Online-MegazineKolumne

Mao verrückt den Berg

Yuong Yishan

Der Herbst ist traditionell die beste Reisezeit für Beijing – und für das eine oder andere Rock-'n'-Roll-Konzert in den drei angesagtesten Musikclubs der chinesischen Hauptstadt.

Der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, und als gelernter Beijinger ist man geneigt zu sagen: endlich. Juli und August sind in der chinesischen Hauptstadt normalerweise unerträglich, in diesem Jahr sogar noch ein wenig mehr: Eine stickige Schwüle gesellt sich zur omnipräsenten Smogglocke, und der Himmel verfärbt sich höchstens von grau zu schwarz, wenn wieder mal eines der unvermeidlichen Unwetter im Anrollen ist. Diese sintflutartigen Regenfälle verwandeln die Stadt regelmäßig in eine gigantische Kloake, und man denkt lieber nicht zu viel darüber nach, was da jetzt eigentlich wie Fontänen aus den Kanaldeckeln schießt. Konzerte und Festivals sind als kleine Zerstreuung ebenfalls Fehlanzeige: In den Clubs sind aufgrund der Backofenhitze nur bedingt Veranstaltungen möglich, und eine Festivalsaison wie in Europa gibt es in China nicht. Speziell nicht in diesem Jahr, da im Vorfeld der Militärparade am 3. September fast alle Veranstaltungen abgesagt wurden.

Wer allerdings nach dieser Zeit einen Besuch in Beijing plant, wird im Regelfall nicht nur mit dem besten (sprich: dem am wenigsten schlechten) Wetter verwöhnt, sondern kann sich auch in das prall gefüllte Kulturleben der Hauptstadt stürzen. Von all den politischen und klimatischen Widrigkeiten haben sich die Beijinger Künstler und Clubbetreiber nie unterkriegen lassen, und der Platzhirsch, das „Yugong Yishan“ ist das beste Beispiel dafür. Seit der Gründung 2004 musste der Szenetempel bereits mehrere Male umziehen, und Besuche von den Behörden sind für den Chef Lü Zhiqiang so selbstverständlich wie die schlechte Luft: „Konzertabsagen und Interventionen passieren eigentlich immer, jederzeit. Wenn es diese Probleme nicht gibt, dann gibt es eben andere. Aber für mich ist das alles nicht mehr so krass, weil ich schon so viel erlebt habe. 2008, im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele, haben wir beispielsweise für ein halbes Jahr überhaupt nichts machen dürfen und mussten bereits gebuchte Acts kurzerhand ausladen. Wenn es im Jahr also ein paar Konzerte gibt, die wir knicken müssen, ist das für mich schon ganz normal“, erzählt der Chef lakonisch – und in leidlich akzeptablem Deutsch. Zwischen 1995 und 1999 lebte Lü Zhiqiang in Deutschland, der Liebe wegen. Es waren für ihn inspirierende und prägende Jahre, in denen er mit den diversen Musikstilen, die damals auch in Europa zur Avantgarde gehörten, in Berührung kam. Zuvor war er in den 1980er Jahren Mitglied einer Beijinger Breakdance-Crew, bevor er Anfang der 1990er Jahre die Heavy-Metal-Band SAN BA gründete. Als fixer Bestandteil der chinesischen Szeneprominenz war es für ihn Ehrensache, nach seiner Rückkehr aus Deutschland einen Club zu gründen, der allen internationalen Vergleichen standhält. Heute liegt der Laden im Herzen der Altstadt unweit der U-Bahnstation Zhangzizhonglu – und ist auch ohne Konzert einen Besuch wert. Er befindet sich nämlich im historischen Ensemble der Palastanlage von Duan Qirui, ein ebenso brutaler wie exzentrischer Warlord, der es in China in der chaotischen Zeit zwischen 1916 zu 1920 zu beträchtlichem Ruhm brachte. Allerdings muss man den Eingang schon ein wenig suchen, da kein Schild auf den Namen „Yugong Yishan“ hinweist, was übersetzt in etwa „Der Verrückte, der den Berg verrückt“ heißt. „Das ist auch unsere Absicht: Wer uns besucht, soll wirklich wegen der Musik kommen und sich dafür interessieren. Betrinken können sie sich dann gerne woanders“, erklärt Lü, der in seinem Haus schon Kaliber wie Carcass, At The Gates, Kreator oder Johnny Rotten begrüßen durfte.

Gewissermaßen eine urbane Hauptstadt-Legende ist der zweite größere Player, das Mao Livehouse. Es liegt in einem der interessantesten Viertel der Stadt, unweit des Glocken- und des Trommelturms. In derselben Straße findet man auch zahlreiche Musikgeschäfte und ausgeflippte Shops, die sich auf diverse Subkulturen spezialisiert haben, unter anderem auch das „666“ – im Prinzip das einzige Metal-Fachgeschäft der Volksrepublik. Hinter der bronzefarbenen Fassade des Mao haben sich schon sämtliche Rock 'n' Roller des Landes die rostige Klinke in die Hand gedrückt, und etliche internationale Größen wie Amon Amarth, Destruction und, ähem, Eskimo Callboy ebenfalls. „Wir haben seit 2007 offen, und wir bekommen von unseren ausländischen Künstlern eigentlich immer ein tolles Feedback. Offensichtlich finden sie die bodenständige Atmosphäre bei uns inspirierend“, erzählt Managerin Jide, die selbst am liebsten melodischen Metal hört. Mit Kritik an den Behörden hält sie sich zurück, obwohl die natürlich auch regelmäßig an die Tür des Mao klopfen und es nicht sicher ist, ob der Club nicht demnächst in eine anderen Location übersiedeln muss: „Der Musikmarkt in China ist nun mal nicht perfekt, das ist eine große Herausforderung. Das Kulturministerium hat uns aber eigentlich immer unterstützt, und bei gewissen Schwachstellen müssen wir selber aktiv werden und uns verbessern.“ Beim Mao-Ableger in Shanghai ist dies bereits passiert – der dortige Laden musste sich nach einer Massenpanik zu Silvester am Bund (historische Flusspromenade am Huangpu – Red.) einer großräumigen Renovierung unterziehen. Wer also die Chance hat, das Mao in Beijing in seiner jetzigen Form noch zu erleben, sollte diese unbedingt nutzen: Der vibrierende Mix aus abgefucktem Charme und ausgelassener Popkultur inmitten des altehrwürdigen Viertels ist einzigartig. Da kann es schon passieren, dass scheinbar „normale“ Rockkonzerte in eine Polsterschlacht ausarten oder zutätowierte Hardcore-Punks sich im BBQ-Restaurant nebenan ihre Lammspießchen mit zahnlosen Opis und ausgemergelten Rikschafahrern teilen. Allerdings kann man sich in diesem Ambiente nicht vorstellen, dass Jides größter Wunsch eines Tages in Erfüllung geht: „Es wäre wirklich eine Riesenehre für uns, wenn irgendwann einmal KISS im Mao spielen würden!“

Einen etwas anderen Weg geht der Rookie unter den Beijinger Musiktempeln, der „Dusk Dawn Club“ in unmittelbarer Nähe zum Yugong Yishan: „Bei uns kommen die Besucher vordergründig wegen der Bar und der Atmosphäre, die Musik nehmen sie quasi als besonderen Bonus mit“, erzählt Gründer Jincan alias 69. Das Konzept ist aufgegangen, denn seit der Eröffnung im letzten Sommer räumt das DDC einen einschlägigen Award nach dem anderen ab. Das liegt einerseits an der Lage, denn der Schuppen liegt in einem bislang unerschlossenen Hutong. Die Hutongs sind jene malerischen Altstadtgässchen, in denen sich noch das ursprüngliche Gemeinschaftsleben der Chinesen abspielt, wenn sie vor ihren Hütten sitzen und sich die Zeit mit Mahjong, chinesischem Schach oder einer Flasche Schnaps vertreiben. Andererseits ist das DDC so ziemlich die einzige Bar, in der man die meisten der aktuell schwer angesagten Craft-Beer-Kreationen der Hauptstadt on tap bekommt. „Wir haben hier die Biere von Jing A, Slow Boat, Panda Brewing und manchmal auch Great Leap, man kann sich bei uns also quer durch Beijing kosten“, erzählt Jincan. Wer den Laden besucht, darf sich musikalisch gesehen auf jede Menge Überraschungen einstellen – von Asselpunk über Weltmusik bis zu Reggae und Ska ist hier alles dabei. Reine Metal-Konzerte gibt es auch, allerdings selten: „Das ist für unsere Lage hier einfach zu laut, die Nachbarn regen sich ohnehin schon jeden Abend auf. Wenn Leute bei uns auf der Terrasse sitzen, kann es schon passieren, dass die einmal einen Kübel Wasser über den Kopf bekommen“, lacht der Chef. Als ob es in diesem Sommer nicht genug geregnet hätte…

Adressen:

Yugong Yishan, Bezirk Dongcheng, Zhang Zizhong Road 3-2. http://www.yugongyishan.com

Mao Live House: Bezirk Dongcheng, 111 Gulou Dong Dajie, Gulou. http://www.maolive.com

Dusk Dawn Club DDC: Bezirk Dongcheng, 14 Shanlao Hutong. http://site.douban.com/237627

 

Pics: Wu Gang

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.