Online-MegazineTourtagebuch

PAGAN´S MIND, BRAINSTORM

Unterwegs mit BRAINSTORM und PAGAN'S MIND

Nachdem die schwäbische Power-Metal-Institution BRAINSTORM mit "Downburst" ein starkes Album rausgebracht hat und sowieso als Deutschlands beste metallische Live-Band gilt, wird es höchste Zeit für einen Tourbericht! Und mit den norwegischen Prog-Power-Metallern PAGAN´S MIND konnte man außerdem noch einen tollen Opener verpflichten, also ab in den Tourbus, um für zwei Tage Mäuschen zu spielen.

Hamburg, Markthalle

Als ich nachmittags in der Markthalle eintreffe, herrscht schon einige Aufregung. Nicht nur, dass die Becken von BRAINSTORM-Drummer Dieter Bernert seit dem gestrigen Tourauftakt in Dänemark offenbar spurlos verschwunden sind, plagt Sänger Andy B. Franck eine fette Erkältung, die ihm und seinen Kollegen am Vorabend ein äußerst unangenehmes Erlebnis bescherte. "Seine Stimme war mitten im dritten Song einfach weg", berichtet der Drummer, während Andy den Tag überwiegend im Tourbus verbringt, um seine Stimme zu schonen. Die Show konnte man zwar noch halbwegs retten, da Andy als Profi gut mit seiner Stimme umgehen kann, trotzdem sehen die fünf Musiker der heutigen Show mit gemischten Gefühlen entgegen. Da heute Mittwoch ist, lässt sich auf die Schnelle auch kein Arzt auftreiben, aber für morgen wird das fest eingeplant.

Die Norweger PAGAN'S MIND sind gesundheitlich fit, trotzdem schlurft Keyboarder Ronny reichlich angeschlagen zum Merchandise-Stand, den die Jungs gerade aufbauen. Bevor er uns allerdings erreicht hat, haut mich schon schon seine Fahne um. Restalkohol 2 Promille, würde ich tippen. Das stört ihn aber nicht weiter; genügend Kraft, um ein paar Mails zu verschicken und eine Bierflasche zu leeren, ist ja noch vorhanden.

BRAINSTORM machen derweil Soundcheck, allerdings ohne Gesang, aber Andy guckt kurz vorbei und verständigt sich auch per Zeichensprache ganz gut. Die Schlagzeug-Problematik kann man schließlich mit Hilfe des PAGAN'S MIND-Drummers Stian lösen, der kurzerhand seine Becken zur Verfügung stellt. Trotzdem rätselt Dieter immer noch, wie sein Arbeitsmaterial verschwinden konnte, doch auch ein Anruf im dänischen Club bringt keine Aufklärung. Augen zu und durch, sagen sich auch Neuzugang Antonio Ieva am Bass und Gitarrist Tom Naumann (ex-Primal-Fear), der einige Gigs für den verhinderten Todde übernimmt. Spaß haben die Jungs jedenfalls auch in dieser Besetzung, und der Soundcheck klingt ebenfalls gut.

Dann sind die Norweger an der Reihe, sich kurz einzuspielen und Sänger Nils zeigt eindrucksvoll, was er unaufgewärmt auf dem Kasten hat. Das könnte daran liegen, dass der Mercyful-Fate-Fan dank Schlaftablettenähnlicher Substanzen (nein, keine Drogen) 14 Stunden Schlaf hinter sich hat. Die Jungs sind halt das erste Mal mit dem Tourbus unterwegs, da möchte man für schlaflose Nächte gerüstet sind. Mittlerweile sind auch die Hamburger FIRE eingetroffen, die heute den Opener geben und sich ein Aufwärm-Bierchen gönnen, bevor der Einlass beginnt.

Rappelvoll wird es leider nicht, der Stimmung tut das aber keinen Abbruch. FIRE sind als Lokalmatadore der optimale Opener und heizen mit ihren recht schnörkellosen rockigen Klängen gut ein. Viele Fans, die dazu noch ordentlich Krach machen, haben die Hamburger Jungs auf jeden Fall.

Krach machen dann auch PAGAN'S MIND. Ihr Sound klingt allerdings wesentlich vertrackter und härter und kommt zur Erleichterung der Band trotz der nur zu einem Drittel gefüllten Halle tight rüber. Die Stücke des neuen Albums "God's Equation" bekommen viel Applaus, und auch der ältere Ohrwurm 'Through Osiris Eyes' bringt den in Deutschland noch weniger bekannten PAGAN'S MIND neue Fans. Nach ihrer erst kürzlich stattgefundenen Tour mit Fates Warning merkt man den Skandinaviern die größere Spielpraxis an, und Frontmann Nils wirkt bei den Ansagen lockerer als noch vor ein paar Monaten.

Mit leichtem Unbehagen betreten schließlich BRAINSTORM die Bühne, doch professionell, wie die Schwaben nun mal sind, entfachen sie auch mit halber Gesangskraft eine Power, die man bei anderen Bands selbst dann vermisst, wenn sie in Topform sind. Die gekürzte Setlist und das Umgehen von ganz hohen Tönen nimmt deshalb auch keiner der begeisterten Fans übel, stattdessen gibt es gesangliche Unterstützung und viel Applaus. Mit Hits wie 'Highs Without Lows' und 'Hollow Hideaway' kann man aber auch nur punkten, so dass alle zufrieden die Halle räumen, während Andy erleichtert und froh, dass es nicht zu einem Zwischenfall wie am Vorabend gekommen ist, relativ schnell in seiner Koje verschwindet. Um 3 Uhr morgens starten wir Richtung Osnabrück, und während die angeblich so feierwütigen Norweger schon selig schlafen, glotzt ein Teil der Crew mit Brainstorm-Aushilfe Tom Naumann bis 5 Uhr DVDs von Sammy Hagar und Papa Roach. Gute Nacht!

Osnabrück, Bastard Club

Um 12 Uhr kann das Ausladen beginnen, während ich erst mal mit PAGAN'S MIND

-Sänger Nils ein norwegisches Frühstück im Bus zu mir nehme, denn der Frontmann hat sich für alle Fälle Brot, Käse und Wurst aus der Heimat mitgebracht. Andy ist schon längst auf dem Weg zu einem Arzt und nahegelegenem Wellness-Bad, damit er wieder zu Kräften kommt. Für seine Erkältung ist vermutlich jeder Ort besser als der Bastard Club, zumindest machen sämtliche Crew- und Bandmitglieder bei der Rückkehr in den Bus wenig ermutigende Bemerkungen, was den heutigen Veranstaltungsort angeht. Wird Zeit, den Laden mal selbst unter die Lupe zu nehmen!

Kaum habe ich den Club betreten, will ich auch schon wieder raus. Okay, draußen nieselt es zwar, aber hier drinnen ist es noch kälter als draußen! Geheizt ist nur der Barbereich, in dem sich dann auch alle tummeln, während die Crew überlegen darf, wie sie auf der winzigen Bühne am besten die Instrumente unterbringt. Die Brainstorm-Jungs Dieter und Milan flüchten in den nächsten Musikalienhandel, um neue Becken zu kaufen, während alle anderen fasziniert den Skatern zuschauen, die die Rampen-Landschaft im Nebenraum für ihre waghalsigen Kunststücke nutzen. Irgendwann können einen diese Anblicke aber auch nicht mehr aufheitern oder gar erwärmen, so dass nach und nach alle in den immerhin warmen Bus zurückkehren.

Die Motivation hält sich sichtlich in Grenzen, denn weder der Club noch der Vorverkauf bieten rosige Aussichten. Zum Trost gibt's Rambo- und Kiss-DVDs, und dann heißt es Showtime und eine Überraschung bahnt sich an: Wieder einmal bestätigt sich der Verdacht, dass die Shows, bei denen man davon ausgeht, dass sie kaum Spaß machen werden, oft zu den besten Konzerten werden.

Heute im Zweier-Pack am Start, sind PAGAN'S MIND Opener und können noch mehr überzeugen als gestern. Vielleicht liegt den Skandinaviern ja gerade die niedrige Temperatur im Club, andererseits ist Gitarrist Jorn-Viggo, dessen Gitarrensound für Gänsehaut sorgt, nicht gerade davon angetan, mit klammen Finger zu spielen. Die Leute in der ersten Reihe bekommen das gar nicht mit, stattdessen bangt man sich zu 'Alien Kamikaze' warm und entlässt die Band unter lautem Beifall.

Schon ertönen die ersten BRAINSTORM-Sprechchöre, und es beginnt - auch dank der zwar ziemlich kleinen, aber wie man auch später feststellen wird, erlesenen Fangemeinde der Schwaben - einer der unterhaltsamsten Gigs der Tour. Das ahnen Andy und Co. zwar noch nicht, aber nach einer Dosis Cortison fühlt sich der Frontmann immerhin nicht mehr ganz so schwach und sprintet gut gelaunt auf die Bühne. Nach großem Jubel setzt 'Falling Spiral Down' ein und in der ersten Reihe kreisen die Matten ohne Unterbrechung. So viel Fleiß will belohnt werden, also überlässt Andy den Bangern auch mal das Mikro und ist begeistert von der Textsicherheit der Jungs. Die Interaktion zwischen Band und Publikum ist heute sowieso so gut, dass man sich wie in einer Comedy-Show fühlt. Fragen wie "Wer issen das da?" (natürlich Tom Naumann) und spaßige Diskussionen zwischen Andy und einem Fan, ob jetzt das gewünschte 'The Healer' wirklich gespielt werden muss oder ob man sich auch mit neueren Krachern der Marke 'End In Sorrow' anfreunden kann, sorgen für eine Atmosphäre, die sonst nur aufkommt, wenn sich Freunde im Proberaum treffen, um zusammen ein paar Biere zu trinken und Spaß zu haben. Faszinierend!

Trotz der tollen Stimmung, die auf die komplette Band überschwappt, darf man aber nicht vergessen, dass Andy auf seine Stimme aufpassen muss. Deshalb erklärt der Sänger das übliche Zugabenspielchen heute für überflüssig und man bleibt auf der Bühne, um den Set bis zum letzten Knaller 'All Those Words' durchzuzocken. Schwer fällt es den völlig geplätteten Fans danach trotzdem, die Band von der Bühne zu lassen, so dass der Beifall kein Ende nimmt, während Brainstorm erschöpft in den winzigen Backstage-Bereich eilen und sich ohne Zweifel auf die Schulter klopfen dürfen.

Unter diesen Bedingungen einen so genialen Auftritt hinzulegen, schafft wirklich nur eine Band, die zu den ganz Großen gehört!

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