER auf der Loreley lässt Mike Mangini (u.a. ex-Annihilator, -Extreme, -Steve Vai) es sich nicht nehmen, während seines Aufwärmtrainings einige Fragen zu seinem Werdegang und den bisherigen Erfahrungen mit den Prog-Giganten zu beantworten. Der Mann entpuppt sich auch menschlich als Traumgriff.

Ebenfalls exklusiv auf unserer Website: Interviews mit Jordan Rudess und John Petrucci.

Mike, welche Songs oder Parts auf „A Dramatic Turn Of Events“ haben dich besonders herausgefordert?

„Es gibt viele solcher Songs, und sie sind alle gegensätzlich. Ich bin ein Drummer mit klassischer Ausbildung und habe als Kind in der Schulband die Triangel gespielt. In ´On The Backs Of Angels´ gibt es einen Part, an dem ich Johns Riff mit meinen Füßen spiele und Jordans Keyboard mit einer Hand auf einem kleinen Stack-Becken begleite. Ich spiele ihre Parts und verbinde sie, während ich weiterhin einen Beat spiele. Das ist großartig für mich, weil ich alle meine Fähigkeiten einbringen muss. Dann gibt es auf der anderen Seite Momente, in denen ich unglaublich reduziert spiele, manchmal nur einen Rhythmus halte. Oder die Balladen, in denen ich nur Percussion beisteure. Es war perfekt für mich, in diesem Entstehungsprozess als letzter involviert gewesen zu sein. Ich spiele, was die anderen komponiert haben.“

Die Biographie auf deiner Homepage verkündet, dass du kontinuierlich nicht nur dein rhythmisches, sondern auch dein melodisches Spiel verfeinert hast. Die meisten Musikhörer assoziieren einen Schlagzeuger nur mit ersterem.

„Ich wähle jeden Beckenschlag nach der Frequenz aus. Wenn Jordan oder John Petrucci in ein höheres Register wechseln, wähle ich kleinere Becken. Wenn sie Tonarten wechseln, tue ich das auch. Achte auf mein Spiel auf den Crash-Becken. Ich reagiere auf die Melodie um mich herum.“

Jordan hat die elektronischen Beats in ´Build Me Up, Break Me Down´ und ´Outcry´ für sich reklamiert. Stören diese Klänge dein ästhetisches Empfinden?

„Wenn ich komponiere, schreibe ich nicht wie ein normaler Drummer. Wenn ein Drummer mit anderen Musikern zusammen ist, arrangiert er oft nur. Ich schreibe auf einem Piano, einem Bass oder einer Gitarre. Als ich selbst mit solchen Loops und elektronischen Klängen herumgespielt habe, fiel mir auf, wie kompliziert es ist, sie zu programmieren und zusammenzufügen. Daher kann ich diese Arrangements genießen. Sobald ich mit dem echten Schlagzeug dazukomme, wird es heavy. Ich liebe diese Dynamik.“

Ebenso wie bei Brian May war die Musik deine erste Liebe, aber es sah eine ganze Zeit so aus, als ob du eher als Wissenschaftler Karriere machst. Du bist wirklich in die Entwicklung des Patriot-Waffensystems involviert gewesen?

„Ich war zeitweise ein vollbeschäftigter Techniker für Kommunikationssoftware, habe aber meist nur an der Dokumentation der Forschungsarbeiten mitgewirkt. Das Problem war, dass ich damals keinen Abschluss oder Titel hatte. Ich arbeitete mich hoch, war aber irgendwie am falschen Ort. Das sah bei meinen echten wissenschaftlichen Arbeiten als Biologe anders aus. Da habe ich mich mit kognitiven Phänomenen beschäftigt. Meine Reputation als Lehrer kommt daher, dass ich Menschen geholfen habe, Informationen zu speichern. Warum sollte ich sonst üben? Ich könnte genau so gut essen gehen. Ich habe studiert, wie das Gehirn neue Informationen absorbieren und erlernen kann. Das fasziniert mich noch immer.“

Brian hat nach Jahrzehnten seinen Doktortitel nachgeholt. Gibt es lose Enden, die du irgendwann aufgreifen und verknüpfen möchtest?

„Wow! Aber für mich ist es nur noch ein Hobby. Als Vater habe ich nur eine bestimmte Menge Zeit. Meine Familie ist groß, ich pflege viele Freundschaften. Ich muss mich um meinen Eigentum kümmern und üben.“

Schlagzeuger wie du leisten körperliche Schwerstarbeit. Ist es darüber hinaus eine noch große intellektuelle Herausforderung?

„Ja. Es ist eine Verknüpfung von allem, was ich liebe. Es ist gar nicht meine Wahl, sondern Teil meines inneren Programms.“

In einem Interview für Modern Drummer hast du Gott als erste Priorität bezeichnet, dann die Familie und erst als drittes die eigene Karriere.

„Es ist leicht für mich, so etwas zu sagen, aber was es bedeutet: Ich habe mir nicht ausgesucht, auf diese Welt zu kommen. Meine Eltern ... - (grinst, klatscht in die Hände - btj) – und hier bin ich. Sie kamen auch irgendwo her, alles kommt irgendwoher. Am Ende kommt alles von Gott oder wie auch immer wir es nennen. Das ist die Information, ich schreibe niemanden vor, wie er darüber zu denken hat. Ich würde niemals russisches Roulette mit einer Knarre spielen, wenn ich dabei zu 50% draufgehen könnte. Meine Familie ist unendlich wichtig, aber dieser Ort, von dem wir alle abstammen, ist am wichtigsten. Eine sehr simple Philosophie. Ich bin Drummer, aber ich könnte auch Eishockey spielen – oder einen anderen Beruf ausüben.“

Viele Menschen pflegen ihren Glauben mit einer Kundenmentalität. Entweder sagen sie: Gott, mir geht es dreckig – tu etwas. Oder aber: Mir geht es dreckig, also gibt es dich nicht.

„Beide Ansichten unterschreibe ich nicht und ich bin bei diesem Thema sehr vorsichtig. Jeder muss seine eigene Entscheidung treffen. Man kann verschiedene Karrieren haben, aber dennoch die gleiche Person sein und Familie haben. Der Beruf ist nicht das wichtigste. Manche mögen nicht an Gott glauben. Ich versuche einfach nur, das Richtige zu tun.“

Du hältst einige Geschwindigkeitsrekorde. Zur überschaubaren Liste an Weltklasse-Drummern, gegen die du dich bei den Auditions durchgesetzt hast, zählt auch das Highspeed-Wunder Derekt Roddy (u.a. ex-Nile und Hate Eternal). Haben Death- und Black Metal über die Jahre jenseits des sportlichen Aspekts für dich musikalisch eine größere Bedeutung gewonnen?

„Mechanik ist nur ein Werkzeug, mich auszudrücken. Wenn ich andere Drummer wie Derek höre, bin ich einfach nur voller Begeisterung und Bewunderung. Das gilt für alle aus diesen Auditions. Persönlich getroffen habe ich nur Peter Wildoer, eine wundervolle Person. Ich respektiere sie alle endlos.“

Neben Marco Minnemann, der ursprünglich aus der deutschen Crossover-Szene stammt, war noch Peter unter den Top 3. Er spielte zuletzt auf James LaBries Soloalbum, du warst auf dessen Debütalbum und den Mullmuzzler-Alben zu hören. Vitamin B?

„Nein, diese Band braucht jemanden, der den Bullen bei den Hörnern packt – ganz egal, wer es ist. Glücklicherweise bin ich das“
James, der gerade durch das Zelt marschiert, in dem Mangini sich aufwärmt, mischt sich ein. „Ich kann dir eins sagen: Seine Wahl hat nichts mit früheren Engagements zu tun. Er hat den Job bekommen, weil er ein phänomenaler Drummer ist. Er versteht unsere Musik, er ist intuitiv und er ist der beste Mann da draußen für DREAM THEATER. Für immer!“

Die Band hat live schon „The Number Of The Beast“, „Master Of Puppets“, „Dark Side Of The Moon“ und „Made In Japan“ gezockt. Würdest du gerne mit ihnen “Set The World On Fire” spielen? Bedeuten Annihilator zumindest John Petrucci etwas?

„Ich weiß es nicht, wir hatten noch gar nicht die Möglichkeit, über so viele Dinge zu reden, die mich interessieren. Aber wir haben noch viel Zeit vor uns. Wir sind alle heiß darauf, zu spielen und wir merken, wie wir uns auf unseren Instrumenten immer noch entwickeln. Das ist das wichtigste. DREAM THEATERs Musik füttert uns mit so vielen Informationen, dass ein ganzes Leben nicht ausreicht, das eigene Material zu überschauen. Gleichzeitig gibt es noch so viele Schlagzeugtechniken, die ich nicht nutze, aber beherrschen und einbringen will. Diese Jungs sind umwerfend.“

Du hast dein Drumkit an die neuen Anforderungen angepasst.

„Ich hatte mein Schlagzeug schon umgebaut, bevor Mike Portnoy die Band verließ und ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Es war meine Idee, vier Bassdrums zu nehmen und viele andere Veränderungen vorzunehmen. Nachdem ich zur Band stieß, habe ich seinen kompletten Katalog durchgeprobt. Als wir das neue Album aufgenommen haben, wollte ich sicher sein, mit meinem Kit auch die alten Songs spielen zu können. Ich dachte: 'Oh my gosh, ich muss ´Learning To Live´ spielen, aber mir fehlt dieses Hardwarteil, welches ich darin anschlagen muss.' Das jetzige Kit ist also eine Kombination meiner früheren Ideen und der Analyse von Mikes Spiel. Ich habe die Alben gehört, mir Videos angesehen – alles, was ich bekommen konnte. Könnte ich auf der Bühne mit Notenblättern spielen, wäre das alles kein Problem. Aber ich muss diese wahnwitzigen Songs richtig erlernen.“

Wer ist auf der Bühne dein wichtigster Fixpunkt, um dich innerhalb der Songs zu orientieren?

„Eine Kombination von allen, ich brauche die ganze Band im Monitorsound. Manchmal ist es der Bass, der mir die Struktur aufzeigt, mal eine Gesangslinie, ein Riff oder ein Keyboardlick.“

Warum hast du nach der Zeit mit Annihilator, Extreme und Steve Vai vor elf Jahren den Job am Berklee Institute Of Music angenommen?

„Es gab zwei Gründe: Ich wollte endlich jemanden treffen, mit dem ich eine Familie gründen kann. Und ich hatte jede Menge Arbeit neben der Lehrtätigkeit, die ich so stemmen konnte. Clinics zu geben und Lehrer zu sein, war eine große Herausforderung. Ich habe sehr gerne unterrichtet und ich werde es immer nebenher tun. Als Vollzeitjob vermisse ich es nicht, weil ich dafür viel zu gerne selbst spiele.“

Haben viele deiner Schüler dauerhaft den Sprung ins Profilager geschafft?

„Eigentlich alle. Darunter nicht nur Metaller. Nicki Gallespi spielt z.B. heute für Beyoncé.“

Mike Portnoy übernahm so viele Rollen: Musiker, Komponist, Texter, Artworker, Produzent – er war als Sprachrohr der Band mehrfach auch auf dem Rock-Hard-Cover. Wirst du irgendwelche seiner Arbeitsfelder jenseits des Drumschemels übernehmen?

„(trommelt heftiger auf sein Übungskit ein) Nein. Ich spiele nur Schlagzeug, das ist alles (lacht).“

Wirst du beim nächsten Album als Songwriter involviert sein?

„Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich hatte enormen Spaß daran, wie es für „A Dramatic Turn Of Events“ lief.“

 

www.dreamtheater.net
www.myspace.com/dreamtheater
www.mikemangini.com

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