Online-MegazineKolumne

Modern Heavy Metal – Freitag, 12.06.15

MODERN HEAVY METAL

Vom 8. - 12. Juni veranstaltet die Aalto University – School of Business in Helsinki, gemeinsam mit mehreren weiteren finnischen Universitäten und der International Society For Metal Music Studies, die inoffizielle Jahreskonferenz der Metalforscher. Mit dabei ist unsere Autorin Laura Niebling, die selbst zu Musikfilmen forscht und uns zwischen den Konzerten, Diskussionen und einer Metalkreuzfahrt aus der heimlichen Hauptstadt des Heavy Metal berichtet.

Nach 63 Vorträgen und Keynotes und dem Musikindustrie-Panel vom Mittwoch, ist der Freitag ein entspannter Abschluss, da er ins nahe gelegene Orion-Kino führt („Es ist leider nicht benannt nach dem Metallica-Song, aber wir können uns einfach vorstellen es wäre so, und Cliff Burton ehren“, hatte Karjalainen am Montag den Kinonamen übrigens scherzhaft kommentiert). Beide Filme an diesem Tag sind Teil von wissenschaftlichen Arbeiten gewesen – da die Filmemacher gleichzeitig auch als Wissenschaftler arbeiten oder gearbeitet haben.

METAL SYNDROME ist ein Film von Laura Laaksonen und Janne Tamminen über die finnische Metalszene und den Erfolg finnischer Band in der ganzen Welt. Der Film basiert auf den qualitativen Filminterviews, die Laaksonen ursprünglich für ihre Doktorarbeit produziert hatte. Die Struktur des Films, die sich aus den 300 Seiten transkribiertem Interviewmaterial ergeben hat, ist dabei eine Aneinanderreihung verschiedener Gesprächsthemen. Es gibt keine inhärente Geschichte, stattdessen wirkt es wie ein intimer Einblick in die Gemüter der Musiker, die den Schritt aus Finnland hinaus geschafft haben. Dabei lerne ich die letzte Lektion in finnischer Mentalität für meinen Aufenthalt: Finnen stellen sich sehr stark selbst in Frage und haben deswegen einen Hang zum Perfektionismus. Die finnischen Nachwuchsbands der letzten Tage hatten das bereits bewiesen, ihre international erfolgreichen Idole erklären in dem Film jetzt aber anschaulich, warum. Musik ist Teil der Schulerziehung und ein selbstverständliches Hobby – aber selbst hier gilt: Üben bis zur Perfektion ist ein Muss. Wer nicht mindestens fünf Children-of-Bodom-Songs spielen kann, macht nach finnischen Rockstandards nicht mal Musik. Aufgrund der Struktur ist der Film sicher eher etwas für Fans der Szene als für Gelegenheitszuschauer. Für alle, die jetzt aber neugierig geworden sind, heißt es: Geduld. Noch ist der Film nicht käuflich erwerbbar, dafür haben die Filmemacher aber einen Trailer bei YouTube:

 Der nachfolgende Film stammt von dem puertoricanischen Forscher Nelson Varas-Diaz und heißt THE DISTORTED ISLAND. Er besteht aus den Interviews mit denen die Forscher der Insel versucht haben, die dortige Szene zu analysieren – und ist eigentlich ein kleines Dankeschön zurück an die Szene. „Viele der Musiker, mit denen wir Interviews geführt haben, haben uns gebeten doch lieber Videos zu machen, die wir ihnen dann zur Verfügung stellen können“, erklärt mit Varas-Diaz vor dem Film. Für viele der Musiker war es schwierig, die akademischen Texte, in denen es um sie ging, zu erhalten und bisweilen auch zu verstehen. So begannen die Forscher mit einer Facebook-Gruppe und ihren Videointerviews, die inzwischen den beachtlichen Filmumfang erreicht haben. Und wenn der Film – und auch der Trailer – eines zeigt, dann, dass die Karibik auch ohne den Metalkreuzfahrt-Tourismus die Verstärker aufdrehen kann. Die Gruppe um Varas-Diaz hat sich im Übrigen inzwischen anderen Ländern im südamerikanischen Raum zugewandt – diesmal sogar ohne die eingrenzenden akademischen Fragestellungen.

Im Anschluss an die Konferenz ziehe ich mit meinem Koffer Richtung Bahnhof. Auf dem Weg durch Helsinkis Innenstadt beweist Finnland ein letztes Mal den wunderbaren Kleinstadt-Charakter seiner Musikszene, als Tuomas Holopainen von Nightwish an mir vorbeiläuft. Ich freue mich nach Präsentationen, Diskussionen und dem Tagesberichte-Marathon fürs Rock Hard nur noch auf ein ruhiges Wochenende mit ein klein wenig Metal. Denn wie hieß es schon bei Helme Heine? „Musik wird störend oft empfunden, besonders in den Lesestunden. Doch andrerseits es viel mehr stört, wenn man überhaupt nichts hört.“

 

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Pic Cruise: Niall W. R. Scott