Online-MegazineKolumne

Modern Heavy Metal – Montag, 08.06.15

MODERN HEAVY METAL

Vom 8. - 12. Juni veranstaltet die Aalto University – School of Business in Helsinki, gemeinsam mit mehreren weiteren finnischen Universitäten und der International Society For Metal Music Studies, die inoffizielle Jahreskonferenz der Metalforscher. Mit dabei ist unsere Autorin Laura Niebling, die selbst zu Musikfilmen forscht und uns zwischen den Konzerten, Diskussionen und einer Metalkreuzfahrt aus der heimlichen Hauptstadt des Heavy Metal berichtet.

Heftige Stürme legen am Wochenende viele Flughäfen in Europa lahm. Montag trifft der Sturm den Flughafen München, der eine Stunde geschlossen werden muss als Winde Start und Landung behindern und eine Maschine von einem Blitz lahmgelegt wird. Mit der stoischen Attitüde ihres wetterresistenten Heimatlandes ignoriert die Finnair-Maschine die Hölle am deutschen Himmel – eine erste Lektion in finnischer Mentalität, wie mir Kimi Kärki (ehem. Reverend Bizarre, u.a. Lord Vicar, aber auch Historiker an der Universität Turku) später erklären wird: Finnen sind nicht gerne unpünktlich. Und Wetter ist keine Ausrede.

Die Bedeutung von Helsinki für Heavy Metal erschöpft sich nicht in den „Hell“-Wortspielen mit dem Stadtnamen. Die Hauptstadt Finnlands war jahrelang das Zuhause der Metal-Expo, der weltweit größten Veranstaltung zu allen Heavy-Metal-Themen, und ist wie das ganze Land bekannt für Musikförderung, Metal-Messen und berühmte Schwermetallexporte.Grundstein für die Konferenz hatte die „Heavy Metal and Popular Culture“-Konferenz in Bowling Green, Ohio, in 2013 gelegt. „Seitdem habe ich jeden Tag an diese Konferenz gedacht – und damit übertreibe ich nicht“, stellt Organisator Dr. Toni-Matti Karjalainen in seiner Begrüßungsansprache fest. Er ist die treibende Kraft hinter der Konferenz. Der Wirtschaftswissenschaftler arbeitet an der Aalto University, einer finnischen Handelshochschule. Als er um kurz nach fünf das Podium betritt, um die Gäste aus der ganzen Welt zu begrüßen, verrät nur seine leicht angespannte Miene den Stress des gesamten letzten Jahres. Um 120 Wissenschaftler – von Kanada bis China – und 30 Teilnehmer aus der Musikindustrie in Helsinki zu versammeln, brauchte es über 5000 E-Mails, ungezählte Telefonate, Skypeanrufe und einen Konferenzband vom Umfang eines Telefonbuchs. Ein Blick auf das Programm zeigt: die Mühe hat sich gelohnt. Von der Auswahl der Panelthemen und des Rahmenprogramms bis hin zu den Konferenz-T-Shirts ist alles exzellent durchorganisiert.

Im Vorfeld hatte die Konferenz in Finnland für einiges mediales Aufsehen gesorgt. Als Karjalainen vor Beginn seiner Ansprache zu einer Gitarre greift und spaßhaft die „keynote“ der folgenden Woche festlegt, steht deshalb einer der größten finnische Fernsehsender, MTV3, vor der Bühne und filmt mit. Für Außenstehende, vermutlich sogar für viele Metalfans, stellt sich rasch die Frage nach dem Sinn von Heavy Metal als Forschungsgegenstand. Die häufigste Reaktion, die ich als Wissenschaftlerin zu meinen Themen Musikfilmgeschichte und Metal Music Studies erhalte, lautet: „Das ist cool. Aber warum?“. Ist Metal nicht etwas, das man einfach tut und nicht drüber redet? Mitnichten. Die meisten halbwegs passionierten Metalfans – und dazu zählen übrigens auch die Teilnehmer der Konferenz – haben sich in ihrem Leben schon einmal in Diskussionen über die Bedeutung von Songs, Bands und Szenen wiedergefunden. Das Ganze zu fundieren und auszudiskutieren, liegt in den Möglichkeiten der Disziplinen, die sich im informellen Verbund der International Society For Metal Music Studies versammeln. Über die Erforschung von Metal lassen sich dabei wichtige soziale, philosophische, wirtschaftliche, kulturelle und sogar physikalische Fragen klären. Einer der kommenden Bände der ISMMS, erklärt der Vorsitzende Niall Scott in seiner Ansprache, wird „Metal & Community“ heißen und sich von Puerto Rico bis nach Asien mit der Frage beschäftigen, wie Heavy Metal Zusammenhalt und Heimat schaffen kann.

Zugehörigkeit ist auch das Thema des offiziellen Keynote-Sprechers an diesem Dienstag, Alex Skolnick von Testament. Er kommt aus einer Akademiker-Familie und ist mit dem langweiligsten Bildungsfernsehen aufgewachsen, das sich ein amerikanischer Teenager nur vorstellen konnte, erzählt er in seiner unterhaltsamen anderthalbstündigen Rede. Statt Anwalt oder Arzt zu werden, verschrieb er sich der Musik einer Szene, die medial von Beavis & Butthead repräsentiert wurde (letztere imitiert er hingebungsvoll und mit verstellter Stimme. Großes Kino.). Beim Versuch den „Was ist deine Rolle in dieser Gesellschaft?“-Diskussionen seines Akademikerelternhauses zu entgehen, landet er allerdings in einer Szene, die ihm nur wenige Jahre später genau dieselbe Frage stellt. Seine eigene Geschichte, die er auch in seiner 2012er-Biografie „Geek To Guitar Hero“ beschrieben hat, ist geprägt von dem Wunsch, nicht nur über Oberflächlichkeiten zu reden, sondern sich den ernsthafteren Fragen zu stellen. Er verlässt schließlich genervt die Metalszene und wendet sich dem Jazz und einem Philosophiestudium zu – Bereiche, in denen er ohne einen Gastbeitrag bei Lamb Of God wohl bis heute tätig wäre. Richtig versöhnt mit Akademikertum und Metal hat ihn allerdings – so klingt es immer wieder durch – Metal als Wissenschaft. Er war bereits bei der Konferenz in Bowling Green im Jahr 2013 und hat schon vor Jahren begonnen, Fans für seinen Blog eine Umfrage ausfüllen zu lassen. In „Unexpected Metalheads“ befragt er Metalfans, die in ihrem Berufsalltag niemals als solche erkennbar wären. Für Skolnick war das vor seiner Begegnung mit der Metalmusikforschung zuerst nur ein Beitrag dazu, die bis heute oft banale Darstellung von Metal als dümmliche Szene – die in den USA erst durch Sendungen wie „That Metal Show“ etwas relativiert wurde – zu verändern.

Mit seiner Vita mag Skolnick eine Ausnahme in der Metalszene sein. Fakt ist aber, dass er weder der einzige Musiker auf der Konferenz ist, noch – so erzählt er zum Schluss – mit seinen Ansichten in seinem Musikerbekanntenkreis allein steht. Bildung, und das schließt auch die musikalische Bildung der Metalszene mit ein, ist eine Frage des Zugangs. Wer vermittelt das Wissen und wie wird es genutzt? Und, ist Metal damit eine moderne Musikrichtung? Oder was zur Hölle bedeutet eigentlich „moderner Metal“ im Konferenztitel? Zumindest für heute sind diese Fragen mit dem Ende von Skolnicks Rede aber ad acta gelegt, als alle Teilnehmer in die legendäre Rockbar Bäkkäri übersiedeln. Zwischen Bier und einem ominösen weißlichen „finnischen Sommergetränk“ auf der Basis von Gin und Grapefruitsoda (Kennern meist als der Longdrink „Lonkero“ bekannt) geht es stattdessen darum Freunde wiederzutreffen und neue Bekanntschaften zu schließen. Die ISMMS erweist sich dabei für Neuankömmlinge als die vielleicht entspannteste akademische Vereinigung der Welt. Man stellt sich jedem vor, der einem in den Weg gerät, niemand käme auf die Idee seinen Titel oder den Namen seiner Band auf dem Konferenzpass zu vermerken. Um zwölf ist es dank finnischem Sommer draußen noch immer fast taghell, langsam macht sich bei mir aber die Reise bemerkbar und ich mache mich auf ins Bett. Immerhin liegen noch drei Tage Diskussionen, zwei Konzerte, eine Kreuzfahrt und ein Filmtag vor mir.


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