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SADIST

Die barocken Nocturnus

SADIST

Als Vervollständigung der „Kult, ihr Asis“-Jubelarie in der Rock-Hard-Printausgabe Vol. 314 folgt hier der Rest des Interviews mit SADIST-Gitarrist und “Above The Light”-Komponist Tommy Talamanca, der derzeit mit der Band inklusive dem längst heimgekehrten Basser Andy am siebten Album feilt. Obwohl er als Künstler den Schulterblick scheut, hat er sich nur zu gern zu diesem Trip mit der Zeitmaschine bereiterklärt, um Infos über die Bandgründung, die Vorgeschichte und das Götteropus „Above The Light“ von 1993 mitzuteilen.

Tommy, ihr stammt ursprünglich nicht aus Downtown-Genua, sondern aus Recco. Hat sich das Leben dort wirklich angefühlt, wie am Golfo Paradiso? Oder habt ihr euch nach der Großstadt und der dortigen Genova-Bay-Area-Szene gesehnt?

»Am Meer zu leben ist wundervoll! Das mag sich für irgendwelche Black/Death Metal-Fundamentalisten blasphemisch anhören, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, weit entfernt von der Küste zu wohnen. Aber Musik ist eine Art zu reisen, ohne sich fortzubewegen, man muss nur die Phantasie bemühen.«

Euer Demo „Black Screams“ wurde direkt erneut als Single gepresst, wohl auch aufgrund der Tatsache, dass euer Drummer Peso dank seiner Necrodeath-Vergangenheit Szene-intern populär war.

»Es war wirklich cool, dass man viel leichter das Interesse der Labels erlangen konnte. Und verglichen mit heute kamen auch totale Underground-Bands viel leichter an Gigs. Obscure Plasma haben uns sicherlich wegen Pesos Bekanntheitsgrad zur Kenntnis genommen. Aber die Musik unterschied sich schon da deutlich von Necrodeath.«

Jene Songs wurden anders als die des Debüts noch nicht komplett von dir verfasst. Waren Egoprobleme schließlich Grund eures Splits?

»Wir kamen 1991, wie wohl 99,9% der Bands, durch eine Zeitungsanzeige zusammen. Peso war der Kopf, weil er bereits Erfahrung hatte, Andy und ich hingegen waren gerade einmal 17! Peso verließt die Band nach „Tribe“ nicht etwa wegen mir, sondern aufgrund persönlicher Differenzen zwischen allen Mitgliedern. Als wir SADIST gründeten war Peso bereits 26, hatte einige Alben aufgenommen und wir schauten zu ihm auf wie zu einem älteren Bruder. Es war ein außerordentlicher Vorteil, jemanden mit seinem Background in der Band zu haben. Es ist wie beim ersten Sex: Mit einem erfahrenen Partner ist es viel einfacher.«

Warum hatte die Single-Version von „Black Screams“ kein eigenes Cover-Artwork?

»Um die Aufmerksamkeit auf den Bandnamen zu lenken. Wir waren eine neue Band und wollten, dass sich die Menschen an SADIST, und nicht etwas einen blöden Zombie oder Totenschädel erinnern.«

In den USA wurde euer Demo mit einem Bonussong von Wild Rags vertrieben, einem notorischen Rip-Off-Label. Hat Richard C. euch auch abgezogen? Der Titel des Extrasongs 'Musicians Against Yuppies' konnte ihm noch nicht gelten.

»Jeder wusste um den Ruf des Labels, aber für uns war es die Möglichkeit, den Bandnamen in Amerika bekannter zu machen. Null Plan, wie viel Tapes er pressen ließ, aber er schickte uns immerhin ein paar nach Italien; eins davon besitze ich sogar noch. Texte waren anfangs nicht unsere Stärke. Die meisten handelten von sozialen Missständen, aber wir nahmen sie nie sonderlich ernst. Der Sänger musste eben irgendwas schreien können. Die Einstellung dazu änderte sich mit dem Einstieg von Trevor 1997.«

Hast du vor SADIST bereits härtere Musik gespielt?

»Nein, ich war Gitarrist einer Hardrock-Band ohne ernste Ambitionen. Der Sänger hat das ganz offenbar anders gesehen, aber es stimmte nicht. Ich bin endlos froh, schon so jung zu SADIST gekommen zu sein und die Chance zu haben, professioneller Musiker zu werden. Keine Ahnung, welches Leben mich sonst erwartet hätte.«

Necrodeath waren eine pechschwarze Thrash-Band, ihr wurdet trotz thrashiger Riffs, Rhythmen und des Gesangs direkt als Death-Metal-Band akzeptiert.

»Es gab damals weltweit nur zwei ernstzunehmende Bands im Genre mit Keyboards, die europäische waren wir (die amerikanische natürlich Nocturnus – Anm. d. Verf.). Das half uns enorm, Aufmerksamkeit und Respekt erlangen.«

Entstand euer einzigartiger Albumstil dadurch, dass Peso deine feingeistigen Ideen immer brutaler umsetzen wollte, während du mehr Dynamik und Virtuosität einbringen wolltest?

»Der SADIST-Sound war definitiv ein Mix aus unseren unterschiedlichen Geschmäckern und Einflüssen. Ich kam aus der Hardrock-Ecke und stand auf klassisch inspirierten Prog, Andy war der Brutalo-Typ und Peso stand zwischen unsren Seelen. Was die Virtuosität betrifft: ich war ein Teenager und wollte wie Malmsteen klingen. Glücklicherweise hatte ich Musiker mit so verschiedenen Ausprägungen gefunden, sonst würde ich vielleicht heute noch stinklangweiligen Hardrock spielen.«

Seid ihr alle auf dem selben musikalischen Level gewesen? Andy beispielsweise tritt als Bassist nur selten mit eigenen Läufen aus dem wuchtigen Bandsound hervor. Sein aggressiver, giftiger Gesang kontrastiert die schiere Schönheit deiner Leads.

»Das neue Material, an dem wir arbeiteten, war viel anspruchsvoller, was die Technik betrifft. Zudem verlor Andy seien stimme im wahrsten Sinne des Wortes und wir waren uns einig, einen richtigen Sänger zu benötigen. Der Gesang auf „Above The Light“ ist okay, und wahrscheinlich auch besser als auf „Tribe“, aber Peso und Andy hatten Meinungsverschiedenheiten und wir entschieden uns gegen unseren Basser und Sänger.«

Eine Rückkehr von Fabio aus der Demozeit stand nicht zur Diskussion?

»Er war maximal ein halbes Jahr bei uns und ganz ehrlich kein ernster Teil der Band. Er ist ein netter Kumpeltyp, aber kein Frontmann. Eher jemand, den man kannte und der sagte: Okay, dann sing ich eben.«

Peso nahm damals Unterricht bei einem Drum-Lehrer namens Allesandro. Wer hat dich technisch weitergebracht?

»Ich habe als Zehnjähriger angefangen, klassische Gitarre und Solfeggio (Tonlehre mit theoretischen und praktischen Inhalten – Anm. d. Verf.) zu erlernen. Ich kann mich gar nicht an den Namen des Lehrers erinnern, und da es nicht Paco De Lucia oder Segovia (spanischer Gitarrist, 1987 verstorben – Anm d. Verf.)  war, ist es auch nicht so interessant.«

Für das Album habt ihr euch offenbar Equipment von Schizo leihen müssen. War das Waterbird-Studio grundsätzlich besser ausgestattet, als das Piece Of Mind, in dem das Demo entstand?

»Damals waren wir jung und pleite! Wenn ich mich richtig erinnere, hat uns jemand von Schizo einen Gitarren-Pre-Amp geliehen. Das Waterbrid war cool, voller High-End-Equipment. Leider wussten die Tontechniker gar nicht, wie man die ganze Technik bediente, und was noch schlimmer war: Sie hatten keinen blassen Schimmer von Metal-Aufnahmen.«

Wie sahen also die Rollen von Alberto Penzoin und Salvo Mazzone aus: haben sie mit euch auch Arrangements und Songstrukturen durchgesprochen und modifiziert? Die Aufnahmen des Januars wurden im Februar 1993 ergänzt und einen Monat später gemischt.

»Nach einigen Wochen in Sizilien waren wir mit dem Gitarrensound unzufrieden, gingen dafür nach Mailand und kehrten für den Mix zurück. Hätte uns das Label von Anfang an in Mailand operieren lassen, wäre des Ergebnis sicher viel besser. Ich habe alle Arbeitsschritte mit überwacht, auch Mix und Mastering. Ich wünschte, ich hätte damals ansatzweise meine heutige Erfahrung gehabt. Aber ich habe etwas für den Rest meines Lebens gelernt: was es heißt, ein professioneller Produzent und Techniker zu sein. Vieles geschah dabei durch negative Prägung, da wir erfuhren, wie es ist in einem extrem vergifteten Klima zu arbeiten. Klar waren wir wuselige, laute Kids, aber eben auch Kunden! Ich habe mir geschworen als Produzent niemanden so mies zu behandeln, so jung und grün er auch hinter den Ohren sein mag.«

Habt ihr die Möwenschreie für 'Nadir' selbst am Strand aufgenommen?

»Wir fanden das Sample auf einem DAT-Tape in einem Studio in Genua und haben es beim Mastern dazugefügt. Heute ist das alles ganz leicht, für uns war es eine Herausforderung.«

Um es mit den Worten des letzten Songs zu sagen: Überwiegen angesichts des Resultats von „Above The Light“ happiness or sorrow?

»Ich achte heute nicht mehr auf die damaligen Spielfehler, das ist unwichtig. Heutige Produktionen klingen so kalt, weil viel zu viel in der Postproduktion und beim Editing verändert wird. Wir sollten einen Schritt zurückgehen und uns wieder mehr auf das Gefühl verlassen. Zurück zur echten Musik, sonst bauen wir uns eine eigene Matrix.«

'Nadir' ist das Gegenteil des Zeniths. Wolltet ihr damit einen Nullpunkt setzen und zeigen, dass eure Reise gerade erst beginnt?

»So etwas in der Art... Wir wollten immer Kontraste betonen, auch musikalisch: Ein Mix aus in sich gekehrten Motiven und sehr dunklen brutalen Zügen. Prog- und Siebziger-Rock haben mich stets inspiriert, was sich in SADIST spiegelt. Der Zuspruch der Fans hinsichtlich der Instrumentalsongs war groß, so dass wir sie als Markenzeichen weiterführten. Texte waren wie erwähnt nicht so wichtig und Andys Englisch war ziemlich schlecht. Daher hatten wir die Lyrics im Original-Booklet auch nicht abgedruckt. Jede steuerte seinen Senf zu den Texten bei, aber ich meine, dass sollte dem Sänger vorbehalten sein.«

'Breathin´Cancer' behandelt Umweltzerstörung auch in nuklearer Hinsicht – ein erschreckend aktueller Text. 'Sometimes They Come Back' ist ebenfalls keine Horrorgeschichte im Stephen-King-Stil, sondern eine wütende Politikeranklage. Wie hast du die Berlusconi-Jahre überstanden?

»Man kann Italiener nicht verstehen, sondern nur lieben oder hassen. Blicke ich auf die letzten 20 Jahre zurück, sind meine Gefühle bezüglich Italien sehr konfliktbeladen. Berlusconi ist nur Teil des Problems, Resultat von jahrelangen Fehlentwicklungen. Glücklicherweise konnte ich im Rahmen meiner Arbeit schon als junger Mensch viel reisen: Andere Menschen und fremde Kulturen haben mir gezeigt, dass es auch in den vermeintlich besseren Ländern neben den guten auch Schattenseiten gibt. Als Italiener hoffe ich auf Europa als Föderation, weil wir weltweit auf uns gestellt nicht überleben können. Nur als Europäer.«

Kannst du dich noch mit 'Hell In Myself' identifiztieren?

»Der Text war von Andy. Wirres Zeug über einen schizophrenen Zustand. Ich glaube, er wühlt sich immer noch so...«

Was „Above The Light“ so einzigartig macht ist auch der volle Sound eines echten Klaviers.

»Die meisten Songs entstanden auf der Gitarre oder dem Keyboard. Im Studio konnten wir jede Menge geile Vintage-Synthesizer wie ein Fairlight CMI und eben ein echtes Piano nutzen. Aber damals gab es eben auch keine virtuellen Instrumente oder Plug-Ins.«

Dan Swanö hat sein Ziel mit Edge Of Sanity mal so definiert, dass ein Großteil der Songs singbar und auf dem Klavier nachvollziehbar sein sollte. Habt ihr auf der gemeinsamen Tour viel Kontakt gehabt, womöglich eine SADIST-Produktion bei ihm in Schweden diskutiert?

»Er war definitiv kein Party-Tier. Wir haben während der ganzen Tour vielleicht fünf oder zehn Minuten miteinander geredet. Aber er war auf der Bühne sehr professionell und ist ein ungeheuer talentierter Musiker. Nach Schweden zog es uns allerdings nie – viel zu kalt!«

Wäre dein damaliges Vorbild Yngwie Malmsteen stolz auf „Above The Light“ – zumindest abseits der harschen Strophen?

»Er war damals die Ikone beinahe aller Heavy-Rock-Gitarristen. Das hört man dem Album auch an, aber zum Glück haben wir keinen AOR gespielt. Dann wären wir nur eine langweilige Band unter vielen gewesen. Aber ernsthaft: ich glaube nicht, dass Yngwie SADIST schätzen würde.«

Hat er dein Interesse an klassischen Originalen und auch diesem Cembalo-Sound geweckt?

»Klassik und speziell Barock haben mich schon vorher ungeheuer fasziniert, aber eben auch Rock, Prog und Metal. Malmsteen war der beinahe perfekte Mix, aber eben nicht heavy genug. Als ich 16 wurde entdeckte ich schließlich Slayer und sah das Licht!«

Im Booklet dankt ihr nicht nur der ganzen italienischen Szene im Einzelnen, sondern auch sehr vielen internationalen Death-Metal-Labeln, Heften und Musikern.

»Peso war der PR-Mann, ich kümmerte mich um Komposition. Aber dank ihm lernte ich, dass man als Musiker nicht nur ein Instrument spielen muss. Öffentlichkeitsarbeit gehört dazu und ist manchmal sogar wichtiger, als Gitarreüben.«

Trotzdem hattet ihr mit Nosferatu wieder bei einem Label unterschrieben, welches als Abzocker in die Metal-Annalen einging.

»Wir hatten einfach keine Ahnung und selbst Peso war nicht Lars Ulrich. Mit solchen Firmen arbeiten zu müssen, hilft dir allerdings, in dieser harten Welt stärker zu werden. Damals war das Musikgeschäft tatsächlich noch ein solches – sie zahlten für die Aufnahmen und sogar Touraktivitäten. Aber natürlich machten sie mehr Kohle als die Musiker. Es gab juristische Auseinandersetzungen und ich weiß immer noch nicht, wie viele Einheiten gepresst und verkauft wurden. Die Nachfrage besteht jedenfalls immer noch. Beim Vinyl gehe ich davon aus, dass es statt der manchmal kolportierten 500 immerhin 10.000 Kopien hergestellt wurden. Vielleicht gibt es noch mal eine LP-Auflage, wo Vinyl doch so trendy ist.«

Am besten ein Boxset mit allen Alben als Picture-Disc...

»Wir blicken nicht so gerne zurück, immerhin leben wir noch. Daher konzentrieren wir uns auf ein neues Album, statt solche Katalog-Geschichten, mit denen wir den Fans noch ein paar Pennies stehlen können.«

Die 2006er Wiederveröffentlichung von „Above The Light“ über Beyond fährt mit 'Dreaming Deformities' und 'Musicians Against Yuppies' als Neuaufnahmen aus dem Jahr 2000 andere Bonustracks auf, als die Japanpressung mit Live-Versionen von 'Spiral Of Winter Ghosts' von „Tribe“ und dem ominösen 'T.C. Psyche'.

»Wir hielten es für eine gute Idee, weil die Originalversionen so schlecht klingen, kamen aber umgehend wieder von solchen Neuaufnahmen ab, weil die Fans ohnehin die Originale bevorzugen. Wir sind wahrscheinlich eine der faulsten Bands der Welt. Daher gab es für die Japanpressungen keine anderen Bonusmöglichkeiten als Live-Mitschnitte. 'T.C. Psyche' war einfach eine Bühnenimprovisation.« 

1993 scheiterten Cynic, Pestilence oder auch Atheist daran, technischen Death Metal auf eine neue Stufe zu heben und lösten sich frustriert vorerst auf. Seid ihr Leidensgenossen gewesen?

»Für mich waren ihre minimalen Verkäufe und Splits ein Schock. Pestilence und Cynic hatten gerade zwei der originellsten und coolsten Alben der Death-Metal-Geschichte veröffentlicht und bissen damit bei den meisten Fans auf Granit. Es war Elitenmusik, aber ich bin stolz, das SADIST dazu gehörten.«

Schon auf „Above The Light“ habt ihr Gory Blister in der Dankesliste gegrüßt. Waren sie die einzige ernstzunehmende andere progressive Death-Metal-Band eures Heimatlandes?

»Thy Nature darf man in dem Zusammenhang nicht vergessen. Sie waren tiefster Underground und veröffentlichten nur eine MCD. Nachdem Peso uns verließ könnten wir ihren Drummer Oinos dazu bewegen, mit uns „Crust“ aufzunehmen.«

 

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