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KISS

Vorab belauscht: ''Sonic Boom''

Wie sich die Zeiten ändern. Eigentlich wollten sie ja überhaupt keine neue Platte mehr machen, da das angeblich eh niemanden interessiert, und jeder nur die alten Classics hören will. Jetzt posaunen KISS im Vorfeld des Release von "Sonic Boom", ihrer ersten Studioscheibe seit dem 1998er "Psycho Circus", mehr als selbstbewusst herum, hier sei ihr bestes Werk seit 30 Jahren, "wenn nicht sogar das beste KISS-Album überhaupt" (Paul Stanley), am Start. Rock Hard durfte in "Sonic Boom" (VÖ: 02.10.) schon mal reinhören. Hier nach drei Durchläufen die ersten Eindrücke.

"Sonic Boom" ist im Gegensatz zu diversen Vorabmeldungen der Band keine Zeitreise in die 70er und nie und nimmer die propagierte Mischung aus "Rock And Roll Over" (1976) und "Love Gun" (1977). Stattdessen erinnert das Album überwiegend an die härteren KISS-Momente der 80er und diverse Passagen von "Revenge" (1992), was durch die fette Produktion von Paul Stanley noch unterstrichen wird.

Modern Day Delilah (3:37)

Die Vorabsingle kennt inzwischen jeder Fan. Paul Stanley überzeugt mit druckvollem 80er-Jahre-meets-"Revenge"-Groove. Dennoch ist 'Modern Day Delilah' einer der schwächeren Opener der KISSstory (wenn auch deutlich besser als das unsägliche 'Rise To It', das vor 20 Jahren "Hot In The Shade" eröffnete).

Russian Roulette (4:32)

Wuchtiger Gene-Simmons-Dröhner mit massivem Bass (so laut hört man den Demon auf Platte sonst selten). Die Bridge ist im Uptempo und nimmt dem Track dadurch etwas von der Statik, unter der viele Gene-Songs der letzten 25 Jahre litten. Der Refrain ist hingegen durchschnittliches Eighties-Simmons-Futter. 'Russian Roulette' hat unterm Strich durch die druckvolle Produktion allerdings mehr Eier.

Never Enough (3:27)

Auch die Stanley-Nummer 'Never Enough' hätte in den 80ern oder auf "Revenge" funktioniert. Das kraftvolle Drumming von Eric Singer forciert diesen Eindruck noch. Guter, aber nicht überwältigender Refrain und – wie schon auf 'Modern Day Delilah' – ein überzeugendes Solo von Tommy Thayer, der sich ohnehin auf "Sonic Boom" mehr als ordentlich aus der Affäre zieht.

Yes I Know (Nobody's Perfect) (3:03)

Mit einer Laufzeit von 3:03 Minuten der kürzeste Song der Platte und ganz klar vintage Gene. Hier landet man kompositorisch am deutlichsten in den 70ern. Dazu passt das sehr Ace-Frehley-lastige Solo von Tommy. Kann man nicht viel dran rummeckern.

Stand (4:50)

Bei diesem Goodtime-Rocker wechseln sich Paul und Gene am Mikro ab. Die Strophen kommen kernig und mit sehr gelungenen Melodielinien. Es folgt ein zuckersüßer Gänsehautrefrain, der 'Stand' zu einem der Album-Hits veredelt. Der Mittelteil erinnert an den A-capella-Part von 'God Gave Rock'n'Roll To You II'. Ganz großes Kino und ein absolutes Muss für die neue Live-Setlist!

Hot And Cold (3:37)

Noch mehr Uptempo von Gene. Der Song ist okay, erinnert aber erneut zu sehr an Simmons-Durchschnitt aus den 80ern. Der einzige Fade Out auf "Sonic Boom".

All For The Glory (3:49)

Sehr cooler, flüssiger Rocker mit Eric am Mikro und einem schicken Singalong-Refrain inklusive großartigem Harmony-Gesang der ganzen Bande. Tommy steuert ein kolossal gutes Solo bei. Eins der Album-Highlights. Sollte ebenfalls im Live-Set landen.

Danger Us (4:23)

Powervoller Stanley-Track. Rockt besonders wegen der enthusiastischen High-Energy-Performance, guter Refrain.

I'm An Animal (3:47)

Wegen des Titels zwangsläufig eine Simmons-Nummer. Im Riffing stecken ein bisschen 'God Of Thunder' und 'War Machine' (letzteres auch in Tommys Solo). Die Band scheint es hier auf eine weitere Signature-Nummer des Demon anzulegen. Ansonsten hört man aber zum Beispiel in der Bridge auch einiges an durchschnittlichem 80er-Krempel.

When Lightning Strikes (3:45)

Tommy am Mikro. Der Ace-Nachfolger bzw. -Imitator (je nach Standpunkt) klingt recht glammig und ist definitiv kein besserer Sänger als Frehley:). Das Riff hat was von 'Calling Dr. Love'. Das Solo ist klasse, aber zwanghaftes Live-Material wird 'When Lightning Strikes' dadurch nicht. Da sollte Tommy lieber wieder 'Shock Me' übernehmen.

Say Yeah (4:27)

Mit den Worten "Yeah Yeah" beginnt der Album-Opener 'Modern Day Delilah', mit "Say Yeah" hört die Platte auf. Die Zeit des tiefschürfenden "Carnival Of Souls"-Seelen-Striptease ist bei KISS unüberhörbar vorbei. 'Say Yeah' ist ein gelungener Good-Time-Rocker, aber nicht die mächtige Rausschmeißer-Hymne, die man hier – vor allem aufgrund des Titels – vermutet hätte.

Fazit: "Sonic Boom" wird nur KISS-Anhänger enttäuschen, die tatsächlich auf die Vorab-Propaganda von Stanley und Simmons reinfallen und eine Mischung aus "Rock And Roll Over" und "Love Gun" erwarten. Stattdessen sind die Achtziger auf "Sonic Boom" sehr präsent. Diese Phase war speziell die Qualität der Stanley-Songs betreffend in der KISSstory immer unterbewertet. Daher sollten sich auch skeptische Fans nicht davon abhalten lassen, "Sonic Boom" ein faire Chance zu geben. Denn das Album kann unterm Strich durchaus an die besten Werke der unmaskierten Besetzungen anknüpfen. Und das ist schon mal 'ne Menge, wenn man bedenkt, dass die Band vor kurzem noch keinerlei Bock hatte, jemals wieder ins Studio zu gehen. Welcome back!

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