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EIS

Durch Sturm und Granit - Ergänzung

EÏS

Mit "Wetterkreuz" legen EÏS ein vor Kälte und Nostalgie strotzendes Werk vor. Nach Querelen mit dem alten Bandnamen Geist, den man ablegen musste, und dem Ausstieg von gleich drei Musikern liegen nicht unbedingt ruhige Zeiten hinten ihnen. Wir unterhielten uns mit Bassist Alboin, der mit der neuen Scheibe auch sein Debüt als Sänger hinlegte.

Würdest du im Nachhinein den Zwang, euch umzubenennen, als Wink des Schicksals bezeichnen? Immerhin ist "Wetterkreuz" ja sowohl musikalisch, als auch personell, Zäsur und Neuanfang in einem, oder?

»Das ist es in vielen Dingen sicherlich, ja. Aber die Umbenennung ist mittlerweile schon zweieinhalb Jahre her, die personellen Veränderungen ein Jahr, und deren Einfluss auf das Album sind nicht immer so ganz direkt, wie es scheint. Deshalb ist es auch kein Schicksal, dass „Wetterkreuz“ so klingt, wie es klingt, sondern eine recht bewusste Entscheidung. Wie alle unsere Alben ist auch dieses vierte ein Produkt seiner Zeit, mit allem, was dazugehört – nicht nur bandinternen Erlebnissen.«

Eine Menge nostalgische Gefühle für den Sound und die Zeit der 90er Jahre überkommen mich, wenn "Wetterkreuz" erklingt. Trauerst du dieser Zeit nach und ist das neue Album auch gewissermaßen ein Statement?

»Ja. Und ja. Ich bin hoffnungslos nostalgisch, allgemein in jeder und speziell in musikalischer Hinsicht. Das ist eine für mich unbeschreiblich magische Zeit gewesen, in der ich Musik kennengelernt habe, die noch heute der Maßstab ist, an dem ich alles messe, was man mit Instrumenten ausdrücken kann. Das Album sollte, mehr als unsere vorigen, ein Stück von dieser Magie transportieren, weil diese Atmosphäre für mich der einzige Grund ist, so eine Form von Musik zu machen. Irgendwo ist es 2012 sicherlich auch ein Statement, ein Black Metal-Album aufzunehmen, das weder Trigger bis zum Kotzen nutzt noch künstlich wie Darkthrone 1992 klingt. Und heutzutage keine Postrock- oder 70er-Hardrock-Einflüsse in einen Black Metal-Sound zu integrieren, ist ja schon pauschal so was von out. Dabei wollten wir bewusst nicht retro klingen – es geht wirklich nur um die Atmosphäre dieser damaligen Alben, die ich versucht habe, in die heutige Zeit zu retten.«

War es für dich eine schwierige Entscheidung, den Gesang zu übernehmen? Du schreibst ja schon viele Jahre Texte, hast diese aber bisher immer "abtreten" müssen und damit leben, dass ein Fremder deine innersten Gefühle interpretiert und vorträgt.

»Da war ich zwiegespalten. Ich habe mir einfach nie zugetraut, die Gesangsposition würdig bekleiden zu können, speziell nicht auf der Bühne. Das hat wohl viel mit meinem Selbstbild zu tun. Ich muss mich zu solchen Dingen überwinden und eine Motivation haben, Aufgaben anzupacken. In diesem Fall musste ich aus der Rolle im Hintergrund heraustreten und etwas Neues lernen. Das hat der Band und auch mir persönlich gut getan, und tatsächlich denke ich, dass das mittlerweile auch die natürlichere Position für mich ist. Wie Du richtig sagst, interpretiert man als Textschreiber seine Texte viel intensiver und sicherlich anders, als wenn man sie für einen anderen Sänger schreibt.«

Gibt es das Wetterkreuz, welches das Cover ziert, eigentlich wirklich? Was macht seine Magie aus, gleich ein ganzes Album danach zu benennen?

»Das gibt es meines Wissens nach nicht, jedenfalls ist das Cover keine Fotografie, soviel kann ich verraten. Aber die Vorstellung, dass Du es Dir als an irgendeinem gottverreckten, verlassenen Ort dieser Welt real existierend vorstellen kannst, ist fantastisch – das zeigt, dass das Cover funktioniert. Die Faszination geht für mich vor allem davon aus, dass das Kreuz so unheimlich bösartig, uralt, verrottet und abergläubisch trollisch aussieht. Man kann das verbrannte Holz aus einer ganz anderen Zeit förmlich riechen. Und live haben wir übrigens doch etwas dabei, was dem sehr nahe kommt.«

Verreist du oder suchst du Einsamkeit, wenn du textest? Musikalische Kreativität bedingt ja zumeist die Nähe zu Stromquellen, aber lyrisch bist du ja sicherlich freier? Gibt es zu "Wetterkreuz" eine Reise oder zumindest einen Trip?

»Eine gewisse Einsamkeit brauche ich, um nicht abgelenkt zu sein, um auch mit meinen Gefühlen und Gedanken alleine zu sein. Da reicht aber schon ein Zimmer, in dem ich für mich sein kann. Ich muss dafür nicht verreisen, auch wenn ich das gedanklich tue. Das ist etwas, was ich nie als besondere Gabe empfunden habe, so etwas wie Fantasie-Reisen unternehmen zu können, ganze Welten vor meinem inneren Auge entstehen lassen zu können, Dinge sehen, empfinden, sogar riechen und dann auch noch beschreiben zu können, die es nicht gibt. Mittlerweile schätze ich das sehr und setze es bewusst ein, weil ich glaube, dass man kaum intensiver nur mit Worten eine Stimmung, eine Atmosphäre beschreiben kann, als durch die Schilderung eines Bildes. Diese Fähigkeit zu einer Art inneren Flucht ist den Texten auf „Wetterkreuz“ sehr zugute gekommen.«

War es eine bewusste Entscheidung, deine Stimme im Gesamtmix zurückzunehmen, um den Gitarren mehr Platz einzuräumen?

»Zu einem großen Teil schon, zumindest wollten wir den Gesang nicht so prominent haben, wie es in den meisten Produktionen der Fall ist. Teilweise mag das einer natürlichen Schüchternheit geschuldet sein, aber vor allem glaube ich, dass es nicht so einfach sein dürfte, gegen einen Schneesturm anzuschreien. Und so muss es eben klingen, wenn man am Fuß eines Wetterkreuzes mit vom Hagel zerrissenem Gesicht verreckt.«

Du sagtest unlängst, Eure Musik sei eine Art emotionale Gratwanderung zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Wie nutzt du diese Gefühle beispielsweise während des Songwritings? Muss es dir schlecht gehen, um Songs zu schreiben, oder eher gut?

»Mir muss es weder gut noch schlecht dafür gehen. Es ist natürlich inspirierender für solche Musik, wenn man in einer grundsätzlich melancholischen Stimmung ist, aber das bin ich im Grunde sowieso immer. Vielmehr ist wohl eigentlich alles, was ich auch an Musik nach außen dringen und vor allem als qualitativ gelungen durchgehen lasse, von diesen diametralen Gefühlen durchsetzt. Ich kann nicht damit leben, einen nur hoffnungslosen Text und einen nur völlig düsteren Song zu schreiben, zumindest ein kleiner Lichtschimmer muss irgendwo durchdringen. Das liegt daran, dass ich nicht nur besessen von Metaphern bin, sondern damit auch zwanghaft abbilden muss, wie es in mir aussieht. Da ist sehr viel Dunkelheit, sehr sehr viel Dunkelheit. Aber ich würde in mir zusammenfallen, wenn das alles wäre.«

Zur stumpfen Massenbespaßung taugte eure Band ja noch nie, "Wetterkreuz" lässt das Pendel noch weiter weg vom Mainstream und seinen unangenehmen Begleiterscheinungen ausschlagen. Würdest du es als Beleidigung auffassen, wenn ich EÏS als intellektuell bezeichnen würde?

»Absolut, was für eine Unverschämtheit! Das würde ja am Ende bedeuten, dass ich gar nicht mehr so ungeniert NSBM glorifizieren und mich jedes Wochenende auf irgendeinem Festival in meiner eigenen Kotze wälzen dürfte, oder? Eine grauenhafte Vorstellung. Intellektuell ist vielleicht tatsächlich ein bisschen hoch gegriffen, das würde ich nicht sagen. Aber wenn es im Black Metal mittlerweile schon als intellektuell durchgeht, nicht jeden Scheiß mitzumachen... traurig, aber ok, dann sind wir sicherlich ziemlich intellektuell.«

Lass uns noch auf Kinski zu sprechen kommen. Mit einer, sagen wir Collage aus Strindbergs "Der Steinmann", schaffst du gleich zum Beginn der Platte eine unausweichliche, beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Was hat dich zu dem Schritt bewogen? Gibt es einen bestimmten Grund, wieso er in den Credits im Booklet nirgendwo erwähnt wird?

»Das hätte man erwähnen können, das stimmt schon. Andererseits haben wir die Ausschnitte aus Lesungen Kinskis vor allem versucht, künstlerisch zu integrieren und in den atmosphärischen Kontext einzubinden, und ich denke, Credits für verwendete Samples gehen in diesem Kontext zu weit (auch, weil wir bei Informationen im Booklet ohnehin eher geiziger sein möchten). Zudem ist der Mann eine Legende, die man nicht vorstellen muss. Das ist ja, als hätte Robert Plant 2007 den 20.000 Leuten in der O2-Arena erklärt, dass der Typ an der Gitarre Jimmy Page heißt.«

 

Zum Interviewteil aus Ausgabe 308 geht es hier entlang.

 

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