Online-MegazineKolumne

Zombies im Land der Vollidioten

Army Of Jade Kirin

Beim Fotoshooting für das große China-Special in Rock-Hard-Ausgabe 306 stach eine Band ganz besonders ins Auge: ARMY OF JADE KIRIN, die sich von Kopf bis Fuß gestylt zuerst aus der überfüllten U-Bahnlinie 1 schälten und anschließend am Tiananmen das Kunststück zuwege brachten, noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als der Große Vorsitzende am Eingang der Verbotenen Stadt.

Während Sicherheitskräfte und Polizeibeamte eher schwierig von der Unbedenklichkeit der vier Musiker zu überzeugen waren („Nein, wir sind keine Sekte!“), zeigten sich die chinesischen Touristen hellauf begeistert („Toll, ihr seht aus wie eine Sekte!“). Ein Foto von der Band zu schießen, auf dem sich nicht zumindest eine 70-jährige Omi oder eine Touristengruppe aus Taiwan ins Bild drängte, war kurz darauf ein Ding der Unmöglichkeit. Army Of Jade KirinVermutlich würde die Armee bis heute um die Wette posen, wenn die geballte Staatsmacht dem Treiben nach einer Weile nicht ein Ende gesetzt hätte („Entweder ihr verpisst euch jetzt oder ihr kommt auf eine Tasse Tee mit“ – die Einladung zum Teetrinken gilt in China als Redewendung für ein Verhör durch die Geheimpolizei).

Kein Zweifel – ARMY OF JADE KIRIN (chinesischer Name: 玉麟军 / ju lin jun) haben Star-Appeal. Daher kann die Combo es sich auch leisten, im Mao Live House ganz ohne jede Support-Band ein Konzert zu geben, und tatsächlich ist der legendäre Schuppen im Zentrum der Altstadt gut gefüllt. Das Mao ist eine der dienstältesten Locations in Beijing und gehört quasi zum Pflichtprogramm (pop)kulturbeflissener Touristen: Ganz in der Nähe stehen die historischen Glocken- und Trommeltürme, und in den umliegenden Altstadtgassen kann man sich wunderbar verlieren und die eine oder andere interessante Bar-Entdeckung machen. Eine Bar gibt es im Mao natürlich auch, und dort hat ein chinesischer Army-Fan an diesem Abend schon kräftig aufgetankt. Voller Freude darüber, dass seine Lieblingsband auch ausländische Fans anzieht, fällt er mir ohne Vorwarnung sabbernd um den Hals. „Wo kommst Du her?“ – „Aus Österreich.“ – „Wahnsinn! Salzburg!“ – „Ja.“ – „Mozart!“ – „Ja.“ – „Heil Hitler!“ – „Du mich auch.“ Das Land der Vollidioten kennt offensichtlich keine geographischen Grenzen.

Army Of Jade KirinWeiter drinnen sitzt Armee-Kommandant Zombie. Y alias Yuan Qi und hustet fröhlich in seinen Mundschutz: „Scheiße Mann, mich hat’s voll erwischt – wenn sich der Smog in dieser Stadt nicht bald verzieht, geh ich hier noch drauf. Aber egal, ich bin bereit, heute Rock-Geschichte zu schreiben.“ Ein großes Wort, er spricht es gelassen und zündet sich zwecks Luftgüte-Verbesserung eine Zigarette an. Im Beijinger Underground ist der Mann aus der nordchinesischen Metropole Harbin eine Szene-Größe: Er spielte bereits in der ersten chinesischen Industrial-Band Fall Insects Bass und gründete im Jahr 2008 ARMY OF JADE KIRIN, bei der er als kommandierender General die gesamte Musik und alle Texte schreibt: „Die anderen Jungs können nix. Aber sie schauen gut aus, muarharghargh!“ In der Tat sind die Buben bei ihren Anhängerinnen heiß begehrt, immer wieder pirschen sich leicht beschürzte Gothic-Chicks an ihre Idole heran und werfen ihnen neben schmachtenden Blicken kleine Aufmerksamkeiten wie selbst gezeichnete Poster zu. „Ist doch geil, oder? Ich weiß aber echt nicht, was ich mit den ganzen Mädchen-Slips anfangen soll – ich hab doch nicht mal ´ne Freundin…“ grinst Beijings begehrtester Junggeselle, ehe er sich anschickt, die Bühne zu entern, um Rock-Geschichte zu schreiben.

Ob ihm das gelingt? Musikalisch jedenfalls nur bedingt: Die Army startet mit einer Coverversion des Eurythmics-Klassikers 'Sweet Dreams' in ihr Set und stellt sofort klar, dass ihr großes Vorbild Marilyn Manson heißt. Army Of Jade KirinGitarrensounds, Keyboard-Effekte, Rhythmik und Songstrukturen – all das hört sich ziemlich vertraut an und wäre bei jedem Originalitätspreis chancenlos. Aber die Jungs zocken patent und mit großen Posen und haben ihr Publikum jederzeit fest im Griff. Frontriese Yuan Qi ist außerdem ein echter Entertainer, der statt weinerlicher Ansagen lieber derbe Witze reißt und ständig mit dem Publikum blödelt – definitiv eher ein Kumpeltyp als eine Gothic-Diva. Und so räumt die Band bei ihrem Heimspiel erwartungsgemäß ganz gut ab. Der Umstand, dass ausgerechnet die Coverversion des Manson-Gassenhauers 'The Nobodies' mit Abstand am meisten Applaus bekommt, sollte jedoch zu denken geben. Dem Hitlerjungen von vorhin ist das alles egal, der krabbelt längst nur mehr auf allen Vieren über den Boden und krakeelt Rhabarber, Rülps und Lall. Besser als weitere Geschichtsstunden ist das.

Army Of Jade Kirin

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang