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RAGE

Auf 'nen Schwatz mit PEAVY

Peavy Wagner zählt zu den Urgesteinen der deutschen Metal-Szene. Nach 20 Jahren RAGE und 17 Alben schien uns die Zeit reif, Peavy mal wieder auf den Zahn zu fühlen. Für euch berichtet Peavy von seiner Passion für das Knochensammeln, seinem kurzzeitigen Rausschmiss aus dem Elternhaus und bizarren Bühnenerlebnissen.

Auf welchem Instrument hast du deine ersten musikalischen Gehversuche gewagt?

»Mit neun Jahren habe ich auf der spanischen Gitarre angefangen. Zuerst habe ich im Gitarren-Unterricht klassische Sachen gelernt. Nach einer Weile wurde es mir dann zu langweilig anderes Zeug nach zu spielen und habe angefangen meine ersten Songs zu schreiben. In meiner ersten Band war ich auch als Gitarrist tätig. Wie das in dem Alter so ist (wir waren 13 oder so), hatten wir zum Schluss vier Gitarristen in der Band, aber keinen Bassman (lacht). Da bin ich dann irgendwann umgestiegen auf Bass, eigentlich auch inspiriert durch Lemmy von Motörhead, weil ich den Rickenbecker-Bass von ihm so cool fand. Als mir zu der Zeit günstig einer angeboten wurde, habe ich zugeschlagen - und war plötzlich Bassist.

Es gab doch sicherlich viele Verwandte und Bekannte, die nie daran geglaubt haben, dass du mit RAGE mal deinen Lebensunterhalt würdest verdienen können. Irgendwelche Kommentare, die dir gut im Gedächtnis geblieben sind?

» An die Kommentare kann ich mich im Einzelnen nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass mein Vater mich damals rausgeschmissen hat, weil ich meine Präparatoren-Ausbildung abgebrochen habe, um Musiker zu sein. Nach der "Reign of Fear" war die erste größere Tour gebucht, für die ich nicht frei bekommen habe. Darüber habe ich mich so geärgert, dass ich alles hingeschmissen habe. Zu der Zeit musste ich erstmal ein Weilchen im Proberaum schlafen. Später wurde ich zu Hause aber wieder aufgenommen.

Gab es jemals eine Veröffentlichung, der du als beinharter Fan so richtig entgegen gefiebert hast?

»Meistens immer den neuen Rush-Alben, auf die freu ich mich immer sehr. Obwohl ich mit dem letzten auch nicht so ganz glücklich war. Sehr enttäuscht war ich von dem letzten Metallica-Album. Da habe ich mich auch sehr gefreut, weil die Ankündigungen so hochtrabend waren, von wegen, dass es so klinge wie früher. Dann kam da so ein Schrott-Demo bei raus (lacht). Mal gespannt, was jetzt kommt. Jetzt sind sie ja mit Rick Rubin zusammen. Das könnte eventuell was geben.

Hast du während deines Fan-Daseins schon einmal versucht dich auf ein Konzert zu mogeln, ohne zu bezahlen?

»Wir haben uns auf einem ganz frühen Monsters-of-Rock-Festival in Karlsruhe mal durch den Zaun durchgebuddelt. Das sind aber eigentlich noch legitime Methoden (lacht).

Was war das Dämlichste, was du unter überhöhten Alkoholgenuss getan hast?

»Ich bin schon des Öfteren besoffen gefahren, das sollte man sich aber echt verkneifen, das ist nicht zur Nachahmung empfohlen! Ansonsten: Ziemlich viel Mist gelabert und Autos voll gekotzt. Also eher so "normale" Sachen, nix wirklich Spektakuläres.

Gibt es einen RAGE-Song, bei dem es dich wundert, dass er nicht so gut angekommen ist?

»Ja, auf "Reflections Of A Shadow" hatten wir den Opener 'That's Human Bondage'. Die Nummer ist irgendwie völlig untergegangen. Da hatte ich echt gedacht, das wäre ein cooler Opener, weil die Nummer mit viel Geschrei relativ aggressiv war. Nach dem Stück hat aber keiner mehr gefragt.

Hattest du schon einmal eine Verletzung, die dein Musikerdasein ernsthaft bedroht hat?

»Ja, im letzten Jahr hatte ich den rechten Arm gebrochen, da habe ich auch jetzt noch eine große Narbe. Mir wurde als Radfahrer die Vorfahrt genommen. Da ist im Arm der Gelenkknöchel richtig rausgebrochen. Das musste mit Schrauben fixiert werden, so dass ich eine Weile ausgefallen bin. Unter Umständen hätte der Arm auch steif werden können.

Was war das Bizarrste, was dir jemals auf der Bühne passiert ist?

»Das Dämlichste war, dass ich mal durch die Bühne durchgebrochen bin. Das ist auch schon ewig her, ich glaub', das war in Luxemburg. Die Bühne bestand aus ziemlich dünnen Brettern, die immer schon gut gefedert haben. Na ja, ich bin dann vom Drumpodest gesprungen und voll eingebrochen (lacht). Unter der Bühne befand sich so ein winziger Bretterverschlag, der als Umkleideraum diente. Auf einmal stand ich halt in diesem Umkleideraum, da hab ich erstmal ganz schön doof geguckt, haha. Aber mir ist soweit nix passiert.

Ansonsten: 1988 hat in Polen mal jemand mithilfe einer Schleuder versucht, mich mit einer großen Stahlkugel abzuschießen. Ich hab das gar nicht registriert, ich sah nur irgendwas an meinen Kopf vorbei fliegen, wusste aber nicht, was das war. Ein Treffer wäre natürlich ziemlich derbe gewesen. Den Typen haben sie dann auch verhaftet, der hatte wohl nix persönlich gegen mich, der wollte sich einfach nur wichtig tun.

Habt ihr jemals ein Hotelzimmer oder einen Tourbus demoliert?

»Dezent, wir sind ja nicht so die absoluten Rabauken, das waren wir auch früher nicht. Ich erinnere mich noch an die erste Tour mit Kreator und Destruction, da haben wir mal mehr oder weniger ein ganzes Hotel zerlegt. Das ging aber mehr von Schmier aus, aber wir waren super breit und haben alle mitgemacht. Zuerst haben wir unseren damaligen Tourmanger abgefüllt und in die Badewanne gelegt. Später ließen wir die Wanne dann auch noch volllaufen. Dann haben wir die Kissen aufgeschnitten und die Federn überall verteilt. Dann wurden noch schnell die Betten zerlegt, und ein Fernseher flog auch irgendwann aus dem Fenster.

Du benutzt seit kurzem Textblätter auf der Bühne zur Gedächtnisstütze. Peavy goes Ozzy?

»Naja, keine vollständigen Textblätter. Ich hab' da so einzelne Zeilen, die ich immer verwechsele. Es gibt einige Songs, deren Strophen auf demselben Thema basieren, und die schmeiß ich immer durcheinander. Aber das geht jetzt nicht so weit wie bei Ozzy, der braucht ja wirklich alle Texte komplett über den Teleprompter.

Was ist der größte Fehlkauf in deiner Platten-/CD-Sammlung?

»Einiges. Ich hab damals in den frühen Achtzigern so ziemlich alles gesammelt, was raus kam. Ich hab damals auch nach Labels gesammelt. Zum Beispiel von Neat Records, da waren Venom und Raven drauf. Es waren aber auch einige ziemliche Gurkentruppen darunter.

Dein Lieblingslied von ...

... Running Wild?

Peavy: 'Conquistadores' und 'Riding The Storm'. Die sind mir von unserer damaligen gemeinsamen Europatournee noch gut im Ohr.

... Dream Theater?

Peavy: Oh, sehr viel. 'Sorrounded' finde ich super geil. Auf der "Images and Words" ist sowieso verdammt gutes Zeug. Ich weiß nicht, ob man Liquid Tension zu Dream Theater zählen kann: Von der "Experiment II"-Scheibe finde ich 'Hourglass' sehr gut komponiert.

... Megadeth?

Peavy: Auch viele. Ich sag mal 'Wake Up Dead'. Habe ich gestern Abend erst wieder gehört. Meine Freundin steht auch auf die alten Megadeth-Sachen, und dann kramen wir ab und zu mal die alten Vinyls raus. Die "Peace Sells ..." ist nach wie vor eine meiner Lieblingsscheiben.

... Metallica?

Peavy: Eigentlich auch nicht ein spezielles. Die geilste Nummer ist 'Creeping Death', und zwar in der Live-Version der 'Sad But True'-Maxi. Die ist so energiegeladen, da kannste die Albumversion in die Tonne treten. Zu der Zeit fand ich die Band am stärksten.

... The Beatles?

Peavy: Da kann ich keine bestimmte Nummer nennen. Im Grunde das Gesamtwerk von ihnen.

Gibt es irgendeinen Musiker mit dem du mal gerne zusammenarbeiten würdest?

Peavy: Ja, ich möchte unbedingt mal was mit Dan Swanö (Edge of Sanity, Nightingale, Bloodbath -rb) machen. Wir haben uns mittlerweile ein wenig angefreundet, weil seine jetzige Freundin die beste Freundin meiner Freundin ist. Die kommen öfters mal vorbei, oder wir besuchen die beiden bei Gelegenheit. Wir haben festgehalten, dass wir mal was zusammen aufnehmen wollen. Ich find ihn schon lange als Musiker und Komponisten gut. Da werden bestimmt ein paar coole Nummern entstehen.

Schreibt Peavy Wagner eigentlich auch zu anderen Zwecken Songs, sprich zum privaten Vergnügen - oder ein Liebeslied für seine Freundin?

Peavy: Ja, das mit dem Liebeslied ist schon mal vorgekommen. Ich schreibe eigentlich ständig und mache mir erst danach Gedanken, wofür ich das verwenden kann. Im Moment versuche ich Material zu sammeln für das nächste Rage-Album, was wir wahrscheinlich im nächsten Frühjahr angehen werden. Ferner steht zur Aussicht, dass wir eventuell zum zwanzigjährigen Jubiläum von Nuclear Blast was aufnehmen werden. Bei dem Projekt soll Victor als Supervisor ein Album produzieren, und wir werden sicher zu zweit an Songs arbeiten. Diverse Nuclear-Blast-Künstler werden das Zeug dann performen.

Es ist bekannt, dass du auch einen großen Fundus an Rage-Songs in Petto hast, die unveröffentlicht sind. Verwendest du von den älteren Ideen etwas?

Peavy: Ich habe unheimlich viele Kassetten mit Ideen. Ab und zu hör' ich die mal durch und suche mir ein paar Sachen raus, die ich gerade gebrauchen kann. Bei 'Death Is On It's Way' sind einige Ideen dabei, die Mitte der 90er Jahre entstanden sind. Es gibt auch viele Songs, die wir mit der Band als Demo eingespielt haben, die wir aber dann doch nicht benutzt haben. Wenn man denn wollte, könnte man sofort mehrere Alben daraus basteln. Aber die Sachen sind qualitativ nicht so hochwertig, sonst wären sie verwendet worden.

Welches Ausmaß hat deine Knochensammlung mittlerweile?

Peavy: Sie ist gigantisch. Ich habe echt Platzprobleme zu Hause. Ich weiß nicht, wo ich das alles noch hinpacken soll, es kommt auch ständig etwas Neues hinzu. Meine Freundin kotzt das mittlerweile ziemlich an (lacht). Vor allem die Knochen aus dem Pleistozän sind schwer zu lagern. So ein Oberschenkelknochen von einem Mammut wiegt schon seine 50 Kilo.

Welches ist das wertvollste Stück deiner Knochensammlung?

Peavy: Ich hab mal 2.500 Euro für einen kompletten Nashornschädel aus der Eiszeit hingelegt. So was ist relativ selten im Fundgut. Da habe ich dann irgendeine Gage für geopfert. Andere fahren in Urlaub, ich leg mir dafür so was zu (lacht).

Präpariest du die Sachen auch?

Peavy: Ja, ich habe mir da jetzt bessere Techniken draufgeschafft und bessere Anlagen besorgt. Ich bekomme auch von befreundete Präparatoren schon mal einen Hund oder so. Wenn etwas aus dem Meerschweinchen-Stall meiner Freundin verstirbt, behalte ich das auch (örks -Red.).

Welche drei RAGE-Alben sind deine persönlichen Favoriten?

Peavy: Hm, also "Reflections Of A Shadow" ist ein klasse Album, welches leider nie die Anerkennung gefunden hat, die es vielleicht verdient hätte. "The Missing Link" und "XIII" sind beide sehr stark. "Welcome To The Other Side" ist auch ein gutes Album, das wahrscheinlich besser rübergekommen wäre, wenn wir es mit Charlie Bauerfeind produziert hätten.

Pics: Sascha Nieroba

 

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