Online-MegazineKolumne

BÖHSE ONKELZ

Spiel doch mit den Schmuddelkindern

BÖHSE ONKELZ

Frankfurt Nordend, Ende April. In einem unscheinbaren Hinterhof-Studio bereiten sich die BÖHSEN ONKELZ auf ihre im Juni anstehenden Konzerte am Hockenheimring vor. Am heutigen Montag hat die zweite von insgesamt acht Probewochen begonnen, von Nervosität oder Anspannung ist nichts zu spüren, die komplette Band und ihr Toningenieur Michael Mainx haben sich Zeit für ausführliche Interviews und eine Fotosession genommen.

Abgehobenes Rockstar-Gehabe geht definitiv anders, hat im Onkelz-Kosmos aber eh nie wirklich stattgefunden. Wo andere Bands zicken oder sich hinter Worthülsen verstecken, sind die Frankfurter schon immer bemerkenswert offen und direkt gewesen. Klare Kante statt weichgespülter Allgemeinplätze. Das gefällt naturgemäß nicht jedem, ist aber seit jeher ein wichtiger Punkt der Bandphilosophie und begründet zu einem nicht unerheblichen Teil den Mythos BÖHSE ONKELZ.

Dabei sah heute Mittag, zur verabredeten Zeit, noch alles ganz anders aus. Als Fotograf Hans-Martin Issler, Kameramann Ronny „Spielberg“ Bittner und meine Wenigkeit am vereinbarten Treffpunkt aufschlagen, fehlt von der Band nämlich jede Spur. Erst mit einer Viertelstunde Verspätung saust Gonzo auf den Hof, und Stephan Weidners Kommentar „Ich dachte, ihr kommt erst nächste Woche!“ lässt wenig Gutes erahnen. Kevin und Pe sind auch noch nicht vor Ort, weshalb umdisponiert werden muss. Ein Heft ohne Titelstory ist vielleicht ein cooles Statement, aber trotzdem eher ungewöhnlich. Dass sich die Band völlig unkompliziert auf die Situation einlässt, ihre Probe bereitwillig nach hinten schiebt und uns trotz anderer wichtiger Termine Rede und Antwort steht, ist alles, aber nicht selbstverständlich. Man mag sich nicht vorstellen, wie eine amerikanische Band mit dem gleichen Stellenwert, die ihrem Status entsprechend erfahrungsgemäß von mindestens vier Managern, einem Publizisten sowie einem Heer persönlicher Assistenten betreut wird, reagiert hätte. Der bloße Gedanke an dieses Szenario treibt uns die Schweißperlen auf die Stirn.

Aber wir sind in Frankfurt und eben nicht in L.A., und auch wenn die BÖHSEN ONKELZ im Juni vier Shows am Hockenheimring vor der unglaublichen Kulisse von mindestens 350.000 Leuten spielen werden und jeder Vorbereitungstag zählt, ist von Stress nichts zu spüren. Man scherzt miteinander, Kevin ist bemerkenswert offen, geistig und körperlich topfit und die Stimmung innerhalb der Band so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Doch zurück in die Gegenwart: Während Stephan Weidner in gewohnt flotter Manier Hans-Martin Issler einen nett gemeinten Einlauf verpasst („Alter, jetzt ist aber auch mal gut mit Fotos - raus hier!“), rauchen Kevin und ich am geöffneten Fenster Zigaretten. Das hat etwas von Jugendherberge, der seit inzwischen vier Jahren drogenfreie Sänger („Das einzige Laster, das ich mir noch nicht abgewöhnen konnte, sind die verdammten Kippen!“) erinnert sich aber nur zu gut an die Dämonen der Vergangenheit und erzählt von früheren Jägermeister-Exzessen. Bis zu vier Liter täglich habe er gesoffen, sich das Zeug sogar injiziert, als nicht genügend Nachschub vorhanden war. „So ´ne Aktion kann man eigentlich nicht überleben, haben mir die Ärzte gesagt.“

Hat er aber. Und vor dem Hintergrund seiner Drogenvergangenheit sind seine Aussagen im Interview der aktuellen Ausgabe doppelt interessant. Wie auch die Gespräche mit dem Rest der Band und ihrem Soundmann Michael Mainx. Wir sehen uns am Hockenheimring!

 

Pic: Hans Martin Issler

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