Online-MegazineKolumne

9 TREASURES

Musikalischer Mongolensturm

9 TREASURES

Die Europa-Tour der 9 TREASURES bietet eine seltene Gelegenheit, eine chinesische Band auch in Deutschland aus nächster Nähe zu erleben.

Nach einem Heimaturlaub und einer kleinen Pause geht es wieder weiter mit dem China-Blog – es dauert eben seine Zeit, bis man sich wieder eingroovt, wenn man von einem Entwicklungsland (also Österreich) zurück in die Volksrepublik kommt. Die 9 TREASURES gehen hingegen den entgegengesetzten Weg. Als eine der wenigen chinesischen Bands wagen sich die Mongolen-Folk-Metaller auf den Weg nach Europa mit dem ambitionierten Ziel, dort eine eigene Headlinertournee zu fahren. Andererseits hat die 2011 gegründete Band zumindest in Deutschland bereits eine kleine Fanbase, da sie 2013 nach einem Vorauswahl-Wettbewerb in Wacken spielen durfte. Musikalisch gesehen haben sie auf jeden Fall das Zeug, international bestehen zu können, und auch live lässt die fünfköpfige Mongolenhorde nichts anbrennen.

Deutlich schwieriger ist es hingegen, sich mit der Band für ein Interview zu verabreden. Zwar kommen einige Mitglieder aus der entlegenen Steppe Hulunbuir in der nordchinesischen Inneren Mongolei, geprobt wird jedoch in keiner verlassenen Jurte, sondern mitten in Beijing, gleich neben dem „Worker’s Stadium“ mit seinen angesagten Clubs und Nobelrestaurants. Und es ergibt sich ein seltsames Bild, als zwischen den allgegenwärtigen Ferraris und Maseratis plötzlich ein baufälliger Geländewagen vorfährt und Sänger und Gitarrist Askhan im legeren Kapuzenpulli aussteigt – nach über drei Stunden Verspätung.

»Sorry, bin im Stau stecken geblieben«, erklärt er lapidar, und ein Blick auf die völlig verstopften Kreuzungen erübrigt jede weitere Diskussion. Die Anfahrtswege in Beijing dauern mitunter eben ein wenig länger, egal ob mit Lamborghini oder Schrottkarre.

Als die Probe dann endlich beginnen kann, gehen die fünf Musiker perfektionistisch und akribisch ins Detail – obwohl sie ihre Lieder auf chinesischen Bühnen bestimmt schon hundert Mal gespielt haben.

»Ja, wir sind schon aufgeregt und freuen uns auf Deutschland – das war ja vor zwei Jahren unser erster Auslandsaufenthalt überhaupt und es war einfach fantastisch. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll, aber ich werde vor allem die Luft nie vergessen – sie war so klar und frisch, dass ich regelrecht berauscht davon war.«

Im Vergleich zu Beijing hat also selbst das staubige Wacken Luftkurort-Qualität, und Askhan erinnert sich gerne an den Auftritt seiner Band beim größten Metal-Festival der Welt:

»Was soll ich sagen? Wir wussten ja nicht, wie das Publikum auf ein paar Jungs aus China reagieren würde, aber die Leute waren enthusiastisch und sind toll mitgegangen, so dass uns der Gig nicht schwer fiel. Das Gefühl war unbeschreiblich. Wir haben uns dann in unseren mongolischen Roben unter die Fans gemischt, viele haben uns erkannt und wollten gleich ein Bier mit uns trinken – was wir natürlich freudig angenommen haben! Ich möchte noch hinzufügen, dass wir überall extrem freundlich behandelt wurden, und selbst bei diesem riesigen Festival gab es keine einzige Situation, bei der uns irgendein Streit aufgefallen wäre.«

Musikalisch gesehen bietet die Band auf ihren beiden Alben – “Arvan Ald Guulin Hon-shoor” (2012) und „Nine Treasures“ (2013) – eine schmissige Mischung aus Folk-Metal und mongolischen Elementen mit den traditionellen Instrumenten ihrer Heimat:

»In Europa werden Folk und Metal ja schon lange miteinander kombiniert. Wir wollten aber etwas Eigenes spielen, am besten etwas, das ganz tief in unserer Volksseele verwurzelt ist. So war es nicht weiter verwunderlich, dass wir auf die mongolische Volksmusik zurückkamen, denn sie kommt aus unserer Seele. Mein Bandkollege Tsog ist professionell an der mongolischen Pferdekopfgeige (Morin Khuur) ausgebildet, und unser Bassist Aoger hat Gesang studiert. Das soll aber jetzt keine akademische Sache werden, denn die Musik liegt uns im Blut.«

Dementsprechend glaubt Askhan auch nicht, dass es zwingend notwendig ist, sich als ausländischer Zuhörer mit der Geschichte und der Tradition der Mongolei zu beschäftigen:

»Nein, nein. Wer zu unseren Konzerten kommt, soll die Energie und den Spirit spüren, nur darum geht es. Auch die Sprache ist völlig zweitrangig, denn Musik ist eine universale Sprache, die man überall auf der Welt versteht. Das beste Beispiel dafür sind doch Rammstein – die singen auf Deutsch, und dennoch werden sie von Fans auf der ganzen Welt geliebt!«

Das Chinesisch-Wörterbuch könnt ihr also noch mal stecken lassen – Glück gehabt. Eine Frage sei aber an dieser Stelle noch zu klären – wofür steht eigentlich der Bandname 9 TREASURES?

»Das weiß ich auch nicht.«

- Ähm. Wie meinen?

»Ernsthaft, die sogenannten „Neun Schätze“ sind in unserer Kultur etwas sehr Geheimnisvolles, Mysteriöses. Niemand weiß, um welche Reichtümer es sich dabei genau handelt. Viele nehmen an, dass es um Gold, Silber, Bronze, Eisen, Perlen, Achat, Koralle, Bernstein und Jade geht, man kann das aber auch anders sehen. Ein Mediziner versteht darunter traditionelle, chinesische Arzneimittel, die Poesie spricht von verschiedenen Formen der Liebe. In einem mongolischen Gedicht heißt es etwa, dass einem neun Wünsche erfüllt werden, wenn man neun Schätze weitergibt; sie haben also eine glücksverheißende Bedeutung. Die mongolischen Schriftzeichen in unserem Band-Logo sind die ersten Buchstaben für Gold, Silber, Bronze und Eisen.« Es bleibt den Herren zu wünschen, bei ihrem Beutezug durch Deutschland genügend Schätze anzuhäufen, damit sie wieder auf Tour gehen können – die Luft im heimatlichen Beijing ist schließlich schlecht genug.

Tourdaten 9 TREASURES:

22 Oktober HU Budapest, WOMEX
24 Oktober CZ Prague, Fatal Music Club
26 Oktober PL Warsaw, Chmury
28 Oktober LV Riga, NABAKLAB
30 Oktober DE Ahlen, Schuhfabrik
31 Oktober DK Copenhagen, Templet Lyngby
03 November NL Amsterdam
04 November NL Tilburg
06 November DE Münster, Rare Guitar
08 November AT Wien, dasBach

http://ninetreasuresband.bandcamp.com
https://www.facebook.com/ninetreasuresofficial

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.