RH #292Interview

DREAM THEATER, JOHN PETRUCCI

Majestätischer Dream Steele

Wie das Leben so spielt, plaudert Frank Gilchriest von Virgin Steele am Vorabend des Masters Of Rock im tschechischen Vizovice aus dem Nähkästchen und zeigt sich verwundert, dass Rich Wilson, der Autor der mehr oder minder offiziellen DREAM THEATER-Biogrpahie „Lifting Shadows“ ihn und seinen Bruder nie interviewt hat. Schließlich waren sie in ihrer Jugend direkte Nachbarn von Familie Myung in Kings Park. John wurde Frank zufolge von beiden Eltern als Kleinkind zum Piano- und Violinespiel gezwungen. „Sollte ich für zwei Minuten nichts aus deinem Zimmer hören, setzt es was.“, pflegte die Mutter zu sagen. John verhielt sich allen Menschen gegenüber sehr ruhig, weil seine Familie daheim nur koreanisch sprach und er zu Beginn der Schulzeit noch nicht so firm im Englischen war – er machte sich quasi unsichtbar.

Ebenfalls exklusiv auf unserer Website: Interviews mit Mike Mangini und Jordan Rudess.  

Franks Schülerband fehlte für einen Highschool-Gig der Basser. John bot sich an, ohne je einen Bass angefasst zu haben. Wenig später konnte er Van Halens ´Eruption´ auf dem Viersaiter spielen – das Stück, an dem alle Gitarristen verzweifelten. Sein Vater zerstörte Johns ersten Bass, Frank klaubte die Einzelteile nachts aus einer Mülltonne um ihn zu reparieren. 
Gilchriest jammte in der Folgezeit viel mit John Petrucci, bis dieser mit Kevin Moore und John Myung zum Musikstudium nach Berklee ging. Als sie Frank in den kommenden Ferien ein Tape mit Mike Portnoy präsentierten, musste er eingestehen, dass er das Material nicht mal ansatzweise spielen könnte. Er blieb Majesty freundschaftlich verbunden und sah die Band in New York in den frühen Tagen mehrfach als einziges Publikum neben dem Tresenmann.
In seinem Keller fand Jahre später das Brainstorming nach einem neuen Bandnamen statt. Mike Portnoys Vater hatte herausgefunden, dass es bereits einen tourenden Künstler gab, der mit seiner Minstrel-Show unter dem Namen Majesty firmierte. Portnoy Senior reiste nach Colorado, um diesem die Rechte abzukaufen – erfolglos, nach über 20 Jahren im Geschäft wollte dieser auch weiterhin unter dem Majesty-Banner auftreten. Auf dem Rückweg kam er der Fama nach an einem Kino namens "Dream Theater" vorbei, der Rest ist Geschichte.

Gilchriest, der seit Jahren einen Betrieb für das Verlegen edelster Holzfußböden leitet, ist jetzt selbst Musiker mit einem Abschluss an der Aaron Copland School Of Music. Er hat mit Chören gearbeitet, Polyrhythmik-Techniken erlernt und will zukünftig Kinder unterrichten. Auf der letzten Virgin-Steele-Südamerika-Tour mit gigantischen 2,5 Stunden-Sets hat er versucht, David DeFeis von DREAM THEATERs Ansatz zu überzeugen und progressiver zu werden. Eine Rückkehr der einstigen Epic-Metal-Götter zu „Invictus“ und den glorreichen Vorgängeralben wäre wünschenswerter.

So viel zur Vorgeschichte. Gegen Ende der Interviewzeit mit John Petrucci in Köln ergab sich die Gelegenheit, den DREAM THEATER-Gitarristen vom neuen Album „A Dramatic Change Of Events“ weg in die Vergangenheit zu leiten und ihn kurz mit Franks Erinnerungen zu konfrontieren. Hier der Part des Gesprächs, der in der Printausgabe fehlt.

John, dein Sohn scheint eine Karriere als Tourmanager anzuvisieren. Gibt es andere Teile eures Nachwuchses, die demnächst – Iron-Maiden-like – eure Supportbands stellen werden?

„Er ist auch Musiker und will in einer Band mit Plattenvertrag spielen. Ich habe ihm nur einen Ferienjob für diesen Sommer gegeben, bei dem er mich begleiten und etwas Geld verdienen kann. Aber so stellt er sich nicht seine Zukunft vor. Er ist Songwriter, spielt Gitarre und Piano in einer Band. Wenn sie gut sind, nehmen wir die Bands unserer Kids natürlich mit! Ich habe gehört, dass der Sohn von Bruce Dickinson wirklich klasse sein soll.“

In ´This Is The Life´ lässt du James fragen ”have you ever wished to be someone else” und wenig später feststellen, dass dies reine Zeitverschwendung sei. Wann hast du dir selbst diese Frage zuletzt gestellt?

„Wahrscheinlich irgendwann in meiner Jugend. Durch diese Phase geht wohl jeder: Oh, der hat es aber besser als ich – ich wünschte ich wäre genau so. Hätte ich doch nur mehr Geld oder eine andere Frisur, blablabla. Der Text selbst ist konstruktiv, er sagt: Suche deine Spiritualität, lerne, deine Gaben zu schätzen. Gott hat dir dieses Leben gegeben, also verschwende nicht deine Zeit, jemand anderes sein zu wollen.“

Insofern ist die Botschaft genau die selbe, wie die von ´Far From Heaven´ welches James getextet hat.

„Das ist wohl ein universelles Thema und Gefühl: Akzeptiert mich, wie ich bin.“

Woran erinnerst du dich bei dem Bandnamen Crystal Beast?

„Oh mein Gott! Mit wem hast du gesprochen?“

Mit dem jüngeren Bruder des Kumpels von Adam Wechsler.

„Adam hat mich vor fast 30 Jahren mit den Dixie Dregs infiziert und mir Al Di Meolas Gitarrengenie nahegebracht. Er war ein absoluter Fanatiker, der auch total auf Rush stand. Wir haben allerdings gar keinen Kontakt mehr. Aber wer sind der Bruder und der Kumpel?“

Der Kumpel heißt Jim Gilchriest.

„Jetzt fällt der Groschen! Dann hast du Frank irgendwo auf Tour mit Virgin Steele getroffen. Er rief mich an, nachdem Mike Portnoy DREAM THEATER verlassen hatte, um uns viel Glück bei der Auswahl eines Nachfolgers zu wünschen.“

Er hat mir von euren Übungs-Jams Mitte der Achtziger erzählt.

„Immer, wenn ich ein neues Riff hatte, habe ich ihn angerufen und wir haben uns bei ihm im Keller getroffen. Wir konnte Stunden damit verbringen, so zu jammen. Wir hatten viele coole Ideen.“

Von denen er keine einzige später auf dem Majesty-Demo oder bei DREAM THEATER wiederentdecken konnte. Stimmt es, dass ihr bei den Auditions für den Nachfolger von Charles Dominici versucht habt, David DeFeis in die Band zu locken?

„Wer ist das?“

The Lion, der Virgin Steele Gründer und Sänger.

Ach so, klar – das ist alles so lange her...“

Der Löwe hat ja auch ein nicht zu unterschätzendes Ego und hätte sich kaum einer Band von Jungspunden untergeordnet.

„Stimmt, wahrscheinlich hätte es gar nicht funktioniert.“

Aber an Crystal Beast erinnerst du dich?

„Ich war nicht in der Band, aber Frank hat dort getrommelt und John Myung war bei ihnen. Seit jenen Tagen spielt er Bass. Ich weiß noch, wie enttäuscht Frank war, als John und ich Jahre später nach Berklee gingen und er in New York zurückblieb.“

www.dreamtheater.net
www.myspace.com/dreamtheater
www.johnpetrucci.com

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