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MORIBUND OBLIVION

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MORIBUND OBLIVION

Türkischer Metal führt außerhalb seines Heimatlandes immer noch ein Schattendasein, daran konnten auch großartige Bands wie Pentagram/Mezarkabul wenig ändern. MORIBUND OBLIVION aus Istanbul arbeiten mit ihrem neuen Album „Manevi“ hart daran, ihren Turkish Black Metal in die Welt zu tragen. Gründungsmitglied und Boss Bahadir gibt Einblicke in die Metalszene zwischen Orient und Okzident.

Als Musiker aus einem vordergründig säkularem, aber stark islamisch geprägten Land habt ihr einen anderen Bezug zu Satanismus, als die meisten europäischen, australischen oder amerikanischen Black-Metal-Bands.

»Es gibt einige Formeln, wie Black Metal zu sein hat, aber in unserer findet Satan keinen Platz. Er ist weder in unseren Texten noch den visuellen Designs sichtbar. Das hat aber gar nichts damit zu tun, dass wir aus einem Staat mit vielen muslimischen Einwohnern stammen. Satan ist in vielen Kulturen ein Mysterium und Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Man muss sie gar nicht in Christen und Moslems aufteilen, Satan ist schlicht der Feind der Kirchen. Vielleicht unterscheidet uns das von den Christen: Für uns ist Satan zu real, um eine Metapher zu sein. Wir akzeptieren die Realität, verbreiten aber nicht seine Worte.«

Antichristliche Texte wären für euch weit unproblematischer als antiislamische und es existieren in türkischen Gesetzbüchern sicherlich rigorose Paragraphen gegen Blasphemie.

»Kirchen existieren überall und sie schätzen keine Toleranz in religiösen Fragen. Wir können keine Schwüre auf etwas leisten, an das wir nicht glauben. MORIBUND OBLIVION haben keine religiösen Texte. Es existieren realere Dinge im Leben. Man muss einen guten Grund haben, in den Krieg zu ziehen, und eine Botschaft. Aus einer Traumwelt heraus Sinnlosigkeiten zu verbreiten ist kindisch. Es gibt einige Amateurbands mit antiislamischen Inhalten und unglücklicherweise werden sie Amateure bleiben.«

Im Spiegel, einem deutschen Nachrichtenmagazin, war zu lesen, dass Kobi Farhi, der Sänger der israelischen Band Orphaned Land, als Zeichen der Verbrüderung türkischer Staatsbürger werden will.

»Wir haben einige Freunde und Fans in Israel und würden gerne dort auftreten. Wir sind eine professionelle Band und können überall spielen, wo man uns eine professionelle Bühne bietet. Kobi hat seine eigene Sicht auf die Welt und lebt danach. Ich würde es ihm nicht gleichtun, aber wenn er dieses Wunsch hegt, hat niemand das Recht, ihn zu kritisieren. Leider sind die Beziehungen zwischen unseren Regierungen sehr kompliziert. Selbst 1000 Kobis würden da keinen Wandel bewirken.«

Orphaned Land haben 'Estarabim' von Erkin Koray interpretiert, mit ihm als Gastmusiker.

»Ich bin Covern gegenüber eher abgeneigt, aber wenn MORIBUND OBLIVION jemals einen Songs nachspielen sollten, dann von Erkin Koray. Wir lieben und respektieren ihn, er ist für die Türkei ein ungeheuer bedeutender Musiker.«

Welche Bands haben deine Faszination für den Black Metal in den Neunzigern befeuert?

»Wir waren nie klassische Heavy Metaller. Wir müssen die alten Bands respektieren, aber wir hören keine der großen Bands und können sie nicht lieben. In den frühen Neunzigern waren es natürlich vor allem Bands aus dem Norden, die uns den Weg zeigten. Immortal müssen an erster Stelle genannt werden.«

Anders als die meisten anderen Mittelmeerländer hatte Griechenland bereits sehr früh eine völlig eigenständige und einflussreiche Black-Metal-Szene mit Bands wie Rotting Christ, Varathron, Zemial, Agatus, Necromantia und vielen weiteren. Habt ihr trotz der Konflikte zwischen euren Ländern einen Bezug dazu?

»Die Feindschaft besteht zwischen den Staaten, weniger zwischen den Menschen an sich. Verglichen mit früher hat sich das Verhältnis zudem verbessert. Unsere Kulturen sind sich sehr ähnlich. Sie haben unserem Land wie vielen anderen europäischen Schaden zugefügt, aber auch ihre Quittung bekommen. Aber das ist lange her...Wir haben ein gutes Verhältnis zu griechischen Bands. Mit Rotting Christ haben wir oft die Bühne geteilt, wir schätzen sie sehr. Die erfolgreichste Band aus unserer Perspektive sind wohl Septic Flesh.«

„Manevi“ hat viele schwarze Passagen, ist aber kein unmelodisches Necro-Manifest, bei dem die Gitarren nach einem Elektrorasierer klingen. Warum tendiert ihr zum Begriff Black Metal, statt eure Musik nur Dark Metal zu nennen?

»Der Gedanke ist nicht falsch, MORIBUND OBLIVION haben verschiedene musikalische Stadien durchschritten, die Musik ist mit der Zeit gereift. Auf unseren frühen Veröffentlichungen ist der nordische Klanganteil noch sehr hoch, auch wenn wir uns darum bemüht haben, eigenständig zu sein. „Manevi“ ist mein Favorit, weil es einen eigenen Stil pflegt. Black Metal ist unser Krieg. Die Musik verbessert sich und entfernt sich vom klassischen Stil, aber nicht unsere Mentalität. Wir kämpfen dafür, mit unserem Turkish Black Metal eine eigene Nische zu besetzen. Wir präsentieren den Black Metal unseres Landes und leider gibt es international keine weiteren Vertreter. Das ist unsere Mission, die wir nicht aufgeben können.«

Einige Songs wie 'Nefret Acacak' sind auch heute noch schnell und aggressiv.

»Wirt wollten auch auf „Manevi“ etwas von unserer Vergangenheit konservieren. Früher habe ich immer zuerst die Texte verfasst, aber dieses mal wurde zunächst das komplette Album komponiert. Die Songs haben also nach den passenden Texten geschrien.«

Welche türkischen Bands sind heute die bedeutendsten?

»My Garden sind alte Freunde, aber leider haben sie sich nicht reformiert. Pentragram sind immer noch sehr wichtig, eine Metal-Legende. Aber international haben wir meine Meinung nach bessere Karten. Soul Sacrifice, Black Tooth, Suicide und Hecatomb sollte man von den neueren Bands nicht ignorieren.«

Obwohl ihr kaum Englisch sprecht, hatten eure früheren Alben mehrheitlich englische Texte.

»Unser erster türkischer Text war der von 'Karboldum' auf „Time To Face“. Auf jenem Album befinden sich drei weitere türkische Lyrics, aber zu 'Karboldum' drehten wir ein Video und zogen damit das Interesse auf uns. Auch für „K.I.N.“ schrieben wir türkische Texte und bekamen positive Kritiken, gerade aus Europa, wo diese Mischung neu war. Mit Dott Music haben wir auch eine Vereinbarung, dass die Texte in unserer Muttersprache sehr bedeutend sind. Die Entscheidung, sie für „Manevi“ allesamt auf türkisch zu verfassen, stammt alleine von mir.«

Ihr habt mehrfach Songs von eurem Debüt „Khanjar“ und der „Like A Falling Haze“-EP neu aufgenommen. Re-Releases sind also eher nicht geplant?

»Die Rechte aller frühen Aufnahmen liegen bei mir, der Vertrag mit Atlantis Music ist erfüllt. Wiederveröffentlichungen für Europa wären möglich, aber ich bevorzuge es, neues Material aufzunehmen. Die drei „Khanjar“-Songs, die wir für „Time To Face“ bearbeitet haben, klingen besser als die Originale. Die Erstauflagen waren ausverkauft und wegen des Vertragsendes wurde keine Neuauflage gepresst.«

Wieso veranstaltet ihr neben euren normalen Touraktivitäten das erste türkische Metal Festival am 8. September gerade im Berliner K17?

»Wir haben keine Verwandten in der Stadt, aber viele Freunde und Fans. Ich leite in Istanbul eine Booking-Agentur namens Banplus und zwei türkischstämmige Deutsche namens Serkan Deniz und Erold Yildiz wollten diese Festival über ihre Agentur Oceanstar gemeinsam mit Triple Six Concert organisieren. Es ist das erste Festival mit ausschließlich türkischen und türkischstämmigen Bands außerhalb unseres Heimatlandes. Jörg, der Betreiber von Triple Six Concerts und Folter Records, lebt auch in Berlin. Wenn alles gut läuft, wird es eine regelmäßige Veranstaltung. Wir haben schon in ungefähr zwanzig deutschen Städten gespielt und Berlin ist gar kein so schlechtes Pflaster für Metal. Wir hoffen, dass der Club ausverkauft sein wird und sich neben türkischen auch viele deutsche Headbanger dort einfinden und die Chance wahrnehmen, türkischen Metal kennen zu lernen. Uns war wichtig, dass die Bands den türkischen Metal anständig repräsentieren. Mit einigen potenziellen Teilnehmern wurden wir uns leider nicht über die Konditionen einig. MORIBUND OBLIVION werden am 28. Dezember auch auf der Satan's Convention spielen.«

Gibt es vergleichbare Festivals in der Türkei oder zieht es die dortigen Fans beinahe ausschließlich zu Gigs von ausländischen Bands?

»In den letzten zehn Jahren hat auch beinahe jede bekanntere internationale Band hier gastiert. Die Fans hier sind vor allem an ausländischen Combos interessiert und Black Metal ist derzeit das populärste Subgenre. Danach folgen klassischer Heavy Metal, Thrash und Death Metal. Die Szene ist gesund – nicht riesig, aber okay. Das Problem ist, dass manche zu arrogant sind. Große Unterschiede zwischen dem asiatischen und dem europäischen Teil sehe ich nicht, aber die meisten Metal-Zentren sind auf der europäischen Seite, was diese etwas unterhaltsamer macht.«

Deine Booking- und Managementfirma Banplus alleine wird nicht ausreichen, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Welchem anderen Beruf gehst du nach?

»Mit Banplus wickle ich das komplette Management und Booking von MORIBUND OBLIVION und meinem Soloprojekt Groza ab. Mittlerweile sind auch andere Bands bei mir unter Vertrag und ich kümmere mich auch um Merchandising-Belange. Zudem bin ich seit über 15 Jahren in einer Werbeagentur aktiv und preisgekrönt.«

 

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