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KREATOR

Ein Schwätzchen mit MILLE (Kreator)

Mille Petrozza gilt als einer der beständigsten Thrash-Musiker überhaupt. Rock Hard bat Mille zu einem netten Plausch und konnte dabei einiges über Milles Einstieg ins Musikerleben, seine musikalische Vorlieben und Kosmetiktipps in Erfahrung bringen.

Auf welchem Instrument hast du deine ersten musikalischen Gehversuche gewagt?

»Ich habe irgendwann von meinem Cousin eine E-Gitarre bekommen, auf der ich meine ersten musikalischen Gehversuche wagen konnte. Ich habe anschließend einen Gitarrenkurs besucht, um die ersten Akkorde zu lernen. Ich wusste damals auch noch nicht, wie man eine Gitarre stimmt, ich dachte immer, die Gitarre klingt den einen Tag gut, den anderen halt nicht (lacht).«

Da du schon als 16-Jähriger mit KREATOR angefangen hast, gab es doch bestimmt viele Leute, die nicht daran geglaubt haben, dass du damit deinen Lebensunterhalt würdest bestreiten können. Was waren die übelsten Kommentare, und bei wem hat dich eine solche Bemerkung getroffen?

»Niemand hat daran geglaubt. Ich weiß noch, dass sich 1984 bei der Aufnahme des "End of the World"-Demos die Typen im Studio totgelacht haben über uns. Die meinten: "Das ist ja gar kein Metal, das ist Pogo!"

Auf Musikmessen hatte ich immer den Drang über große Verstärker zu spielen. Auf der Musikmesse in Essen gab es so eine Gitarre von Wolf Hoffmann mit einem Riesen-Marshallverstärker. Sämtliche Profis haben da ihr Können gezeigt, also habe ich mich auch mal daran versucht. Ich habe während des Spielens gemerkt, dass sich so eine Traube um mich herum gebildet hat und mich alle so ein bisschen belächelt haben, weil ich so peinlich gespielt habe.«

Hattest du schon einmal eine Verletzung, die dein Musikerdasein ernsthaft bedroht hat?

»Ja, ich hatte mal unter dem Fingernagel im Zeigefinger der linken Hand einen Splitter, der sich übel entzündet hat. Das Problem bei der Sache war: Die Entzündung konnte den Splitter nicht nach oben hinaus treiben, da hier der Fingernagel im Weg war. Der Finger schwoll dann auf die dreifache Größe an und pochte unentwegt. Während des Mixes zu "Extreme Aggression" bin ich schließlich in Berlin zum Arzt gegangen. Die Ärztin meinte, sie müsste den Fingernagel rausschneiden, um das Fleisch darunter zu entfernen. Für den Fall, dass die Entzündung bis auf den Knochen gegangen wäre, hätten sie die Fingerkuppe amputieren müssen. Einen Tag später hätte die Sache schon anders aussehen können.«

Es ist ja bekannt, dass du nicht die Namen der Songs bekannt geben willst, die du für die etwas schwächeren von KREATOR hältst. Fragen wir daher mal andersherum: Mit welchen Song bist du heute noch so zufrieden, dass du nichts an ihm ändern würdest?

»Puh, das hört sich nach Eigenlob an. Ich find "The Ancient Plague" ist ganz gut gelungen. Das ist für KREATOR-Verhältnisse schon fast ein epischer Song. Meistens bin ich genau mit jenen Songs zufrieden, die wir nie live spielen, da sie live nicht funktionieren. Darunter fällt auch "Replicas of Life", den würde ich auch nie mehr verändern wollen. Das sind gut durchdachte Songs, die schon fast 7-8 Minuten lang sind. Normalerweise bin ich kein großer Freund von solchen Sachen. Aber ich finde allein diese letzte Passage von "The Ancient Plague" sehr gelungen, da muss ich mir selber auf die Schulter klopfen.«

KREATOR gelten auch unter Musikern als einer der einflussreichsten Thrash-Acts überhaupt. Ist es schon mal vorgekommen, dass andere Musiker dir etwas eigenartige Aufwartungen gemacht haben?

»Tun die ständig. Danko Jones hat u. a. letztens erst zugegeben, dass er KREATOR-Fan ist. Ich find das immer nett und auch lustig. Es gibt viele, wie zum Beispiel den Typen von Annihilator, die sagen: "Yeah man, "Pleasure to Kill", man, yeah" (verdreht die Augen). Aber letzlich sind wir alle untereinander Fans und wir respektieren uns alle untereinander. Es gibt da kaum Egos in der Musikwelt. Also ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Sepultura und auch Soulfly. Gerade die neue Soulfly ist sehr gut geworden, und da freut man sich natürlich, wenn diese Leute einem dann entgegnen: "Ich finde eure letzte Platte total klasse". So was mag ich lieber, als dieses "Pleasure to Kill"-Gerede. Ich selbst war damals auch ein riesiger Possessed-Fan und habe Briefe an Jeff Becerra geschrieben, um mit ihm T-Shirts zu tauschen. Und genau solche Briefe habe ich dann später auch von Max und Igor Cavalera erhalten. Ich habe zu Hause sogar noch ein von Igor selbst gemaltes KREATOR-Shirt. Als ich Max neulich traf, haben wir auch untereinander unsere T-Shirts getauscht. Diesen Old-School-Gedanken gibt es heute leider nicht mehr richtig.«

Was ist der größte Fehlkauf in deiner Platten/CD-Sammlung?

»Als Kiddie hab ich mir mal ein Peter-Criss-Solo-Album gekauft. Das war das schlimmste Album, das ich je gehört habe. Ansonsten: Ich tätige ständig Fehlkäufe. Ich bin eigentlich relativ sparsam, aber manchmal bin ich in irgendeinem Laden und denke mir: "Diese Platte musst du jetzt haben!" Der letzte Fehlkauf war die neue Tool-CD. Ich hab' die nur dreimal gehört, die war auf keinem Fall besser als die "Aenima", die für mich die beste Tool-Scheibe ist.«

Was ist das wertvollste Stück deiner Platten-/CD-Sammlung?

»Ich besitze alle "Sisters of Mercy"-Singles auf Vinyl. Ich hab' aber auch noch Vinyls von Acid, Torch und Hawaii.«

Welches Album hat dich zuletzt umgehauen?

»Hat leider nichts mit Metal zu tun: Coldplay. Ich weiß, ich bin ein Kommerziello. Im Punkrock- und Metal-Bereich fällt mir die neue Ignite ein. Das ist eines der wenigen Alben, die ich als Promo-CD geschenkt bekommen habe, und mir dann noch als Original-CD gekauft habe. Das kommt sehr selten vor.«

Bist du schon einmal ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt geraten?

»Ja, klar. Ich saß schon im Knast, weil ich jemanden verkloppt habe, aber nur ein Wochenende.«

Eine Freundin von mir hat dich jüngst auf unter 30 Jahre geschätzt. Wie hältst du dich so jung?

»Ich weiß nicht, ich hoffe, dass ich gute Gene habe und das alles noch ein bisschen so bleibt (lacht). Ansonsten benutzte ich nur Feuchtigkeitscreme gegen trockene Gesichtshaut.«

Du machst auf der Bühne teilweise sehr heftige Ansagen ("Ich will, dass ihr euch gegenseitig killt"), und auch der Songtext zu 'Murder Fantasies' ist ziemlich krass ausgefallen. Hast du in Zeiten, in denen Bands wie Slipknot für ein Schulmassaker verantwortlich gemacht werden und Musiker auf der Bühne erschossen werden, nicht ein wenig Angst, diesbezüglich missverstanden zu werden?

»Nein, da habe ich überhaupt keine Angst vor. Ich glaube, dass ist der Tod der Kunst, wenn man anfängt sich über so was Gedanken zu machen. Jeder, der kommt und sagt, dass Musik für irgendwelche Missstände in der Gesellschaft verantwortlich ist, hat überhaupt keine Ahnung. Wenn jemand einen Text wie den von 'Murder Fantasies' auf sich münzt, dann hat der schon vorher ein Problem, und da kann ich nichts für. Wenn sie sich nicht den KREATOR-Text nehmen, dann nehmen sie sich irgendeinen anderen. Da reagiere ich auch sehr empfindlich. Wenn jemand die Musik dafür verantwortlich machen will, dann finde ich das lächerlich und peinlich.«

In der Thanks-Liste der "Terrible Certainty" gibt es etwas Obskures: Da steht "No thanks to gays and faggots for spreading AIDS!" Kommentar?

»Ja, das ist eine eigenartige Geschichte, wir wollten damals - ähnlich wie viele Black Metaller heute - die extremsten und provokantesten Idioten sein. Dabei waren wir damals auch noch nicht so schlau, das muss ich offen zugeben. Wir dachten, so was wäre cool. Wenn ich diesen Ausrutscher heute meinen schwulen Freunden zeigen würde, wären die wahrscheinlich ziemlich angepisst (lacht). Ich denke, jeder hat da so seine kleinen Ausrutscher gehabt.«

Lars Ulrich hat mal in einem Interview vorgeschlagen, anstatt die irakischen Kriegsgefangenen der US-Armee mit 'Enter Sandman' zu zermürben, sollte lieber "eine dieser altmodisch durchgeknallten deutschen Extrem-Bands wie Kreator" dafür verwendet werden. Schmeichelt dir oder beleidigt dich eine solche Publicity?

»Nein, das hat er gesagt? Was der Typ heutzutage von sich gibt, interessiert mich eigentlich nicht mehr. Aber das ist doch ein Kompliment. Damit sagt er ja, dass Metallica nicht mehr so extrem sind wie KREATOR.«

Schreibt Mille Petrozza eigentlich auch zu anderen Zwecken Songs, sprich, zum privaten Vergnügen - oder ein Liebeslied für seine Freundin?

»Ja, aber Liebeslieder finde ich peinlich. Ich habe total viele Songs zu Hause, die allerdings nicht zu KREATOR passen, weil sie teilweise relativ albern sind. Um die Stücke nicht ganz verrotten zu lassen, verstecke ich bestimmte Melodien und Passagen in den harten Songs. Der Chorus von 'Voices Of The Dead' stammt zum Beispiel aus der "Endorama"-Zeit. Ich habe bestimmt noch Ideen für 20 Lieder auf Halde. Im Prinzip hatte ich das komplette Album, was eigentlich nach "Endorama" erscheinen sollte, schon geschrieben. Ich könnte das heute aber nicht mehr unter dem Namen KREATOR veröffentlichen. Ich habe irgendwann begriffen, dass KREATOR am besten als Band im klassischen Sinne funktionieren, und zwar als Band mit altmodisch-durchgeknalltem Einschlag, haha!«

 

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

KREATOR + MAX & IGGOR CAVALERA RETURN TO ROOTS + OVERKILL + ROSS THE BOSS + DORO + TURISAS + INSOMNIUM + DESERTED FEAR + BRAINSTORM + WOLFHEART01.12.2017
bis
02.12.2017
Geiselwind, AutohofCHRISTMAS BASHTickets

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