RH #292Interview

DREAM THEATER, JORDAN RUDESS

Der harmonische Ansatz

Backstage auf der Loreley, kurz nach 18 Uhr am zweiten Tag des Night-Of-The-Prog-Festivals: Der DREAM-THEATER-Tross trifft ein. Bislang sind nur sehr zwei Pressevertreter am Vortag mit dem Download von „A Dramatic Change Of Events“ bemustert worden. Keyboarder Jordan Rudess ist dementsprechend gespannt auf die ersten Reaktionen. Interessanterweise macht er zum Songinhalt von ´Build Me Up, Break Me Down´ andere Angaben, als Texter John Petrucci zwei Wochen später beim Termin in Köln.

Ebenfalls exklusiv auf unserer Website: Interviews mit Mike Mangini und John Petrucci.

Jordan, nicht nur in den Balladen sondern auch in Songeinleitungen oder als Soloinstrument in ´On The Backs Of Angels´ genießt dein Piano eine bevorzugte Behandlung.

„Es bringt mich zu meinen Wurzeln zurück. Wir wollten damit sichergehen, dass der harmonische Ansatz von DREAM THEATER betont wird. Verschiedene stilistische Hauptbestandteile unserer Vergangenheit sollten wieder stärker einbezogen werden: Melodie und Harmonie. Wir haben die wütende Seite von uns etwas in den Hintergrund gerückt, was nicht gleichbedeutend mit der metallischen Seite ist.“

Die Balladen ´Far From Heaven´ und ´Beneath The Surface´ beherbergen spieltechnisch sicherlich nicht die kompliziertesten Läufe für dich, bringen aber den warmen Gesang von James bestens zur Geltung.

„Die Herausforderungen waren auf anderer Ebene. Für den letzten Song habe ich ein Streicherquartett arrangiert und in ´Far From Heaven´ andere symphonische Klänge genutzt und etwas geschaffen, was wir bei DREAM THEATER in der Form noch nicht eingesetzt hatten. Es ist also eine andere Form von Zauberei. Das balanciert „A Dramatic Turn Of Events“ aus, da andere Songs unsere progressiven Ansprüche nochmals verschieben. Wir erreichen damit das nächste Level der Metropolis-Geschichte.“

´Lost Not Forgotten´ - zunächst von einem Klavierstück eingeleitet, dann ins hektische und atonale kippend – setzt für die Band neue Standards?

„Das ist einfach die andere Seite von uns, wir sind ja nicht plötzlich nur behutsam und milde. Das ist die superprogressive 2011er Inkarnation von DREAM THEATER, wie wir abdrehen. ´Outcry´ ist für mich allerdings noch viel wilder und enthält auch einige elektronische Sequenzen.“

Wie auch ´Build Me Up, Break Me Down’, welches ebenfalls Triphop-Momente hat.

“Das sind einfach nur Farben und Geschmacksrichtungen, die ich im Laufe des Kompositionsprozesses eingebracht habe.“

Geht es in dem Song darum, dass Medien dazu neigen, Prominente hochzujubeln, um sie dann zu demontieren und zu demütigen?

„Der Song hat damit nichts zu tun, wobei mir dieser Mechanismus durchaus geläufig ist. Wenn jemand zu erfolgreich und auf einem Höhenflug ist, gibt es immer Neider, die ihn abstürzen sehen wollen. Ich bin froh, erst nach der schwierigen, turbulenten Phase mit „Falling Into Infinity“ zur Band gestoßen zu sein. Jetzt wird es ähnlich sein, natürlich gibt es da draußen Leute, die sagen: Mike Portnoy ist nicht mehr in der Band, also müssen wir sie wieder auf den Boden zurück holen. Welche persönlichen Gründe sie dafür auch immer haben. Psychologisch ist das sehr interessant, musikalisch gibt es dafür keinen Anlass.“

Gibt es Songs, Passagen auf „A Dramatic Turn Of Events“, die mit Mike Portnoy nicht möglich gewesen wären?

„ Seine Position in der Band war sehr stark. Er war so etwas wie ein Regisseur mit einer sehr dominanten Art: „Ich mag dies, das passt mir nicht. Versuch das bitte noch mal. Hier ist ein anderer Rhythmus, probier den aus.“ Was mit seinem Abgang ebenfalls verbunden ist, ist das Fehlen dieser Person, die sagt „Mach dies nicht, du das.“ Wir konnten die Musik spielen, wie wir sie mochten. Ich möchte das nicht als Kritik an der Vergangenheit verstanden wissen, weil ich die bisherigen Alben ebenfalls sehr mag. Mike Portnoy ist ein enorm begabter Musiker. So zu arbeiten hat sehr viel Freude bereitet und außergewöhnliche Ergebnisse erzielt.“

Auf deinem DREAM THEATER-Einstand hast du den sehr lebendigen Gospelchor für ´The Spirit Carries On` dirigiert. ´Bridges In The Sky´ auf dem neuen Album nutzt auch Choreffekte, die aber wesentlich düsterer klingen. Wie ein mittelalterlicher Männerchor, der in spacigen Synthklängen aufgeht.

„Diesen Effekt habe ich mit einem Sound namens Omnisphere aus meiner Bibliothek erzielt. In dem Programm gibt es großartige Gesangstexturen und Silben. Das Intro des Songs beruht fast ausschließlich auf Klängen dieser sehr speziellen Software. Es gibt keinen externen Chor. Ich programmiere selbst viele Sounds und habe eine Firma für I-Phone und Apple-Computer-Apps. Man kann sich Samples mit Jordan-Sounds kaufen. Ganz egal, wie viele Alben wir aufnehmen und wie viele neue Sounds ich dabei kreiere – ich muss immer wieder neue Klänge erfinden. Das ist anders als bei einem Gitarristen, der sein Equipment hat und damit seinen dreckigen oder seinen cleanen Sound einstellt.“

Wenn Schamanen oder Medizinmänner sich in Trance begeben ist das nicht einfach eine Yoga-Technik, sondern es sind oft auch Drogen im Spiel.

„Um mich ein wenig aus dieser Diskussion zu stehlen: Ich habe den Text nicht geschrieben. Der Albumtitel bezieht sich jedenfalls darauf, dass alle Songs sich mit emotionalen, physischen und spirituellen Veränderungen, mit einem Wechsel der Mentalität befassen. Natürlich werden viele es nur auf der Ebene betrachten, dass es um die Band geht, die ohne Mike Portnoy weitermacht. Das ist eine sehr simple Interpretation – wenn das alles ist, was man uns zutraut: Okay... Jeder kann denken was er will, aber der Titel ist nicht so primitiv zu verstehen. Es geht um Wandel, aber nicht bezogen auf eine spezielle Person oder Gruppe von Menschen.“

Du hast einen jüdischen Background. Ist es etwas besonderes für dich, bald wieder in Tel Aviv zu spielen?

„Über die Familienbande habe ich schon eine besondere Beziehung zu diesem Land und ich habe dort auch viele Freunde. Mit einigen von ihnen betreibe ich das RNL Project, mit dem ich einige Videos für Youtube gemacht habe (hier ein Klangbeispiel: http://www.youtube.com/watch?v=I5oXtFAThuw). Sehr proggy, viel Fusion – aber kein Metal.

Praktizierst du deinen Glauben?

„Ich bezeichne mich als spirituell und verneine meine jüdischen Wurzeln nicht. Aber ich gehe nicht mit der Idee von organisierter Religion konform, weil das immer Probleme schafft.“

Spricht Gott den persönlich zu dir und sagt z.B., du sollst die Band verlassen?

„(lacht) Lass uns zur nächsten Frage übergehen. Aber ich habe davon gehört...“

Verspürst du nie den Drang, dich auch verbal in den Songs auszudrücken?

„Auf meinem ersten Soloalbum „Listen“ war ich Texter und Sänger. Aber als ich vor vielen Jahren bei DREAM THEATER Bandmitglied wurde, war klar, dass ich für ein bestimmtes Element meiner Persönlichkeit genommen wurde. Und das waren nicht meine Fähigkeiten als Texter. Ich strebe nicht danach, mich mit den Lyrics von John zu messen. Sie haben einen guten Klang und inhaltliche Tiefe.“

Ist Musik für dich eine grundsätzlich positive Kraft, die dein Herz wärmt – oder auch ein Selbstexorzismus, eine Aggressionsabfuhr?

„Musik bedeutet für mich eine emotionale und spirituelle Erleuchtung. Negative Gefühle scheinen sicherlich auch mal durch und dann hacke ich auf mein Piano ein und fühle mich besser. Musik ist eine Form von Kommunikation.“

Du bist als Jahrgang 1956 älter als der Rest der Band: die beiden Johns sind 1967 geboren, Mike und James 1963. Schon aufgrund dessen bist du nie ein Metal-Kid gewesen, richtig?

„Ich bin als klassischer Pianist großgeworden und das hielt sich bis ich 17 oder 18 Jahre alt war. Dann habe ich Rock für mich entdeckt: Genesis, Gentle Giant, ELP, Pink Floyd, Jimi Hendrix. Viel später kamen dann AC/DC und Judas Priest dazu, ein paar heftigere Bands. Allerdings war ich nie ein Fan von Iron Maiden oder Metallica. Natürlich waren sie mir ein Begriff, aber ich war nicht interessiert genug, mich intensiver mit ihnen zu befassen. Erst mit meinem Einstieg bei DREAM THEATER musste ich deren Musik regelrecht studieren. Denn sie sind Teil des Fundaments, auf dem diese Band steht. Es war eine analytische Sache zu verstehen, wie ihre Riffs aufgebaut sind. Ich mag harte Musik und sie beeinflusst mich auch.“

Lachst du über die Metal-Klischees in Texten, Outfit und Artwork, oder ärgerst du dich darüber?

„Die Metal-Welt bedeutet mir überhaupt nichts. Die Kompositionsweise, die Energie im Metal aber sehr wohl.“

Siehst du in irgendeinem Genre eine musikalische Revolution, welche die nächsten 10, 20 Jahre bestimmen wird?

„Jede Dekade hat ihre eigenen Kinder hervorgebracht sei es der Big-Band-Sound oder das 80er Jahre Hair-Metal-Phäneomen. Heute gibt es dagegen viele junge Leute, die sich alte Musik wie Classic Rock anhören und mit den Standardakkorden und Harmonien glücklich sind. Ich halte meine Ohren offen und suche immer nach innovativen und futuristischen Sounds. Das finde ich vor allem in elektronischer Musik, ob man sie nun Trance oder Drums’n Bass nennt. Ob sich so etwas aber im Mainstream durchsetzt, bleibt abzuwarten.“

Siehst du neue Instrumente, die für Furore sorgen – wie dein heißgeliebtes Continuum?

„Was den neusten Stand der Entwicklungen für iPads betrifft, bin ich ziemlich stark involviert. Momentan bin ich von einem brandneuen Instrument namens Eigenharp fasziniert (Jordan erläutert das Instrument hier: http://www.youtube.com/watch?v=lgpiXgiB9dU&feature=related). Es besitzt unglaublich berührungsempfindliche Tasten, Ribbon-Controller und sogar ein Mundstück. Allerdings funktioniert das Instrument nicht wie ein Blasinstrument ausschließlich mit vibrierender Luft – diese Funktion ist eher ein atmungskontrollierter Synthesizer. Außerdem beschäftige ich mich mit einem Instrument namens Harpejji, ungefähr vergleichbar mit einem Chapman Stick.“

 

www.dreamtheater.net 
www.myspace.com/dreamtheater
www.jordanrudess.com

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