Online-MegazineKrach von der Basis

AVULSED

Keine solventen Väter

AVULSED

Zwar steht gerade das Solodebüt von Dave Rotten an, doch in dieser Forstsetzung des „Krach von der Basis“-Interviews aus Rock Hard Vol. 321 steht seine Hauptband AVULSED im Fokus, die gerade mit dem Album „Ritual Zombi“ und der „Revenent Wars“-Vinyl-Single feinsten Death Metal abliefert.

Dave, wie wichtig waren die beiden frühesten spanischen Extrem Metal-Vinyl-Compilations „Thrashing Til Death“ und „Hits From Hell“ für dich?

»Momentos Thrashicos waren ein sehr bedeutsames Label für mich. Sie waren quasi der einzige Album-Importeur und dank ihnen konnte ich Ende der Achtziger sehr viele ausländische LPs erstehen. Obwohl ich mit den meisten teilnehmenden Bands bereits in Kontakt stand, habe ich nicht versucht, selbst auf diese Sampler zu kommen. Sie wurden vor allem für den einheimischen Markt konzipiert. Das war einer der Fehler unserer Szene. Bands wie Label taten nichts, um außerhalb der Landesgrenzen wahrgenommen zu werden. Deshalb fing ich an, auf professioneller Basis Demos zu veröffentlichen und sie auf der ganzen Welt zu traden, damit unsere Bands bekannter wurden.«

Hast du jemals eine Ausbildung gemacht oder studiert?

»Nein, ich habe nie einen Nine-to-Five-Job gehabt. 1991, nach dem Militärdienst, arbeitete ich in einem Metal-Plattenladen, was auch kein normaler Beruf ist. Gleichzeitig begann ich mit Drowned Productions. Ich mache das jetzt mein halbes Leben lang. Heute würde ich parallel zu einem anderen Beruf kein Label mehr hochziehen. Das wäre ein unheimliches Risiko. Jetzt geht es, weil ich 23 Jahre Erfahrung im Rücken habe, viele Kontakte und eine weltweite Reputation. Heute ein Underground-Label zu etablieren und davon zu leben, ist nahezu unmöglich. Ich genieße meine Arbeit immer noch, auch wenn es manchmal stressig ist, weil ich einfach nicht alles erledigen kann, was mir vorschwebt. Als ich damals anfingt, die Demos spanischer Bands zu veröffentlichen, habe ich die meisten Einheiten im Ausland abgesetzt, unser eigener Markt ist nicht so groß. Er war es nie und er schrumpft derzeit. Ich kann mich leider nicht darauf verlassen, weil die Leute hier mehr auf mp3-Bootlegs abfahren, als darauf, Originale zu kaufen.«

In einem Interview hast du betont, dass ihr keine Kinder reicher Eltern seid.

»Anders als einige Fake-Bands, deren Eltern ihnen eine Karriere kaufen, damit ihre Jungs fröhlich sind... Nein, wir hatten nie großartig Unterstützung von unseren Elternhäusern erfahren. Vielleicht moralisch, aber sie haben unsere Musik nie verstanden, haha! Wir haben alles mit harter Arbeit und dem darauf gründenden guten Ruf erreicht, nicht wegen unserer solventen Väter.«

Trotzdem habt ihr seit Ewigkeiten kaum Besetzungswechsel. Selbst im Drum-Department kann man nicht von Spinal-Tap-Verhältnissen sprechen.

»Wie bei 99,99% aller Bands lassen sich Line-up-Wechsel über einen so langen Zeitraum nicht gänzlich vermeiden. Bei allen verändern sich die Lebensumstände, manchen macht der Beruf einen Strich durch die Rechnung. Ich bin das einzige Gründungsmitglied aus dem Jahr 1991, Cabra kam 1992 dazu, Juancar 1994 und Tana 1998. Wir sind eine starke Basis, die 15 bis 22 Jahre gemeinsam Musik macht, als Resultat einer engen Freundschaft und enorm viel gegenseitigem Respekt. Furni war zehn Jahre unser Drummer, Riky acht – was auch nicht schlecht ist. Hoffentlich bleibt Osckar bei uns. Wir sind eher eine Familie als eine Band. Wir haben uns nicht in verschiedene Richtungen entwickelt, sondern sind immer noch die Metalheads von früher.«

Dein aktuelles Label Xtreem hat eine enge Beziehung zu Ibex Moon Records von John McEntee unterhalten. Ist er ein persönlicher Held oder ein Kumpel?

»Ich kenne ihn seit wir 1996 in Kontakt kamen und ich mit Repulse Incantations Mini-CD „The Forsaken Mourning Of Angelic Anguish“ veröffentlichte, die später von Relapse gestohlen wurde. 1997 gingen unsere Bands gemeinsam auf Europatour und wir blieben immer miteinander in Kontakt. Ich habe ihn in bester Erinnerung, auch wenn er nicht der optimale Labelbesitzer ist, haha. Gerne würde ich etwas gemeinsam mit ihm auf die Beine stellen, am liebsten bei einem Incantation-Song, da sie eine meiner Lieblingsbands sind. Während der gemeinsamen Tour einen Abend gemeinsam mit ihm 'Profanation' darzubieten, war ein unvergesslicher Moment.«

Eure alten griechischen Kollegen Acid Death sind auch wieder aktiv und bieten gerade kostenlose Downloads von Neueinspielungen ihrer Songs von der 1994er Split mit AVULSED an.

»Es ist cool zu sehen, dass sie nach so langer Zeit noch aktiv sind. Für die „Reanimations“-CD hatten wir schon einen Song unseres ersten Demos neu aufgenommen und für eine Doppel-CD zum 25sten Jubiläum 2016 werden wir weitere alte Tracks bearbeiten. Wir lieben den Klang der alten Aufnahmen, wollen aber auch wissen, wie sie mit unseren heutigen Soundmöglichkeiten und technischen Fähigkeiten klingen. Manche sind immer noch im Live-Set, also wollen auch wir neuere Versionen davon anbieten. Für die alten Fans gibt es immer die Originalversionen und wir werden nie unsere Wurzeln vergessen. Niemals!«

Falls ihr etwas wie das „Cybergore“-Album noch einmal machen würdet, um aus der Routine auszubrechen: In welchem Stil würdet ihr euer Material bearbeiten lassen wollen?

»Hm, ich glaube nicht, dass wir so etwas noch einmal tun würden. Heutzutage ist diese CD auch völlig aus dem Kontext. 1998 wurden Bands wie The Prodigy von vielen Metallern geschätzt, 15 Jahre später ist dieses Konzept völlig veraltet. Aber grundsätzlich wäre ein anderer Ansatz willkommen, warum nicht – wir sind keine blöden festgefahrenen Idioten. Ob irgendwelche Techno-DJs das Material aufgegriffen haben, weiß ich gar nicht, weil wir uns nie in dieser Szene bewegt haben. Aber auf Privatpartys haben wir zu einigen dieser Remixe getanzt, unter erheblichen Einfluss von Drogen und Alkohol.«

Eure extrem positiven Kommentare zu Dan Swanös Arbeit am aktuellen AVULSED-Album „Ritual Zombi“ passen dazu – mit Edge Of Sanity, Pan Thy Monium und vielen anderen Bands oder Projekten hat er den Death-Metal-Horizont beträchtlich erweitert.

»Wir waren immer Fans der ersten Edge-Of-Sanity-Alben. Warum wir nicht schon früher mit ihm zusammengearbeitet haben... Wahrscheinlich hatten wir nie die Chance und entscheiden uns immer für Optionen, die im Rahmen unserer Budgets lagen. Dieses Mal diskutierten wir seine Einbeziehung, und verdammt: Er war die beste Wahl, die wir je getroffen haben und wir werden ihn in Zukunft so lange nutzen, wie er zur Verfügung steht. Wir haben genau den Sound bekommen, den wir haben wollten. Die Arbeit mit  Javi (Graveyard-Musiker und Moontower-Studiobesitzer – Anm. d. Verf.) verlief ebenfalls großartig.«

Dass 'Zombie Ritual' den Mittelpunkt eines Konzeptalbums bildet, war ursprünglich gar nicht geplant?

»Es ist mehr ein Zufall, bei dem eins zum anderen führte. Schon 2005 nahmen wir den Song für eine geplante Cover-CD auf, aus der schließlich „Reanimations“ wurde. Also dachten wir daran, das Cover jetzt endlich zu verwenden und den Titel einfach ins Spanische zu übersetzen, zumal er auch so überall verständlich ist.«

Das Vorgängeralbum „Nullo“ hatte ein recht realistisches Textkonzept und bezog sich auf psychische Störungen, die Menschen dazu animieren, sich Körperteile amputieren (lassen) zu wollen.

»Darauf kam ich während eines Neuseeland-Trips im Anschluss an unsere Gigs in Japan 2005. Während der Rest der Band nach Spanien zurückkehrte, flogen ein Kumpel und ich weiter nach Australien und Neuseeland. Dort trafen wir auf einen alten Mann, dem mehrere Finger fehlten und wir scherzten insgeheim darüber, dass er ein Nullo sein könnte... Von da an war klar, wovon das Album handeln würde. Normalerweise haben wir auf allen Alben fiktionale und reale Texte. Aber bei „Ritual Zombi“ ergab es sich ganz natürlich, dass es reine Fiktion wurde. Hier in Spanien verbinden wir damit auch keinen Voodoo-Zauber, das mag vielleicht in afrikanischen Zombie-Geschichten so sein oder in denen von Haiti. Auf jeden Fall kann man zu dem Thema tausende coole Stories erzählen.«

Würdest du lieber als Schauspieler an einem Horrorfilm mitwirken, oder auf einem Album deiner Lieblingsbands mitspielen?

»Als Statist bei einem Zombiefilm mitzumischen wäre schon cool, gemessen daran, wie spaßig unser letzter Videodreh war. Clint Eastwood ist mein Lieblingsschauspieler, eine gemeinsame Szene mit ihm wäre also klasse. Aber da ich kein Schauspieler bin, reicht wirklich die eingangs erwähnte Nebenrolle als Zombie. Auf Alben meiner Götterbands Demigod, Suffocation, Entombed oder Supuration zu growlen, wäre ein Traum...«

Wieso fiel die Entscheidung, gerade 'Revenant Wars' als exklusiven Single-Track zu nehmen?

»Als das Album komplett eingespielt war, haben wir dieses Stück ausgewählt, weil es alle charakteristischen Merkmale unseres Sounds und Stils beinhaltet, also ein sehr kompletter Song ist. Der Originaltitel war 'Zombie Wars', aber da wir das Wort Zombie nicht überstrapazieren wollten, haben wir diese beinahe gleichbedeutende Variante ausgewählt.«

Mit der EP habt ihr einem alten Kumpel einen prima Startschuss für sein Label Unholy Prophecies ermöglicht. Sind zukünftig weitere solche Aktionen geplant?

»Keine Ahnung, ob Walter schon in Argentinien aktiv war, bevor er nach Deutschland zog. Das Metal-Daze-Zine hat er jedenfalls erst hier in Europa aufgezogen. Er ist seit Jahren ein guter Freund und Supporter. Als er uns also fragte, ob wir Interesse an einer Single-Veröffentlichung oder einer Split hätten, erzählten wir ihm von 'Revenant Wars' und nahmen das Nihilist-Cover für die B-Seite auf. Er hat tolle Arbeit geleistet. Das extrem lange Interview im Booklet der Single wurde in mehreren Etappen auf spanisch geführt und dann übersetzt. Bislang hatten wir keine eigenen Aufnahmemöglichkeiten, aber jetzt besitzt unser Live-Mischer ein Studio, in dem wir spontan ein, zwei Songs aufnehmen können. Nächste Woche nehmen wir einen Napalm-Death-Song für ein Tribut-Album auf.«