Online-MegazineKolumne

Wochenende und Sonnenschein

MIDI FESTIVAL

Das MIDI-Festival ist Chinas dienstälteste und populärste Musikveranstaltung. Auch 2013 ließen sich wieder zehntausende Musikfans den dreitägigen Konzertreigen nicht entgehen.

MIDI FESTIVAL„Niubi!“ Yang Yin, Sänger der Metalcore-Band „Si Wu“, kann sein Glück kaum fassen. Vor seinen Augen tobt ein Ozean aus schwingenden Fahnen und gereckten Fäusten, Menschenleiber fliegen durch die Luft und werden von den Wogen in alle Himmelsrichtungen getragen, bis sie irgendwo am anderen Ende des Geländes zu Boden plumpsen. „Wir spielen jetzt unseren härtesten Song und wollen dabei den brutalsten Moshpit sehen, den China je erlebt hat. Wie findet ihr das?!“, kreischt Yang ekstatisch in die Menge. „Niubi!“, donnert es aus zehntausend Kehlen zurück, was, wie aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, wörtlich übersetzt „Kuhfotze“ heißt und für die Pekinger Variante von „supergeil“ steht. Und während sich die Band durch eine reichlich uninspirierte Mischung aus Bring Me The Horizon und All Shall Perish prügelt, dreht das Publikum völlig durch: Vom Fotograben bis zum Mischpult sieht man nur noch fliegende Haare, zuckende Körper und ineinander verknotete Gliedmaßen. Zumindest einige Minuten lang. Dann lässt sich das Ausmaß des Gemetzels nur noch erahnen, da das Festivalgelände unter einer riesigen Staubwolke versinkt.

Seit dem Jahr 2000 wiederholen sich Szenen dieser Art alljährlich um die Mai-Feiertage beim MIDI-Festival, Chinas größter und dienstältester Rockmusikveranstaltung. Das asiatische Woodstock zog in der Vergangenheit bis zu 80.000 Musikfans an, und obwohl das Programm stilistisch bunt gemischt ist, kommen die meisten Besucher wegen der härteren Bands. Ausgerichtet wird die Veranstaltung von der 1993 gegründeten MIDI Modern Music School in Peking, die als einzige Schule in China Kurse für Jazz und Rockmusik anbietet und genreübergreifenden Respekt genießt.

MIDI FESTIVAL

Das jährliche Musikfest ist für die Veranstalter dennoch ein regelmäßiger organisatorischer Albtraum: In der 13-jährigen Geschichte musste man insgesamt sieben Mal die Location wechseln, meist in der allerletzten Minute. In diesem Jahr muss das MIDI in ein Skigebiet zwei Stunden östlich von Peking siedeln, was die Nerven der Fans auf eine harte Probe stellt: Da der erste der drei Festivaltage mit dem Ferienbeginn zusammenfällt, verbringen viele den Tag nicht bei ihren Lieblingsbands, sondern im Stau. In der Hauptstadt geht auf den Ringautobahnen zeitweise gar nichts mehr, als sich die Autolawine Stoßstange an Stoßstange in den Urlaub quält. Gleichzeitig geschieht an diesem Tag ein Wunder: Die Sonne lacht wie zum Hohn von einem blauen Himmel herab – ein Ereignis, das in dieser Stadt seltener vorkommt als Weihnachten – und brutzelt die in ihren Autos eingeschlossenen Staufänger gründlich durch. Muss nicht sein, daher lieber in der Altstadt Bier trinken gehen und BBQ futtern. Der Rock-'n'-Roll-Gott versteht so was.

MIDI FESTIVALAm nächsten Tag steht dann ein Einzelgig des MIDI-Headliners D-A-D im Yugong Yishan auf dem Programm, die sich quasi für ihren Hauptauftritt ein wenig warmspielen. Die erste Überraschung gibt es gleich beim Eintritt: Der Laden ist mindestens ebenso voll wie die dänischen Fans, die an diesem Abend die absolute Mehrheit stellen und ihren „local heroes“ einen gebührenden Empfang bereiten. „Heute sind mehr Dänen hier als in Kopenhagen – unsere Community hält eben wirklich zusammen“, kommentiert Bandkopf Jesper Binzer den Aufmarsch seiner Landsleute schmunzelnd. Die Band hat sich für ihr China-Abenteuer einiges vorgenommen, immerhin geht es nach den beiden Konzert in Beijing weiter nach Shanghai – mit dem Zug. „Das wird ein bisschen anstrengend, weil wir ja unser gesamtes Equipment irgendwie im Zug verfrachten müssen. Aber wir haben als Band noch nie vor Herausforderungen zurückgeschreckt, im Gegenteil – je verrückter eine Idee ist, desto mehr spornt sie uns an.“ Den Beweis treten die Herren wenig später bei ihrem Gig an, der schlicht und ergreifend triumphal wird: Die Band feuert in erster Linie die klassischen Hits vom „No Fuel Left For The Pilgrims“-Album in die Meute und zelebriert von der ersten Minute an eine ganz große Rockshow. Blick- und Angelpunkt ist einmal mehr Tieftöner Stig Pedersen, der zwar diesmal nur mit zwei Bässen hantiert (einmal Modell „Transparent Blau“ und einmal „Bullenschädel“), dafür mit einem schicken Lackkostüm der Marke „Hinkebein“ aufwartet und nebenbei die Weltmeisterschaft im Dauerposing für sich entscheidet.

Nach dieser Party wäre zwar der nächste Tag ein typischer Fall von 'Sleeping My Day Away', aber nachdem das MIDI in die Zielgerade geht, erreichen wir schließlich doch noch – übel zugerichtet – das Festivalgelände „China Music Valley“. Dort versucht Wang Man, die Medienbetreuerin des Festivals, zunächst die jährliche Schlacht um die Bewilligungen gelassen zu nehmen: "Die Bezirksverwaltung von Pinggu hat viel investiert, um hier eine Art chinesisches Musik-Kompetenzzentrum aufzubauen. Das ist eben eine Geldfrage. Der Erfolg unserer Veranstaltung war ohnehin immer von den Fans abhängig, nicht von der Logistik oder berühmten Künstlern." Hinter vorgehaltener Hand hört man allerdings schon, dass größere Menschenansammlungen in der Hauptstadt unerwünscht sind und Veranstaltungen wie diese von den Behörden wie eine heiße Kartoffel hin und hergeschoben werden - je weiter weg vom Zentrum, desto besser.

Wovor sie allerdings Angst haben, bleibt angesichts der ausgelassen feiernden Musikfans fraglich, denn so wild die Szenen vor den Bühnen auch wirken, so friedlich wird an den drei Tagen gerockt. Die Bierstände sind verwaist, Alkoholleichen findet man gar nicht - die chinesischen Fans interessieren sich ausschließlich für die Musik und beschränken sich darauf, Fahnen zu schwenken, Fäuste zu recken und "Niubi!" zu brüllen. Apropos Bier: Mit 20 Yuan (2,50 Euro) pro Dose ist der Preis zwar immer noch verhältnismäßig günstig, im Vergleich zum letzten Jahr muss man jedoch das Doppelte bezahlen - was in etwa die allgemeine Teuerungsrate in China widerspiegelt. Die Tickets selbst sind mit 15 Euro für ein Tagesticket und 35 Euro für den Drei-Tages-Pass allerdings immer noch erschwinglich.

MIDI FESTIVALInsgesamt treten auf den fünf Bühnen 100 Acts auf, die meisten davon aus China, und sie sind auch die Zugpferde: Den größten Publikumszuspruch bekommen die Veteranen von Brain Failure, die mit ihrem locker-flockigen Ska-Punk die Lage fest im Griff haben und bei der Security für Panik sorgen, da sie das Aufkommen an Crowdsurfern schlichtweg nicht mehr bewältigen kann. Aus Rock-Hard-Sicht am interessantesten sind die Langhaarwunder von Suffocated, die eine derbe Thrash-Breitseite fahren und sich von ihren Vorbildern Slayer einiges abgeguckt haben.

Interessanterweise treten beim MIDI-Festival auch immer wieder Bands auf, die man in China sonst kaum bis gar nicht zu sehen bekommt. 2010 sorgten die Chaoten von Second Hand Rose für Aufsehen, als sie fröhlich von sittenlosen Staatsführern und betrunkenen Politikerkindern sangen, was die anwesende Staatsmacht mit einem nicht zu übersehenden Grinsen quittierte. In diesem Jahr holzen die Modern-Thrasher Ordnance drauflos, die sich mit Songtiteln wie 'Fuck You (Police)' eigentlich ein landesweites Berufs- und Auftrittsverbot erspielt haben. Die Polizei ist bei dem Festival zwar allgegenwärtig, hält sich jedoch weitestgehend zurück - nicht einmal die hin und wieder über das Feld wabernden Marihuana-Schwaden scheinen sie sonderlich zu stören.

Ausländische Bands werden vom Publikum zwar zur Kenntnis genommen, mehr aber nicht. So spielen die vermeintlichen Headliner D-A-D am letzten Tag einen gewohnt explosiven Gig, doch der Großteil der Meute hat sich bereits auf den Heimweg gemacht. "Wir haben in Graz schon einmal vor 49 Leuten gespielt, das war noch schlimmer", nimmt Jesper den Aderlass vor der Bühne gelassen. Andere sind wiederum froh, wenn die Konzerte nach drei Tagen vorbei sind. Ein Polizeibeamter, der damit beschäftigt ist, gestrandete Stagediver aus dem Graben zu fischen, schüttelt am Ende nur noch den Kopf: "Ich hasse diesen ganzen Lärm. Das ist doch keine Musik! Ich kann nicht verstehen, dass sich jemand so was freiwillig antut", stöhnt er, während ihm ein in die Arme fallender Fan noch ein letztes "Niubi!" ins Ohr brüllt.

 

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten und zehnten Blogeintrag.
 
 
 
Pics: Wu Gang