Online-MegazineKolumne

REVOCATION, ENSIFERUM

Tötet die Waldelben

ENSIFERUM

Der Spätherbst brachte mit Revocation internationale Gäste und mit Ensiferum alte Bekannte nach Beijing.

Da kommt man 2010 nach China, freut sich auf neue Erfahrungen, ungewohnte Kulturen, frische Begegnungen – und wer ist die erste Band, die von diversen Postern in der Stadt ihre Hasenzähnchen bleckt? Ensiferum. Es hat kaum eine Tankstelleneröffnung in Europa gegeben, bei der die Finnen nicht gespielt hätten (inflationärer waren nur Finntroll und Amon Amarth unterwegs), und selbst am anderen Ende der Welt wurde und wird man sie also nicht los. Mich persönlich hat das an meine Zeit in Afrika erinnert, als der Taxifahrer am Flughafen von Windhoek (Namibia) das Radio aufdrehte und Hansi Hinterseer aus den Boxen säuselte. Dabei verdanke ich diesem Konzert damals eine außergewöhnliche Freundschaft: Für meinen damaligen Auftraggeber schrieb ich eine Kritik, und die war natürlich ein Verriss. Weil: Ensiferum. Einige Wochen später bekam ich Post von einem jungen Mann, der sich bitter darüber beklagte, dass das ja alles nicht so gewesen sei und die Band sowieso super wäre. Ich schrieb ihm zurück, dass ich das anders sehen würde und lud ihn ein, das Ganze am besten bei einem Bier zu diskutieren – was dann auch tatsächlich geschah. Er ging mit dem Gefühl hin, was ich für ignoranter Lümmel wäre, und ich wiederum erwartete mir einen eher unterbelichteten Deppen. Nach zwei Minuten waren alle Vorbehalte wie weggeblasen und wir wurden so gute Freunde, dass wir in weiterer Folge sogar gemeinsam einen ziemlich verrückten Ausflug in die wilde Westprovinz Xinjiang in Angriff nahmen.

Besagter Freund wohnt mittlerweile zwar leider nicht mehr in Beijing – dafür sind Ensiferum wieder da! Kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums „One Man Army“ legten sie noch einen kurzen Zwischenstopp in Asien ein, der sie nach Japan und China führte: „Shanghai gestern war der Hammer, so viel Zuspruch haben wir nicht erwartet, obwohl wir vor vier Jahren ja schon einmal hier waren“, erzählt ein müder, aber zufrieden wirkender Sami Hinkka im Backstagebereich. Dem extrem netten Bassisten sieht man zu jeder Sekunde an, dass er ein echter Überzeugungstäter ist, und wenn er über Ensiferum spricht, fangen seine Augen buchstäblich zu leuchten an: „Bei dieser Tour spielen wir noch nichts von der neuen Platte, die sich stilistisch glaube ich ein wenig von den alten unterscheidet. Da gehen wir auf Nummer sicher und machen lieber ein Best-of-Programm.“ Zu dem natürlich auch 'Lai lai hei' gehört. Weiß die Band eigentlich, dass der Song in China auch deswegen so populär ist, weil „lai“ in Mandarin „komm her“ heißt? „Nö, das war uns bis jetzt noch nicht bewusst – hoffentlich ist das jetzt nichts Unanständiges, hihi…? Aber die Reaktionen sind allgemein schon phänomenal, wenn ich mir denke, dass wildfremde Menschen aus einem anderen Kulturkreis unsere Texte mitsingen. Nur an das Schweigen zwischen den Songs werden wir uns wohl nie gewöhnen, da hört man ja teilweise eine Stecknadel fallen.“ Oder ein Holzschwert. Haben sich die Grenzbeamten eigentlich noch nie gewundert, wenn sie im Gepäck der Finnen einen riesigen Wehrschild und diverse Stichwaffen gefunden haben? „Das nicht, aber unsere Gitarren wurden schon ein paar Mal als Waffen identifiziert. Warum, verstehe ich bis heute nicht.“

Ich schon, denn eine Gitarre in den Händen von Ensiferum kann durchaus zu einer Waffe werden, was jetzt nicht unbedingt als Kompliment zu verstehen ist. Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf beziehungsweise das Corpsepaint im Schrank: Die Band hat live zweifellos ihre Qualitäten und gewisse Schauwerte, speziell Sami und Gitarrist Markus Toivonen, die wirklich pausenlos in Bewegung sind und gegen irgendwelche Horden anrennen. Allerdings läuft bei dem Haufen etwas gänzlich verkehrt, denn das einzige Bandmitglied, das nicht oben-ohne auftritt, ist dummerweise die Keyboarderin. Bei Sänger Petri Lindroos hätte ich mir persönlich hingegen schon einen BH gewünscht; die asiatischen Modelle sollten ihm eigentlich ganz gut passen. Ach so ja, Musik haben sie auch gespielt, was angesichts des unterirdischen Sounds nicht immer ganz eindeutig war und im allgemeinen Schlachtengetümmel vermutlich auch nur eine Nebenrolle gespielt hat. Ich bilde mir jedoch ein, bei „One More Magic Potion“ ein paar Waldelben auf der Kreuzung zur vierten Ringautobahn herumhüpfen gesehen zu haben.

Eine Woche später sind dann die Amis von Revocation zu Gast und heben das musikalische Niveau gleich um zirka 8.000 Höhenmeter. Auch sie wurden wie ihre skandinavischen Kollegen vom chinesischen Painkiller Magazin eingeladen, um im Yugong Yishan zum Tanz aufzuspielen. Die Band entwickelt auf der Bühne einen gnadenlosen Killerinstinkt, und sobald der Schalter umgelegt ist, kennt sie nur noch den „Zerstören“-Modus. Und so wüten sich die vier Herren vor einer im Vergleich zu den Finnen etwas ausgedünnten Kulisse durch ein gut einstündiges Prügelset, in dem immer wieder auch das eine oder andere technische Kabinettstückchen für effektive Todesstöße sorgt. Die Schwerpunkte bei der Songauswahl liegen auf den letzten beiden Alben „Revocation“ und „Deathless“, also auf mächtig viel Rumms. Die logische Folge: Diesmal gab’s bei der Kreuzung zur vierten Ringautobahn eine Massenkarambolage mit ein paar toten Waldelben.

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

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