Online-MegazineKolumne

Modern Heavy Metal – Mittwoch 10.06.15

MODERN HEAVY METAL

Vom 8. - 12. Juni veranstaltet die Aalto University – School of Business in Helsinki, gemeinsam mit mehreren weiteren finnischen Universitäten und der International Society For Metal Music Studies, die inoffizielle Jahreskonferenz der Metalforscher. Mit dabei ist unsere Autorin Laura Niebling, die selbst zu Musikfilmen forscht und uns zwischen den Konzerten, Diskussionen und einer Metalkreuzfahrt aus der heimlichen Hauptstadt des Heavy Metal berichtet.

Helsinki ist eine zugängliche Stadt voll freundlicher Menschen und seit Dienstag auch mit gutem Wetter gesegnet. Es liegt nicht an der Stadt oder den Abendveranstaltungen, dass einige Konferenzteilnehmer bereits Mittwochmittag einen Gesichtsausdruck haben, als hätten sie mehrere Tage Festival hinter sich. Vielmehr macht selbst den finnischen Teilnehmern die taghelle Nacht bei durchscheinenden Hotelgardinen zu schaffen. Ich verbringe den Vormittag teilweise damit, die letzten Tage zu Papier zu bringen und verpasse dadurch unter anderem die Panel zur globalen Metalszene und der Gender- und Rassismusforschung im Metal. Dieser Teil der Forschung ist relativ aktiv und umfangreich, und dass Konferenzen und Bücher dafür eine Plattform bieten, ist sicherlich eine der Stärken der wissenschaftlichen Erarbeitung. Besonders die schwierigen sozialen Fragen nach Diskriminierung, Gewaltbereitschaft und Missbrauch in Subkulturen ist kein populäres Plattenladen- und Metal-Stammtisch-Thema. Natürlich löst auch die Diskussion kleiner Gruppen auf Konferenzen diese Probleme nicht – da die meisten Forscher aber auch Fans sind, lassen sich Problemstellungen und Lösungsansätze gut mit zurück in die lokalen Szenen nehmen, und das ist immerhin ein Anfang.

Der Nachmittag nach einem längeren Mittagessen hält die dritte Lektion in Sachen finnische Mentalität bereit: Finnen sind äußerst effiziente Vermarktungsstrategen. Dass Finnland in Europa durchaus bemüht ist um die Nachwuchsförderung – auch in Sachen Metal – ist auch außerhalb ihrer Grenzen kein Geheimnis mehr. Der Umfang der Bemühungen wird allerdings erst beim großen Nachmittagsworkshop zu den finnisch-deutschen Musikindustrie-Beziehungen deutlich. Ich habe das Vergnügen, mir das Podium mit einigen deutschen und finnischen Herren zu teilen. Achim Ostertag vom Summer Breeze und Thomas Kreidner von Seaside Touring / ICS sowie Jouni Markkanen (Greybeard Concerts & Management) vom Tuska Open Air vertreten dabei den Festivalmarkt. Auf der aktiven Musikproduktionsseite sind die Musiker Markus Vanhala (Insomnium), Esa Holopainen (Amorphis) und Tuomo Saikkonen (Mokoma) eingeladen. Saikkonen sitzt außerdem für das Label Sakara Records auf dem Podium und steht gemeinsam mit Niels Andersen (Oktober Promotion) und Thorsten Harm (Rodeostar) für die logistischen Strukturen hinter den Kulissen der Musikindustrie. Moderiert von Konferenzorganisator Karjalainen, geht es dabei grundsätzlich um den derzeit wichtigsten Musikmarkt für Rock – nämlich Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die finnische Musikförderung, Music Finland, hat dafür einen eigenen Teilbereich „Aus Finnland“, der auf einem Internetportal und in sozialen Medien in deutscher Sprache die heimischen Exporte vertritt. Sie sind Mitorganisator des Workshops und haben zusätzlich diverse Vertreter der finnischen Musikindustrie eingeladen, die wiederum teilweise ihre Bands mitgebracht haben. Beeindruckend ist das schon deshalb, weil ich international bisher in keinem anderen Land einen derartigen Willen zur Weiterentwicklung des eigenen Musikmarktes erlebt habe – etwas, das sich bereits in der Professionalität der Nachwuchsbands vom Vortag angedeutet hatte. Doch guter Wille allein nutzt nicht, wenn die Gesamtsituation nicht stimmt. Und so geht es in der Diskussion bald um die größeren Probleme, die die Musikindustrie weltweit hat: zu viele Bands, zu viele Platten, zu viele Festivals und zu wenig Geld um das alles zu finanzieren. Esa Holopainen bringt es schließlich scherzhaft auf den Punkt, als er feststellt: „Metal ist wie ein Club – alle gehen rein aber niemand kommt raus“. Eine Lösung für dieses Problem lässt sich in der Diskussion und in den anschließenden kleinen Workshops nicht finden. Das einzige Ergebnis, auf das sich alle Beteiligten einigen können ist: Wer es schaffen will, muss sich anstrengen und extrem gute Arbeit abliefern. Heavy Metal ist zwar Kunst, am Ende des Tages aber eben auch ein Geschäft.

Der Abend klingt, nach einem kurzen Umweg in die Bar Bäkkäri, im Tavastia aus. Dort veranstaltet das Tuska Open Air seine Warm-Up-Party. Das Line-up besteht aus zwei jungen finnischen Nachwuchsexporten, die ihre Meriten auf dem deutschen Markt bereits durchaus verdient haben. Um kurz vor neun (was ist das nur mit diesem Land und späten Konzertbeginnen?) gehen LOST SOCIETY auf die Bühne. Die Jungs spielen zu Beginn noch vor einem mittelmäßig gefüllten Club, das ändert aber nichts daran, dass sie bereits mit einer Attitüde auf die Bühne gehen, als wollten sie alles in Schutt und Asche legen. Das Publikum kennt nicht nur die Songs, sondern geht auch von der ersten Minute an mit. Zwischen Tracks wie 'Tyrant Takeover' und 'Braindead Metalhead' macht Fronter Samy Elbanna auf finnisch ziemlich launige Ansagen und wird dafür abgefeiert. So erzählt er unter anderem vom neuen Album, das die vier demnächst vollenden, und scherzt, sie hätten beschlossen mal eine Platte zu machen, auf der „nur gute Songs“ sind. 'Rage Me Up' ist einer dieser kommenden guten Songs und definitiv eine vielversprechende Ansage. Dynamisch, mit groovendem Beat und einem Anfangsriff, zu dem die Menge sofort mitgeht. Von den Jungs wird man noch einiges zu hören und sehen bekommen – auch jenseits ihrer coolen Doge-T-Shirts, die mein heimliches Nerd-Highlight des Abends sind.

BATTLE BEAST haben ihre Bekanntheit international unter anderem durch eine Tour mit Sabaton maßgeblich erhöht. Die Band hat allerdings kürzlich ihren Hauptsongwriter Anton Kabanen vor die Tür gesetzt und scheint momentan die Gitarristen probehalber durchzuwechseln. Der Ersatzmann, der letzte Woche noch nicht Teil des Line-Ups war, macht seine Aufgabe gut und darf zwischenzeitlich sogar für ein Solo ran. Trotzdem bleibt Sängerin Noorah Louhimo mit ihrer Stimme die stärkste Musikerin in der Band. Obwohl sie durchaus abgefeiert werden, ist das leider der Eindruck, den Battle Beast hinterlassen: Noorah könnte viel mehr, der Rest der Band und die Musik ist absolut austauschbar.

 

http://www.modernheavymetal.net/

Modern Heavy Metal - Tag 1

Modern Heavy Metal - Tag 2

Modern Heavy Metal - Tag 4

Modern Heavy Metal - Tag 5

 

Pic Panel: Kimi Kärki