Online-MegazineKolumne

MOONSORROW

Wenn der Mond in mein Einkaufszentrum kracht

MOONSORROW

Epische Musik, epischer Trip: Die Finnen-Krieger MOONSORROW touren einmal quer durch die Volksrepublik China und leben den Rock'n'Roll - in einem Designer-Einkaufszentrum.

Der Geschäftskomplex Galaxy Soho sieht ein bisschen aus wie ein paar überdimensionierte Ameisenhaufen, die gleich neben einer der meistbefahrenen Straßen Beijings aufragen. Doch während es in einem Ameisenhaufen üblicherweise geschäftig zugeht, herrscht hier an einem Sonntagabend gähnende Lehre. Die Geschäfte sind verwaist, in den Restaurants langweilen sich die Kellnerinnen und trainieren ihre Kellerasseln. Sollte das Geschäftszentrum (Design von Zaha Hadid. Von Zaha Hadid!) als Sinnbild für den Gesamtzustand der chinesischen Wirtschaft stehen, dürfte es in der Volksrepublik momentan eher düster aussehen. Noch viel weniger vorstellbar ist es, dass sich hinter dieser Hochglanz-Fassade mit dem Modernsky Lab ein Hort des Rock'n'Roll verbirgt, in dem die Finnen-Krieger von MOONSORROW eine weitere Schlacht schlagen.



Die Musiker lümmeln zunächst entspannt im Barbereich des Ladens herum und lassen sich vor dem Soundcheck von ein paar Techno-Klängen und den ersten Tsingtao-Bierchen berieseln. „Ist gar nicht so schlecht, gemessen daran, dass es eigentlich ein Reisbier ist“, befindet Sänger und Bassist Ville Sorvali, während Drummer Marko Tarvonen zustimmend vor sich hin rülpst. Die Band ist müde, aber glücklich: Innerhalb von nur sechs Tagen haben sie in ganz China fünf Konzerte gespielt und so insgesamt knapp 20.000 Kilometer Luftlinie zurückgelegt. „Es war anstrengend, aber Touren in Australien sind noch kräftezehrender“, befindet Marko, der wie seine Kollegen über den Verlauf der Gastspielreise sehr zufrieden ist: „In China weiß man ja nie, was einen erwartet, aber diesmal war alles extrem gut durchorganisiert und das Publikum war ohnehin genial.“ Als größte Überraschung entpuppte sich ausgerechnet eine Stadt, die auf der globalen Landkarte oft gar keine Rolle spielt. Denn während Guangzhou, Shenzhen und natürlich Shanghai und Beijing als internationale Metropolen gelten, hat Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan immer noch den Ruf als „Zweitliga-Stadt“: „Ich wusste, wo dieser Ort liegt, da ich mich sehr für Geografie und Landkarten interessiere. Chengdu scheint eine totale Rock'n'Roll-Hochburg zu sein, der Laden dort war gerammelt voll und die Leute sind völlig ausgerastet. Einige von denen haben sich sogar Pandamützen aufgesetzt, damit sie unserem Corpsepaint Paroli bieten können“, grinst Ville.



Draußen hängt währenddessen Tour-Organisator Liu Ze noch ein paar Poster auf und wirkt dabei ein bisschen wie ein Gymnasiast, der Werbung für seinen Abschlussball macht. Der spindeldürre Mittzwanziger, der eine Firma mit dem bescheidenen Namen „Beijing Goodsky Goodday Culture Communication Co Ltd.“ betreibt, ist der Rookie unter den heimischen Tourneeveranstaltern. Bislang hat er bereits Acts wie Maximilian Hecker, Sophie Zelmanie oder Masaaki Kishibe gestemmt. MOONSORROW ist die erste Metal-Band, die er für China gebucht hat (Xandria und Haggard zählen wir hier besser nicht dazu): „Ich mag die Gruppe und ihre Musik persönlich, und sie hat allgemein einen guten Ruf. Die Jungs waren 2012 ja schon einmal bei uns, und sie haben etwas, das das chinesische Publikum offenbar anspricht.“ Man merkt ihm an, dass er sehr darauf bedacht ist, keine Fehler zu machen – oft spricht er davon, dass seine Konzerte „völlig legal“ sind und dass die Regierung seine Arbeit unterstütze, selbst wenn man ihn gar nicht danach fragt. Seine Nervosität ist verständlich: Zum Zeitpunkt der MOONSORROW-Gastspielreise tagt mit dem Volkskongress gerade das nationale Parlament, und in solchen Zeiten werden Kulturveranstaltungen ganz gerne auch mal kurzfristig abgesagt.

Zum anderen haben er und auch die Veranstaltungsstätte Modernsky Lab noch einiges vor: Die im Vorjahr eröffnete Location gehört Beijings größtem Plattenlabel und Festival-Veranstalter Modern Sky, und man merkt, dass Geld hier keine Rolle gespielt hat: Das Equipment ist vom Feinsten, die Konzerte werden mit modernsten Kameras mitgeschnitten, die Lichtanlage wurde offensichtlich bei Pink Floyd in Auftrag gegeben. Damit nicht genug: In den nächsten drei Jahren sollen quer über die Volksrepublik insgesamt 20 weiterer „Labs“ entstehen, was das Vertrauen der Manager in den heimischen Musikmarkt demonstriert. Und zumindest im Falle von MOONSORROW scheint die Rechnung aufzugehen: War schon die gesamte Tournee gut besucht, so finden sich zum Abschluss in Beijing auch noch einmal rund 500 Headbanger ein, die mit den Finnen Ragnarök feiern wollen. MOONSORROW legen ohne Vorband nach einem schier endlosen Schamanen-Intro vom Band sowie Bathory-Pferdegewieher mit 'Jumalten Kaupunki' vom „Kivenkantaja“-Album bombastisch los. Dieses ist mit drei Songs an diesem Abend zwar etwas überrepräsentiert, bei satten zwei Stunden Spielzeit fällt das allerdings auch nicht ins Gewicht. So ist das nun mal - wer nur Songs im XXL-Format schreibt, muss eben Überstunden schieben.



Dieser Aufgabe geht der Fünfer allerdings mit Verve nach: Die Band hat sich über die Jahre zu einer veritablen Live-Macht gemausert, die unermüdlich die gesamte Bühne beackert und zudem vom Wechselspiel ihrer völlig unterschiedlichen Charaktere profitiert. Der Sound ist ebenfalls Granate – alles andere wäre angesichts der sündhaft teuren Ausstattung auch eine Blamage gewesen. Das chinesische Publikum reagiert angesichts der überlangen Epen geplättet und weiß mitunter nicht, wie es auf diesen Großangriff reagieren soll. „Are you enjoying yourselves? Then you might be at the wrong place“, kündigt Ville denn auch sarkastisch den „Verisäkeet“-Oberhammer 'Pimäe' an. Allerdings haben die verblüfften Chinesen durchaus eine gute Zeit und kaufen nach dem Konzert den Merchandise-Stand – eigene China-Tourshirts um faire 14 Euro – ratzfatz leer, was bei den zurückhaltenden Musikliebhabern im Reich der Mitte eher selten vorkommt. Zu guter Letzt geben MOONSORROW auch noch eine ungewollte Sondervorstellung: Zwar hat man bei der piekfeinen Konzerthalle technisch gesehen an alles gedacht – nur einen Backstageraum hat man offensichtlich irgendwie vergessen. Also müssen sich die fünf blutverschmierten Krieger ihr Corpsepaint nach dem Konzert in der öffentlichen Toilette abschminken. Und während die Fans an den Pissoirs Bauklötze staunen, sieht sich die lokale Putzfrau in ihrer Annahme bestätigt, dass es sich bei diesen Ausländern eben doch um einen Haufen Barbaren handelt.



SETLIST MOONSORROW

Jumalten Kaupunki

Raunioilla

Pimeä

Suden Tunti

Aika

Kivenkantaja

Jotunheim

Kuolleiden maa

Sankaritarina

Kylän Päässä

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

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