Online-MegazineKolumne

Satan besucht die Atheisten

Dark Funeral

Die letzten Monate standen in Beijing eindeutig im Zeichen des Extrem-Metals. Während Cannibal Corpse die Ehre hatten, den ersten Teil der Geburtstagsparty für das Painkiller-Magazin zu gestalten, spielte die Black-Metal Institution DARK FUNERAL bei der zweiten Etappe zum Tanz auf.

Wrath Of The DespotUnd wie schon bei den Amerikanern einige Wochen zuvor gab’s natürlich auch bei den Satansbraten aus Schweden Ärger: Wieder kam es im Vorfeld zu einer anonymen Anzeige, wieder musste der Veranstaltungsort kurzfristig verlegt werden, doch diesmal waren die Veranstalter besser vorbereitet und mit dem 13Club wurde bereits im Vorfeld die beste Ersatz-Location angemietet.

Und nachdem sich die Beijinger Metalfans irgendwie alle persönlich kennen, spricht sich das konspirative Treffen auch diesmal in Windeseile via SMS und dem chinesischen Twitter-Pendant Weibo herum. Als die erste Vorgruppe WRATH OF DESPOT startet, ist der – mittlerweile legendäre – 13Club jedenfalls schon gut gefüllt. Wäre er zu jenem Zeitpunkt leer geblieben, hätte es auch nicht geschadet, denn die chinesische Despoten-Band ist abgrundtief schlecht. Ähnlich wie Nifelheim poltern sie sich mit reichlich sinnentleertem Black-Thrash ohne Weg und ohne Ziel über die Bühne, im Gegensatz zu den schwedischen Rödel-Königen fehlen ihnen jedoch jeglicher Kultfaktor und Charme. Wer hier nicht völlig seine Zeit verschwenden will, geht lieber in einem der zahlreichen angrenzenden Restaurants noch einmal lecker essen oder guckt den folgenden EVILTHORN beim Schminken in der wie immer ordentlich versifften Toilette zu.

Die laut Eigendefinition „Chinas most evil Black Metal band“ kann nach dem Desaster von vorhin eigentlich nur gewinnen, und auch wenn sie nach wie vor kein Leuchtfeuer an Originalität sind, haben sie sich spieltechnisch in den letzten Jahren zumindest steigern können.

Ritual DayOffensichtlich mit neuem Schlagzeuger an Bord präsentieren sie sich deutlich tighter als in der Vergangenheit, und allgemein geht die Präsentation auf der Bühne in Ordnung. Was nach wie vor fehlt, sind Songs, die aus der Einheitsmasse ein wenig herausragen und europäischen Darkthrone-Jüngern einen Grund geben, auch mal chinesischen Pandas ihr Ohr zu leihen. Vielleicht tun sie das ja bei RITUAL DAY, die zumindest in Asien einen kleinen Legenden-Status haben. Die Herren dürfen sich an die Fahnen heften, als Chinas erste Black-Metal-Band an den Start gegangen zu sein, und auch wenn sie einige Jahre lang weg vom Fenster waren, haben sie nach wie vor eine treue Fanbase, die dem ersten Auftritt seit langer Zeit entgegenfiebert. Zunächst ist sie jedoch etwas verdutzt, als Sänger und Gitarrist Nong Yong mit modischem Kurzhaarschnitt die Bühne betritt, und bei den ersten Songs merkt man der Band die Unsicherheit nach der Pause an. Musikalisch irgendwo zwischen alten Samael und Dissection hin und her pendelnd finden sie jedoch mit zunehmender Konzertdauer zurück ins Spiel und können sich schließlich erhobenem Hauptes von ihrer Anhängerschaft verabschieden.

Dark FuneralAllerdings, Hand auf Herz: Zwischen den Vorbands und dem Headliner liegen an diesem Abend Welten. Was durchaus überraschend ist, denn ich hatte DARK FUNERAL noch in Europa über die Jahre fünf Mal gesehen, und jedes Mal waren sie entweder langweilig oder hochnotpeinliche Scheiße, meistens jedoch beides. Und nachdem ich mich insgeheim schon auf einen schönen Verriss gefreut habe, trifft mich nun fast der Schlag, als die Schweden mit „The Arrival Of Satan’s Empire“ wie von der Tarantel gestochen loslegen. Die Band tritt mit runderneuerter Mannschaft an und ist kaum wiederzuerkennen: Motiviert bis in die Haarspitzen fällt das Überfallskommando über Beijing her und scheint das komplett überrumpelte Publikum regelrecht fressen zu wollen. Gar nix erinnert hier mehr an die Tage, an denen ein etwas verhaltensauffälliges Dickerchen am Mikrofon vor sich hin dämmerte – die gesamte Band attackiert pausenlos und dermaßen überzeugend, dass nicht einmal ihre Ork-Rüstungen übermäßig lächerlich wirken.

Es sind vor allem die Neuen, die das Fundament für diesen Triumphzug legen: Da wäre zunächst Rückkehrer Dominator, der hinter seiner Schießbude Hochleistungssport betreibt und schon für den Soundcheck Szenenapplaus bekommt - phänomenal, der Kerl! Zum Zweiten erweist sich der neue Bassist Zornheym als äußerst unterhaltsamer Entertainer, der seine Begeisterung kaum zügeln kann und locker als zweiter Frontmann durchgeht. Und dann wäre da noch der neue Sänger Steve „Nachtgarm“ Marbs, mit dem die Schweden einen Volltreffer gelandet haben. Der Deutsche wirkt auf der Bühne ein bisschen wie der kauzige Bruder von Primordials Alan, setzt seine Gesten sparsam und effektiv ein und verfügt über einen Kriegsschrei, der einem das Blut in den schwarzen Adern gefrieren lässt. Von „666 Voices Inside“ bis zu „Open The Gates“
(„Saaaaaaaataaaaaaannnnn!!!!!“) – der Mann hat jede Situation fest im Griff und dirigiert das Publikum nach Belieben. Man kann den aufgesetzten Show-Satanismus nach wie vor lächerlich finden, aber: In dieser Form ist mit dem zuletzt ins Schlingern geratenen Black-Metal-Flaggschiff zumindest live wieder zu rechnen! Die zirka 450 Fans an diesem Abend sehen es ähnlich und feiern die Band nach allen Regeln der Kunst ab. Auf eine ausgedehnte Aftershow-Party mit ihren Helden müssen sie allerdings verzichten, denn die Musiker verweigern – man mag es kaum glauben – kollektiv den Alkohol. Auch das spricht für die neue Professionalität der Truppe. Allerdings hätte ihnen vielleicht jemand stecken sollen, dass es in einem atheistischen Land wie China nicht viel bringt, den Krieg gegen die Christenheit auszurufen...

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten und fünften Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang