Online-MegazineKolumne

Modern Heavy Metal – Donnerstag, 11.06.15

MODERN HEAVY METAL

Vom 8. - 12. Juni veranstaltet die Aalto University – School of Business in Helsinki, gemeinsam mit mehreren weiteren finnischen Universitäten und der International Society For Metal Music Studies, die inoffizielle Jahreskonferenz der Metalforscher. Mit dabei ist unsere Autorin Laura Niebling, die selbst zu Musikfilmen forscht und uns zwischen den Konzerten, Diskussionen und einer Metalkreuzfahrt aus der heimlichen Hauptstadt des Heavy Metal berichtet.

Der Donnerstag Morgen beginnt mit zwei weiteren Keynote-Vorträgen. Esa Lilja beginnt mit einer Einführung in die musikwissenschaftliche Analyse (ein Thema, das vor allem für alle Nicht-Musiker unter den Forschern tatsächlich von fundamentalem Interesse ist). Der Musikwissenschaftler war der erste finnische Wissenschaftler, der eine Doktorarbeit zu einem Metalthema verfasst hat, und weiß als Musikpädagoge an der Universität Helsinki um die Schwierigkeiten von Musikvermittlung. Die Tatsache, dass solche Beiträge existieren, ist ebenfalls ein hilfreicher Unterschied zwischen einer normalen Fanszene, die sich Wissen selbst oder in Musikschulen aneignen muss, und der Metalforschung, und ich nehme tatsächlich vieles aus dem Beitrag mit. Der zweite Vortrag hat dagegen eine eher unterhaltsame Komponente, denn der Religionswissenschaftler Kenneth Granholm befasst sich mit einem der liebsten Themen des Metal. Als Fachmann für Esoterik und Populärkultur beschäftigt er sich in seinem Beitrag mit der „Teufelsmusik“, genauer dem Okkultismus im Extreme Metal.

Mehr Musikanalyse bietet eines der Panel im Anschluss, während im anderen Raum philosophische Themen debattiert werden. Einer der besonders engagierten Gastmusiker auf der Konferenz ist Doug Blair, Gitarrist von W.A.S.P., der sich an mehreren Tagen nicht nur in die Panels setzt, sondern auch aktiv in die Diskussionen einmischt. Am Ende des musikwissenschaftlichen Panels stößt er als Ehrengast eine Diskussion zu Technologie für Produktion und Liveshows an. Als erfahrener Musiker und Teil der finnischen Rock Academy beobachtet er seit Jahrzehnten die Entwicklungen junger Bands. Bei der Entwicklung von neuer Musik – sein eigener Bandchef Blackie Lawless ist sein bestes Beispiel – ist die Zeit, die man für sich allein nimmt wichtig, erklärt er und fügt als Seitenhieb auf die ganzen kommerziellen Fragen des Vortages an: „Wären Pantera gezwungen gewesen die ganze Zeit auf Facebook zu sein, hätte es sie nicht gegeben!“. Auch die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnologie spielen für ihn eine Rolle – besonders den Prozess von Nachbearbeitung stellt er in Frage: „Eine Band sollte in der Lage sein, live das zu liefern, was sie vorher im Studio produziert hat“. Sein Beitrag ist vor allem für die Musiker unter den Forschern spürbar Wasser auf die Mühlen.

Nach der Mittagspause wird eben jene vormittags durchaus kritisch diskutierte neue Technologie zum Glücksfall, da sich durch sie Extreme-Metal-Experte Keith Kahn-Harris aus Großbritannien zuschalten kann, um über Mittelmäßigkeit in der Musik zu sprechen. Die Frage nach Kanonisierung und dem Gedächtnis von Metal in Bezug auf mittelmäßige Bands wird im Folgenden ergänzt von einem jungen Forscher aus den USA. Stephen Hudson spricht über die Schnittmenge zwischen Metal und der afroamerikanischen Tanzmusik. Besonders die Tradition des Headbanging möchte er dabei gerne in Verbindung zu frühen Tanzformen setzen und vergleicht dafür Blue Cheer in 1968 und Black Sabbath mit den erheblich expressiveren Kopfbewegungen von Chuck Berry zehn Jahre früher. Andy Brown von der britischen Universität of Bath stellt im Anschluss die durchaus kontroverse Frage, ob es für den Metal gut wäre, zurück in den Mainstream zu gelangen, aus dem er (nach dem Start 1969) in den Neunziger Jahren herausfiel. Mit einem Berechnungsmodell stellt er in den Raum, ob Innovation nur außerhalb des großen Kapitalismus möglich ist. Das Panel ist besonders unterhaltsam, weil alle Vorträge kontrovers sind und Raum für das bieten, was Forscher und Fans am liebsten tun: streiten.

Wesentlich milder ist die Ausrichtung im folgenden Panel ("Heavy Metal Business and Industries", in dem ich auch über mein Forschungsthema (Musikfilme) spreche. Alle anderen Beiträge nehmen lokale Szenen in den Blick. Besonders die Frage nach der Geschichte des finnischen Metal steht dabei mit zwei von vier Vorträgen im Vordergrund. Das Land, das Europa spätestens seit Lordi beim Eurovision Songcontest als Heimat der lauten Musik kennt, hat dabei eine wirklich interessante Beziehung zum Metal. Nach anfänglichen Ressentiment wurde man nämlich vergleichsweise schnell mit der Szene warm. Heute gehört Metal zum nationalen Kulturgut, befindet sich kommerziell allerdings auf einem absteigenden Ast. Einerseits, weil im finnischen Radio kaum englischsprachige Musik gewünscht ist – vor allem aber auch, weil inzwischen finnischer Rap eine zunehmende Rolle spielt.

Eine äußerst spannende Reise geht im Anschluss von Finnland nach Indonesien. Einer der Gründer der lokalen Band Burgerkill und eine Kulturmanagerin stellen das Land vor, dessen Präsident mit seiner Metal-Affinität vor einiger Zeit international von sich reden gemacht hatte. Am Beispiel der Band Burgerkill, die in ihrem Heimatland eher ein extrem erfolgreiches Unternehmen als eine Band sind, erklären die beiden die Szene des Landes. Burgerkill (der Name der Band bezieht sich auf die reichen Kids, die in den Neunziger Jahren in indonesischen Burger Kings abhingen und das Feindbild der Musiker waren) haben in Indonesien ihr eigenes Festival, in dem sie auch jüngere Bands fördern. Was klingt wie ein Superstar-Traum, mit bis zu 40.000 Fans bei Konzerten, erfordert viel Arbeit hinter den Kulissen und relativiert sich finanziell auf Nachfrage sehr. Die Band kann von ihrer Musik leben, ja. Einige von ihnen arbeiten trotzdem nebenher – unter anderem als Lehrer.

Am Ende von drei langen Tagen voller angeregter, teilweise hitziger Diskussionen über den schönsten Krach der Welt, wird es Zeit den Kopf etwas abzukühlen. Und was eignet sich dazu besser als eine Seefahrt mit Musik? Die Abschlussveranstaltung in der großen Halle gestaltet sich dementsprechend äußerst kurzweilig. Die nächste Zusammenkunft wird für in zwei Jahren anberaumt – voraussichtlich in Brasilien. Unglücklicherweise musste die Metalmesse in der Steinkirche Temppeliaukio von Dienstag auf Donnerstag verlegt werden. Die meisten Konferenzteilnehmer nehmen stattdessen einen der zwei großen schwarzen Reisebusse, um hinunter zum Hafen zu fahren. Dort besteigen wir ein kleines Kreuzfahrtschiff und fahren drei Stunden durch die Insellandschaft vor Helsinki, während Doug Blair und Noorah Louhimo (Battle Beast) bei Buffet und Bier ein fantastisches Liveset alter Rockklassiker performen. Sicher, die Jobsituation ist schwierig, die Finanzierung von Studien für Populärmusikforschung, vor allem aber für Heavy-Metal-Themen, ist ein Albtraum. In Momenten wie diesen lässt es sich allerdings nicht leugnen, dass Forscher mit einem so speziellen Thema wie Metalmusik zu sein, bisweilen doch so seine Vorzüge hat.

 

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