Online-MegazineKolumne

Ready to grunz

Yao Zhe

Beijing ist im gewissen Sinne das chinesische Metal-Mekka: Zwar haben die Provinzen in den letzten Jahren etwas aufgeholt, doch nach wie vor zocken die meisten Bands in der Hauptstadt. Das hat historische Gründe, denn von alters her war Beijing das kulturelle Zentrum des Landes; die Herrscher ließen sich Künstler an den kaiserlichen Hof holen, um sich von ihnen bespaßen zu lassen. Wer den imperialen Vergnügungs-Ansprüchen nicht gerecht wurde, konnte zumindest noch Hauptdarsteller einer öffentlichen Hinrichtung werden. An einem Freitagabend treten hingegen fünf chinesische Bands im 13Club an, um sich die Gunst der kaiserlichen Abgesandten von rockhard.de zu sichern, darunter mit READY TO DIE eine der heißesten Aktien im Beijinger Underground. Wohlan, lasset die Spiele beginnen.

Gemessen daran, dass an diesem Abend ausschließlich chinesische Underground-Acts auftreten, ist die Preisgestaltung mit 120 Yuan (15 Euro) an der Abendkassa relativ ambitioniert. Dennoch ist der 13Club bereits gut gefüllt, als 夭折 (YAO ZHE, COME TO AN UNTIMELY END) den Reigen eröffnen. Die blutjungen Burschen gehen mit Enthusiasmus ans Werk und versuchen sich wie ihre offensichtlichen Vorbilder von Suffocated an einer modernen Neural ResistanceVariante von Testament, scheitern allerdings an ihrer Ideenlosigkeit. Kein einziger Song bleibt hängen, die x-beliebige Aneinanderreihung von Riffs ist so langweilig wie das Line-up der Paganfeste - und das Publikum übt sich in Headgähnen oder Tischfußball. Angesichts ihres juvenilen Alters sei den Musikern daher ein rascher Tod durch Enthauptung gewährt.

Es kommt allerdings schlimmer. Viel schlimmer. Als神经抵抗 (SHEN JING DI KANG, NEURAL RESISTANCE) die Bühne betreten, weiß man zunächst nicht, ob sie gerade Soundcheck machen, schon den ersten Song spielen oder ganz einfach nur im falschen Film sind. Da alle Herren Masken aus mehr oder weniger bekannten Filmen tragen, wäre letzterer Verdacht zumindest naheliegend. Auf das erste Intro folgt das Second-Intro, das nahtlos in das Slayer-Intro übergeht, um wiederum in ein We-try-to-play-Slayer-Intro zu münden. Anschließend kommt noch das But-we-fail-Intro und dann kommt ein Sänger mit Psycho-Maske auf die Bühne und macht einen auf Psycho. Was soll man sagen: Diese Slipknot für ganz, ganz Arme bringen alle zum Kopfschütteln. Allerdings nicht von oben nach unten, sondern von links nach rechts. Tod durch Vierteilung ist hier noch das Mindeste, was man der Band wünschen kann.

Dann jedoch wird es spannend, denn mit READY TO DIE betritt eine Band die Bühne, die bereits mit großen Vorschusslorbeeren bedacht wurde. Das dürfte weniger an ihrer Musik, als vielmehr an der Dame am Mikrofon liegen. Diese heißt Sha Lou, ist ungefähr so groß wie ein mongolischer Wüstenfloh und entlockt ihrer Kehle Töne, die irgendwo aus den Untiefen einer chinesischen Dämonen-Dimension zu kommen scheinen. Während ihre Sidekicks eine solide Mischung aus Obituary und Six Feet Under zocken, grunzt, gurgelt, miaut, schreit, faucht, brüllt und kreischt Fräulein Sha die ersten Reihen dermaßen in Grund und Boden, dass die erst mal verdutzt zurückweichen. Im Verlauf des Konzerts kommt die noch junge und Ready To Dieunerfahrene Band auch immer besser auf Touren und gerade als die Groove-Maschine einigermaßen geölt läuft, ist das Konzert auch schon wieder vorbei. Klare Sache: Wenn sich diese Band entsprechend weiterentwickelt, dürfte mit ihr auch international zu rechnen sein, und nach dieser Leistung wäre sie ein klarer Fall für eine Begnadigung. Nachdem die Truppe jedoch READY TO DIE heißt, stecken wir sie erst mal in die Todeszelle.

Das Konzert von 头条新闻 (TOU TIAO XIN WEN, BIG NEWS) nutzen wir, um uns ein bisschen mit Sha Lou zu unterhalten, die abseits der Bühne so zart und unscheinbar wirkt, dass man sie glatt übersehen könnte. Mit einer sanften Stimme, die so gar nichts mit dem Brüllwürfel-Vulkan von vorhin zu tun hat, erzählt sie: „Unser Drummer Guo Peng hat die Band 2006 gegründet, ich bin jedoch erst seit einem Jahr dabei. Ich habe schon immer viel Musik aus dem Westen gehört und wollte sie mit meinen eigenen Gefühlen ergänzen, und mit Death Metal kann ich mich am besten ausdrücken.“ Weil man da so schön rumbrüllen kann? „Ähm, ja. Ich habe zwar viele Gesangsstile ausprobiert, aber das passt einfach am besten zum Metal. Unsere Musik ist extrem, man kann sie nur lieben oder hassen. Zu einem unserer ersten Konzerte habe ich meine Freunde eingeladen. Die sollten uns eigentlich supporten, doch sie sind schon nach dem ersten Song davongelaufen. Seitdem denken sie, dass ich völlig verrückt bin.“ Und was sagt Deine Familie so zu Deinem Hobby? „Meine Eltern wissen, dass ich Musik mache, aber ich habe mich noch nicht getraut, ihnen unser Demo vorzuspielen. Meine jüngere Schwester findet uns allerdings super und will eines Tages ebenfalls Death Metal machen.“

OrdnanceNach dem kleinen Plausch stehen die Hausherren von ORDNANCE auf der Bühne und machen sofort klar, wer an diesem Abend der Chef im Ring ist. Gitarrist Liu Lixin ist gleichzeitig der Besitzer des 13Clubs, und nachdem die Band aufgrund ihrer  politischen Texte mit einem Auftrittsverbot belegt ist, bleibt ihnen nur der eigene Laden als letzte Zuflucht (siehe dazu auch das Interview in Rock-Hard-Ausgabe 306). Das ist schade, denn die Truppe ist live eine echte Wucht. Exakt holzen sie ihre Mischung aus Pantera und Lamb of God ins Publikum, tigern wie Derwische über die Bühne und halten das Energielevel so hoch wie keine andere Band an diesem Abend. Es ist ein trotziges Statement, das ORDNANCE an diesem Abend auf der Bühne ablegen, und es klingt dermaßen angepisst und wütend, dass man ihnen nur Respekt zollen kann. Am kaiserlichen Hof wäre ihnen eine Beförderung gewiss! Wie es jedoch mit ihnen im China der Neuzeit weitergeht, wird sich zeigen.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten und dritten Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang