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ToneTalk: Robert Lunte – Seattle Vocal Coaching

Robert Lunte ist Gesangslehrer in Übersee. Zu seinen Lieblingssängern zählen unter anderem Vokalakrobaten wie Geoff Tate und Bruce Dickinson. Ersterer ging bei Roberts Gesangslehrer in die Stimmschule. Was er seinen Schülern weitergibt, erzählt er uns in einem ausführlichen Interview.

Robert, würdest du dich bitte in ein paar Sätzen vorstellen?

»Ich bin der Gründer des "The Vocalist Studios" in Seattle und der führenden Online-Community für Sänger, www.themodernvocalist.com. Anfänglich haben mich Künstler wie Steve Perry, Rob Halford, Bruce Dickinson und Geoff Tate inspiriert. Letztendlich habe ich den legendären Maestro David P. Kyle getroffen, den unübertroffenen privaten Gesangslehrer der Rock- und Metalsänger aus den 70ern, 80ern und 90ern. Geoff Tate von Queensryche, Ann Wilson von Heart, Lane Staley von Alice In Chains und auch Chris Cornell, sie alle haben bei David Kyle gelernt. Das "Vocalist Studio" ist die Weiterführung seines Erbes. Ich habe ein anerkanntes System für "Bridging & Connecting" für Sänger - ich nenne sie "vocal athletes", Stimmathleten - entwickelt. Ich nenne es "The Four Pillars Of Singing". Am Ende dieses Programms sollten Sänger fähig sein, ihre Stimme vollkommen frei benutzen zu können ohne sie anzustrengen. Ich arbeite mit etwa dreißig Studenten auf meiner Live-Bühne in Seattle und via Webcam über das Internet.«

Worum geht es bei den "Four Pillars Of Singing"? Was unterscheidet diese Methode von anderen Ansätzen für Rocksänger, einen gesunden Registerwechsel ins Mikrofon zu bringen?

»"The Four Pillars Of Singing" ist eine Trainingsmethode, die wir beim TVS für fortgeschrittene Sänger entwickelt haben, die sich noch den letzten, wenn auch kompliziertesten Schliff geben wollen. Damit meine ich die Fähigkeit, nahtlos von der Bauch- in die Kopfstimme wechseln zu können, um das Gesangsspektrum zu erweitern und frei singen zu können. Für die Ausbildung der Kopfstimme unterrichten wir Techniken, die die Töne voll und überzeugend produzieren lässt. Wir ersetzen also das Falsett durch die volle Stimme. Das wird bei uns dann "Bridging & Connecting" genannt, und das ist auch der wichtigste Aspekt, den wir unseren Schülern beibringen wollen.

Darüber hinaus gibt es Tutorial-DVDs von mir und von meinen besten Vocal Coaches. Darauf sind unsere Übungen über vier bis fünf Oktaven live auf einer Bühne zu sehen. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir Lehrfilme anbieten können, in denen der Entwickler dieses Systems selbst die Übungen vorführt. Bei uns ist alles echt.«

Was ist der Unterschied zwischen "belting" und "bridging"?

»Das sind zwei grundverschiedene Dinge. Belting ist einer von sieben Gesangsmodi, die ein Sänger mit seinem Kehlkopf produzieren kann. Die sieben Modi sind Sprache, Operngesang, Näseln (twang), Belting, also das gepresste Singen, eine Art Schluchzen (sob), Das Falsett und die Verzerrung (distortion), von denen Rocksänger hauptsächlich belten, näseln und verzerrt singen. Wir bei TVS definieren Belting als den höchsten Punkt der Bauchstimme, darüber hinaus gibt es noch physiologische Kriterien. Volle Kopftöne werden mit 'belt' und 'twang' trainiert.

Bridging hingegen ist lediglich ein Begriff, der den nahtlosen Übergang von der Bauchstimme in die Kopfstimme beschreibt, ohne dass die Stimme dabei bricht oder sich zusammenzieht.«

In höchstens drei Sätzen: Warum ist Bridging so wichtig für eine kraftvolle Stimme?

»Bridging verdoppelt dein Stimmvolumen, beseitigt alle Enge, verhindert zu starke, einengende Kontraktionen im Brustkorb und macht es möglich, extrem hohe Töne zu produzieren, um der Musik Intensität zu verleihen. Es ist immens wichtig das Bridging ausgiebig zu üben. Richtig großartiger Gesang kann nur durch die Fähigkeit zu bridgen erzielt werden.«

Was ist denn das Geheimnis beim Bridgen? Könntest du uns vielleicht etwas darüber verraten?

»Zuerst einmal geht es darum Kraft und Koordination aufzubauen. Bridging ist wie ein Trick oder Stunt und für die meisten deshalb kein natürlicher Stimmverlauf. Es setzt voraus, dass du in erster Linie zwei Sachen entwickelst: zum einen das Timing, wann du mit dem Bridging anfängst, zum anderen - und das betrifft die Physiognomie - musst du lernen deinen Kehlkopf zu erweitern, indem du deinen Gaumen kontrollierst. Auch eine bestimmte Muskelkoordination muss gelernt werden. Das ist schon an sich sehr komplex und die meisten brauchen ein ausgedehntes Training dafür. Der einzige "Trick" ist, einen Lehrer zu finden, der es kann und es dir beibringt. Das ist nicht einfach.«

Hast du ein paar Tipps für gesundes Singen?

»Erzwingt nichts! Singt überlegt, übt, bis zur Kopfstimme bridgen zu können, und entwickelt dann die Kopfstimme, bis sie voll klingt. Dazu gibt es wirklich keine Alternative, außer wenn ihr bis an euer Lebensende unter Schmerzen singen wollt. Trinkt kein kaltes Wasser beim Singen. Nie. Nehmt Gesangsunterricht bei einem erprobten Gesangslehrer.«

Kommen wir mal zu einigen meiner Lieblingssänger: James LaBrie, Bruce Dickinson, Ronnie James Dio und Michael Kiske, um nur ein paar zu nennen ... Nehmen wir Dream Theaters "Train Of Thoughts". Meiner Meinung nach passten die Gesangslinien überhaupt nicht zu LaBries Stimme. Ihm liegen eher die großen Bögen, die epischen Melodien. 1995 waren DT mit Fates Warning auf Tour, und zu der Zeit hatte LaBrie seine Stimme fast gänzlich verloren. Jetzt singt er besser denn je. Was glaubst du, ist mit seiner Stimme passiert?

»Stimmt, ich habe Dream Theater vor ein paar Monaten gesehen und sie waren toll. Sie haben so ziemlich den besten Sänger in diesem Geschäft und ohne LaBrie wären Dream Theater nicht dort, wo sie heute sind. Was LaBrie angeht, ist nichts mit seiner Stimme passiert. Der Sound auf "Train of Thoughts" ist mit Absicht so gewählt, da die Band einen anderen Gesangsstil wollte, und vielleicht hat James wirklich auch einen anderen Sound gewollt. Immerhin kann ein klasse Sänger auf verschiedene Arten singen, und außerdem machen Produzenten oder das Label ebenfalls manchmal Druck, etwas Neues zu probieren.«

Ray Alder (Fates Warning) war in sehr guter Form an diesem Abend. Seine Stimme war außergewöhnlich gut und übertrug hervorragend die Emotionen aus "Inside out". Als ich ihn beim ROCK HARD FESTIVAL vorletztes Jahr gesehen habe, war ich etwas enttäuscht. Er schien die hohen Töne nicht mehr zu treffen, und so richtig clean war seine Stimme auch nicht mehr.

»Nur weil ein Sänger berühmt ist, heißt das nicht, dass er keine Übung braucht und nicht in Form bleiben muss. Eine fantastische Stimme zu haben erfordert athletische Anstrengungen und man muss in Form bleiben, sich aufwärmen, üben und sich selbst in den Griff bekommen. Wenn du nicht auf deinem persönlichen Leistungshöhepunkt bleibst, wird deine Stimme langsam anfangen ihren Umfang und ihre Elastizität zu verlieren. Die Stimme wird dann einfach abbauen.«

Wie steht es mit Robert Plant? Würdest du eine Led-Zeppelin-Reunion begrüßen? Oder sollte sich Plant davon eher fernhalten? Ich meine, seine Stimme wird auch nicht jünger ...

»Das Alter hat mit dem Stimmumfang und dem Vermögen der Stimme nichts zu tun. Meiner Meinung nach geht es vor allem darum in Form zu bleiben, zu trainieren und die Technik nicht einrosten zu lassen. Sicher würde ich eine Reunion begrüßen, warum auch nicht?«

Bruce Dickinson scheint nicht in einer stimmschonenden Weise zu singen. Manch andere hätten dabei schon ihre Stimme verloren. Beltet er, und wie hat er es geschafft, seine Stimme zu behalten?

» Ja, er beltet und ich glaube, dass er mit den Jahren auch Probleme mit einer falschen Anspannung im Brust- und Nackenbereich bekommen hat (Robert bezieht sich auf das sogenannte "chest pulling", bei dem der Ton beim Belten nicht frei schwingt, sondern durch zu großes Pressen im Oberkörper bei hochgezogenen Schultern unter Zwang erzeugt wird. -sn). Aber er ist ein sehr guter Sänger, und mit dem richtigen Gesangscoach könnte er recht schnell seinen früheren Stimmumfang wiederherstellen.«<//embed>

Ronnie James Dio ist nicht sonderlich großgewachsen, hat aber eine Hammerstimme. Was ist sein Geheimnis?

»Körpergröße hat nichts mit der Stimme zu tun. Auch er beltet, aber dazu ist er auch in der Lage in die Kopfstimme zu bridgen und die Verzerrung dabei zu überspielen, um die Kopftöne dunkler zu machen.«

Michael Kiske (ex-HELLOWEEN) hat eine sehr cleane Stimme und trifft auch die hohen Töne. Selbst jetzt ist seine Stimme in keinster Weise rau geworden oder hat an Umfang verloren. Er hat vor ein paar Jahren aufgehört Heavy Metal zu singen. Glaubst du, dass das eine gesunde Entscheidung war? Ist Heavy Metal der Tod einer Stimme?

»Auf keinen Fall. Heavy-Metal-Gesang bereitet der Stimme keine Probleme, vor allem dann nicht, wenn du mit einer so guten Technik singst wie Kiske. Seine Stimme ist auch heute noch gesund und hat nie beschwert oder belegt geklungen, weil er immer in die Kopfstimme bridgt und die Kraft entwickelt hat, die vollen Kopftöne zu singen.«

Was ist mit den neuen Trends? Wie bewertest du die ganzen New-Metal-Sachen wie Metalcore oder andere Stile wie das melodielose Shouten?

»Ganhz gleich, ob es melodieloses Shouten ist oder eine extreme Verzerrung mit einer Art flachen Melodie, es ist immer noch Kunst. Und im Hinblick darauf ist es auf jeden Fall wichtig. Ich denke, dass die neuen Stile mit enormer Distortion wichtige Neuerungen für die Kunst des Singens sind und deshalb ruhig auch benutzt werden sollten. Man muss bei diesen Stilen jedoch sehr vorsichtig sein, denn sie können die Stimme schädigen. Viele Sänger verletzen ihre Stimme, weil sie dieses extreme Schreien nicht beherrschen. Es gibt auch hierfür eine gesunde Technik, aber auch die muss man lernen.«

Was meinen persönlichen Geschmack angeht, setzen manche Leute diesen Gesangsstil zu oft ein. Er sollte besser wie ein Effekt genutzt werden. Die Fähigkeit mit Obertönen, Stimmumfang, Bridging und richtig guter Betonung zu singen ist das Allerwichtigste für einen Sänger - und das definiert letztendlich auch eine großartige Technik. Deine Stimme nach Strich und Faden ohne jegliche Melodie, Inspiration und Modulation für vier Stunden zu verzerren, kann ziemlich öde werden. Singen wird durch die richtige Koordination des Ausatmens, Lautbildung, Resonation und Visualisierung definiert. Extreme Verzerrung ist im Gegensatz dazu eher eine Art Effekt, den Sänger benutzen können. Es ist also sehr wichtig, extreme Screams zu benutzen und sie auf eine gesunde Art zu lernen, aber ich denke, dass ein Künstler die cleanen Vocals als sein Fundament benutzen sollte.«

Übersetzung aus dem Englischen: Katrin Piechotta