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SHOCK RECORDS - Metal und Heißgetränke

Shock Records

Wir alle wissen, wie die Dinge seit vielen Jahren laufen. Die Umsätze im Tonträger-Bereich gehen mehr und mehr zurück, der Großteil der CDs wird heutzutage über Mailorder oder große Handelsketten abgesetzt, dem spezialisierten Fachhändler vor Ort bleibt da kaum Luft zum Überleben, und so schloss in der Vergangenheit ein Szene-Plattenladen nach dem anderen. Ausgerechnet im beschaulichen Osnabrück setzt nun ein Geschäft zur Gegenoffensive an.

Bibi1989 öffnete Shock Records erstmals seine Pforten, und seitdem wurde der Laden von seinem Besitzer Hans-Dieter Herrmann (den jeder nur „Bibi“ nennt) sicher durch alle guten und schlechten Zeiten gesteuert. Vor kurzem hat sich Bibi mit Alexander „Schnalli“ Schröder zusammengetan, den man auch außerhalb der Stadtgrenzen als Besitzer des Bastard Clubs und Drummer der Bands Iron Walrus und Dampfmaschine kennt. Die beiden haben den Laden in die Osnabrücker Altstadt verlegt und dort mit neuem Konzept wiedereröffnet. Auf 140 Quadratmetern findet man eine fünfstellige Anzahl an Schallplatten und CDs, dazu eine Second-Hand-Vinyl-Abteilung - und als Clou obendrauf gibt´s im hinteren Bereich noch ein urgemütliches Café, wo man in Ruhe Heiß- und Kaltgetränke schlabbern und dabei auf einer der vier Abspielstationen (Schallplatten- und CD-Player) die neuesten Scheiben antesten kann.

Betritt man den Laden in der Hasestrasse (nur zwei Fußminuten vom Bahnhof Osnabrück-Altstadt entfernt), werden einem zwei Dinge sofort bewusst: Hier liegt das Schwergewicht eindeutig auf Vinyl. Und hier hat man direkt Bock sich hinzusetzen und mit anderen Gästen über Musik zu quatschen. Also der klassische Gegenentwurf zur Media-Markt-Schnellabfertigung. Die geschmackvollen Wanddekos tun das Ihrige.

Klar wird einem auch, dass dies hier kein reiner Metal-Laden ist. Sonst hätte Bibi vermutlich auch nicht so lange durchhalten können. Hat die Spezialisierung auf Vinyl Shock Records über Wasser gehalten?

Bibi: »Nicht nur. Gerade in den Neunzigern habe ich auch verstärkt auf CDs gesetzt, da war Vinyl nur ein Nischenprodukt, was aber auch stets seinen Teil zum Gesamterfolg beigetragen hat. Zumal ich lange Zeit der Einzige war, der in Osnabrück Vinyl verkauft hat. Natürlich bin ich auch ein bisschen mit den Trends gegangen. In den Neunzigern war Metal das große Ding, später ging HipHop eine Weile ziemlich gut. Da fand ich einige der frühen Sachen ganz geil, aber insgesamt stank mir an der HipHop-Szene auch einiges, weswegen die Mucke dann bald nur noch eine untergeordenete Rolle spielte.
Konstant waren dabei immer die Indie-, Punk- und Hardcore-Sachen, die werden immer ein ganz wichtiger Teil dieses Ladens sein. Im Moment allerdings geht Metal-mäßig wieder mehr. Speziell die Neunziger-Sachen scheinen eine Art Comeback zu haben. Roadrunner haben ja zu recht fairen Preisen Vinyl-Re-Releases von solchen Bands wie Type 0 Negative oder Life Of Agony rausgebracht, davon gehen pro Release im Monat 20-30 über die Ladentheke, genauso wie von Mother Love Bone, Soundgarden oder Stone Temple Pilots. Es geht auch viel über Empfehlungen. Von einer ansonsten ja nicht ganz so populären Band wie ASG haben wir hier überproportional viel verkauft, aber auch andere neuere Acts wie Red Fang, Clutch oder Down laufen prima, und der Siebziger-Retro-Trend hat uns sicher auch in die Karten gespielt.«

SchnalliKommt eure Kundschaft überwiegend aus Stadt und Landkreis Osnabrück?

Schnalli: »Bielefeld, Münster, Vechta, Cloppenburg - die Leute nehmen mitunter bis zu 100 Kilometer Anreise auf sich. Im Café merkt man zudem, dass einige auch mehrmals pro Woche reinschneien.«

Was war die Idee, die hinter eurem Zusammenschluss lag?

Schnalli: »Ganz einfach: In Bibis altem Laden saß die Freundin immer gelangweilt auf dem Sofa, während ihr Typ sich durch die Platten wühlte und nach zehn Minuten genervt war, weil das Mädel anfing zu nölen. Und ich dachte mir: Wenn man da jetzt ein paar Tische und 'ne nette Kaffeetheke hätte, würde das für beide Seiten entspannter ablaufen. Jetzt kriege ich auch schon Mails von Bekannten, die schreiben: „Scheiße, jetzt will mein Mädel jedes Mal mit, wenn ich Platten kaufen gehe, weil sie dann mit ihren Freundinnen gemütlich Kaffee trinken und quatschen kann“. Was aber natürlich auch cool ist.«

Die Metal-Abteilung bei Shock Records wächst zwar stetig, aber was müsste passieren, damit sie noch mehr Platz einnehmen könnte?

Bibi: »Die Labels müssten von den Majors weg. Die sind speziell im CD-Bereich einfach viel zu teuer. Wir achten hier schon auf möglichst faire Verkaufspreise, aber die lassen sich mit den meisten Majors einfach nicht realisieren. Im Vinyl-Sektor sind hingegen Universal ziemlich cool, mit Warner hingegen kann man diesbezüglich überhaupt nicht arbeiten. Versuche mal, einige Wochen vor dem Record Story Day dort denjenigen zu erreichen, der für die Special Editions, die zu diesem Zweck veröffentlicht werden, zuständig ist. Der ist nie da. Da lobe ich mir Labels wie Svart Records.
Die veröffentlichen total verschiedene Sachen, aber das Zeug ist immer total wertig aufgemacht und hat auch musikalische Qualität. Ach ja, solche Sachen wie Burzum oder Graveland findet man bei uns genauso wenig wie den ganzen homophoben Reggae-Mist oder HipHop mit menschenverachtenden Texten.«

Was ist, wenn ein Kunde bei euch z.B. die neue Darkthrone kauft, aber gleichzeitig auch noch die neue Alter Bridge haben will, die ihr nicht im Laden habt?

Bibi: »Dann bestelle ich sie ihm. Ich besorge alles, was es regulär im Handel gibt. Und auch Sachen, die nicht so einfach zu kriegen sind. Gerne auch Importe. Nur eben keine politisch bedenklichen Platten.«

Könnte ich mir theoretisch auch 'nen Stapel CDs oder Platten auf euren Abspielstationen anhören und dann wieder nach Hause gehen, ohne etwas zu kaufen?

Bibi: »Na klar. Solange du die Platten nicht beschädigst. Hier wird niemand zu etwas gezwungen, und oftmals entscheidet man sich ja nicht direkt, welche der Scheiben man jetzt wirklich kaufen will. Vielleicht kommst du ja nächste Woche wieder und nimmst dir dann eine oder mehrere mit.«

Ich jedenfalls weiß, wo ich mir in Zukunft meinen Audiostoff besorgen werde. Aber eine Frage zum Abschluss noch: Man kann hier auch Sprayer-Equipment kaufen. Welchen Kundenstamm bedienst du denn damit?

Bibi: »Das ist aus der Zeit übriggeblieben, als ich viel HipHop im Laden hatte. Wer das kauft? Ziemlich viele Nasen aus der Osnabrücker Ultra-Szene, aber auch Leute, die inzwischen richtige Graffiti-Künstler sind.«

 

www.shock-records.de
www.facebook.com/shockrecordskaffee